Das Pure und die Parodie: Albert Serra und Eugène Ionesco

Das Absur­de wird gemein­hin als eine Kate­go­rie des Thea­ters ver­stan­den. Den­noch ist völ­lig klar, dass Strö­mun­gen, Ein­flüs­se und Inspi­ra­tio­nen die­ser Thea­ter­be­we­gung sich auch auf ande­re Küns­te wie die Lite­ra­tur oder das Kino über­tra­gen haben. Das zeigt sich nicht zuletzt dar­an, dass die wich­tigs­ten Ver­tre­ter des Absur­den Thea­ters wie Samu­el Beckett oder Eugè­ne Ionesco sich in ihrer Tätig­keit nicht exklu­siv auf das Schrei­ben für das Thea­ter ver­legt haben. Viel­mehr ist das Absur­de nicht nur mit Albert Camus eine Hal­tung zur Welt. Bis heu­te fin­det man mehr oder weni­ger deut­li­che Spu­ren des Absur­den in der Kunst. Ein Bei­spiel dafür ist der kata­la­ni­sche Fil­me­ma­cher Albert Ser­ra, des­sen bis­he­ri­ge vier Lang­fil­me (wie auch sei­ne Instal­la­tio­nen, Kurz­fil­me und Thea­ter­pro­jek­te), Honor de caval­le­ria, El cant dels ocells, His­tòria de la meva mort und La mort du Lou­is XIV das Absur­de gera­de­zu heraufbeschwören.

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Der Ver­gleich Ser­ras mit Ionesco mag inso­fern ein wenig frag­wür­dig erschei­nen, da der Fil­me­ma­cher gemein­hin eher Ver­glei­che mit Samu­el Beckett anregt. Grund dafür ist haupt­säch­lich die Reduk­ti­on von Gestal­tungs­mit­teln in Ver­bin­dung mit einer extre­men Lang­sam­keit bei Ser­ra. Doch hal­te ich den Ver­gleich mit Ionesco vor allem des­halb für frucht­ba­rer, weil bei­de in einem prak­ti­schen und theo­re­ti­schen Span­nungs­feld zwi­schen dem Puren und der Par­odie arbei­ten, woge­gen sich Beckett zum einem theo­re­ti­schen Äuße­run­gen zu sei­nem Werk ent­zog und mei­ner Mei­nung nach zum ande­ren viel weni­ger in einen Meta-Dis­kurs um das Pure sei­nes gewähl­ten Medi­ums ver­strickt war als Ionesco. Es soll hier also weni­ger um das Absur­de an sich gehen, son­dern mehr um die Ideen einer for­ma­lis­ti­schen Anti-Hal­tung in Thea­ter und Film. 

