38/79 Sentimental Punk 38 von Kurt Kren

Diagonale 2017 – Denken entlang von Filmen: Interview mit Alejandro Bachmann

Nach mei­nem län­ge­ren Text zum Dia­go­na­le-Pro­gramm «This is not Ame­ri­ca – Aus­tri­an Drift­ers» nun ein Gespräch mit dem Kura­tor Ale­jan­dro Bach­mann über die Ent­ste­hung des Pro­gramms, das Ver­hält­nis von Film und Begriff und die mög­li­chen Ver­bin­dungs­li­ni­en von Film und Pop.

Vik­tor Som­mer­feld: Ich wür­de ger­ne mit dem Anfang anfan­gen. Also wo fängt man an, wenn man so ein Pro­gramm macht. Hat man einen Film den man in die Mit­te setzt und dar­aus eine Bewe­gung ent­wi­ckelt oder wie ent­steht das?

Ale­jan­dro Bach­mann: Ich weiß nicht, ob man das so all­ge­mein sagen kann. Aber bei dem Pro­gramm war der Pro­zess beson­ders inter­es­sant, weil es so gelau­fen ist, dass Sebas­ti­an Hög­lin­ger und Peter Schern­hu­ber, die Lei­ter der Dia­go­na­le, ein The­ma vor­ge­ge­ben haben, wie sie es letz­tes Jahr auch getan haben. Und dann prak­tisch Leu­te und Insti­tu­tio­nen ein­ge­la­den haben, sich dazu in Form eines Film­pro­gramms zu äußern. Das The­ma war eben die­ses «1000 Tak­te Film», also Film und Pop. Als sie mir das vor­ge­schla­gen haben, konn­te ich erst wenig damit anfan­gen und zwar nicht, weil ich es nicht inter­es­sant fand, son­dern weil ich mir kei­nen kla­ren Begriff machen konn­te, was die mit Pop und Pop­kul­tur mei­nen. Das ist ein wirk­lich sehr wei­tes Feld und man kann da tau­send ver­schie­de­ne Din­ge mei­nen, man kann da sehr unter­schied­li­che Ästhe­ti­ken und Nar­ra­ti­ve dar­un­ter fas­sen. Des­we­gen war das Zusam­men­stel­len des Pro­gramms im Prin­zip das Her­aus­fin­den, was damit gemeint sein könn­te. Mit jedem Film, den ich gese­hen habe, teil­wei­se zusam­men mit den bei­den, hat sich auf neue Art und Wei­se erschlos­sen, wie man dar­über nach­den­ken könnte.

So hat es sich lang­sam auf­ge­baut und der ent­schei­den­de Moment ist dann eigent­lich der, wo man sehr vie­le – oder was heißt sehr vie­le, viel­leicht 20, 30 – Fil­me gese­hen hat und dann gibt es die­sen Moment, in dem man zum Bei­spiel einen Titel hat und damit ein ganz gutes Gefühl. Wenn unter dem Titel die­se fünf Pro­gram­me zusam­men­fal­len, dann ist damit sozu­sa­gen ein sehr wei­tes Feld von dem abge­deckt, was man sich gedacht hat. Das ist jetzt sehr abs­trakt beschrie­ben, aber unge­fähr so war es bei die­sem Pro­gramm. Also irgend­wann war die­ser Titel da und mir war klar, unter die­sem Titel kann man viel­leicht tat­säch­lich eine Fra­ge stel­len über das Ver­hält­nis von Film und Popkultur.

VS: Du hat­test also das The­ma, aber wie fängst du dann an über­haupt ers­te Kan­di­da­ten raus­zu­su­chen? Hast du sofort wel­che im Kopf gehabt? Also zum Bei­spiel der Wen­ders Film, der ist für mich da am Anfang sehr klar und zwin­gend zur Eröff­nung. Ich könn­te mir vor­stel­len, dass das ein Film ist, den man viel­leicht mal gese­hen hat von Wen­ders und der einem dann sofort ein­fällt. ‹Okay, damit könn­te man anfangen›.

AB: Das Inter­es­san­te ist, dass der Wen­ders Film, der letz­te Film ist, der dazu­ge­kom­men ist. Das kom­plet­te Pro­gramm stand genau­so wie es gespielt wur­de und dann habe ich mit Alex­an­der Hor­wath und Regi­na Schlag­nit­weit über das Pro­gramm gespro­chen und die mein­ten, ja, das ist gut und der Titel passt. Das funk­tio­niert. Und dann mein­te Alex, ‹ich glau­be zum Ein­stieg soll­te man noch 3 ame­ri­ka­ni­sche LPs von Wim Wen­ders spie­len, den haben wir auch in der Samm­lung.› Da war ich erst dage­gen, weil der halt, wie ich auch ver­sucht habe in mei­nem Ein­füh­rungs­text zu sagen, unrein ist: Das ist kein öster­rei­chi­scher Film und der fällt auch nicht in die zeit­li­che Klam­mer, die wir auf­ge­macht haben, von ’76 als die Are­na besetzt wur­de bis in die Gegen­wart, son­dern er fällt noch davor in die spä­ten 60er Jah­re. Aber er hat halt Peter Hand­ke als Teil des krea­ti­ven Kerns die­ser Arbeit.

