Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Die Zeit filmen

An einer die­ser wun­der­vol­len Wie­ner Fas­sa­den zeich­ne­te sich ein Licht­spiel ab, als die unter­ge­hen­de Son­ne manch­mal und nur leicht von Wol­ken ver­deckt wur­de. Eini­ge Men­schen, dar­un­ter ver­mehrt Tou­ris­ten zück­ten ihre Foto­ap­pa­ra­te und Mobil­te­le­fo­ne, um das Schau­spiel fest­zu­hal­ten. Sie drück­ten ver­zwei­felt auf ihre Knöp­fe, um die Schön­heit des Moments fest­zu­hal­ten. Ich fra­ge mich wie ihre Bil­der schließ­lich aus­se­hen, aber ich weiß mit Sicher­heit, dass sie es nicht ver­mö­gen, das wirk­lich Atem­be­rau­ben­de an die­sem Moment ein­zu­fan­gen, weil die­se Schön­heit an der Zeit hängt.

Das bedeu­tet aber nicht, dass es ganz ein­fach gewe­sen wäre, mit einer Film­ka­me­ra bezie­hungs­wei­se mit der Video­funk­ti­on des Mobil­te­le­fons jenes Wech­sel­spiel in sei­ner zeit­li­chen Ent­fal­tung ein­zu­fan­gen. Die Schön­heit des Lichts war an die­sem spä­ten Nach­mit­tag in Wien die Zeit selbst und es ist unheim­lich schwer, die Zeit zu fil­men. Beliebt ist die Annah­me, dass die zeit­li­che Struk­tu­rie­rung bezie­hungs­wei­se die fil­mi­sche Fähig­keit, Zeit zu ent­blö­ßen eng mit der Mon­ta­ge zusam­men­hängt. Das ist aller­dings ziem­li­cher Schwach­sinn. Zwei Fil­me, die ganz leicht das Gegen­teil bewei­sen, sind zum einen Chris Mar­kers (die­ser Mann, der es wie Alain Res­nais wie kaum ein zwei­ter ver­moch­te, die Zeit zu fil­men) La Jetée, ein Film der hef­tig an den Prin­zi­pi­en der Mon­ta­ge hängt, aber sei­nen gro­ßen Moment der Nackt­heit von Zeit gera­de dann ent­fal­tet, wenn er nicht schnei­det, son­dern Bewe­gung zeigt, beglei­tet von einem Vogel­zwit­schern für die Ewig­keit. Der ande­re Film ist Fish&Cat von Sha­ram Mokri, ein klei­nes Wun­der, das letz­tes Jahr in Vene­dig Pre­miè­re fei­er­te und seit­her völ­lig unter­ging. Der Film besteht aus einer ein­zi­gen lan­gen Ein­stel­lung und zer­stört jeg­li­che Sicher­heit und Emp­fin­den für Zeit. Zeit ist eben auch eine Fra­ge der Per­spek­ti­ve und des Rau­mes. Wen schaut man wann und wie an? Wie oft im Leben hat man sich schon gefragt wie­so einem etwas in der Ver­gan­gen­heit nicht auf­ge­fal­len ist? Wie oft erlebt man eine Ver­gan­gen­heit neu, wenn man einen neu­en Kon­text zu ihr bekommt, eine neue Per­spek­ti­ve darauf?

