Wie tot ist der spirituelle Filmemacher?

Pedro Cos­ta vor einer Grup­pe japa­ni­scher Filmstudenten:

“To dig­ress brief­ly, becau­se this is a very nice litt­le sto­ry: the­re was an old pro­fes­sor of film giving a cour­se on direc­tion, and he show­ed Dreyer’s film The Word (1954) to his stu­dents. At one moment, a few of the stu­dents laug­hed during the film, and after the end of the film, the pro­fes­sor said to them: ‘Look, if you start laug­hing when you hear the word ‹God,› you’­re never going to make a film.’”
Die blo­ße Vor­stel­lung, dass man bei einem Scree­ning von Carl Theo­dor Drey­ers “Ordet” über und nicht mit dem Film lacht (es gibt näm­lich eini­ge schwarz­hu­mo­ri­ge und komi­sche Augen­bli­cke), macht mir Angst.

„Ordet“ ist ein Film, der von mehr als einem kirch­li­chen Glau­ben erzählt. Es geht um einen nai­ven Glau­ben, einen kind­li­chen Glau­ben, an das Wesen mensch­li­chen Glau­bens über­haupt und die­ser muss nicht zwangs­läu­fig etwas mit der Kir­che oder einem Gott zu tun haben. Der Glau­be ist hier auch so etwas wie Hoff­nung, wie Wün­sche oder Lie­be. Mit einem Lachen über einen sol­chen Film wird Ernst­haf­tig­keit erneut unter einer abge­klär­ten Wel­le des Zynis­mus begra­ben. Das Spi­ri­tu­el­le soll in die­sem Arti­kel nicht auf sei­ne kirch­li­che, son­dern tat­säch­lich in sei­ner geistig/​geistlichen Bedeu­tung betrach­tet werden.

Ordet
Ordet

Cos­ta weiter:

“I tell this sto­ry becau­se film­ma­king is a very real and serious pro­fes­si­on. Serious means hea­vy, and some­ti­mes the weight of things can be very hea­vy. The weight of fee­lings is some­thing to hand­le with balan­ce and com­mon sen­se, and so we must never laugh when some­bo­dy speaks about God or the Devil. In effect, when we speak of God or the Devil in cine­ma, we’­re spea­king about good and evil, we’­re tal­king about peo­p­le. We’­re spea­king about our­sel­ves, about the Devil and the God in us, becau­se there’s no God up on high, and no Devil below.”

It’s cor­rect becau­se all the things in front of you, all the the­mes that you can try to film in your lives as direc­tors, the­se are always very serious things, even the come­dies or the gags that Chap­lin film­ed. The­se are always very serious things which, at bot­tom, are rela­ted to good and evil.”

Aber die von Cos­ta geschil­der­te Reak­ti­on beschreibt ein Zeit­al­ter, indem Kino etwas ver­lo­ren hat, das es frü­her noch aus der Gesell­schaft zie­hen konn­te: Glau­be. Das ist an sich kein Pro­blem, wahr­schein­lich ist es auch gut so, aber mit dem Glau­ben gehen auch Eigen­schaf­ten ver­lo­ren, die dem Kino und womög­lich der gan­zen Kunst eine Berech­ti­gung zur Erha­ben­heit geben, der sakra­le, spi­ri­tu­el­le Impe­tus, der einem bei Drey­er und auch bei And­rei Tar­kow­ski, Ing­mar Berg­man oder Robert Bres­son begeg­net. Mit ihm der eisi­ge, sur­rea­le Wind im Ton­de­sign, den Feder­i­co Felli­ni immer­zu über sei­ne Traum­se­quen­zen wirft, die sich damit völ­lig aus der Rea­li­tät erhe­ben. Mit ihm die Bereit­schaft kon­tem­pla­ti­ves Kino nicht als Pro­vo­ka­ti­on, son­dern als Schön­heit wahr­zu­neh­men. Mit ihm auch der Schock des Mys­ti­schen, Sur­rea­len oder Unver­ständ­li­chen. Ist heu­te etwas unver­ständ­lich, dann liegt das an Schwä­chen bezie­hungs­wei­se durch­schau­ten Inten­tio­nen des Fil­me­ma­chers, nicht mehr am Wesen des Films selbst.

