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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Jaime von António Reis

Schattenfresser: Jaime von António Reis

Zum ers­ten Mal auf 35mm gese­hen im Rah­men des Under­dox Film­fes­ti­vals in Mün­chen; einer der weni­gen Fil­me, die nicht bes­ser wer­den kön­nen durch das Dar­über-Schrei­ben, man kann eigent­lich nur schwei­gen, ver­ar­bei­ten und wie­der sehen. Ein Film, der einen ver­folgt und in Beun­ru­hi­gung nicht schla­fen lässt.

Jai­me ist einer von sechs Fil­men, die der Poet und Film­leh­rer Antó­nio Reis rea­li­siert hat. In den meis­ten Fäl­len und in Jai­me zum ers­ten Mal ent­stan­den die Arbei­ten in enger Zusam­men­ar­beit mit sei­ner Lebens­ge­fähr­tin Mar­ga­ri­da Cord­ei­ro. Sie arbei­te­te auch als Psych­ia­te­rin und in die­sem Beruf kam sie mit dem Leben und Werk des Land­ar­bei­ters Jai­me Fer­nan­des und in der Fol­ge auch mit Antó­nio Reis in Ver­bin­dung. Fer­nan­des war über 38 Jah­re Insas­se einer psych­ia­tri­schen Kli­nik in Lis­sa­bon. Dort fer­tig­te er in den letz­ten drei Jah­ren sei­nes Lebens zig außer­ge­wöhn­li­che, berüh­ren­de, ver­stö­ren­de und wun­der­schö­ne Zeich­nun­gen an. Der Film arbei­tet wie ein Por­trät des ver­stor­be­nen Künst­lers, darf aber nicht mit einem sol­chen ver­wech­selt wer­den. Statt einer Bloß­stel­lung oder Roman­ti­sie­rung erle­ben wir die Kunst einer Annä­he­rung, die ver­ste­hen will. Statt einer nahe­lie­gen­den Erzäh­lung von der Eng­füh­rung einer psy­chi­schen Krank­heit und schöp­fe­ri­scher Kraft, wählt Jai­me die Poe­sie einer Ein­sam­keit in der Ent­ste­hung von Kunst. Statt dem Zei­gen von kran­ken Men­schen löst er die Dicho­to­mie zwi­schen krank und gesund auf.

Jaime von António Reis

Wie macht man ein sol­ches Leben spür­bar? Fer­nan­des litt an Para­no­ider Schi­zo­phre­nie und begann nach sei­nem 60. Geburts­tag Bil­der zu malen mit ein­fa­chen Stif­ten oder Streich­höl­zern, die er in Queck­sil­ber ein­tunk­te. Die­se wur­den spä­ter in bedeu­ten­den Orten in Por­tu­gal aus­ge­stellt. Reis zeigt mit Aus­nah­me einer von der Zeit ange­fres­se­nen Foto­gra­fie aus den Inter­nats­ta­gen des Prot­ago­nis­ten zu Beginn und am Ende des Films kein Bild von Fer­nan­des, er ver­sucht nichts zu reprä­sen­tie­ren oder nach­zu­er­zäh­len. Es gibt kei­ne Gesprä­che mit Men­schen, die sich an Fer­nan­des erin­nern. Statt­des­sen hört er auf die Schat­ten zwi­schen den Bil­dern, die sich von selbst erin­nern, lässt Ton und Bild in dis­so­nan­ten Har­mo­nien aus­ein­an­der glei­ten, traum­wan­delt durch Frag­men­te der Bil­der und Auf­zeich­nun­gen von Fer­nan­des. Er filmt das, was noch da ist, was über­lebt und bleibt. Ein mate­ria­lis­ti­scher Ansatz, der ganz offen­bar auf etwas aus ist, was nicht mate­ria­lis­tisch ist: Wahn­sinn und Schön­heit; etwas das immer da war, aber so „als wür­de die Zeit nicht exis­tie­ren“, wie Man­oel de Oli­vei­ra, an des­sen Acto da Pri­ma­ve­ra Reis als Assis­tent arbei­te­te, es ein­mal formulierte.