Chris Marker La jetée

Daher wird es den Foto­gra­fen und Fil­mern vor den Fas­sa­den in Wien äußerst schwer­fal­len die­sen, Augen­blick auf ihren Bil­dern zu fin­den. Denn was sich in ihren Augen mani­fes­tiert hat, ist in der Lin­se der Kame­ra schon etwas ganz ande­res. Einen Film über die Zeit hat auch der deut­sche Fil­me­ma­cher Phil­ipp Hart­mann mit sei­nem Die Zeit ver­geht wie ein brül­len­der Löwe gemacht. Dabei ver­mag er es, die Zeit in ihrer Abwe­sen­heit zu fil­men. Bei ihm macht sich die phy­si­ka­li­sche Grö­ße als phi­lo­so­phi­sches Kon­zept im Off-Screen bemerk­bar. Etwas ist ver­gan­gen, das sehen wir. Fast ver­zwei­felt und tra­gisch klam­mert sich der Film an die Mög­lich­keit, Zeit auf Film zu spei­chern. Man denkt an Jonas Mekas, der immer wie­der für einen Gegen­wär­tig­keit der Bil­der ein­tritt, die aller­dings etwas ande­res sind als Erin­ne­run­gen oder Ver­gan­gen­heit. Bil­der, die sich mit jeder Pro­jek­ti­on neu in der Zeit ver­or­ten. Hart­mann ist cle­ver und sen­si­bel genug, um nicht in einen Feh­ler zu tap­sen, er rich­tet statt­des­sen einen Spie­gel auf die Zeit und sich selbst und lässt bei­des ver­schmel­zen. Inso­fern macht er einen Film über die Kri­se des Alterns, das natür­lich an der Zeit, den Erin­ne­run­gen und der Gegen­wart hängt. Die Gegen­wär­tig­keit von Bil­dern sind auch ein Grund war­um man nicht ein­fach die Schön­heit einer Fas­sa­de sieht, sie foto­gra­fiert und dann die Schön­heit wie­der­fin­det. Dies könn­te jetzt natür­lich ein Plä­doy­er für die gro­ße Kraft der Rea­li­tät und der Erin­ne­rung gegen­über von Fil­men sein und tat­säch­lich erwi­sche ich mich beim Gedan­ken der schein­ba­ren Unter­le­gen­heit von Film gegen­über dem, was man als unse­re Augen bezeich­nen könn­te. Aber dann fällt mir wie­der ein, dass der Blick im Film uns erst erlaubt zu schau­en. Damit mei­ne ich, dass er uns kon­zen­triert, auf­merk­sam macht und ja, ermög­licht Zeit wahr­zu­neh­men. Gera­de in der heu­ti­gen Welt, der wir kaum mehr Platz las­sen für eine Lee­re und ein inspi­rie­ren­des Nichts, eine Lan­ge­wei­le kann Film die­se zei­gen und geben. Film kann zei­gen wie Zeit ver­geht und das soll­te in unse­rer Zeit fast einem außer­ir­di­schen Spek­ta­kel gleich­kom­men. Man denkt an Tsai Ming-liang und sei­ne Wal­ker-Fil­me. Die Bedeu­tung von Lang­sam­keit, was bedeu­tet es zu sehen? Man sieht jeden Tag so viel, dass man ver­sucht ist, zu ver­ges­sen was es bedeu­tet. Inzwi­schen ist Zeit ein poli­ti­sches State­ment in der Kunst und Kul­tur. Bewe­gun­gen und Schlag­wor­te wer­den erfun­den, um die Bedeu­tung von Zeit zu unter­strei­chen. Zeit kann also auch eine rebel­li­sche Ant­wort auf den Main­stream sein, aber dann hat sie sel­ten eine Bedeu­tung. Bei Tsai Ming-liang geht es auch um eine Wahr­neh­mungs­ver­än­de­rung, eine sinn­li­che und zugleich rhe­to­ri­sche. Wir betrach­ten zum Bei­spiel ein Gesicht, wir bekom­men eine Infor­ma­ti­on, wir gehen. So sind die meis­ten Fil­me kon­stru­iert und so gehen sie mei­len­weit an ihren Mög­lich­kei­ten vor­bei. Denn erst wenn wir eine län­ge­re Zeit bekom­men, das Gesicht zu betrach­ten, wird etwas mit unse­rer Wahr­neh­mung pas­sie­ren, etwas, dass uns in der Rea­li­tät zumin­dest bei frem­den Men­schen gar nicht mög­lich ist. Wir wer­den es stu­die­ren, es füh­len, es wirk­lich sehen. Natür­lich muss man dafür hin­se­hen und vie­le Men­schen kön­nen das nicht/​nicht mehr. Auch ermög­licht Film eine beson­de­re Per­spek­ti­ve auf die­ses Gesicht. Einen ande­ren Blick, der ganz auto­ma­tisch von Zeit beseelt ist, weil er uns auf­merk­sam dar­auf macht, dass wir bli­cken. In die­sem Sinn ist die Dyna­mi­sie­rung räum­li­cher Pro­zes­se und die Struk­tu­rie­rung von Per­so­nen­kon­stel­la­tio­nen essen­ti­ell für unse­re Wahr­neh­mung von Zeit im Film.