Uncle Boonmee who can recall his past lives
Uncle Boon­mee who can recall his past lives

Nicht unbe­dingt die theo­lo­gi­sche Moti­vik ist in den Fil­men ver­lo­ren gegan­gen, son­dern der mora­li­sche Kon­flikt und sei­ne Bedeu­tung im Betrach­ter. Vor knapp einem Jahr wur­de ein Arti­kel von Vla­di­mir Lukin ver­öf­fent­licht, indem er eini­ge Bei­spie­le für Fil­me nennt, die mit der­ar­ti­gen Moti­ven arbei­ten. Er ver­neint aber deren Spi­ri­tua­li­tät zuguns­ten von Albert Ser­ra, einem Fil­me­ma­cher, der so sehr von Zynis­mus durch­drun­gen ist, dass es mir schwer fällt von einem spi­ri­tu­el­len Fil­me­ma­cher zu sprechen:

“Car­los Reygadas’s Silent Light and Bru­no Dumont’s Hade­wi­jch or Hors Satan pop into one’s mind imme­dia­te­ly. That being said, Rey­ga­das mere­ly retra­ced Dreyer’s foot­s­teps as he fashio­ned a sort of remake of Ordet to reiterate—re-frame at best—its cen­tral ques­ti­on of a mira­cle. In their pain­ful attempts to weld tog­e­ther the earth­ly and divi­ne kinds of love, Dumont’s cha­rac­ters, in essence, grapp­le with the forced coha­bi­ta­ti­on of body and soul, i.e., argu­ab­ly the key the­me to have dis­tur­bed the Wes­tern civi­liza­ti­on. Not­wi­th­stan­ding a string of other major cine­ma­tic works invo­king God’s pre­sence, from Lars von Trier’s Brea­king the Waves to Ter­rence Malick’s The Tree of Life, all of the abo­ve seem to be, first and fore­most, preoc­cu­p­ied with the cri­sis of faith, the noto­rious “death of God”; all of them fall short by deal­ing with humans and human concerns.”

Stellet Licht2
Stel­let Licht

Was Lukin hier­bei nicht beach­tet (obwohl er sei­nen Arti­kel in eine ande­re Rich­tung fährt, ich benut­ze ihn mal scham­los als Sprung­brett für eige­ne Gedan­ken), ist dass spi­ri­tu­el­les, sakra­les, glau­ben­des Fil­me­ma­chen in ers­ter Linie nicht auf inhalt­li­cher Ebe­ne von einer Über­zeu­gung vom Glau­ben erzählt, son­dern von einem Glau­ben an Kunst als ihren Ersatz. Damit mei­ne ich, dass im Film (sowie in der Lite­ra­tur, der Musik, der Male­rei usw.) immer die Kon­flik­te aus­ge­tra­gen wer­den, die auch Fra­gen des Glau­bens sind. In Cos­tas Wor­ten ist das bei­spiels­wei­se die Fra­ge nach Gut und Böse. Es ist eben auch der inne­re Zwei­fel, die Fra­ge der Schön­heit, der Kampf zwi­schen Ver­nunft und Irrationalität/​Trieben. Das wird auch über­all akzep­tiert, aber gefähr­lich wird es, wenn sich ein Film bewusst ist von was er erzählt. Gro­ße The­men-und es geht mir ja schon beim Lesen mei­ner eige­nen Zei­len so-füh­len sich heu­te unpas­send an. Dabei sind die­se Fra­gen ja nicht beant­wor­tet. Sowohl bei Rey­ga­das als auch bei Drey­er scho­cken uns die Wun­der am Ende. Sowas kann es nicht geben, sowas kann es nur im Film geben. Das mag sein, aber liegt nicht schon in die­ser Fest­stel­lung der Zwei­fel am Film selbst? Auch die­ser Zwei­fel erscheint mir berech­tigt, denn natür­lich ist Film immer genau­so viel Lüge wie Wahr­heit. Aber die Wahr­heit ist eben eine Spi­ri­tu­el­le, eine Sinn­li­che, eine Emotionale.