Gleich zu Beginn erscheint die Psych­ia­trie wie ein Gefäng­nis. Ein stil­ler Hor­ror ein­ge­sperr­ter Sehn­süch­te, man könn­te an Jean Genet den­ken, nur dass die Pro­vo­ka­ti­on von Jai­me nicht sexu­ell son­dern huma­nis­tisch ist. Schat­ten lun­gern an den ver­trock­ne­ten Wän­den im Hof, die Insas­sen befin­den sich in einer Kreis­form, die Michel Fou­cault in Eksta­se ver­setzt hät­te. João César Mon­tei­ro griff die­se Bil­der zu Beginn von Jai­me in sei­nem Recorda­ções da Casa Ama­re­la wie­der auf. Die End­lo­sig­keit mani­fes­tiert sich hier bereits in einer Aus­weg­lo­sig­keit. Die Schnit­te zwi­schen den Bil­dern erschei­nen unge­mein sanft und vor­sich­tig. Gleich zu Beginn bli­cken wir durch einen Cache wie durch ein Schlüs­sel­loch in den Hof der Psych­ia­trie. Aus den Noti­zen von Fer­nan­des wur­de vor­her mit glei­cher Stra­te­gie ein Zitat ent­nom­men. Ein Cache stellt ein Zitat her­aus. Die­ser Vor­gang wie­der­holt sich durch den gan­zen Film. Man liest her­vor­ge­ho­be­ne Sät­ze aus dem Notiz­buch: „Jai­me ist hier bereits acht­mal gestor­ben.“. Die­ser Cache steht zum einen für die Neu­gier der Fil­me­ma­cher. Sie nähern sich an, bli­cken auf das, was von Fer­nan­des bleibt (Bil­der, Noti­zen, Orte, Gedan­ken; wie die ver­lo­re­nen Stei­ne, die ein Jun­ge gesam­melt hat bevor er ver­schwand) wie durch eine Lupe, tref­fen eine Aus­wahl. Zum ande­re aber steht er für all das, was sie nicht fil­men oder sehen kön­nen. Er steht für die Moral einer sol­chen Annä­he­rung; die Distanz, die man wei­ter­hin wah­ren muss. Aus dem Off drin­gen manch­mal Stim­men. Sie gehö­ren der kla­gen­den, nach ihrem Mann rufen­den Wit­we von Fer­nan­des und einem befreun­de­ten Insas­sen. Nie­mals wür­de sich Jai­me erlau­ben etwas über sei­nen abwe­sen­den Prot­ago­nis­ten zu sagen. In kei­ner Sekun­de des Films ver­gisst man, dass es eine Distanz zwi­schen den Bli­cken­den und dem Ver­stor­be­nen gibt. In ihrem Film Ana trie­ben Cord­ei­ro und Reis die­se Ethik der poe­tisch-anthro­po­lo­gi­schen Annä­he­rung auf eine beein­dru­cken­de Spit­ze. Es geht hier nicht dar­um, eine Freak­show zu zele­brie­ren. Viel­mehr ver­mag das Kino zu ehren wie man Men­schen anse­hen könn­te. In einem wun­der­ba­ren Inter­view mit João César Mon­tei­ro spricht Reis über sei­ne ers­ten Erfah­run­gen mit dem Kino. Er erzählt von der Suche nach einem stra­te­gi­schem Punkt für die Cam­cor­der beim Fil­men einer öffent­li­chen Ver­an­stal­tung im Rah­men einer Grup­pen­ar­beit in einem jun­gen Film­club in Por­to. Dabei betont er die geo­gra­phi­sche Ver­mes­sung und die Wich­tig­keit des Nicht-Stö­rens der Öffentlichkeit.