Der Punkt ist natür­lich, dass man dar­an ganz gut sehen kann, wie, wenn man über ein Pro­gramm anfängt nach­zu­den­ken, man immer einen neu­en Gedan­ken aus die­ser Arbeit mit den Fil­men ent­wi­ckelt. Im Prin­zip haben wir über das Pro­gramm gespro­chen, das ich zusam­men­ge­stellt habe und dann hat eine wei­te­re Per­son gesagt: ‹Mir fällt da noch was ein, das ganz gut pas­sen könn­te.› Und des­we­gen fin­de ich, darf man das auch nicht so sehr als abge­schlos­sen betrach­ten. Mit einem Pro­gramm, das aus sechs Tei­len besteht, lässt sich schwer etwas gro­ßes All­ge­mein­gül­ti­ges sagen, son­dern es bil­det ab, wie man ent­lang von Fil­men über ein The­ma nach­den­ken kann. Dem­entspre­chend kom­men Fil­me dazu und es fällt ein ande­rer Film raus, es ver­schiebt sich dann. Damit mei­ne ich aber kei­ne Belie­big­keit, son­dern ganz im Gegen­teil: Ein Nach­den­ken über mög­li­che Bezü­ge zwi­schen den Fil­men erzeugt erst­mal so etwas wie einen gemein­sa­men Kern, und um die­sen Kern her­um kön­nen einem wei­te­re Fil­me ein­fal­len, die den sel­ben Kern umkrei­sen, und die­sen zugleich ver­schie­ben und ihn auch als Zen­trum aller ande­ren Fil­me neu formieren.

Ich kom­me jetzt vor allem drauf, weil du im Vor­feld mein­test eine Fra­ge sei sicher­lich: Inwie­weit eig­net sich ein Film­pro­gramm eigent­lich, um über so etwas wie einen Begriff nach­zu­den­ken? Und ich glau­be es eig­net sich dazu in ganz ähn­li­cher Wei­se, wie ein theo­re­ti­scher Text zu einem bestimm­ten The­men­kom­plex. Ich glau­be nur, dass es bei Bei­den dar­um geht, zu sagen, das sind halt nur Vor­schlä­ge, wie man über die­se Sache nach­den­ken könn­te. So wie hin­ter jedem Text poten­zi­ell ein ande­rer Text ver­steckt ist, der ein The­ma oder einen Begriff immer wei­ter ver­schiebt und neu betrach­ten lässt, so kann ein Film zum nächs­ten und zum nächs­ten füh­ren und mit jedem ver­schiebt sich das, nach dem man ursprüng­lich gesucht hat – also in die­sem Fall, ein Ver­hält­nis von Pop und Film.

VS: Das ist inter­es­sant, weil ich gera­de sozu­sa­gen die umge­kehr­te Arbeit an den Fil­men mache, in gewis­ser Wei­se die Rekon­struk­ti­on oder für mich zumin­dest ver­su­che Bewe­gun­gen in die­sem Pro­gramm zu fin­den. Aber die­se Bewe­gun­gen hän­gen natür­lich immer schon mit einem Begriff von Pop zusam­men, den ich dif­fus in mei­nem Kopf habe. Ich habe etwa das ein oder ande­re von Diede­rich­sen gele­sen, und dann fal­len mir gewis­se Moti­ve ein, viel­leicht könn­te man Denk­fi­gu­ren sagen.

So dif­fus ist dann auch die Bezie­hung der Fil­me unter­ein­an­der. Des­we­gen fra­ge ich mich ein wenig, wie stark der Begriff wirk­lich ist, sozu­sa­gen die theo­re­ti­sche Arbeit und wie häu­fig ist es, dass man erst­mal denkt: ‹okay, der Wen­ders Film und Lang­sa­mer Som­mer die pas­sen halt ein­fach geil zusam­men.› Das passt ein­fach, das sieht man.

