Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Das Stativ von Jean Rouch treibt noch immer irgendwo im Niger

Aus­ge­stat­tet mit einem gewis­sen Durst nach den gro­ßen Aben­teu­ern und Legen­den des Kinos, nach den Mythen, die alle in dicken Wäl­zern erklärt wer­den und von der Lein­wand selbst strah­len, machen wir uns mit einer klei­nen Grup­pe an Enthu­si­as­ten auf nach Gui­nea, um das Sta­tiv von Jean Rouch zu fin­den. Dort ent­springt der Niger in der Regi­on Fara­nah. Rouch hat­te ein­mal gesagt, dass es ihm dort hin­ein­ge­fal­len wäre. Eine aus unse­rer Grup­pe bemerkt, dass sie das alles an La últi­ma vez que vi Macao von João Pedro Rodri­gues and João Rui Guer­ra da Mata erin­ner­te und ja, es ist schwer zu leug­nen, denn die bei­den Fil­me­ma­cher fra­gen sich auch, wo ein Tuch treibt, das Jane Rus­sell in Von Sternbergs/​Howard Hug­hes’ Macao ins Meer fal­len ließ. Nur ein Fluss ist kein Meer und so hielt ich unse­re Chan­cen das Sta­tiv zu fin­den doch für deut­lich rea­lis­ti­scher. Außer­dem sind die bei­den por­tu­gie­si­schen Aben­teu­rer (von denen zumin­dest einer kürz­lich ganz ähn­lich unse­res Vor­ha­bens nach Vögeln späh­te wäh­rend er in einem Fluss trieb) einer Fik­ti­on gefolgt, wäh­rend wir einer fast doku­men­ta­ri­schen Selbst­mys­ti­fi­zie­rung des Fil­me­ma­chers folg­ten, der wie kaum ein zwei­ter zwi­schen dem Doku­men­ta­ri­schen und Fik­tio­na­len oszillierte.

Sei­ne Aus­sa­ge mit dem Sta­tiv ist vor­stell­bar. Dar­um geht es schließ­lich, wenn man sich auf eine Rei­se begibt. Etwas muss man sich vor­stel­len kön­nen. Das­sel­be gilt auch fürs Kino, wobei sich dort die Ima­gi­na­ti­on des­sen, was man sehen wird nach einer gewis­sen Zeit und Anzahl an gese­he­nen Fil­men leicht in eine Abge­klärt­heit ver­wan­deln kann. Man glaubt zu wis­sen, was da kommt, man will es nicht mehr sehen. Anders ist auch nicht die­ses bizar­re Getue mit Spoi­lern erklär­bar. Wie Kel­ly Rei­chardt ein­mal rich­tig bemerk­te, kön­ne man einem alles über einen Film erzäh­len, man hät­te ihn trotz­dem nicht gesehen.

Il pianeta azzurro

Brüssel

Bevor wir mit unse­rer Grup­pe aus Enthu­si­as­ten, deren Enthu­si­as­mus hier und da im Stress einer Rei­se zu ver­schwin­den droh­te nach Gui­nea flo­gen, stopp­ten wir in der von Sol­da­ten bela­ger­ten euro­päi­schen Haupt­stadt Brüs­sel zu einem Scree­nin­ga­bend mit Fran­co Pia­vo­li, der durch­aus ähn­li­chen Prin­zi­pi­en wie Rouch folgt, wenn auch mit einer deut­lich poe­ti­sche­ren und weni­ger eth­no­gra­phi­schen Ader. Wir sahen eini­ge sei­ner Kurz­fil­me, die schein­bar von You­tube her­un­ter­ge­la­den wur­den, um ins Kino gebracht zu wer­den und dann auf 35mm sei­nen Il pia­ne­ta azzur­ro, für des­sen in der Mehr­zahl an Natio­nal Geo­gra­phic erin­nern­de Bild­spra­che ein Sta­tiv unab­ding­bar war. Der Film, so ein Freund unse­rer Grup­pe, wäre inter­es­sant, vor allem der zwei­te in der Nacht der Welt ange­sie­del­te Teil, in dem das Blau des Titels zur Grund­stim­mung wird. Aller­dings beto­ne der Fil­me­ma­cher die Zusam­men­ge­hö­rig­keit von Natur und Mensch ein wenig zu sehr, er argu­men­tie­re zu deut­lich in sei­nen eigent­lich beob­ach­ten­den Bildern.