Post Tenebras Lux Reygadas

Man den­ke bei­spiels­wei­se an die ver­un­si­cher­te Swin­ger-Sau­na Sze­ne in Post Ten­ebras Lux von Car­los Rey­ga­das. Zuerst zeigt Rey­ga­das die Prot­ago­nis­tin und ihren Ehe­mann in einer ame­ri­ka­ni­schen Ein­stel­lung in den blau-roten Lich­tern der Sau­na. Sie ent­klei­det sich. Im Anschnitt am lin­ken Bild­rand beob­ach­tet sie ein älte­rer, nack­ter Mann und im Bild­hin­ter­grund sitzt in einer Nische eine nack­te Frau. Wir hören es vor Hit­ze trop­fen. Plötz­lich dyna­mi­siert Rey­ga­das unse­re Raum­vor­stel­lung. Ein wei­te­rer nack­ter Mann kommt von hin­ter der Kame­ra ins Bild gelau­fen und nimmt unse­re Prot­ago­nis­tin an der Hand. Der Mann im Bild­vor­der­grund erhebt sich und hält die ande­re Hand der Frau. Zusam­men gehen sie aus dem Bild, wobei sich Hin­ter­tei­le und Geschlechts­tei­le noch pro­mi­nent in der Bild­mit­te plat­zie­ren. Die Kame­ra bleibt ste­hen und zeigt den ner­vö­sen Ehe­mann, der das Hand­tuch sei­ner Frau hält und schwer schluckt. Hier spü­ren wir zum ers­ten Mal in die­ser Sze­ne den Druck der Zeit. Ein Mann beginnt Off-Screen, von der schö­nen Haut der Frau zu schwär­men wäh­rend die Frau aus der Nische im Hin­ter­grund auf­steht und auf die Kame­ra zugeht. Wie­der dyna­mi­siert Rey­ga­das den Raum in der Zeit, denn plötz­lich offen­bart sich das in der Nische nicht eine nack­te Frau war son­dern gar zwei. Sie blei­ben bei­de in der Tür­schwel­le ste­hen und der Ehe­mann bemerkt die bei­den nack­ten Frau­en mit einem schüch­ter­nen Sei­ten­blick, der immer deut­li­cher wird. Die Geräu­sche und Dia­lo­ge im Off-Screen deu­ten gleich­zei­tig dar­auf hin, dass die bei­den Män­ner nun mit der Prot­ago­nis­tin schla­fen. Rey­ga­das schnei­det in eine ame­ri­ka­ni­sche Zweier­ein­stel­lung von einem nack­ten, sit­zen­den Paar. Sie beob­ach­ten offen­sicht­lich das Gesche­hen und berüh­ren sich dabei am unte­ren Bild­rand. Rey­ga­das hält die­se Ein­stel­lung für cir­ca 50 Sekun­den. Off-Screen ist die besorg­te Stim­me der Prot­ago­nis­tin zu hören, die dar­um bit­tet, sanft behan­delt zu wer­den. Die Frau im Bild bemerkt, dass die Prot­ago­nis­tin schön sei. Der Mann for­dert sie auf, zu ihr zu gehen. Das Pär­chen gibt sich einen flüch­ti­gen, in die­ser Umge­bung fast sur­re­al-süßen Kuss und die Frau ver­schwin­det aus