Das unheilvolle Picknick am Wegesrand

Wenn man vie­le Fil­me sieht, dann bekommt man es mit eini­gen bizar­ren Ängs­ten zu tun. Eine, die sich neben jener gräss­li­chen Furcht vor Eulen in mir eta­bliert hat, ist die Angst vor Pick­nicks. Das wird jetzt erst mal sehr merk­wür­dig klin­gen, denn was soll­te einem denn bei einem Pick­nick Angst machen? Aber wenn man es sich genau über­legt, dann pas­sie­ren meist schreck­li­che Din­ge bei einem Pick­nick, die beton­te Har­mo­nie und Unschuld in sol­chen Sze­nen wird oft mit der Plötz­lich­keit einer ein­bre­chen­den Gewalt über­rum­pelt und die gan­ze Zeit flirrt so eine Angst neben den gif­ti­gen Wes­pen durch die som­mer­li­che Luft. Bei einem Pick­nick schwebt immer­zu die Gefahr eines Ver­lusts der Schön­heit durch die betö­ren­den Bil­der. Ein Pick­nick im Kino ist immer zugleich die Hoff­nung auf eine Unschuld und ihre Ver­nich­tung Das ist nur schwer ertragbar.

Walkabout von Nicolas Roeg
Wal­ka­bout von Nico­las Roeg

Neh­men wir mal zwei Fil­me, die in der aus­tra­li­schen Wild­nis spie­len. Wal­ka­bout von Nico­las Roeg und Pic­nic at Han­ging Rock von Peter Weir. Bei­de Male wer­den Pick­nicks zur abso­lu­ten Kata­stro­phe und aus der Unschuld eines Fami­li­en- bzw. Inter­nats­aus­flugs wird ein erbar­mungs­lo­ser Kampf gegen die Natur. Der Gegen­satz ist immens zwi­schen der Unbe­fleckt­heit eines wei­ßen Tuchs im nack­ten Gras und der brü­ten­den Hit­ze, den Schlan­gen und mys­ti­schen Fel­sen des Out­backs. Die Ein­stel­lung der Angst vor der Kata­stro­phe ist dabei die Tota­le, die vor allem Weir immer wie­der benutzt, um sei­ne Figu­ren in der Natur ver­schwin­den zu las­sen. Das Geräusch von Gril­len, eine merk­wür­di­ge Gestalt, die das Trei­ben aus eini­ger Ent­fer­nung beob­ach­tet, das Pick­nick bie­tet sich ein­fach an für ein Aus­ge­lie­fert­sein und jene unbe­merk­te Gefahr, die man als Sus­pen­se auf­bau­en kann. Den­ken wir an Ing­mar Berg­mans Jung­fru­käll­an, der die­ses Nahe­ver­hält­nis von Unschuld und Gewalt auf eine bru­ta­le Spit­ze treibt. Es ist die­ser Wider­spruch zwi­schen dem glän­zen­den Fluss­was­ser, dem blau­en Him­mel, der schein­bar fried­li­chen Musik der Natur und dem Schmutz in der Lust dre­cki­ger Män­ner, der erbar­mungs­lo­sen Wei­te und Stil­le die­ser Natur und ihrer Gleich­gül­tig­keit. Denn was hier schön ist, kann auch immer töd­lich sein. So ist das nun mal im Kino und so ist das auch bei einem Picknick.

