Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Die Fahrt in den Raum ist ein lauernder Tiger

An man­chen Tagen stellt man sich die Fra­ge, war­um einen aus­ge­rech­net das Kino ver­führt hat.

(Eigent­lich stellt man sich die­se Fra­ge jeden Tag, denn man ver­liebt sich immer wie­der neu)

Ich glau­be immer wie­der mal, eine Ant­wort für mich gefun­den zu haben. Heu­te und ges­tern ist die­se Ant­wort: Die Fahrt in den Raum. Damit mei­ne ich jene Ent­schei­dun­gen der Kame­ra, näher zu gehen, etwa zu suchen, ein­zu­drin­gen. Es ist in die­sen Bewe­gun­gen, in denen die Illu­si­on gebo­ren wird, hier kommt es zur Berüh­rung mei­ner Augen mit der Lein­wand. Es gibt ganz unter­schied­li­che Aus­prä­gun­gen einer sol­chen Fahrt. Es gibt seit jeher den Phan­tom Ride, jene Metho­de, in der wir uns mit der Kame­ra auf einem sich bewe­gen­den Fahr­zeug befin­den und mit ihr in die Welt, die Welt des Films fah­ren. Hier ver­steckt sich die Mög­lich­keit einer Rei­se ohne Bewe­gung, das bewe­gungs­lo­se Drif­ten ist ein Träu­men in den Augen des Kinos, ich kann völ­lig unbe­weg­lich sein, krank und ver­fault und doch mit der Kame­ra in die wei­te Welt hin­aus. Es reicht mir manch­mal nicht, wenn die­se wei­te Welt durch einen Schnitt plötz­lich vor mir liegt. Ich muss den Weg spü­ren, sehen, hören. Ich habe viel über die Züge und Phan­tom Rides bei Hou Hsiao-Hsi­en geschrie­ben, aber der ulti­ma­ti­ve Phan­tom Ride sei­nes Kinos ist gar kein Phan­tom Ride und fin­det sich in Good­bye, South Good­bye, eine lan­ge Motor­rad­fahrt auf einer schma­len Berg­stra­ße. Es ist des­halb ein so gelun­ge­ner Phan­tom Ride, weil er sich selbst in sei­ner Bewe­gung ver­liert. Bei einem sol­chen Phan­tom Ride geht es nicht um das Ziel der Bewe­gung, die Bewe­gung selbst ist das Ziel. Bei bes­se­ren Grif­fith Fil­men wie Way Down East ver­legt sich die­se Bewe­gung sogar in die Mon­ta­ge, die wie Eis­schol­len durch die Fil­me trei­ben. Ist es also die Bewe­gung durch den Raum, die mich verführt?

