Dark to See: Vampyr von Carl Theodor Dreyer

And the last por­ti­on of my punish­ment is ever now upon me. (letz­ter Satz aus Kiplings The Phan­tom ‘Ricks­haw )

In sei­nem ers­ten Ton­film Vam­pyr erzählt Carl Theo­dor Drey­er die Geschich­te eines Träu­mers, eines Wan­de­rers. Die Gleich­set­zung die­ser bei­den Begrif­fe deu­tet auf eine Rei­se durch die Fan­ta­sie, die Ima­gi­na­ti­on. Einen Höl­len­trip, des­sen wah­rer Schock im Ein­fall der Rea­li­tät liegt, die der Film durch eine Art wis­sen­schaft­li­ches Buch zum Vam­pir­we­sen offen­bart, denn plötz­lich wer­den die Vam­pi­re dort als Fan­ta­sie ent­larvt und wenn in einer Fan­ta­sie eine Fan­ta­sie besteht, dann nimmt man sie viel­leicht real wahr. Dazu passt auch, dass Drey­er den Film kom­plett ohne Stu­dio­auf­nah­men rea­li­sier­te und nur zwei der Dar­stel­ler pro­fes­sio­nel­le Schau­spie­ler waren. Gedreht wur­de in drei unter­schied­li­chen Spra­chen (Eng­lisch, Deutsch, Fran­zö­sisch), angeb­lich weil Drey­er alles tun wür­de, um Unter­ti­tel zu ver­mei­den, viel­leicht aber auch, weil es egal war, weil es ein Film für die Augen ist.

Vampyr Dreyer

Die Kame­ra weiß von einem Ort, von dem wir nichts wis­sen, sie bewegt sich völ­lig frei und lau­ert hin­ter Fens­tern. Wäh­rend Allan Grey, der Prot­ago­nist sucht und fürch­tet, ist die Kame­ra der ers­te Schat­ten, den er nie sehen wird. Aber sie wird mehr sein, denn wenn Drey­er in einen POV der toten Augen schnei­det, die aus dem Sarg hin­auf zur Decke spä­hen, erah­nen wir welch sen­si­bles Spiel zwi­schen Leben und Tod der berühm­te Däne hier spielt. Das Kino blickt auf Geis­ter mit den Augen eines Toten, man blin­zelt kurz, um fest­zu­stel­len, ob die eige­nen Augen noch leben. Es ist eine ver­lo­cken­de Mög­lich­keit durch die Augen eines Toten zu sehen. Aber der erlö­sen­de Drey­er ist nüch­tern. Er zeigt uns nur ein Bild, das wir vom Schla­fen ken­nen oder bes­ser vom Erwa­chen. Es ist als läge die Kame­ra auf dem Rücken. Mit Vam­pyr wirft man einen Schat­ten im Kino. Viel­leicht wer­den die Augen wie­der leben­dig? Viel­leicht kön­nen sie im Kino nicht ster­ben. Wovon nor­mal eine Hoff­nung oder Fas­zi­na­ti­on aus­geht, ent­steht hier eine Angst: Angst vor dem Leben oder Angst vor dem Ster­ben? Man weiß es nicht, die Gren­zen lösen sich auf in einer Bewe­gung auf der ande­ren Sei­te. Auch die Bedeu­tung von Blut im Film spielt in die­sem Bereich. Blut, das Leben ret­tet, das Leben bedeu­tet, aber das ein Sym­bol für den Tod ist. Kein Wun­der, dass die Toten Blut brau­chen, um zu leben.