Die­se Ethik, die durch­aus ver­gleich­bar ist mit jener von Daniè­le Huil­let und Jean-Marie Straub, hat etwas Stren­ges an sich, etwas Ein­schüch­tern­des. Ihr Pro­blem ist nur, dass ihre här­tes­ten Ver­tre­ter nichts anders neben sich akzep­tie­ren. So und nicht anders, sagen sie. Die Idee eines ein­zi­gen Punk­tes, von dem aus man ein gerech­tes Bild eines Men­schen machen könn­te, ist ver­füh­rend. Ist sie aber auch rich­tig? Es lässt sich wohl mit Sicher­heit sagen, dass ein sol­cher Punkt nicht will­kür­lich gewählt wer­den darf. Aller­dings scheint mir die­ser Punkt im glei­chen Maße an den Fil­men­den zu hän­gen wie an den Gefilm­ten. Will hei­ßen, dass es dabei um eine Rela­ti­on geht, die kei­nen einen fai­ren Punkt zulässt, son­dern eine unend­li­che Anzahl an mög­li­chen Gerech­tig­kei­ten. Aller­dings nur eine für die Rela­ti­on zwi­schen die­sem indi­vi­du­el­len Fil­men­den und sei­nen Prot­ago­nis­ten in ihrer jewei­li­gen Zeit und vor den jewei­li­gen Umstän­den. Das gro­ße, an die­ser Stel­le immer genann­te Bei­spiel ist die Kame­ra­fahrt in Kapò von Gil­lo Pon­te­cor­vo. Jac­ques Rivet­te, der das Kino von Cord­ei­ro und Reis sehr schätz­te, hat­te sich in einem Text für die Cahiers du Ciné­ma Nr. 120, der seit­her von Anhän­gern und Skep­ti­kern glei­cher­ma­ßen miss­braucht wur­de, gegen eine Zufahrt auf das Gesicht von Emma­nu­el­le Riva aus­ge­spro­chen. Ohne auf die Details ein­ge­hen zu wol­len, ging es ihm ver­ein­facht um die Unge­rech­tig­keit die­ser Ein­stel­lung. Etwas zwi­schen Fil­men­den und sei­nem Sub­jekt war für Rivet­te über eine mora­li­sche Gren­ze getre­ten. Ent­schei­dend dabei scheint mir aber nicht nur, dass Pon­te­cor­vo mit einer Kame­ra auf eine Schau­spie­le­rin zufuhr, die einen Selbst­mord in einem Elek­tro­zaun vor­spiel­te, son­dern dass Pon­te­cor­vo der­je­ni­ge war, der dies tat. Ihn los­zu­lö­sen von sei­ner sub­jek­ti­ven Posi­ti­on und zu behaup­ten, dass es eine grund­sätz­lich unge­rech­te Posi­ti­on gibt, auch wenn ich Rivet­te Recht gebe (was etwas aus der Mode gera­ten ist), dass die­se Ein­stel­lung hoch­pro­ble­ma­tisch ist, ist absurd. Die­se Absur­di­tät jedoch ist ambi­va­lent, weil in ihrem Drang nach objek­ti­ven Wahr­hei­ten auch ein Fun­ken Wahr­heit steckt. Luc Moul­let etwa schlug eini­ge Jah­re frü­her bereits vor, dass Moral eine Sache der Kame­ra­fahr­ten wäre. Tat­säch­lich spie­geln sich in Kame­ra­be­we­gun­gen Modi der Annä­he­rung und Distanz. Ent­schei­det man sich etwas näher anzu­se­hen oder nicht? Auch exis­tiert ein gro­ßer Unter­schied, ob man in eine Nah­auf­nah­me schnei­det oder in sie fährt.