Oder ist es viel­mehr die Zeit, die in die­sen Raum geschrie­ben wird? Fil­me­ma­cher wie Belá Tarr oder Jia Zhang-ke arbei­ten bestän­dig mit die­ser Ver­zeit­li­chung der Bil­der. Bei ihnen bedeu­tet eine Fahrt in den Raum auch nicht zwangs­läu­fig eine Fahrt nach vor­ne. Sie kann seit­lich ver­lau­fen wie zu Beginn von Sátán­tan­gó, sie kann sich dia­go­nal-schwen­kend vor­wärts­be­we­gen wie häu­fig in Still Life. In die­sen Kame­ra­be­we­gun­gen sam­meln sich die Geschich­te, die Poli­tik und die Poe­tik der Figu­ren und ihrer Umge­bun­gen. Vor allem sind es wohl die Erin­ne­run­gen. Es gibt aber eine ganz ande­re Fra­ge an sol­che Bewe­gun­gen, die man mit der berühm­ten vor­letz­ten Ein­stel­lung in Michel­an­ge­los Anto­nio­nis Pro­fes­sio­ne: repor­ter dis­ku­tie­ren kann. In der Sze­ne dreht sich die Kame­ra durch ein Git­ter hin­durch um 360 Grad und lässt wich­ti­ge Hand­lun­gen Off-Screen pas­sie­ren, obwohl man sich fra­gen kann, ob das ent­schei­den­de Ele­ment der Sze­ne nicht die Bewe­gung der Kame­ra selbst ist. Die Fra­ge lau­tet, ob sol­che Kame­ra­be­we­gun­gen ein distan­zier­tes Schau­en des Fil­me­ma­chers bedeu­ten, in dem die auto­no­me Kame­ra sozu­sa­gen die Frei­heit der Aus­wahl des Blicks beleuch­tet oder ob wir in die­sen Bewe­gun­gen die Bewe­gung der See­le des und der Prot­ago­nis­ten nach­emp­fin­den, eine Zustands­be­schrei­bung, die eben mit Fil­me­ma­cher wie Tarr an der Zeit hängt, bei ande­ren an der Sinn­lich­keit, spi­ri­tu­el­len Erhe­bun­gen, Ero­tik und Lust oder doch dem kine­ma­to­gra­phi­schen Selbst­zweck, einer Mas­tur­ba­ti­on der Bewe­gung (wie bei Hou Hsiao-Hsi­en, obwohl die­ser auch ger­ne mit der Geschicht­lich­keit arbei­tet). Die flie­ßen­de Kame­ra ist also ein Aus­druck inne­rer Zustän­de und der Macht der Sicht­bar­ma­chung zugleich. Sie ver­mag eine Erfah­rung der Gefüh­le zu geben (das gilt immer wie­der auch für Sta­tik) und gleich­zei­tig hin­ter den fra­gi­len Schlei­er bli­cken, der die­se Gefüh­le verbirgt.

Der Schuss danach: Professione: reporter
Der Schuss danach: Pro­fes­sio­ne: reporter

Ein­zig der ner­vö­se Zustand scheint mir in der Mon­ta­ge bes­ser auf­ge­ho­ben, aber ein Schnitt nimmt ihm auch das Erdrü­cken­de der Zeit. Das Fieb­ri­ge, Ner­vö­se, Pani­sche zeich­net sich weni­ger dadurch aus, dass man die Zeit ver­liert wie in den schnel­len Schnit­ten, die man­che Fil­me­ma­cher dafür ver­wen­den, son­dern gera­de dadurch, dass die Zeit nicht auf­hört, nicht unter­bro­chen wird, sich nicht ver­än­dern lässt. Das Flie­ßen­de müss­te also ver­stört wer­den. Hier kann der Ton eine enor­me Rol­le spie­len, denn auch er bewegt sich durch die Zeit und den Raum. Carl Theo­dor Drey­er hat mal geäu­ßert, dass ein Ver­ständ­nis für die Exis­tenz von Tönen, die immer exis­tie­ren auch in dra­ma­ti­schen Sze­nen wich­tig wäre. Es geht also dar­um, dass man das Flug­zeug am Him­mel auch hört, wenn man stirbt, es geht um eine Unauf­halt­sam­keit der Welt und eine indi­vi­du­el­le Nich­tig­keit im Strom der Zeit. Töne drin­gen bestän­dig in die Räu­me ein und das Kino tut gut dar­an, das zu doku­men­tie­ren statt – wie so oft im indus­tri­el­len Kino – das Dra­ma zu isolieren.
Die Gleich­zei­tig­keit der Din­ge wie sie auch in einer sta­ti­schen Ein­stel­lung, die sich durch den Raum bewegt, fin­det, näm­lich jener Tisch­sze­ne in Cris­ti­an Mun­gi­us 4 luni, 3 săp­tămâ­ni și 2 zile ist ent­schei­dend für die Wahr­neh­mung des Kinos. Hän­de und Stim­men grei­fen in den Kader, sie oszil­lie­ren zwi­schen On- und Off-Screen, unser Blick wird gelenkt, aber er wird mit­ten im Cha­os gelenkt. Es geht hier um die Kon­trol­le des unkon­trol­lier­ba­ren Lebens. Die­ses Gefühl erweckt sich bei mir nur, wenn das Leben auch dort ist, das Leben auf Film. Erst dann machen Din­ge wie Framing, Sound-Design oder Licht­set­zung Sinn. Es geht nicht dar­um, einen Dia­log oder ein Gesicht aus dem Film zu neh­men und es nach vor­ne zu holen, sodass wir es alle sehen kön­nen, es geht dar­um das Gesicht oder den Dia­log im Film so zu insze­nie­ren, dass wir sowie­so dort hin­se­hen, auch wenn wir in jeder ande­ren Ecke auch etwas span­nen­des sehen wür­den. Ähn­lich ver­hält es sich in der Male­rei, nur dass es im Film die Macht der Bewe­gung gibt.