dem Bild. Rey­ga­das bleibt mit der Kame­ra erneut auf dem ver­las­se­nen und beob­ach­ten­den Mann und erin­nert damit zugleich an den Ehe­mann, der auch noch im Raum steht. Dadurch wird so etwas wie Gleich­zei­tig­keit mani­fes­tiert, also Zeit. In der nächs­ten Ein­stel­lung bewegt sich die Kame­ra ganz lang­sam in eine Nahe der Prot­ago­nis­tin wäh­rend ein Mann wild in sie ein­dringt und die Frau aus der vor­he­ri­gen Ein­stel­lung ihren Kopf auf den Schoß legt und die Prot­ago­nis­tin gleich einer Mut­ter­fi­gur beru­higt und ihr Mut macht. Im Bild­hin­ter­grund sind aller­hand nack­te Kör­per zu sehen. Im Anschnitt am rech­ten Bild­rand beob­ach­tet ein Mann das Gesche­hen als wäre er bei der Arbeit an einem Fließ­band und im Hin­ter­grund sind unter ande­rem die bei­den Frau­en aus der ers­ten beschrie­be­nen Ein­stel­lung die­ser Sze­ne. In einer an Bru­no Dumont erin­nern­den Weit­win­kel­ein­stel­lung des Gesichts der Mut­ter­fi­gur ver­zerrt Rey­ga­das unse­re Per­spek­ti­ve auf die­se Figur und man kann sich nicht sicher sein, ob es sich dabei um einen Point-of-View unse­rer Prot­ago­nis­tin han­delt oder nicht. Jeden­falls wird uns das Unwohl­sein der Sze­ne durch die Wahl des Objek­tivs noch deut­lich bewuss­ter. Rey­ga­das hält auch die­se Sze­ne sehr lan­ge (ca. 25s), aber im Dia­log wird klar, dass die Prot­ago­nis­tin beginnt, sich wohl zu füh­len. Rey­ga­das schnei­det in eine fast sym­bo­li­sche Nah­ein­stel­lung des Gesichts der Prot­ago­nis­tin, die kurz vor ihrem Orgas­mus steht und der Brüs­te der Mut­ter­fi­gur, die ihren Kör­per berüh­ren wäh­rend ihre Fin­ger zärt­lich über die Haa­re der Prot­ago­nis­tin strei­chen. Die Zeit, die hier ver­geht, ent­spricht kei­nes­wegs jener Zeit, die der Akt in der Rea­li­tät ein­neh­men wür­de, aber das Gefühl für die Zeit ist das glei­che, inten­si­viert und ent­fal­tet durch die Wahl von Kame­ra­po­si­tio­nen, Ton, Licht, Mas­ke, Schau­spiel, Län­ge der Ein­stel­lun­gen und allem was dazu­ge­hört. Die Prot­ago­nis­tin kommt sehr lei­se zum Höhe­punkt und wir glau­ben ihr. Rey­ga­das bleibt mit der Kame­ra auf ihrem ver­schwitz­ten, lee­ren Aus­druck, die Mut­ter­fi­gur sagt: They all want you becau­se you are beau­tiful. Die Prot­ago­nis­tin bedankt sich. Wo ist ihr Ehe­mann? Wes­sen Per­spek­ti­ve haben wir hier tatsächlich?

