Die Fahrt in den Raum ist ein lauernder Tiger

An man­chen Tagen stellt man sich die Fra­ge, war­um einen aus­ge­rech­net das Kino ver­führt hat.

(Eigent­lich stellt man sich die­se Fra­ge jeden Tag, denn man ver­liebt sich immer wie­der neu)

Ich glau­be immer wie­der mal, eine Ant­wort für mich gefun­den zu haben. Heu­te und ges­tern ist die­se Ant­wort: Die Fahrt in den Raum. Damit mei­ne ich jene Ent­schei­dun­gen der Kame­ra, näher zu gehen, etwa zu suchen, ein­zu­drin­gen. Es ist in die­sen Bewe­gun­gen, in denen die Illu­si­on gebo­ren wird, hier kommt es zur Berüh­rung mei­ner Augen mit der Lein­wand. Es gibt ganz unter­schied­li­che Aus­prä­gun­gen einer sol­chen Fahrt. Es gibt seit jeher den Phan­tom Ride, jene Metho­de, in der wir uns mit der Kame­ra auf einem sich bewe­gen­den Fahr­zeug befin­den und mit ihr in die Welt, die Welt des Films fah­ren. Hier ver­steckt sich die Mög­lich­keit einer Rei­se ohne Bewe­gung, das bewe­gungs­lo­se Drif­ten ist ein Träu­men in den Augen des Kinos, ich kann völ­lig unbe­weg­lich sein, krank und ver­fault und doch mit der Kame­ra in die wei­te Welt hin­aus. Es reicht mir manch­mal nicht, wenn die­se wei­te Welt durch einen Schnitt plötz­lich vor mir liegt. Ich muss den Weg spü­ren, sehen, hören. Ich habe viel über die Züge und Phan­tom Rides bei Hou Hsiao-Hsi­en geschrie­ben, aber der ulti­ma­ti­ve Phan­tom Ride sei­nes Kinos ist gar kein Phan­tom Ride und fin­det sich in Good­bye, South Good­bye, eine lan­ge Motor­rad­fahrt auf einer schma­len Berg­stra­ße. Es ist des­halb ein so gelun­ge­ner Phan­tom Ride, weil er sich selbst in sei­ner Bewe­gung ver­liert. Bei einem sol­chen Phan­tom Ride geht es nicht um das Ziel der Bewe­gung, die Bewe­gung selbst ist das Ziel. Bei bes­se­ren Grif­fith Fil­men wie Way Down East ver­legt sich die­se Bewe­gung sogar in die Mon­ta­ge, die wie Eis­schol­len durch die Fil­me trei­ben. Ist es also die Bewe­gung durch den Raum, die mich verführt?