Die Zufahr­ten in The­re Will Be Blood von Paul Tho­mas Ander­son (wie in jedem sei­ner Fil­me) sind pures Kino. Sie exis­tie­ren exakt zwi­schen der abso­lu­ten Kon­trol­le eines Fil­me­ma­chers im Stil eines Stan­ley Kubricks und der völ­li­gen Offen­heit der Welt. In die­sen Fahr­ten in den Raum offen­ba­ren sich die Sicher­heit eines manisch aus­ge­lösch­ten Zwei­fels (Kubrick) und die Essenz die­ses Zwei­fels selbst (Tar­kow­ski). Ander­son zele­briert den Rausch der Bewe­gung, um im Gesicht einer Emo­ti­on zu lan­den. Aber auch die Fahrt selbst berührt schon die Wahr­heit und die Hin­ter­grün­de die­ser Emo­ti­on. Was hier etwas abge­ho­ben klingt, soll eigent­lich nur hei­ßen: Eine Kame­ra­fahrt auf ein Objekt zu, erzählt immer zur glei­chen Zeit, von dem, was es filmt und von der Fahrt selbst. Was bedeu­ten die­se Fahr­ten? Sind sie der neu­gie­ri­ge Blick, der schwei­fen­de Blick, der suchen­de Blick, der täu­schen­de Blick, sind sie ein Blick? Oder sind sie tat­säch­lich eine Pene­tra­ti­on, eine Aggres­si­vi­tät, ein Tabu wie Jac­ques Rivet­te das über Gil­lo Pon­te­cor­vo geschrie­ben hat. Es ist mit Sicher­heit so, dass man nicht immer auf etwas zufah­ren soll­te, oder? Man muss vor­sich­tig sein. Für das rus­ti­ka­le Sehen schie­nen mir immer Schnitt oder Zoom geeig­ne­ter. Eine Zufahrt ist etwas zer­brech­li­ches, sie ist wie das ers­te Wort an eine schö­ne Frau, der ers­te Kuss, die Zehen­spit­zen im küh­len Was­ser nach einem lan­gen Win­ter. Genau dar­in liegt ihre Schön­heit. Sie kann zugleich vom Zögern und der Vor­sicht des Kinos erzäh­len als auch von der Über­zeu­gung und dem Mut. Wenn ein Fil­me­ma­cher Fahr­ten ganz bewusst und nicht andau­ernd ein­setzt wie bei­spiels­wei­se Man­oel de Oli­vei­ra oder Apichat­pong Weer­a­set­ha­kul (unter­drück­te Gefüh­le als per­fek­tes Inter­es­se für eine Kame­ra­fahrt, die zugleich ent­blößt und beklei­det?), dann wirkt der Ein­satz die­ser Sti­lis­tik wie der muti­ge Schritt in ein neu­es Leben oder ein ers­ter Atem­zug nach einer Dür­re. Einen ähn­li­chen Effekt erzie­len Fil­me­ma­cher immer wie­der mit Musik, die erst spät im Film ein­setzt. Bei­spie­le hier­für wären Jau­ja von Lisan­dro Alon­so und El cant dels ocells von Albert Ser­ra. Die Kame­ra­fahrt in den Raum ist wie ein lau­ern­der Tiger. (wenn sie rich­tig ein­ge­setzt wird: bewusst, behut­sam, zärt­lich, gewaltvoll).