Satantango Tarr

Nun ist es mit gro­ßer Sicher­heit auch fatal zu glau­ben, dass man die Zeit filmt, indem man sich ein­fach Zeit lässt. Nein, denn die fil­mi­sche Zeit hängt auch am Licht und der Illu­si­on dahin­ter, die fil­mi­sche Zeit braucht eine inne­re oder äuße­re Bewe­gung. Denn wenn ein Regis­seur sich für eine lan­ge Ein­stel­lung ohne ein sol­ches Licht ent­schei­det, dann wird er die Zeit von der Lein­wand ver­wei­sen und in den Zuschau­er­raum ver­ban­nen. Dort ver­geht sie jedoch immer gleich. Die Mög­lich­keit von Film ist es jedoch, die Zeit zwi­schen Zuschau­er und Bild spür­bar zu machen, sie zu versch­här­fen oder außer Kraft zu set­zen. Genau das hat die Sze­ne von Rey­ga­das beschrie­ben und genau das unter­schei­det auch die etwas stu­pi­de Wahr­neh­mung eines Kinos der Zeit als Slow-Cine­ma von jenem eines Kinos der inten­si­vier­ten Rea­li­tät. Man den­ke an die Fil­me von Béla Tarr, zum Bei­spiel Sátán­tan­gó oder A torinói ló. Dort ist die spür­ba­re Zeit oft der Weg von einer Per­spek­ti­ve in die Nächs­te und zugleich ist es auch eine Fra­ge der Geschwin­dig­keit die­ser Bewe­gung. Wir sehen unse­rem Blick beim Wan­dern zu und drin­gen somit in die Zeit des Rau­mes und der Figu­ren ein. Ähn­li­ches ist auch ohne Bewe­gung zu errei­chen wie in Fil­men wie His­to­ria de la meva mort von Albert Ser­ra (eigent­lich alles von ihm), den Fil­men von Jia Zhang-ke oder jenen von Lisan­dro Alon­so klar wird. Die Fra­ge nach der Zeit ist immer eine Fra­ge nach unse­rer Auf­merk­sam­keit dafür. Ein Fil­me­ma­cher wie Alon­so bekommt die­se womög­lich auf­grund sei­ner defor­mier­ten Selt­sam­keit, sei­ner über­wäl­ti­gen­den Land­schaf­ten und sei­nen räum­li­chen Über­ra­schun­gen, indem er uns auch Bli­cke und Infor­ma­tio­nen ver­wei­gert bis zu einem Grad, an dem wir unbe­dingt sehen wol­len. Dage­gen wird unse­re Auf­merk­sam­keit bei Fil­me­ma­chern wie Albert Ser­ra oder auch Cris­ti Puiu dadurch erfasst, dass in der Zeit ein iro­ni­sches, ja absur­des Ele­ment liegt. Das bedeu­tet nicht, dass man die Zeit in ihren Fil­men als beson­ders lus­tig wahr­nimmt-ganz im Gegen­teil-aber dass die Über­le­gung wel­che Schrit­te in einem Pro­zess wirk­lich nötig sind (zum Bei­spiel bei der Ermor­dung sei­ner Frau) nicht ledig­lich ein ent­dra­ma­ti­sie­ren­des Poten­zi­al beinhal­tet, son­dern dass das Dra­ma­ti­sche gera­de in die­ser Zeit liegt.