Mei­ne See­le möch­te sich befrei­en wie die Kame­ra. Sie ist nicht abhän­gig von den Prot­ago­nis­ten, von ihren Kör­pern. Sie hat die­sen Zustand bereits ver­las­sen. In ihr scheint kein Herz mehr zu schla­gen. „Es ist kein Kind hier.“ Alles ist eine Erschei­nung von Schat­ten­ge­stal­ten im Ker­zen­licht, man sieht sie eine Sekun­de zu spät, sie ver­schwin­den aus dem Bild, wenn wir das Bild gefun­den haben. Edvard Munchs Gemäl­de Vam­pi­re hieß eigent­lich Lie­be und Schmerz. Was haben wir gese­hen, als wir es ange­se­hen haben? Drey­er küsst unse­ren Nacken wäh­rend unse­re Haa­re in den Spie­geln zu Ber­ge ste­hen. Vam­pyr ist nicht nur ein Film über ver­steck­te Bedeu­tun­gen, son­dern eine ver­steck­te Bedeu­tung. Jemand ruft laut: „Still“ und obwohl wir nichts hören, lau­schen wir einem Orches­ter aus schreck­li­chen Geräu­schen. Im Was­ser lau­fen selbst­stän­di­ge Spie­gel wie bei Kos­sa­kovs­ky. Wohin blickst du, wenn du dich sicher füh­len willst? Drey­er zeigt, dass das Kino unse­ren Blick ver­un­si­chern kann, unse­ren Glau­ben erschüt­tern kann. Er schürt einen Zwei­fel als Umar­mung einer mensch­li­chen Imagination.

Vampyr dreyer

Bil­der hän­gen über unse­ren Köp­fen wäh­rend wir schla­fen, Hän­de öff­nen sich für Geheim­nis­se. Es ist ein Traum mit dem wir zu Boden gehen, zu Boden gehen wol­len. Immer wie­der ver­su­chen sich die Figu­ren zu berüh­ren, sie kom­men in ein Bild, um sich zu berüh­ren, aber was kön­nen sie berüh­ren in die­ser Welt der Schat­ten? Sil­hou­et­ten hin­ter undurch­sich­ti­gen Fens­tern, ein ver­stell­ter Blick, ein ver­spä­te­ter Blick, eine ver­früh­te Hoff­nung auf Ver­fes­ti­gung. Die­se Welt ist nicht aus Fleisch, sie ist aus Blut. Die­se Befrei­ung der Dop­pel­licht-Phan­to­me, die uns heim­su­chen, ist ein Lösen von Fes­seln. Denn Vam­pyr zeigt ganz ein­drück­lich, dass sich in der Befrei­ung der See­le, der Ima­gi­na­ti­on einen Schre­cken ver­birgt, der mit der Ver­gäng­lich­keit unse­res Kör­pers zusam­men­hängt, mit sei­nem Aus­set­zen, des­sen Poten­zia­le Fan­ta­sie und Angst sind. Die Angst vor dem Ster­ben ist im Kino Poe­sie. So sieht Allan sei­ne eige­ne Lei­che, die deut­lich wacher aus­sieht, als er selbst. Ist das ein Blick in sei­ne Zukunft oder Ver­gan­gen­heit? Ist es ein Blick?

Die Wol­ken sind kalt. Sie sind ein düs­te­rer Schlei­er, der unse­re Wahr­neh­mung ver­än­dert und damit ähneln sie den dunk­len Lin­sen durch die jene Kame­ra zu bli­cken scheint. Das Licht in Vam­pyr fällt durch Wol­ken, sie legen sich wie ein ban­gen­des Echo auf den Schat­ten der viel­leicht leben­di­gen, viel­leicht gestor­be­nen Figu­ren und ver­de­cken deren Schat­ten solan­ge bis das Licht ihren Tod ver­rät. Doch, wenn die Wol­ken wie­der zurück­keh­ren, im Rausch einer Hal­lu­zi­na­ti­on, haben wir die Schat­ten ver­ges­sen und das Blut der Bil­der wird zur Nah­rung für unse­re Augen, die seit­her wie­der atmen, wenn sie träumen.

Am 19.Oktober 1935 wur­de in Ber­lings­ke Tid­ende von einem ca. 25jährigen Mann berich­tet, der nach Betrach­ten des Films kein Wort mehr gespro­chen haben soll. Er schrieb, dass er ver­flucht sei und ein Vam­pir von ihm Besitz ergrei­fen wür­de, sobald er den Mund öff­ne­te. Viel­leicht hat er sei­nen Mund mit den Augen ver­wech­selt. Der Vam­pir in Vam­pyr muss daher auch eine blin­de Frau sein, die wir kaum sehen. Es geht nicht um den Hor­ror, der von ihr aus­geht, son­dern um den Hor­ror der in uns herrscht, als hät­ten sich die Augen und vor allem ihr Licht nach innen gerichtet.

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