Rouch hat­te die­se Dis­kre­panz zwi­schen Erklä­rung und Beob­ach­tung oft zwi­schen Bild und Spra­che ange­legt. So ent­steht gera­de durch das Feh­len eines Sta­tivs in Les maî­tres fous eine spon­ta­ne Direkt­heit, deren hek­ti­scher Blick nie erklä­ren könn­te und die der Erzähl­stim­me Erklä­run­gen über­lässt, wel­che oft­mals mehr Fra­gen als Ant­wor­ten beinhal­ten. Jeden­falls war Pia­vo­li in Brüs­sel nicht auf­ge­hal­ten wor­den von den patrouil­lie­ren­den Sol­da­ten und so war er anwe­send beim Scree­ning. Vor den Fil­men erzähl­te er die­se nach. Der Kura­tor, ein ner­vö­ser Mann mit Hipster­bart und Zet­teln in der Hand, der nie­mals auf die Idee kom­men wür­de, nach dem Sta­tiv von Jean Rouch zu suchen, unter­brach den Fil­me­ma­cher mehr­fach mit Ges­ten und ver­bal. Zu die­ser Respekt­lo­sig­keit ver­an­lass­te ihn, dass Pia­vo­li sei­ner Mei­nung nach sei­ne Fil­me vor­weg­neh­men wür­de. Pia­vo­li ent­geg­ne­te rich­tig, dass sich die Zuse­her nie­mals vor­stel­len könn­ten, wie es dann im Film aus­se­hen wür­de. Es gibt die­se Dis­kre­panz zwi­schen dem was man sieht und dem, was man dar­über sagen kann, zumal in der Erin­ne­rung. In die­ser Lücke besteht weni­ger das Kino selbst, als das, was es mit uns tun kann.

Jean Rouch

Wir kamen schon ziem­lich müde in Sigui­ri an. Eigent­lich woll­ten wir an einer Gold­mi­ne stop­pen, aber dann erin­ner­ten wir uns an die schwar­zen Tul­pen am Ufer des Nigers. Sie hän­gen zusam­men mit Madame l’eau, in dem Rouch den Traum eini­ger afri­ka­ni­schen Freun­de ver­folgt, die Wind­müh­len zum Niger brin­gen woll­ten: “I had star­ted to make a film about the drought. I had no solu­ti­on. I was just film­ing Damou­ré, and peo­p­le migra­ting to the south to farm mil­let becau­se the­re was no rain here. The title of the film is awful, Madame l’eau. Phi­lo noti­ced that Damouré’s rice lands were a simi­lar mix­tu­re of sand and clay to that the Dutch use to farm tuli­ps. I thought it would be won­derful, as a chall­enge to deve­lo­p­ment and the drought, to farm tuli­ps on the Niger’s banks, and to invent a new type: the black tulip from Niger. This is so cra­zy becau­se the tulip is total­ly unneces­sa­ry. That’s the dream: we will shoot dream sequen­ces of black tuli­ps on the banks of the Niger.“

Idealisten

Rouch hat­te ein Pro­blem mit Chris Mar­ker. Die­ser wäre ein Idea­list, er wür­de glau­ben, die Welt ver­än­dern zu kön­nen. Wir in unse­rer Grup­pe aus Enthu­si­as­ten füh­len uns näher zu Rouch. Das liegt viel­leicht dar­an, dass wir auf die­se Rei­sen gehen, weil wir glau­ben, dass die Welt uns ver­än­dern wird, nicht wir die Welt. Wir haben kei­ne Kame­ra dabei und eigent­lich schä­me ich mich ein wenig, dass ich die­se Gedan­ken und Erleb­nis­se hier nie­der­schrei­be. So geht es mir nach jedem Film. Betrügt man nicht ein wenig die Kraft und Unschuld des Sehens mit den Wor­ten, die man sucht, fin­det? Die Lücke, die beschreibt, was das Kino mit uns tun kann, muss sie beschrie­ben wer­den? Vor allem: Muss es immer eine schnel­le Reak­ti­on sein, eine Bewer­tung, eine Einordnung?