Jaime von António Reis

Die Distanz aus der Reis die Insas­sen zu Beginn des Films beob­ach­tet, mit leich­ten Schwenks, nie näher kom­mend, nur regis­trie­rend, erzählt tat­säch­lich von einer enor­men Vor­sicht. Die Schat­ten im Hof schüt­zen die Men­schen vor der Neu­gier der Kame­ra. Ver­gleicht man die­se Bil­der zum Bei­spiel mit jenen von Ray­mond Depar­dons San Cle­men­te spürt man einen enor­men Unter­schied. Depar­don wirft sich mit­ten hin­ein in die Welt eines Irren­hau­ses. Jedoch ist sein Ansatz ethisch auf kei­nen Fall ver­fehlt. Es kann ja nicht dar­um gehen, dass man kei­ne Bil­der machen darf von etwas. In den vie­len Strei­te­rei­en zwi­schen Jean-Luc Godard und Clau­de Lanz­mann ging es oft genau dar­um. Was darf man fil­men und was darf man nicht fil­men bezüg­lich des Holo­causts? Godard hielt dar­an fest, dass man nie­man­den ver­bie­ten soll­te, etwas zu fil­men. Ruth Becker­mann sagt in ihrem Voice-Over in Die papie­re­ne Brü­cke, dass man man­che Din­ge bes­ser nicht fil­me, weil sie dann Erin­ne­rung blie­ben. Ein Film wie Saul fia von László Nemes kennt gar kei­ne Skru­pel und glaubt, dass er fil­misch die Erfah­rung eines Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers wie­der­ge­ben kann. Aller­dings ist eine der weni­gen wich­ti­gen Rol­len, die das Kino in die­ser bil­der­über­flu­te­ten Zeit noch ein­neh­men kann, jene, die den Umgang mit Bil­dern bewusst macht, lehrt und ihm Gewicht ver­leiht. Eine Ethik im Umgang mit Bil­dern ist ange­bracht und not­wen­dig. Ein Kino, das den blin­den Durst nach Bil­dern frönt, hat kei­ne Bedeu­tung. Ganz anders ist es bei Cord­ei­ro und Reis, die auch des­halb so rele­vant heu­te sind. Für Reis war es in der Poe­sie und auch im Kino immer wich­tig, nur das zu sagen und zu zei­gen, was wirk­lich not­wen­dig ist. Die Dia­lo­ge, die er für Pau­lo Rochas Mudar de Vida schrieb, erzäh­len von die­ser Spar­sam­keit, die zur Essenz drin­gen möch­te und sich offen hält, zuzuhören.

Jai­me baut Kon­tra­punk­te zwi­schen Bild und Musik (Stockhausen,Telemann und Lou­is Arm­strongs St. James Infir­ma­ry Blues). Es kommt zu über­ra­schen­den Ver­schmel­zun­gen der Lebens­um­stän­de des Ver­stor­be­nen mit dem Kino, der Zeich­nun­gen mit einer sur­rea­lis­ti­schen Visi­on der Welt, des Lebens mit dem Ver­such es in Bil­dern zu beschrei­ben, von Wahn­sinn und Schön­heit. In glei­cher Wei­se arbei­tet auch die Ton­ebe­ne, die wie ein Ruf aus dem länd­li­chen Ursprung von Fer­nan­des von Wind und Was­ser erzählt. Man spürt wie sich eine Nar­be öff­net, die man nicht mehr schlie­ßen kann. Was wir sehen, sind die Wun­den, die geblie­ben sind. Wir sehen sie im Flie­ßen des Was­sers des Flus­ses Zêze­re in der Hei­mat von Fer­nan­des, sicher­lich ein Bild des Lebens, aber so fern durch die aus­ge­trock­ne­ten Kak­teen vor der Psych­ia­trie. Fer­nan­des wuchs am Fluss auf, fisch­te viel. Die­se Aspek­te wer­den nicht erwähnt vom Film, aber man kann sie spä­ter in sei­nen Bil­dern sehen: Das Flie­ßen, den Stru­del. Wir sehen Men­schen, die gleich Skulp­tu­ren auf ihre Erlö­sung war­ten (Reis arbei­te­te auch als Skulp­teur). Immer wie­der Gegen­sät­ze wie jenes von Git­tern und einer Kat­ze, die ein­fach durch sie hin­durch­geht. Eben­so plötz­li­che sur­rea­le, meta­phy­si­sche Bil­der wie das eines Regen­schirms unter dem Getrei­de­kör­ner lie­gen oder von drei Äpfeln, die gol­den glän­zend von der Decke bau­meln. Die Mon­ta­ge folgt nicht einem kau­sa­lem und schon gar nicht einem tem­po­ra­len Prin­zip. Man könn­te von einer Auf­zäh­lung der Din­ge spre­chen, dem bei­na­he tra­gi­schen Ver­such etwas zu ver­ste­hen durch das Sehen. Es ist auch der Ver­such die Bil­der von ihrer Bana­li­tät gegen­über kom­ple­xen Vor­gän­gen zu befrei­en. Bil­der tre­ten wie Wor­te in Gedich­ten in einen grö­ße­ren mytho­lo­gi­schen Zusam­men­hang. Die all­ge­gen­wär­ti­ge Angst vor der kine­ma­to­gra­phi­schen Meta­pher ist Reis unbe­kannt. Er dyna­mi­siert sei­ne fil­mi­schen Räu­me mit Bedeu­tun­gen. Erstaun­li­cher­wei­se ent­steht dadurch der Ein­druck eines bio­gra­phi­schen, in Ansät­zen gar psy­cho­lo­gi­schen Mosa­iks. Reis selbst wehr­te sich gegen sol­che Begrif­fe. Für ihn waren es Erin­ne­run­gen, nicht Doku­men­ta­tio­nen. Auf die­se Wei­se doku­men­tiert er Erinnerungen.