Aurora Puiu

In Auro­ra beschäf­tigt sich Puiu eigent­lich durch­ge­hend mit die­ser Zeit, aber wenn man einen Blick auf die unmit­tel­ba­re Pha­se um einen Mord im Film legt, sieht man die mani­sche Prä­zi­si­on und die Grö­ße die­ses Regis­seurs im Umgang mit Raum und Zeit. Der Prot­ago­nist fährt mit dem Auto. Die Kame­ra hält ihn links am Steu­er im Anschnitt und ver­schwin­det sonst mit einem Phan­tom Ride durch das nächt­li­che Buka­rest und in einen Tun­nel. Wir hören das Rascheln der Klei­der und das ange­spann­te Atmen des Prot­ago­nis­ten. Die Schär­fe ver­la­gert sich vom Raum auf das Spie­gel­bild im Rück­spie­gel. Ein har­ter Schnitt und der Prot­ago­nist erscheint mit Müt­ze hin­ter einer Pfüt­ze. Ein Schwenk beglei­tet sei­nen Weg über einen Park­platz zum Auto. Er öff­net es. Ein lau­tes Motor­rad ist zu hören und die Kame­ra beginnt etwas zu wackeln, als der Prot­ago­nist eine Tasche aus dem Kof­fer­raum holt. Er geht zurück, die Kame­ra schwenkt wie­der mit ihm. Aber auf hal­bem Weg fällt ihm etwas ein. Er dreht noch­mal um, die Kame­ra geht wie­der mit, aber es ist nur ein Schritt. Er drückt auf sei­nen Schlüs­sel, um das Auto zuzu­sper­ren und geht erst dann wei­ter. Nun geht er den Weg zurück und die Kame­ra schwenkt mit ihm. War­um den­ken so weni­ge Fil­me­ma­cher dar­an wie oft man sich nicht sicher ist, ob man sei­ne Tür zuge­sperrt hat? Ein sol­cher Augen­blick ist ein Augen­blick der rei­nen Zeit. Der Prot­ago­nist sucht sei­nen bes­ten Weg durch die Pfüt­ze und geht durch eine Git­ter­tür nach hin­ten. Die Kame­ra bleibt ste­hen und folgt ihm aus einer beob­ach­ten­den Tota­le. Dies ist das wich­tigs­te for­ma­le Gestal­tungs­prin­zip der fol­gen­den Minu­ten. Er macht die Tür hin­ter sich zu. Ein har­ter Schnitt und unser Prot­ago­nist taucht mit sei­ner Tasche in einer Halb­to­ta­le in einer Tief­ga­ra­ge auf. Aus dem Off-Screen sind Schrit­te zu hören, er schaut ange­spannt. Die Kame­ra schwenkt mit sei­nem Blick (hier haben wir wie­der eine Per­spek­ti­ve, die mit der Zeit ent­steht) und wir sehen noch die Umris­se eines Man­nes in der Tie­fe des Bil­des. Er ver­schwin­det und unser Prot­ago­nist schaut etwas ent­spann­ter um sich. Er dreht um und blickt in eines der Autos, die auf einem Park­platz ste­hen. Er schaut durch das Fah­rer­fens­ter. Ein wei­te­rer har­ter Schnitt in eine Halb­to­ta­le. Unser Prot­ago­nist steht hin­ter einem Auto, wie­der sind Schrit­te zu hören. Er bewegt sich lang­sam nach links und die Kame­ra schwenkt mit ihm mit bis er hin­ter einer Säu­le ver­schwin­det. Nach eini­gen Sekun­den kommt er auf der ande­ren Sei­te der Säu­le her­vor und der Schwenk folgt ihm wei­ter. Nun bewegt er sich etwas schnel­ler zwi­schen den gepark­ten Autos und folg­lich wird auch der Schwenk schnel­ler. Plötz­lich kommt eine Tür ins Bild, aus der zwei Män­ner tre­ten. Wir sehen sie gleich­zei­tig wie der Prot­ago­nist, der dar­auf­hin umdreht und sei­nen Kopf senkt. Der Schwenk folgt ihm wie­der zwi­schen die Autos, er steht mit dem Rücken zu den Stim­men