Nun ist es schon inter­es­sant: Da filmt ein Fil­me­ma­cher, der sein Sta­tiv im Niger ver­lo­ren hat am Niger Men­schen. Es sagt viel aus über Jean Rouch, dass er die Men­schen gefilmt hat statt sein Sta­tiv zu suchen. Ich fra­ge mich, als wir uns doch zu einer die­ser Gold­mi­nen bewe­gen, aus Neu­gier und Gier, ob er auch bei den Men­schen geblie­ben wäre, wenn sei­ne Kame­ra in den Niger gefal­len wäre. Das Züch­ten schwar­zer Tul­pen am Ufer ist viel­leicht als Kino­traum schö­ner als in dem, was man Rea­li­tät nennt. War­um, fragt ein schon sehr erschöpf­ter Enthu­si­ast mit Schweiß auf der Stirn und mit vor Müdig­keit weit auf­ge­ris­se­nen Augen, wäre das ein­zi­ge Bild, das er von den Gold­mi­nen in Afri­ka hät­te, jenes von Leo­nar­do DiCa­prio in Blood Dia­mond? Es ent­flammt eine hit­zi­ge Dis­kus­si­on in der Grup­pe über das, was man ein kul­tu­rel­les Gedächt­nis nennt, über die Art und Wei­se, in der sich Bil­der ein­prä­gen, wel­che Bil­der eine Chan­ce bekom­men, sich ein­zu­prä­gen und wel­che gewis­ser­ma­ßen im Niger ertrin­ken. War­um ken­nen wir kei­ne afri­ka­ni­schen Bil­der vom Niger? Als wir schon in unse­ren Zel­ten unter den Ster­nen lagen, fiel der Name René Cail­lié. Er war der ers­te Euro­pä­er, der lebend aus Tim­buk­tu zurück­kehr­te und davon berich­te­te. In sei­nem Schrei­ben, das eini­ge von uns in deut­scher Über­set­zung gele­sen haben, ver­mischt sich fast spie­le­risch die Neu­gier, der stau­nen­de Blick mit einer ver­stö­ren­den kolo­nia­lis­ti­schen Rhe­to­rik. Cail­lié wur­de mit viel Aner­ken­nung und Geld über­schüt­tet in Frank­reich. Mit 38 Jah­ren ver­starb er nach anhal­ten­den Krank­hei­ten. Sein Monu­ment steht heu­te noch in Kou­rous­sa. Dort wür­den wir am nächs­ten Tag hin­rei­ßen. Mei­ne Augen schlie­ßen sich lang­sam, ich höre noch wie jemand sagt, dass das Sta­tiv mit Sicher­heit gefun­den und ver­kauft wor­den wäre, im Niger wür­de alles ver­kauft wer­den. Dann träu­me ich von schwar­zen Tulpen.

Es soll­te mehr Fil­me geben, die der Dra­ma­tur­gie von Flüs­sen fol­gen. Die Donau rauf von Peter Nest­ler, der sehr ver­wandt mit Rouch scheint, ist zu kurz, soll­te mehr haben, soll­te mehr Geld bekom­men haben, um län­ger mit dem Fluss zu sein. Er fin­det Geschich­ten ent­lang des mäch­ti­gen Flus­ses und filmt die­sen wie eine Per­son. Man denkt an das wun­der­vol­le Buch Donau: Bio­gra­phie eines Flus­ses von Clau­dio Magris. Die Rei­se ent­lang eines Lebe­we­sens, eines Natur­phä­no­mens, einer geo­gra­phi­schen Gege­ben­heit als Anlass und prä­gen­des Ele­ment einer Erzäh­lung. Man denkt an Peter Hut­tons Stu­dy of a River. Es gin­ge nicht unbe­dingt nur dar­um, dass Fil­me einen Fluss fil­men, son­dern auch dar­um, dass sie sich dra­ma­tur­gisch an Flüs­se annä­her­ten. Mein Lieb­lings­gen­re, den­ke ich ganz bei mir, wäre das Bin­nen­del­ta. Das lang­sa­me Ver­si­ckern, Tren­nen, Sam­meln an einer Tür zwi­schen Land und Was­ser. Der Niger bil­det ein sol­ches Del­ta in Mali. Mas­si­na heißt die Regi­on, totes Del­ta. Dort wäre das Sta­tiv mit Sicher­heit nicht durchgekommen.