Viel­leicht muss man Film wei­ter­den­ken, viel­leicht ist Film nicht an die­se Wer­te gebun­den, ja viel­leicht ist es sehr gut, dass das Spi­ri­tu­el­le mehr und mehr aus den Kinos ver­schwin­det, hier und da mit Kitsch ver­wech­selt wird und so zumin­dest bei Stumpf­sin­ni­gen (nicht im über­tra­ge­nen, son­dern im tat­säch­li­chen Sinn) noch wei­ter­lebt. Aber wenn wir uns anse­hen, was Fil­me­ma­cher aus Asi­en noch immer mit dem Spi­ri­tu­el­len im Film anfan­gen, dann muss einem klar wer­den, dass es zum Wesen des Kinos gehört zu glau­ben. Das hängt damit zusam­men, dass die Bil­der, die sich vor uns abspie­len immer Zeug­nis­se der Ver­gan­gen­heit sind. Wir sind uns ihrer Kon­struk­ti­on und unse­rer Ima­gi­na­ti­on bewusst, also müs­sen wir glau­ben, um füh­len zu kön­nen, um es ernst zu neh­men, um den Bil­dern und Tönen fol­gen zu kön­nen. Die leben­den Toten bei Apichat­pong Weer­a­set­ha­kul, die Geis­ter des All­tags, die mal da sind und mal nicht heben den Raum und die Zeit sei­ner Fil­me in die Unend­lich­keit. Ähn­li­ches gilt für Tsai Ming-Liang. Da es sich hier­bei um äußerst moder­ne Fil­me­ma­cher han­delt, kann man schlecht von einer Sache der Ver­gan­gen­heit spre­chen. Viel­mehr scheint es, eine Sache der Kul­tur zu sein. Aber war­um kann ich dann etwas damit anfan­gen? Kennt Kino eine Kultur?

Ordet
Ordet

Das Spi­ri­tu­el­le im Film hängt nicht nur bei Malicks eso­te­ri­schen Ergüs­sen immer an der Natur. Es ist bezeich­nend, dass sowohl „Ordet“ von Drey­er als auch „Uncle Boon­mee Who Can Recall His Past Lives“ von Weer­a­set­ha­kul“ und „Sátán­tan­gó“ von Béla Tarr, drei Fil­me, die unse­ren Glau­ben, Aber­glau­ben und damit auch unse­re Ängs­te und Träu­me erschüt­tern und bele­ben, mit Ein­stel­lun­gen von Tie­ren begin­nen. Eine unheim­li­che Ruhe geht von die­sen Bil­dern aus. Ein Bewusst­sein von der Grö­ße der Welt und der Bedeu­tung und Bedeu­tungs­lo­sig­keit einer Exis­tenz. Davon läuft man weg, wenn man sich immer­zu der Län­ge die­ser Ein­stel­lun­gen bewusst ist, wenn man ver­sucht sie wäh­rend des Sehens, mit sei­ner Welt­sicht in Ein­klang zu brin­gen. Hier liegt näm­lich ein Pro­blem: Weltsicht.