Das Pure

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Mit dem Puren sind in die­sem Fall die exklu­si­ven Eigen­schaf­ten des jewei­li­gen Medi­ums gemeint, die Essenz des­sen, was man nur im ent­spre­chen­den Medi­um aus­drü­cken kann. Eine gefähr­li­che Begriff­lich­keit, die von man­chen nur all­zu bereit­wil­lig umarmt und von ande­ren gar ver­ach­tet wird. Gibt es etwas Pures im Kino? Viel­leicht, so sag­te mir Ser­ra nach einem Inter­view, in man­chen Stumm­fil­men, viel­leicht dort. Ser­ra und Ionesco sind in ihrem Schaf­fen und ihren Äuße­run­gen bei­de auf der Suche nach die­ser womög­lich uner­reich­ba­ren Essenz. In ihrem Fall hängt die­se Essenz eng an Begrif­fen wie For­ma­lis­mus oder Mate­ria­li­tät. So bemerk­te Mark Per­an­son in einer Bespre­chung von Honor de caval­le­ria, dass es sich um einen der raren Fil­me han­deln wür­de, die man bes­ser sehen wür­de, als dar­über zu lesen. Bei Ser­ra gin­ge es um Prä­senz und um Ursprüng­lich­keit. Ser­ra selbst nann­te die­se Eigen­schaft sei­nes Kinos eine Suche nach der Mate­ria­li­tät, die nicht an die Rea­li­tät gebun­den sei. Bei der Betrach­tung sei­ner Fil­me fällt auf, dass auch der Umgang mit Zeit und Mon­ta­ge dem Bewusst­sein der kine­ma­to­gra­phi­schen Dop­pe­lung von doku­men­ta­ri­schen und fik­tio­na­len Aspek­ten ent­spricht. Ser­ra ist immer zugleich offen und spon­tan im Umgang mit der Rea­li­tät und akzep­tiert den­noch die Kon­struk­ti­on und Illu­si­on des fil­mi­schen Medi­ums. Von Ionesco kann man ganz ähn­li­ches in Bezug zum Thea­ter sagen. Auch er mach­te sich immer­zu Gedan­ken über die Eigen­schaf­ten sei­nes Medi­ums und bau­te ästhe­ti­sche Ent­schei­dun­gen auch auf die­sen theo­re­ti­schen Über­le­gun­gen auf. So ver­tei­dig­te er vehe­ment die Idee eines For­ma­lis­mus: „For­mal expe­ri­ment in art thus beco­mes an explo­ra­ti­on of rea­li­ty more valid and more useful (becau­se it ser­ves to enlar­ge man’s under­stan­ding of the real world) than shal­low works that are imme­dia­te­ly com­pre­hen­si­ble to the mas­ses.” Auch über Ser­ra wur­de gesagt, dass er Form über den Inhalt stellt, weil sich in sei­ner Form der eigent­li­che Inhalt ver­ste­cke. In Ionescos Fall spre­chen Theo­re­ti­ker von einem puren Thea­ter und ver­wen­den Begrif­fe wie Prä­senz. Es ist selbst­ver­ständ­lich, dass das Pure im Thea­ter sich anders offen­bart, als das Pure im Kino. Den­noch ist erstaun­lich, dass sowohl Ionesco wie auch Ser­ra nicht nur mit Prä­senz und Mate­ria­li­tät arbei­ten, son­dern bei­de auch gro­ßen Wert auf Spon­ta­ni­tät legen. Es geht dabei um die Reak­ti­on des Künst­lers und sei­nes Medi­ums auf die Gege­ben­hei­ten, sowohl der Rea­li­tät als auch der Eigen­hei­ten der Pro­duk­ti­on ihrer Kunst. Und auch in Ionescos Fall wird die Unmög­lich­keit einer Beschrei­bung sei­ner Wer­ke her­vor­ge­ho­ben wie zum Bei­spiel von Charles Edward Augh­try: “Simi­lar­ly, the best way to say what lonesco’s plays mean is sim­ply to show them.” Sol­che Aus­sa­gen spre­chen für eine Nicht-Über­setz­bar­keit des jewei­li­gen Aus­drucks in ein ande­res Medi­um, was wie­der­um auf das Pure im Bezug zum jewei­li­gen Medi­um schlie­ßen lässt. Viel­leicht ist das ein Kurz­schluss, aber ich habe nie ver­stan­den, wes­halb Fil­me­ma­cher vom Objek­ti­ven und vom Puren spre­chen und die­se Begrif­fe von der Theo­rie ver­dammt wer­den. Der Dis­kurs dar­über, was „fil­misch“ ist, ist sicher­lich eine Sack­gas­se, aber er ist den­noch exis­tent, weil das Bestän­di­ge Defi­nie­ren und Neu-Defi­nie­ren von Kino neue Räu­me öff­net. Auf­fal­lend ist, dass sowohl Ser­ra als auch Ionesco mit Extre­men und radi­ka­len Ver­frem­dun­gen arbei­ten und die­se Extre­me mit einer Onto­lo­gie ihres jewei­li­gen Medi­ums begrün­den. Sie suchen nach Mög­lich­kei­ten, die Spra­che ihres Medi­ums zu erwei­tern. Als Fol­ge bewe­gen sich bei­de Künst­ler hin zu einem Sur­rea­lis­mus. So arbei­tet Ionesco vor allem in Wer­ken wie Vic­ti­mes du devoir häu­fig mit alb­traum­haf­ten Moti­ven und all­ge­mein kann man sagen, dass sei­ne Wel­ten weni­ger auf die Ver­mitt­lung einer Moral als auf das Beschrei­ben eines Gefühls aus sind.