Oder ist es viel­mehr die Zeit, die in die­sen Raum geschrie­ben wird? Fil­me­ma­cher wie Belá Tarr oder Jia Zhang-ke arbei­ten bestän­dig mit die­ser Ver­zeit­li­chung der Bil­der. Bei ihnen bedeu­tet eine Fahrt in den Raum auch nicht zwangs­läu­fig eine Fahrt nach vor­ne. Sie kann seit­lich ver­lau­fen wie zu Beginn von Sátán­tan­gó, sie kann sich dia­go­nal-schwen­kend vor­wärts­be­we­gen wie häu­fig in Still Life. In die­sen Kame­ra­be­we­gun­gen sam­meln sich die Geschich­te, die Poli­tik und die Poe­tik der Figu­ren und ihrer Umge­bun­gen. Vor allem sind es wohl die Erin­ne­run­gen. Es gibt aber eine ganz ande­re Fra­ge an sol­che Bewe­gun­gen, die man mit der berühm­ten vor­letz­ten Ein­stel­lung in Michel­an­ge­los Anto­nio­nis Pro­fes­sio­ne: repor­ter dis­ku­tie­ren kann. In der Sze­ne dreht sich die Kame­ra durch ein Git­ter hin­durch um 360 Grad und lässt wich­ti­ge Hand­lun­gen Off-Screen pas­sie­ren, obwohl man sich fra­gen kann, ob das ent­schei­den­de Ele­ment der Sze­ne nicht die Bewe­gung der Kame­ra selbst ist. Die Fra­ge lau­tet, ob sol­che Kame­ra­be­we­gun­gen ein distan­zier­tes Schau­en des Fil­me­ma­chers bedeu­ten, in dem die auto­no­me Kame­ra sozu­sa­gen die Frei­heit der Aus­wahl des Blicks beleuch­tet oder ob wir in die­sen Bewe­gun­gen die Bewe­gung der See­le des und der Prot­ago­nis­ten nach­emp­fin­den, eine Zustands­be­schrei­bung, die eben mit Fil­me­ma­cher wie Tarr an der Zeit hängt, bei ande­ren an der Sinn­lich­keit, spi­ri­tu­el­len Erhe­bun­gen, Ero­tik und Lust oder doch dem kine­ma­to­gra­phi­schen Selbst­zweck, einer Mas­tur­ba­ti­on der Bewe­gung (wie bei Hou Hsiao-Hsi­en, obwohl die­ser auch ger­ne mit der Geschicht­lich­keit arbei­tet). Die flie­ßen­de Kame­ra ist also ein Aus­druck inne­rer Zustän­de und der Macht der Sicht­bar­ma­chung zugleich. Sie ver­mag eine Erfah­rung der Gefüh­le zu geben (das gilt immer wie­der auch für Sta­tik) und gleich­zei­tig hin­ter den fra­gi­len Schlei­er bli­cken, der die­se Gefüh­le verbirgt.

Der Schuss danach: Professione: reporter
Der Schuss danach: Pro­fes­sio­ne: reporter

Ein­zig der ner­vö­se Zustand scheint mir in der Mon­ta­ge bes­ser auf­ge­ho­ben, aber ein Schnitt nimmt ihm auch das Erdrü­cken­de der Zeit. Das Fieb­ri­ge, Ner­vö­se, Pani­sche zeich­net sich weni­ger dadurch aus, dass man die Zeit ver­liert wie in den schnel­len Schnit­ten, die man­che Fil­me­ma­cher dafür ver­wen­den, son­dern gera­de dadurch, dass die Zeit nicht auf­hört, nicht unter­bro­chen wird, sich nicht ver­än­dern lässt. Das Flie­ßen­de müss­te also ver­stört wer­den. Hier kann der Ton eine enor­me Rol­le spie­len, denn auch er bewegt sich durch die Zeit und den Raum. Carl Theo­dor Drey­er hat mal geäu­ßert, dass ein Ver­ständ­nis für die Exis­tenz von Tönen, die immer exis­tie­ren auch in dra­ma­ti­schen Sze­nen wich­tig wäre. Es geht also dar­um, dass man das Flug­zeug am Him­mel auch hört, wenn man stirbt, es geht um eine Unauf­halt­sam­keit der Welt und eine indi­vi­du­el­le Nich­tig­keit im Strom der Zeit. Töne drin­gen bestän­dig in die Räu­me ein und das Kino tut gut dar­an, das zu doku­men­tie­ren statt – wie so oft im indus­tri­el­len Kino – das Dra­ma zu isolieren.
Die Gleich­zei­tig­keit der Din­ge wie sie auch in einer sta­ti­schen Ein­stel­lung, die sich durch den Raum bewegt, fin­det, näm­lich jener Tisch­sze­ne in Cris­ti­an Mun­gi­us 4 luni, 3 săp­tămâ­ni și 2 zile ist ent­schei­dend für die Wahr­neh­mung des Kinos. Hän­de und Stim­men grei­fen in den Kader, sie oszil­lie­ren zwi­schen On- und Off-Screen, unser Blick wird gelenkt, aber er wird mit­ten im Cha­os gelenkt. Es geht hier um die Kon­trol­le des unkon­trol­lier­ba­ren Lebens. Die­ses Gefühl erweckt sich bei mir nur, wenn das Leben auch dort ist, das Leben auf Film. Erst dann machen Din­ge wie Framing, Sound-Design oder Licht­set­zung Sinn. Es geht nicht dar­um, einen Dia­log oder ein Gesicht aus dem Film zu neh­men und es nach vor­ne zu holen, sodass wir es alle sehen kön­nen, es geht dar­um das Gesicht oder den Dia­log im Film so zu insze­nie­ren, dass wir sowie­so dort hin­se­hen, auch wenn wir in jeder ande­ren Ecke auch etwas span­nen­des sehen wür­den. Ähn­lich ver­hält es sich in der Male­rei, nur dass es im Film die Macht der Bewe­gung gibt.