In Zodiac von David Fin­cher wer­den die­se Angst vor dem Pick­nick und die­se Schutz­lo­sig­keit für einen der weni­gen „Gen­re-Momen­te“ des Films benutzt. Es ist die­se Hor­ror-Tag­li­ne: „Nie­mand hört dich schrei­en!“, die hier zur vol­len Ent­fal­tung kommt, aber es ist noch etwas ande­res bei einem Pick­nick zum Bei­spiel im Ver­gleich zu einer unschul­di­gen Wan­de­rung durch den Wald. Ein Pick­nick hängt näm­lich auch am sexu­el­len Begeh­ren. Es ist in sich schon ein Spiel, das Rein­heit vor­täuscht, aber letzt­lich häu­fig mit sexu­el­len Moti­ven auf­ge­la­den ist. Natür­lich gibt es da das Fami­li­en­pick­nick, aber es gibt auch die Ver­lo­ren­heit und Zwei­sam­keit von Mann und Frau, die mit Trau­ben und Mar­me­la­de von einer Unschuld träu­men, die bereits im Ansatz so ver­dor­ben ist, wie die der Hit­ze aus­ge­lie­fer­te Milch nach weni­gen Stun­den. Eine for­dern­de Lust schlän­gelt sich unter den Pick­nick­de­cken hin­durch, sie trifft sich dort wo man etwas Wei­ßes trägt, weil man sich bes­ser das Blut dar­auf vor­stel­len kann. Fil­me wie Par­tie de cam­pa­gne on Jean Renoir oder Short Cuts von Robert Alt­man zei­gen das Auf­ge­la­de­ne die­ser Lust vor allem dar­an, dass die Begier­de sich auf das Frem­de in der Natur rich­tet, die zufäl­li­ge Begeg­nung und so wird das eigent­li­che Pick­nick zu einem Gefäng­nis, von dem man sich aller­dings sehr leicht befrei­en kann. „Nie­mand hört dich schrei­en!“, wird jetzt zur Ver­lo­ckung, aber auch zur Unmög­lich­keit. Denn der Schritt von die­ser Lust zu ihrer Erfül­lung ist in der Natur erschwert. Wir den­ken an die schwit­zen­de Ner­vo­si­tät einer kaput­ten Bezie­hung in Maren Ades Alle Ande­ren, an die unheil­vol­le und tra­gi­sche Ein­sam­keit von McTeague in Von Stro­heims Greed. Als sei­ne Lie­be ihn fragt, ob er nicht auch immer so viel Hun­ger bekom­men wür­de bei einem Pick­nick, ent­geg­net er, dass er noch nie bei einem gewe­sen sei. Es wird sein schöns­ter Tag wer­den, aber auch der Beginn des Unheils. Den­ken wir an den kur­zen Frie­den in Bon­nie and Cly­de beim Fami­li­en­pick­nick. Die lau­ern­de Gefahr, die dau­ern­de Impo­tenz. Ein Pick­nick im Film darf meist nicht ein­fach schön sein. Es passt sehr gut, wenn Geor­ge Cloo­ney in The Ame­ri­can von Anton Cor­bi­jn Schieß­übun­gen in der Idyl­le macht, Blu­men­staub hechelt wie ein Echo der Gewalt durch die töd­li­che Natur, der Ort des Pick­nicks ist hier tat­säch­lich zugleich jener der Lie­be, der Ver­lo­ckung sowie der Gewalt und des Todes. Den­ken wir auch an die ver­gäng­li­che Flucht vor einer nicht ent­flieh­ba­ren Pro­fes­si­on in Bert­rand Bonel­los L’A­pol­lo­ni­de (Sou­ve­nirs de la mai­son clo­se), in dem wie­der die wei­ße Unschuld, die grü­ne Natur vom Schat­ten einer töd­li­chen und bru­ta­len Lust ver­folgt wird.

Picnic at Hanging Rock3
Pic­nic at Han­ging Rock von Peter Weir

Hier muss man natür­lich die gro­ße Aus­nah­me nen­nen, einen Mann, der mich und mei­ne Angst vor dem Pick­nick immer wie­der the­ra­piert. Es ist Jonas Mekas, in des­sen Fil­men fast immer irgend­wann irgend­wer in einer Wie­se sitzt mit einer Fla­sche Wein in der schö­nen Welt und mit den Bil­dern um sich ver­schmilzt, hier kann man sich tat­säch­lich Zurück­le­hen, egal ob am Ende der Welt oder im Cen­tral Park. Dann gibt es da die­se Fil­me, die sich unab­hän­gig davon, ob sie ein Pick­nick beinhal­ten oder nicht, immer­zu so anfüh­len, als ob sie der Traum eines fried­li­chen Pick­nicks wären, klei­ne ver­spiel­te Land­par­tien in der Natur. Help von Richard Les­ter, Amar­cord von Feder­i­co Felli­ni oder In ano­ther coun­try von Hong Sang-soo wären hier zu nen­nen. Aber der Behag­lich­keit die­ser Fil­me ist kaum zu trau­en, denn es ist ja jene Behag­lich­keit, die in den ande­ren Fil­men erst der Aus­gang oder bes­ser Ein­gang des Schre­ckens ist. Wenn es nicht die­se Illu­sio­nen einer Pick­nick-Har­mo­nie gäbe, dann wäre die Fall­hö­he nicht so groß.