Die­se inten­si­vier­ten Erfah­run­gen fin­den sich auch bei Ser­ra, von dem erneut Per­an­son schreibt, dass es sich um einen Rea­lis­mus ohne Rea­lis­mus han­deln wür­de. Man befin­det sich eben in der puren Rea­li­tät des jewei­li­gen Medi­ums, einer ent­rück­ten Welt, die mit dem, was man Rea­li­tät nennt, in einem Wech­sel­ver­hält­nis steht, aber den­noch eige­nen Geset­zen gehorcht. In die­sem Wech­sel­ver­hält­nis mag man auch die Ambi­va­lenz von Ernst­haf­tig­keit und Humor fin­den, die bei­de Künst­ler so sehr beto­nen und so wenig wie mög­lich unter­schei­den. Viel­leicht liegt das auch dar­an, dass die Ernst­haf­tig­keit der Glau­be an das jewei­li­ge Medi­um ist und der Humor die Par­odie der Darstellungsweisen.

Die Par­odie

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Ionesco scheint immer­zu einen Stand­punkt zu ver­tre­ten und ihn gleich­zei­tig zu par­odie­ren. Das Para­do­xe ermög­licht eine Trans­for­ma­ti­on der Welt­sicht und Figu­ren­kon­stel­la­tio­nen in jedem Augen­blick. Bei Ionesco äußert sich dies häu­fig durch ein Spiel mit den Erwar­tun­gen der Zuse­her. Als Bei­spiel könn­te man die Bedeu­tung und Nicht-Bedeu­tung des Titels für das Stück La Can­ta­t­ri­ce chauve nen­nen. Ein sol­ches Vor­ge­hen ist vor allem des­halb mög­lich, weil Ionesco wie auch Ser­ra in sei­nen Fil­men auf das Ein­hal­ten psy­cho­lo­gi­scher und dra­ma­tur­gi­scher Grund­sät­ze einer natu­ra­lis­ti­schen Dar­stel­lung ver­zich­tet. Nicht nur aus die­sem Grund wird bei bei­den Künst­lern oft von einer Nicht-Hal­tung zu ihrem Medi­um gespro­chen. Wir haben es mit Anti-Thea­ter, Anti-Nar­ra­ti­on, Nicht-Schau­spiel oder Null-Fik­ti­on zu tun. In die­sem Fall wäre die Par­odie auch ein Angriff auf die Her­kömm­lich­keit der jewei­li­gen Kunst. Im Fall von Ser­ra ist das vor allem des­halb pikant, weil er sich in sei­nen Fil­men mit gro­ßen Figu­ren der Lite­ra­tur und Reli­gi­on beschäf­tigt. Er ent­my­tho­lo­gi­siert die Figu­ren wie Don Qui­xo­te, die Hei­li­gen Drei Köni­ge, Dra­cu­la oder Casa­no­va, indem er sich ihnen iro­nisch nähert und sie in absur­de Situa­tio­nen bringt, in denen man sie nicht erwar­tet hät­te. Das­sel­be galt zuletzt für sei­ne Dar­stel­lung des Son­nen­kö­nigs Lud­wig XIV. Aller­dings wur­de die Par­odie hier weni­ger in die Dar­stel­lungs­wei­se gelegt als in die höfi­sche Eti­ket­te als sol­che. Nur der Clou dar­an ist, dass die höfi­sche Eti­ket­te eine Dar­stel­lungs­wei­se ist.