Die Zufahr­ten in The­re Will Be Blood von Paul Tho­mas Ander­son (wie in jedem sei­ner Fil­me) sind pures Kino. Sie exis­tie­ren exakt zwi­schen der abso­lu­ten Kon­trol­le eines Fil­me­ma­chers im Stil eines Stan­ley Kubricks und der völ­li­gen Offen­heit der Welt. In die­sen Fahr­ten in den Raum offen­ba­ren sich die Sicher­heit eines manisch aus­ge­lösch­ten Zwei­fels (Kubrick) und die Essenz die­ses Zwei­fels selbst (Tar­kow­ski). Ander­son zele­briert den Rausch der Bewe­gung, um im Gesicht einer Emo­ti­on zu lan­den. Aber auch die Fahrt selbst berührt schon die Wahr­heit und die Hin­ter­grün­de die­ser Emo­ti­on. Was hier etwas abge­ho­ben klingt, soll eigent­lich nur hei­ßen: Eine Kame­ra­fahrt auf ein Objekt zu, erzählt immer zur glei­chen Zeit, von dem, was es filmt und von der Fahrt selbst. Was bedeu­ten die­se Fahr­ten? Sind sie der neu­gie­ri­ge Blick, der schwei­fen­de Blick, der suchen­de Blick, der täu­schen­de Blick, sind sie ein Blick? Oder sind sie tat­säch­lich eine Pene­tra­ti­on, eine Aggres­si­vi­tät, ein Tabu wie Jac­ques Rivet­te das über Gil­lo Pon­te­cor­vo geschrie­ben hat. Es ist mit Sicher­heit so, dass man nicht immer auf etwas zufah­ren soll­te, oder? Man muss vor­sich­tig sein. Für das rus­ti­ka­le Sehen schie­nen mir immer Schnitt oder Zoom geeig­ne­ter. Eine Zufahrt ist etwas zer­brech­li­ches, sie ist wie das ers­te Wort an eine schö­ne Frau, der ers­te Kuss, die Zehen­spit­zen im küh­len Was­ser nach einem lan­gen Win­ter. Genau dar­in liegt ihre Schön­heit. Sie kann zugleich vom Zögern und der Vor­sicht des Kinos erzäh­len als auch von der Über­zeu­gung und dem Mut. Wenn ein Fil­me­ma­cher Fahr­ten ganz bewusst und nicht andau­ernd ein­setzt wie bei­spiels­wei­se Man­oel de Oli­vei­ra oder Apichat­pong Weer­a­set­ha­kul (unter­drück­te Gefüh­le als per­fek­tes Inter­es­se für eine Kame­ra­fahrt, die zugleich ent­blößt und beklei­det?), dann wirkt der Ein­satz die­ser Sti­lis­tik wie der muti­ge Schritt in ein neu­es Leben oder ein ers­ter Atem­zug nach einer Dür­re. Einen ähn­li­chen Effekt erzie­len Fil­me­ma­cher immer wie­der mit Musik, die erst spät im Film ein­setzt. Bei­spie­le hier­für wären Jau­ja von Lisan­dro Alon­so und El cant dels ocells von Albert Ser­ra. Die Kame­ra­fahrt in den Raum ist wie ein lau­ern­der Tiger. (wenn sie rich­tig ein­ge­setzt wird: bewusst, behut­sam, zärt­lich, gewaltvoll).