Jaime von António Reis

Wor­aus ent­ste­hen die­se Bil­der? Jene von Fer­nan­des und jene des Films? Die Bil­der begin­nen die Welt zu bevöl­kern. Dämo­nen und Misch­we­sen sind dar­auf zu sehen, ihre star­ren­den Gesich­ter exis­tie­ren mit einem Mal nicht in einem Vaku­um, son­dern im direk­ten Dia­log mit der Welt, in der Fer­nan­des leb­te, in der Reis es spä­ter tat und in der wir es heu­te tun kön­nen. So filmt er zum Bei­spiel eine Zie­ge. Fer­nan­des arbei­te­te als Zie­gen­hir­te. Die­se Zie­ge ist ein­ge­sperrt in einem dunk­len Raum, wirkt etwas ver­lo­ren. Sie beginnt ihren eige­nen Schat­ten zu fres­sen. Mon­tei­ro bezeich­net sie in besag­tem Inter­view, in gewohnt pro­vo­kan­ter Manier, als die schöns­te Schau­spie­le­rin des por­tu­gie­si­schen Kinos. Reis selbst äußer­te, dass die Men­schen, die wir im Film sehen, jene, die geblie­ben sind, auch jene sind, die Fer­nan­des mal­te. Das Sys­tem von Reis knab­bert an den Gren­zen der Wahr­neh­mung. Die getrenn­ten Berei­che zwi­schen schein­bar ent­ge­gen­setz­ten Phä­no­me­nen wie eben Schön­heit und Wahn­sinn, aber auch Abs­trak­ti­on und Natur wer­den durch die Gleich­zei­tig­keit von einer mate­ria­lis­ti­schen Bild­ab­fol­ge und einem bestän­di­gen Gegen­ein­an­der von Bild und Ton ver­knüpft. In die­ser Hin­sicht wird Jai­me zu einem der größ­ten Fil­me über Kunst und wie sie ent­steht. Reis sam­melt akri­bisch alles, was in ein Kunst­werk ein­flie­ßen kann. Es ging ihm auch dar­um, die Kunst­wer­ke selbst zu sam­meln, da vie­le der Bil­der von Fer­nan­des zer­stört wur­den. Jeder Faden wird demü­tig auf­ge­ho­ben und in feins­ten Bewe­gun­gen prä­sen­tiert. So exis­tie­ren die Bil­der in der Natur, die Natur im Men­schen und all das im Raum einer spür­ba­ren Unge­rech­tig­keit und Einsamkeit.

Nach der Arbeit an die­sem Film mach­ten sich Cord­ei­ro und Reis auf ihre für das por­tu­gie­si­sche Kino von heu­te so ent­schei­den­de Hym­ne an die Ver­trie­be­nen, Trás-os-Mon­tes zu rea­li­sie­ren. Ein Film, der wie ein schnell ver­lo­ren gegan­ge­nes Gewis­sen der Nel­ken­re­vo­lu­ti­on den Blick abwen­det von der intel­lek­tu­el­len Éli­te und statt­des­sen die Kehr­sei­te ästhe­ti­schen Wohl­stands beleuch­tet in einer der ärms­ten Regio­nen Euro­pas. Jai­me lässt sich in die­ser Hin­sicht als ers­ter Kla­ge­ruf ver­ste­hen. Aus den Tie­fen einer als wahn­sin­nig erklär­ten See­le hört man Stim­men rufen und sie sind nicht ein­ver­stan­den. Sie sind nicht ein­ver­stan­den und machen einen anstän­di­gen Film.