Ich bemer­ke selbst bei mei­nen Erfah­run­gen mit Ter­rence Malick. Ich sto­ße an mei­ne Gren­zen. Es ist nicht leicht, an spi­ri­tu­el­les Fil­me­ma­chen zu glau­ben, wenn man der Welt­sicht des Regis­seurs nicht fol­gen kann. Nur scheint es mir para­dox, dass wir dann auch der Schön­heit des Kinos selbst nicht mehr fol­gen wol­len. Natür­lich ist Kino immer ein Pro­dukt sei­ner Zeit, aber-auch wenn vie­le Unver­bes­ser­li­che nicht dar­an glau­ben-Kino ist auch ein indi­vi­du­el­les Pro­dukt. Die feh­len­de Akzep­tanz der Autoren­theo­rie ist es näm­lich, die hin­ter dem dro­hen­den Ver­schwin­den des spi­ri­tu­el­len Fil­me­ma­chers ste­hen könn­te. Da gibt es einen Groß­teil an Men­schen, die sich schlicht nicht für sowas wie Autoren inter­es­siert, weil sie sich mehr für Gesich­ter inter­es­siert. Dann gibt es jene unfass­bar schlau­en Men­schen, die pene­trant dar­auf hin­wei­sen, dass ein Film immer im Team ent­steht. Dan­ke für die­sen Hin­weis, dass gilt ers­tens nicht für jede Form des fil­mi­schen Aus­drucks und zwei­tens hat es nichts, aber auch gar nichts mit der Autoren­theo­rie zu tun bezie­hungs­wei­se ist davon aus­zu­ge­hen, dass sich jeder erfolg­rei­che Auteur der Tat­sa­che bewusst ist, dass sie/​er einen Film nicht allei­ne dreht. Und schließ­lich gibt es die gro­ße Men­ge der sub­jek­ti­ven Film­be­herr­scher (zu der wahr­schein­lich jeder mehr oder weni­ger gehört), die einen Film durch ihre sub­jek­ti­ve Reak­ti­on, durch ihr Wis­sen und ihre Nach­for­schun­gen ein­ord­nen, klas­si­fi­zie­ren und somit ent­mys­ti­fi­zie­ren. Damit stirbt der indi­vi­du­el­le Aus­druck, der sich gegen die Norm, gegen die Akzep­tanz und auch gegen das Wer­te­sys­tem stel­len kann. Der indi­vi­du­el­le Aus­druck ist nicht wirk­lich erwünscht, es sei denn er hat Gesich­ter oder er trifft auf die eige­ne Sub­jek­ti­vi­tät. Dabei wäre es so ein­fach, an das Kino zu glau­ben. Damit stirbt auch das Mys­te­riö­se. Alles wird ein­ge­ord­net und erläu­tert, es gibt kei­ne Geheim­nis­se mehr, kei­ne (wie das ein Freund vor kur­zem schön for­mu­lier­te) Zau­ber­män­tel, die sich Regis­seu­re umhängen.

Yella
Yel­la

Unter den weni­gen deut­schen Fil­men jün­ge­ren Datums, die das Mys­te­riö­se noch umar­men, waren Chris­ti­an Pet­zolds „Yel­la“, „Gespens­ter“ und eigent­lich mehr „Jeri­chow“ denn „Die inne­re Sicher­heit“, der eigent­lich zur Gespens­ter-Tri­lo­gie gerech­net wird. Dort wird die poli­ti­sche Vergangenheit/​Gegenwart plötz­lich spi­ri­tu­ell. Pet­zold zeigt, dass das Spi­ri­tu­el­le auch immer eine Fra­ge der Form ist. Ste­ady­cam-Fahr­ten, Tie­fen­schär­fe oder eine mini­ma­le Defor­ma­ti­on im Ton­de­sign erhe­ben sei­ne Fil­me und las­sen die schein­ba­re Rea­li­tät lang­sam ver­sin­ken. Nach außen hin regiert in den Fil­men Ver­nunft. Aber in ihrer inne­ren Logik, beginnt sich das Fest­hal­ten an der Nüch­tern­heit, am Zynis­mus auf­zu­lö­sen. Damit gelingt es Pet­zold, auch die Zyni­ker mit in sein Boot zu neh­men. Denn er lädt sie ein, er sagt: Schaut her, hier ist alles wie es sein soll­te! Und ehe man es bemerkt hat, beginnt man zu glauben.

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Yel­la

Wer ein wenig nur an das Kino glaubt, wird erstaunt wer­den von „Ordet“. Er wird den Film in jeder Sekun­de erst neh­men müs­sen. Soll­te das nicht mehr gelin­gen, wäre der spi­ri­tu­el­le Fil­me­ma­cher wirk­lich gestor­ben. Aber noch ver­mag er bei jedem neu­em Sehen zum Leben erweckt werden.