Study of a River

Bell & Howell

Lei­der ist uns völ­lig unklar, wo genau Rouch sein Sta­tiv ver­lo­ren hat. 1941 ging er mit zwei Freun­den nach Niger, um dort in den fran­zö­si­schen Kolo­nien zu arbei­ten. Er traf dort auf Men­schen, Kul­tu­ren, die sein Fil­me­ma­chen maß­geb­lich präg­ten. Er schrieb ein­mal von der Mög­lich­keit die Aben­teu­er eines ande­ren im eige­nen Kör­per zu erle­ben. Aus die­sem Grund, so for­mu­lier­te er spä­ter, wür­de er auch auf das Sta­tiv ver­zich­ten. Cine-Trance nann­te er das Vor­ge­hen des Ver­schwin­dens des Fil­me­ma­chers im Kör­per von jenen, die er betrach­te­te. Nach eini­gem Ärger mit Vor­ge­setz­ten kehr­te Rouch 1946 mit Jean Sau­vy und Pier­ry Pon­ty zurück nach Afri­ka. Sie pad­del­ten in einem Kanu fluss­ab­wärts und beglei­te­ten eine Nil­pferd­jagd. Unter dem Pseud­onym Jean Pier­jean, eine Mischung ihrer drei Namen, schick­ten sie Arti­kel dar­über nach Frank­reich und film­ten mit einer 16mm Bell & Howell. Es war hier, das Rouch sein Sta­tiv in der Strö­mung ver­lor. Er film­te wei­ter, es ent­stand der Film Au pays des mages noirs.

And they came to the river
And they came from the road
And he wan­ted the sun
Just to call his own
And they wal­ked on the dirt
And they wal­ked from the road
‹Til they came to the river
‹Til they came up close

Der Film beginnt mit bedroh­li­cher Musik, betont wer­den die Aben­teu­rer, die es in ein frem­des Gebiet zieht. Die ers­ten Bil­der sind von einem Sta­tiv geschos­sen. Dra­ma­tisch wird von der Gefahr und dem Unge­wis­sen im „vor­ge­schicht­li­chen“ Afri­ka erzählt, wäh­rend wir Bil­der von gefähr­li­chen und gro­ßen Tie­ren sehen. Rouch hat­te kei­ne Kon­trol­le über den schnitt und auch nicht über die Erzähl­stim­me. Er sag­te ein­mal abwer­tend, dass der Voice-Over wie ein Repor­ter bei der Tour de France klin­gen wür­de. Zwi­schen Gao und Nia­mey wäre der Film ange­sie­delt. Wir sind also auf dem rich­ti­gen Weg, Rouch hat sein Sta­tiv nach dem Bin­nen­del­ta ver­lo­ren. Sie mögen sich viel­leicht fra­gen, war­um wir nicht gleich dort hin­ge­reist sind. So ganz genau und zu aller Zufrie­den­heit kön­nen wir die­se Fra­ge nicht beant­wor­ten, viel­leicht aber sind Sie mit den Machen­schaf­ten des Kino­ap­pa­rats ver­traut und sich durch­aus bewusst, dass ein Fluss prin­zi­pi­ell in alle Rich­tun­gen flie­ßen kann. In einem Land der schwar­zen Tul­pen hiel­ten wir es für nicht aus­ge­schlos­sen, dass das Sta­tiv fluss­auf­wärts trieb, viel­leicht auch im Maul eines Nil­pferds davon­ge­tra­gen wurde.

Es reg­ne­te als wir Au pays des mages noirs wie­der sahen und uns bewusst wur­de, dass unse­re Fan­ta­sie uns womög­lich einen Streich gespielt hat­te. Doch „Fan­ta­sy“ ist auch der Titel von Tag Gal­lag­hers her­aus­ra­gen­der Ros­sel­li­ni-Bio­gra­phie The Adven­tures of Rober­to Ros­sel­li­ni und nicht nur des­halb wis­sen wir, dass gro­ßes Kino immer mit Fan­ta­sie beginnt.