Den Raum für die Fahrt finden: There Will Be Blood
Den Raum für die Fahrt fin­den: The­re Will Be Blood

Die ers­te Ein­stel­lung in Man Hunt von Fritz Lang, mehr eine Kran­fahrt denn eine Zufahrt und doch bei­des zugleich: Eine Auf­blen­de und ein Titel: „Some­whe­re in Ger­ma­ny- short­ly befo­re the War“ und schon bewe­gen wir uns durch ein für Deutsch­land eher unty­pi­sches Gestrüpp, ganz so als wären wir in The Thin Red Line von Ter­rence Malick, Grä­ser fas­sen in unser Augen, sie nei­gen sich im Wind der sich bewe­gen­den Kame­ra. Nebel steigt auf vom Boden, die Mit­te des Bil­des ist erwar­tungs­voll leer, eine uner­träg­li­che Span­nung und Kon­zen­tra­ti­on liegt in den Sekun­den. Son­nen­licht drückt durch den dicken Wald und Nebel, die Kame­ra rich­tet sich lang­sam auf den Boden, als wür­de sie Spu­ren suchen. (eine ähn­li­che Ein­stel­lung zu Beginn eines Films fin­det sich in The Big Lebow­ski von den Coen-Brü­dern). Eine flie­ßen­de Blen­de und nun ent­de­cken wir tat­säch­lich eine Spur auf dem Boden, eine mensch­li­che Fuß­spur auf san­di­gem Unter­grund. Die Kame­ra bewegt sich kon­ti­nu­ier­lich in der glei­chen Geschwin­dig­keit wei­ter und eine wei­te­re flie­ßen­de Blen­de bringt uns zum Held des Films, einem Jäger im Wald, einem lau­ern­den Tiger (wir den­ken an Tro­pi­cal Mala­dy von Apichat­pong Weer­a­set­ha­kul, aber trau­en uns nicht zu spre­chen, ob der greif­ba­ren Span­nung, die uns auch an die Fahrt des Boo­tes in das Lager von Bran­do in Apo­ca­lyp­se Now den­ken lässt mit Trom­meln aus der Fer­ne und einem Tiger im Film). Die Kame­ra und der Jäger ver­har­ren, sie bli­cken sich um, ein leich­ter Schwenk. Ein Geräusch. Der Jäger weicht zurück und hält sich an einem Baum fest. Die Kame­ra schwenkt leicht nach unten. Sie hat ihre Beu­te, den Hel­den längst im Visier, sie ist im Vor­teil. An die­ser Stel­le schnei­det Lang zum ers­ten Mal in einen POV sei­ner Haupt­fi­gur, also just an der Stel­le, an der er die­se gefun­den hat. Erst die Kon­trol­ler durch die Fahrt hat den Weg frei gemacht für eine bewusst-klas­si­sche Mon­ta­ge. Wie der Jäger selbst hat sich die Kame­ra durch den Wald her­an­ge­pirscht. Vie­le Fil­me begin­nen bei der Jagd, vie­le Fil­me begin­nen mit einer Fahrt.

Man Hunt von Fritz Lang
Man Hunt von Fritz Lang

Die bes­ten Fil­me fin­den ihre Beu­te nie. Sie strei­fen umher, lösen sich wie­der, sehen etwas, sehen nichts, wol­len etwas sehen, sie sind zu weit weg, zu nah, sie haben eine rich­ti­ge Posi­ti­on, sie war­ten, sie suchen, sie schla­fen, sie bewe­gen sich und bewe­gen sich und bewe­gen sich und irgend­wann schie­ßen sie uns direkt ins Herz.