Daher kann man natür­lich auch bewaff­net zu einem Pick­nick kom­men wie in Levia­than von Andrey Zvyag­int­s­ev. Aber selbst die­se Bewaff­nung kann nicht gegen die Bedro­hung stand­hal­ten, denn wie der rus­si­sche Fil­me­ma­cher zeigt, sind die spon­ta­nen Regun­gen eines sol­chen Pick­nick-Dra­mas oft deut­lich vehe­men­ter und bru­ta­ler als die abs­trak­ten Grün­de für die­se Ver­lo­ren­heit in der Fels­land­schaft die­ser Erde. Wie­der ist es der Druck einer Lust, einer Lust des Ver­bor­ge­nen, die man des­halb aus­le­ben kann, weil man eben so vie­les sehen kann und dar­in so tief ver­schwin­den kann. Und in die­ser Umge­bung, in der Gewalt eben nicht nur von außen son­dern auch von innen kom­men kann, ist eine Bewaff­nung womög­lich fatal. In Short Cuts folgt prompt ein Erd­be­ben und been­det die­ses Spiel, als wäre das Grau­en einer Natur­ka­ta­stro­phe ein Aus­gleich für das Grau­en des Pick­nicks. Oh, die­se Kör­per beim Pick­nick, das Essen, die Natur, die Stil­le, das Fleisch, die Amei­sen. Es geht eine hyp­no­ti­sche Zärt­lich­keit davon aus, in der man sich ver­lie­ren kann trotz ihrer Gefahr und jetzt ver­ste­he ich auch mei­ne Angst vor einem Pick­nick, denn ein Pick­nick ist durch­aus wie ein Blick in die Pupil­len einer Eule. Das flir­ren­de, schwü­le einer Begeg­nung am Weges­rand, das Gras neigt sich, der Him­mel ist immer hell, ein Lächeln ver­deckt von der Son­ne selbst. Man muss sich nur die Pick­nicks in Blissful­ly Yours von Apichat­pong Weer­a­set­ha­kul vor Augen hal­ten. Hier fin­det ein Gefühl jen­seits der Figu­ren statt. Es liegt im Abstand der ver­lan­gen­den Gesich­ter und Kör­per beim Pick­nick, in den roten Amei­sen, die über das Essen klet­tern, es liegt im Sex, der mit dem Essen kommt; alles ist hier ein Tanz zwi­schen der Anzie­hung und dem Ekel, dem Hor­ror der Unschuld, dem unschul­di­gen Hor­ror, dem Dahin­trei­ben in der Lie­be und Sterb­lich­keit zugleich. Man hat irgend­wann kei­ne Kraft mehr bei einem Pick­nick. Man liegt nur noch dort und weiß nicht mehr wie man zurück­kom­men soll. Wohin zurück? Die Natur über­nimmt hier, weil Weer­a­set­ha­kul sie hin­ein­lässt. Bei ihm wirkt es nicht so als wür­den Men­schen in die Natur gehen son­dern als wür­de die Natur durch die Men­schen gehen. Blissful­ly Yours ist der ulti­ma­ti­ve Pick­nick­film, er macht das Gefühl und die Unsi­cher­heit eines Pick­nicks spür­bar, aber er geht noch einen Schritt wei­ter, denn die Stil­le ist hier nicht nur die Gewalt und Lust, sie ist auch die Sehn­sucht und die Sterblichkeit.

Blissfully Yours von Apichatpong Weerasethakul
Blissful­ly Yours von Apichat­pong Weerasethakul

Es ist daher kei­ne Über­ra­schung, dass der Tod auch in Vic­tor Sjö­ströms Kör­kar­len bei einer Art Pick­nick kommt. Die drei Freun­de sit­zen in der Nacht mit Wein und Ziga­ret­ten am Weges­rand. Es ist zuge­ge­ben kein wirk­li­ches Pick­nick, aber die Nacht hält die glei­che Ver­lo­ren­heit und Ein­sam­keit in der Stil­le bereit wie die Natur. Und da das Pick­nick eine Sache der Nacht am Tag ist, ist sie auch eine Sache des Kinos. Und so erhebt sich in Stal­ker von Andrey Tar­kow­ski, der auf Pick­nick am Weges­rand von Arka­di und Boris Stru­gaz­ki basiert, das Pick­nick auf sei­ne Ver­gan­gen­heit, auf etwas, was wir end­gül­tig nicht mehr grei­fen kön­nen. Denn es sind die Spu­ren einer Land­par­tie, die Zone und ihre unsicht­ba­re Gewalt, ihr unsicht­ba­res Gefühl, das hier lenkt. Die Zeit wird außer Kraft gesetzt und das Frem­de trifft end­gül­tig auf mich. Rührt daher mei­ne Angst? Ist es eine Angst vor dem Unbe­kann­ten, weil man bei einem Pick­nick immer das Ver­trau­te, das Begehr­te und das Eige­ne in eine frem­de Umge­bung bringt? Muss ich mich die­sem Frem­den stel­len wie in Wal­ka­bout? Oder muss ich eher das Frem­de in mein Begeh­ren las­sen, damit ich mich nicht mehr fürch­ten muss?

Partie de campagne von Jean Renoir
Par­tie de cam­pa­gne von Jean Renoir