“I had lost my tri­pod ear­ly on in some rapids and didn’t know how to shoot so as to be able to edit the foo­ta­ge later. We stop­ped one day just south of the Mali/​Niger bor­der, in Ayo­rou, which I knew pret­ty well, as I had been the­re as an engi­neer. I asked them to build a canoe and to hunt hipp­o­po­ta­mu­ses from it—we retur­ned and film­ed them. We crossed into Nige­ria, going through the rapids whe­re Mungo Park was kil­led, and by the time we rea­ched the sea, we were tho­rough­ly exas­pe­ra­ted with each other. From the­re, we retur­ned to Paris in a mili­ta­ry plane.“

Schwarze Magie

Dann filmt Rouch ein Dorf. So ganz ist nicht erkenn­bar, ob er dabei noch im Besitz eines Sta­tivs war oder nicht. Es gibt zwar Schwenks, aber sie sind schlam­pig genug, um aus der Hand gemacht wor­den zu sein. Doch es fol­gen eini­ge sta­ti­sche Bil­der von der Arbeit am Fluss und wir sind uns sicher, dass er hier sein Sta­tiv nicht ver­lo­ren hat. Waf­fen wer­den gebaut, Waf­fen um Nil­pfer­de zu töten. Der Ton des Films erin­nert an Robert Fla­her­ty. Ein Fil­me­ma­cher von dem es unglaub­li­che vie­le Bil­der mit einem Sta­tiv gibt. Meist steht er damit an unmög­li­chen Orten. Die­se Bil­der erin­nern an Van Gogh. Jemand geht in die Land­schaft und stellt sich hin. Jemand macht ein Bild. Rouch hat ein­mal geschrie­ben: “Per­haps it was due to such sim­pli­ci­ty and naï­ve­té that the­se pio­neers dis­co­ver­ed the essen­ti­al ques­ti­ons that we still ask our­sel­ves today: Must one “stage” rea­li­ty (the sta­ging of “real life”) as did Fla­her­ty, or should one, like Ver­tov, film “wit­hout awa­re­ness” (“sei­zing impro­vi­sed life”)?“

Bei Rouch wirkt vie­les, auch auf­grund tech­ni­scher Ent­wick­lun­gen spon­ta­ner, weni­ger kon­trol­liert. Er schnei­det auch viel. Nach einem Opfer­ri­tu­al bewe­gen sich die Jäger und Fischer aufs Was­ser. Rouch fährt mit ihnen. Es fol­gen unglaub­li­che Bil­der der Jagd auf ein Nil­pferd, die wie­der an Fla­her­ty erin­nern. Die selbst gemach­ten Har­pu­nen flie­gen durch die Luft, die Waden der Rude­rer, Kör­per, die im Schilf zu schwe­ben schei­nen. Sie töten das Tier, das mehr einer abs­trak­ten Mas­se durch­bohrt mit geschnitz­ten Waf­fen gleicht. Die Bil­der wir­ken noch immer sta­tisch, vor allem wenn man bedenkt, dass Rouch auf einem Kanu sitzt. Im Anschluss filmt Rouch das Schlach­tungs­ri­tu­al, lächeln­de Gesich­ter. Rouch hat ein­mal gesagt, dass es nichts gäbe, was man nicht auch ohne Sta­tiv fil­men kön­ne. Das erin­nert an Cris­ti Puiu, der sich ger­ne damit brüs­tet, die Hand­ka­me­ra ins rumä­ni­sche Kino gebracht zu haben. Aller­dings habe er sein Sta­tiv nicht im Niger ver­lo­ren, son­dern schlicht nicht genug Geld dafür.