Den Raum für die Fahrt finden: There Will Be Blood
Den Raum für die Fahrt fin­den: The­re Will Be Blood

Die ers­te Ein­stel­lung in Man Hunt von Fritz Lang, mehr eine Kran­fahrt denn eine Zufahrt und doch bei­des zugleich: Eine Auf­blen­de und ein Titel: „Some­whe­re in Ger­ma­ny- short­ly befo­re the War“ und schon bewe­gen wir uns durch ein für Deutsch­land eher unty­pi­sches Gestrüpp, ganz so als wären wir in The Thin Red Line von Ter­rence Malick, Grä­ser fas­sen in unser Augen, sie nei­gen sich im Wind der sich bewe­gen­den Kame­ra. Nebel steigt auf vom Boden, die Mit­te des Bil­des ist erwar­tungs­voll leer, eine uner­träg­li­che Span­nung und Kon­zen­tra­ti­on liegt in den Sekun­den. Son­nen­licht drückt durch den dicken Wald und Nebel, die Kame­ra rich­tet sich lang­sam auf den Boden, als wür­de sie Spu­ren suchen. (eine ähn­li­che Ein­stel­lung zu Beginn eines Films fin­det sich in The Big Lebow­ski von den Coen-Brü­dern). Eine flie­ßen­de Blen­de und nun ent­de­cken wir tat­säch­lich eine Spur auf dem Boden, eine mensch­li­che Fuß­spur auf san­di­gem Unter­grund. Die Kame­ra bewegt sich kon­ti­nu­ier­lich in der glei­chen Geschwin­dig­keit wei­ter und eine wei­te­re flie­ßen­de Blen­de bringt uns zum Held des Films, einem Jäger im Wald, einem lau­ern­den Tiger (wir den­ken an Tro­pi­cal Mala­dy von Apichat­pong Weer­a­set­ha­kul, aber trau­en uns nicht zu spre­chen, ob der greif­ba­ren Span­nung, die uns auch an die Fahrt des Boo­tes in das Lager von Bran­do in Apo­ca­lyp­se Now den­ken lässt mit Trom­meln aus der Fer­ne und einem Tiger im Film). Die Kame­ra und der Jäger ver­har­ren, sie bli­cken sich um, ein leich­ter Schwenk. Ein Geräusch. Der Jäger weicht zurück und hält sich an einem Baum fest. Die Kame­ra schwenkt leicht nach unten. Sie hat ihre Beu­te, den Hel­den längst im Visier, sie ist im Vor­teil. An die­ser Stel­le schnei­det Lang zum ers­ten Mal in einen POV sei­ner Haupt­fi­gur, also just an der Stel­le, an der er die­se gefun­den hat. Erst die Kon­trol­ler durch die Fahrt hat den Weg frei gemacht für eine bewusst-klas­si­sche Mon­ta­ge. Wie der Jäger selbst hat sich die Kame­ra durch den Wald her­an­ge­pirscht. Vie­le Fil­me begin­nen bei der Jagd, vie­le Fil­me begin­nen mit einer Fahrt.

Man Hunt von Fritz Lang
Man Hunt von Fritz Lang

Die bes­ten Fil­me fin­den ihre Beu­te nie. Sie strei­fen umher, lösen sich wie­der, sehen etwas, sehen nichts, wol­len etwas sehen, sie sind zu weit weg, zu nah, sie haben eine rich­ti­ge Posi­ti­on, sie war­ten, sie suchen, sie schla­fen, sie bewe­gen sich und bewe­gen sich und bewe­gen sich und irgend­wann schie­ßen sie uns direkt ins Herz.