der Män­ner, auch ein Auto fährt vor­bei. Er berührt einen Ket­ten­zaun mit sei­ner Hand und schaut mög­lichst bei­läu­fig um sich. Die Zeit in die­ser Sze­ne besteht nicht nur aus dem Nicht-Aus­las­sen der Ereig­nis­se, son­dern auch aus der Anti­zi­pa­ti­on einer Tat, man merkt, dass da etwas nicht stimmt und dadurch gewinnt der Ablauf eine Auf­merk­sam­keit. Die­se ist kei­nes­wegs undra­ma­tisch, son­dern hoch­span­nend, obwohl Puiu einer der weni­gen Regis­seu­re ist, die es tat­säch­lich ver­mö­gen, ein Gefühl für Echt­zeit zu ver­mit­teln. Es ist wie­der ruhig in der Tief­ga­ra­ge. Der Prot­ago­nist setzt sei­nen Weg fort und tritt wie­der her­aus aus den Autos Rich­tung Tür. Die Kame­ra bleibt erneut ste­hen (das Schwen­ken und ste­hen­blei­ben immer mit einer Hand­ka­me­ra struk­tu­riert hier die Sze­nen) und er ver­schwin­det hin­ter der Tür, die laut Schild zu einer Hotel­lob­by führt. Was macht er? In einer ame­ri­ka­ni­schen Ein­stel­lung schwenkt die Kame­ra mit ihm durch ein Trep­pen­haus. Wie­der sind Stim­men zu hören, er nimmt sei­ne Müt­ze her­un­ter und dreht panisch um. Die Kame­ra schwenkt mit ihm. Er streift durch eine Nah­auf­nah­me und ver­steckt sich unter den Trep­pen. Jetzt wech­selt die Kame­ra ihre Per­spek­ti­ve ohne Schnitt und fokus­siert auf einen Mann in Leder­ja­cke, der die Trep­pen her­un­ter­kommt. Hier dyna­mi­siert Puiu sei­ne Per­spek­ti­ve, sei­nen Raum in der Zeit. Fast spie­le­risch folgt die Kame­ra dem Mann, aber nur so weit wie der Blick des Prot­ago­nis­ten es erlau­ben wür­de. Dann dreht sie um und aus dem POV wird wie­der eine Ver­fol­ger­ka­me­ra, in die der Prot­ago­nist bli­ckend tritt. Er geht die Trep­pen nach oben, wir fol­gen ihm mit einem Schwenk. Bewe­gung-Ste­hen Bleiben-Umkehren-Bewegung-Bewegung-Stehenbleiben-Umkehren…unsere Wahr­neh­mung für die Bewe­gung in der Zeit wird geschärft. Eine Halb­to­ta­le holt den Prot­ago­nis­ten in der Hotel­lob­by ab. Im Hin­ter­grund sind unschar­fe Men­schen, wir fol­gen ihm mit einem Schwenk durch die Loun­ge­mu­sik und blei­ben ober­halb einer wen­del­för­mi­gen Trep­pe ste­hen, die er mit schnel­len Schrit­ten nach unten geht. Dabei reagiert die Kame­ra auch auf sei­ne Bewe­gun­gen, wenn sie ihn nur kurz aus der Topshot-Per­spek­ti­ve erken­nen kann. Ein har­ter Schnitt in eine Tota­le. Der Prot­ago­nist erscheint wie­der drau­ßen auf dem Park­platz vor dem Hotel. Ein 360 Grad-Schwenk zeigt uns wie das Hotel, die Tief­ga­ra­ge und der Park­platz räum­lich zusam­men­hän­gen. Der Weg, den wir gegan­gen sind, wirkt trotz der Schnit­te nun glaub­wür­dig. Der Prot­ago­nist rennt fast. Wie­der schwenkt die Kame­ra und bleibt dann ste­hen. Wir sehen ihn aus einer tota­len Ein­stel­lung durch die­sel­be Git­ter­tür wie am Anfang gehen. Hier spie­gelt Puiu die klei­nen Bewe­gun­gen der Sze­ne in der gro­ßen Bewe­gung der Sze­ne: Denn wie immer ist der Prot­ago­nist einen Weg gegan­gen, ist umge­kehrt und geht ihn dann doch wei­ter. Also wie­der zurück in die Tief­ga­ra­ge. (UNGLAUBLICH!) In einer Halb­to­ta­le