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Irgend­wie beschleicht mich beim Sehen das merk­wür­di­ge Gefühl, dass es für die­ses Fil­me­ma­chen von Rouch fast egal ist, ob er sein Sta­tiv nun ver­lo­ren hat oder nicht. Einer aus unse­rer Grup­pe, er hat fast schon auf­ge­ge­ben mit dem Kino, sag­te mir ein­mal auf unse­rer Rei­se, dass es bei Doku­men­ta­tio­nen sowie­so nur um Zugang gin­ge. Mit Zugang mein­te er, dass es letzt­lich dar­um gin­ge, was man film­te, nicht wie man es film­te. Ein sehr ver­kürz­ter Gedan­ke, wie ich fin­de, auch wenn ich die Grund­neu­gier von Fes­ti­vals bezüg­lich Fil­me­ma­chern, die vom Ende der Welt zurück­keh­ren, manch­mal wie René Cail­lié, nicht leug­nen kann. Es ist auch roman­tisch, wenn man an die­se ein­sa­men Fil­me­ma­cher denkt, die rei­sen und rei­sen und uns Bil­der mit­brin­gen. Viel­leicht sind wir des­halb auch auf­ge­bro­chen, um das Sta­tiv von Jean Rouch zu suchen. Der Film wur­de in Frank­reich übri­gens auf 35mm auf­ge­bla­sen zusam­men mit Ros­sel­li­nis Strom­bo­li gezeigt. Spä­ter ver­öf­fent­lich­te Rouch einen Rei­se­be­richt, ein Aus­schnitt aus The Mad Fox and the Pale Mas­ter:

„But the­re was still this maje­s­tic and beau­tiful Niger River, at the same time ter­ri­fy­ing with its cro­co­di­les and wel­co­ming with all its fresh­ness. Slow­ly, and with a gre­at deal of reti­cence, I lear­ned how to swim the­re, to navi­ga­te a canoe, and to avo­id the mud banks and the cut­ting oysters, or the ter­ri­ble steel hook fishing lines of the mama­ri “thie­ves.” Damou­ré Zika, one of the very young employees of the public works, was my initia­tor, and we traded know­ledge: he was a Sor­ko fisher­man, a mas­ter of the river, but I was a bet­ter swim­mer than he.

So litt­le by litt­le, I beca­me more distant from the Euro­pean com­mu­ni­ty, sha­ring my work and play with my first Afri­can fri­ends. In fact I didn’t under­stand any­thing: you couldn’t swim over the­re becau­se of a karey kyi, a “man-eating cro­co­di­le,” yet here, less than fif­ty meters away, you could dive in com­ple­te safe­ty. At night you could go down to the Comaci­co cine­ma on a bicy­cle with a swin­ging lamp that hoo­ked onto the hand­le­bars. But you had to come back by the main road of the Bureau of Domain­es (who­se offi­ci­al buil­dings housed mana­ging offices for public insti­tu­ti­ons and sta­te pro­per­ties), to avo­id the “soul-eating sorcerers.”“

Was haben wir also zu erzäh­len, die nach einem Sta­tiv eines Fil­me­ma­chers suchen statt uns wirk­lich umzu­se­hen? Unse­re Grup­pe aus Enthu­si­as­ten, so schien es mir plötz­lich, war mehr auf der Flucht vor dem Sehen, als etwas zu suchen. Wir wur­den müde von uns selbst. Es scheint sehr ein­fach sich für das ver­lo­re­ne Sta­tiv von Jean Rouch zu begeis­tern. Der ein­gangs erwähn­te Durst nach den gro­ßen Aben­teu­ern ver­liert sich zu leicht in der Begeis­te­rung für sel­bi­ge. Nicht die Tat wird dann ent­schei­dend, son­dern der Held. Nun könn­te man sagen, dass wir uns ja auf eine ähn­li­che Rei­se gemacht haben, so etwas gab es schon öfter in der Film­ge­schich­te, man den­ke an Innis­free von José Luis Gue­rín, also die Idee, dass man an einen bereits vom Kino bewohn­ten Ort blickt und dort auch hin­ter das, was man aus dem Kino kennt schaut. Nur tun wir das oder suchen wir bereits nach dem nächs­ten Aben­teu­er, dem nächs­ten Klei­dungs­stück von Jane Rus­sell im Meer, der nächs­ten Ein­stel­lung, die wir so mal bei Mar­gue­ri­te Duras gese­hen haben, den nächs­ten Schau­spie­ler, den wir aus einem ande­ren Film kennen?

Wir bre­chen die Suche ab. Jemand kauft ein Sta­tiv und eine Kame­ra und wir ver­las­sen den Fluss. Dan­ke, Jean Rouch.