Der Bruch ent­spricht dann jenem von Ser­ras ande­ren Fil­men: Dort sehen wir Don Qui­xo­te bei einem hilf­lo­sen Bad in einem klei­nen See mit Sancho Pan­za, die drei Köni­ge bei der Suche nach dem rich­ti­gen Weg oder Casa­no­va lachend auf der Toi­let­te. Ser­ra nutzt das Absur­de und Par­odis­ti­sche selbst zur Her­stel­lung die­ser Situa­tio­nen. So beschreibt er den Dreh einer Sze­ne, in der die Köni­ge in El cant dels ocells ver­lo­ren durch die Wüs­te gehen: „So, I sent them off wal­king across the desert with the wal­kie-tal­kie. And the­re they go. Wal­king. Wal­king. And then I star­ted spea­king jum­bled words. And I could tell they were say­ing to each other [whis­pers], “Mother? Wall? Tree? What is this? The wal­kie-tal­kie must not be working.“ Dar­in liegt nicht nur die bereits ange­spro­che­ne Spon­ta­ni­tät son­dern auch eine Par­odie und Iro­ni­sie­rung von gewöhn­li­chen Produktionsumständen.

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Zu die­ser künst­le­ri­schen Hal­tung gehört bei Ionesco und Ser­ra auch eine ent­spre­chend pole­mi­sche Selbst­dar­stel­lung, die sich abgrenzt von ande­ren Künst­lern und Ein­flüs­sen. So äußer­te sich Ionesco immer wie­der abwer­tend gegen­über aner­kann­ten Thea­ter­au­to­ren und sogar dem Thea­ter an sich. Ähn­li­ches gilt für Ser­ra, der sich immer wie­der selbst über alle ande­ren stellt und sich abwer­tend über das Kino äußert. Eine klas­si­sche Film­kri­tik von Albert Ser­ra hört sich so an: „It‘s shit.“. Hin­ter die­ser Hal­tung ver­birgt sich neben diver­sen avant­gar­dis­ti­schen Ein­flüs­sen auch ein Sub­jek­ti­vis­mus, der im Fall von Ionesco zu eini­gen Dis­kus­sio­nen führ­te. Der Streit­punkt war und ist die Unmög­lich­keit einer kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit den jewei­li­gen Wer­ken. So wird über Ionescos Werk immer wie­der gesagt, dass man es ent­we­der has­sen oder lie­ben wür­de. Ser­ra selbst präg­te im Bezug zu sei­nen Fil­men den Begriff „unfuckable“, der auf eine ähn­li­che Reak­ti­on zielt. Die­ser Hal­tung zu Grun­de liegt ein Stre­ben nach einer Frei­heit und Auto­no­mie des Künst­lers, des­sen Welt­bild man ent­we­der ganz kauft oder gar nicht. Dar­in liegt neben einer Welt­sicht auch eine Hal­tung zum Zuschau­er und zur Kunst, die eben gleich­zei­tig nach der Essenz sucht und sich völ­lig abseits jeg­li­cher Strö­mung ver­steht: das Pure und die Parodie.

Wie sich die­ser Sub­jek­ti­vis­mus äußern könn­te, zeigt Ser­ra, der immer wie­der mit dem Begriff des Absur­den in Ver­bin­dung gebracht wur­de, in sei­ner Begrün­dung für den Ein­satz die­ses Ele­ments in sei­nen Fil­men: „I like to put some absur­di­ty insi­de the films, becau­se I think it’s fun­ny,(…)“. Das Absur­de und Wider­sprüch­li­che, das Idea­lis­ti­sche und das Will­kür­li­che sind bei Ionesco und Ser­ra also auch immer Teil einer Selbst­dar­stel­lung. In einer leich­ten, aber ent­schei­den­den Abwand­lung könn­te man also abschlie­ßend wie­der Camus zitie­ren, um über das künst­le­ri­sche Vor­ge­hen die­ser bei­den Ver­tre­ter des Absur­den zu bilan­zie­ren: „Groß­mü­tig ist nur die Kunst, die sich gleich­zei­tig ver­gäng­lich und ein­zig­ar­tig weiß.“