erah­nen wir ihn hin­ter einem Auto auf dem Boden lau­ernd. Man hört wie er sein Gewehr zusam­men­baut. Er steht auf, das Gewehr in sei­ner Hand, er hat ein paar Pro­ble­me damit und schaut gespannt Off-Screen. Er stößt mit sei­ner Waf­fe gegen ein par­ken­des Auto. Hier liegt das absur­de Ele­ment, das nur in einer Ent­fal­tung der Sze­ne in Raum und Zeit über­haupt mög­lich ist. Wir schwen­ken mit ihm und blei­ben dann ste­hen. Er posi­tio­niert sich schnell zwi­schen zwei Autos. Nun sind wie­der Stim­men aus dem Off zu hören. Der Prot­ago­nist ist sehr ange­spannt, man glaubt, dass er gleich schie­ßen wird, aber dann blickt er noch­mal und ent­schei­det sich wei­ter­zu­ge­hen. Er ver­schwin­det hin­ter den Autos, die Kame­ra schwenkt mit ihm mit, obwohl wir ihn nicht immer sehen. Sie schwenkt soweit nach rechts bis im Bild­zen­trum sehr nah eine Säu­le auf­taucht. Rechts von der Säu­le erschei­nen ein Mann und eine Frau. Wie­der dyna­mi­siert Puiu unse­re Per­spek­ti­ve und macht aus der Ver­fol­ger­ka­me­ra einen POV-Shot, nun sind wir wie der Mör­der, ver­steckt lau­ernd hin­ter einer Säu­le. Die Kame­ra folgt den bei­den. Sie sper­ren jenes Auto auf, das der Prot­ago­nist frü­her betrach­tet hat. Sie haben offen­sicht­lich einen Streit. Als sie ein­stei­gen, springt der Prot­ago­nist her­vor und erschießt bei­de mit jeweils einem lau­ten Schuss. Die Kame­ra bleibt in der Tota­le und reagiert mit atmen­den Schwenks. Nun folgt sie wie­der dem Prot­ago­nis­ten, der hek­tisch zurück zu sei­ner Tasche hin­ter dem Auto läuft. Er setzt sich wie­der hin und packt das Gewehr ein. Die Kame­ra hat ihre Posi­ti­on nicht ver­las­sen, Puiu demons­triert die zeit­li­che macht eines Schwenks. Er rennt nach hin­ten aus dem Bild und ein har­ter Schnitt führt uns wie­der in das Auto, mit dem der Mann holp­rig flüchtet.

La libertad Alonso

Die­ses Licht, das mit der Zeit kor­re­spon­diert, ist kei­ne Fra­ge eines glück­li­chen Moments wie dem einer spon­ta­nen Beob­ach­tung einer Fas­sa­de. Des­halb hat man in einem Film von Ter­rence Malick auch kein Zeit­ge­fühl son­dern nur lee­re Schön­heit, die erst mit einem Voice-Over- und Musik­ge­du­del so etwas wie Zeit bekommt. Nein, es ist eine Fra­ge von Wahr­neh­mung, dem Den­ken und Arbeit in der Zeit. Ein Foto­graf, der das ein­gangs beschrie­be­ne Phä­no­men beob­ach­tet und jeden Tag zur Fas­sa­de kommt, der den Raum kennt, der sei­nen Foto­ap­pa­rat kennt, der das Licht kennt und sich selbst, der wird die Schön­heit die­ses Augen­blicks auch ein­fan­gen kön­nen. Man den­ke an ein Gewit­ter bei John Ford in She wore a yel­low rib­bon. Ja, die Legen­de des Man­nes pocht auf das Glück und die Spon­ta­ni­tät die­ses Augen­blicks, aber wenn ich die Sze­ne sehe, sehe ich Schnit­te und sehe ich Per­spek­ti­ven, die einen per­fek­ten Blick auf das Natur­schau­spiel in der Zeit ermög­li­chen; eine Zeit, die aus dem Raum und aus dem fil­mi­schen Gewis­sen eines Künst­lers her­vor­geht. Die Zeit fil­men ist zugleich Essenz als auch Meis­ter­schaft des Filmemachens.