Langsamer Sommer von  John Cook
Lang­sa­mer Som­mer von John Cook

AB: Der Gedan­ken ‹das passt geil zusam­men› ist sicher­lich wich­tig – als dif­fu­ses Gefühl, dem man in jedem Fall nach­ge­hen soll­te. Zugleich ver­su­che ich dann aber schon, mir selbst die Fra­ge zu stel­len, wie das zusam­men­passt, was genau zwei Fil­me gemein­sam arti­ku­lie­ren, wie der eine den ande­ren in unse­rer Wahr­neh­mung ver­schiebt. Ich glau­be, bei dem Pro­gramm war ent­schei­dend, dass der Begriff von der Sache und das theo­re­ti­sche Kon­strukt zwar irgend­wie da war, aber halt sehr dif­fus und kaum greif­bar. Und, dass der Begriff von dem, über das man anhand von Fil­men nach­den­ken möch­te, sich eigent­lich erst durch die Fil­me ent­wi­ckelt hat. Mein Ver­ständ­nis von Pop, von dem Inein­an­der von Pop­kul­tur und Film in Öster­reich bil­det sich sozu­sa­gen in dem Pro­gramm ab, aber es ist natür­lich auf kei­nen Fall eine end­gül­ti­ge Set­zung: Tau­send ande­re Theo­rien oder Film­pro­gram­me über das The­ma sind mög­lich, oder tau­send ande­re Kom­bi­na­ti­ons­mög­lich­kei­ten von Fil­men. Das mei­ne ich, wenn ich sage, so ein Pro­gramm ist ein Ange­bot, dem man fol­gen kann, das man sinn­lich durch­le­ben und dem man gedank­lich fol­gen kann, aber aus dem her­aus natür­lich idea­ler­wei­se auch immer eige­ne Schlüs­se, ein eige­nes Wei­ter­den­ken folgt.

VS: Das Pro­blem ist ja auch, wenn man die Fil­me so klar einem Begriff unter­ord­net, dass man sie erstickt, ihnen ihr Leben nimmt. Was selbst­ver­ständ­lich ein eben­so gro­ßes Pro­blem ist, wenn man dar­über schreibt. Weil man die Fil­me auf ihre Bezie­hung zu einem Begriff redu­ziert. Des­we­gen, glau­be ich, ist die­se moti­vi­sche Arbeit sehr wich­tig. Weil da bleibt etwas erhalten.

Das ist ja nicht dein ers­tes Pro­gramm. Hat­test du Pro­gram­me, die wesent­lich theo­re­ti­scher waren in ihrem Ansatz, die also eine ganz kla­re theo­re­ti­sche Idee hatten?

AB: Ja, also im Rah­men von Lehr­ver­an­stal­tun­gen zum Bei­spiel an der Uni, die machen wir ja auch im Kino und da geht es teil­wei­se um Fra­gen des Pro­gram­mie­rens. Da haben wir immer wie­der klei­ne­re Pro­gram­me zusam­men­ge­stellt, die schon sehr theo­re­ti­sche Her­lei­tun­gen hat­ten, dahin­ge­hend, dass wir eigent­lich mit den Pro­gram­men inner­halb des Semi­nars arti­ku­lie­ren woll­ten, dass das Zusa­men­stel­len von vier Fil­men ver­mut­lich ein genau­so inter­es­san­ter theo­re­ti­scher Akt ist, wie theo­re­ti­sche Tex­te zu bespre­chen. Das wur­de nicht so deut­lich arti­ku­liert, aber es ging dar­um, zu zei­gen, dass das Fil­me schau­en schon Teil der theo­re­ti­schen Beschäf­ti­gung mit Fil­men ist. Der Film hat auch sei­ne eige­ne Theorie.

Dann gibt es Pro­gram­me, wie z.B. 2‑mal Sehen, da ver­sucht man zu über­le­gen, was könn­te 2‑mal Sehen hei­ßen. Das könn­te ein Film sein, der sich wie­der­holt, den man 2‑mal hin­ter­ein­an­der sieht; es könn­te eine Dop­pel­pro­jek­ti­on sein, da zei­gen wir dann Razor Blades von Paul Sha­rits; dann könn­te es ein Found Foo­ta­ge Film sein, weil der arti­ku­liert im Grun­de, dass Bil­der, die schon mal gese­hen wur­den in einem Kon­text, im Found Foo­ta­ge Film ein zwei­tes Mal gese­hen wer­den in einem ande­ren Kon­text. Das wäre so ein Pro­gramm, da ver­sucht man eine Art theo­re­ti­sches Ver­ständ­nis zu über­set­zen, zu zei­gen, wo es in Fil­men viel­leicht auch auf­find­bar ist. Aber im Kern ist es immer das glei­che Prin­zip: Das Ent­wi­ckeln eines Gedan­kens ent­lang von Fil­men. Und mit jedem Film könn­te der Gedan­ke viel­schich­ti­ger wer­den, sich ver­schie­ben, kom­ple­xer werden.

Gleich­zei­tig macht man die­sen Gedan­ken durch das Pro­gramm dann aber auch erfahr­bar. Ich glau­be, das ist der Unter­schied zum Lesen von Theo­rie, dass man das Ding selbst erfahr­bar macht, also man spricht oder man kom­mu­ni­ziert prak­tisch über die Fil­me mit den Fil­men. Ich habe das Gefühl, man ist ein biss­chen näher dran an dem was Film eigent­lich sagen könn­te. Des­we­gen gefällt es mir ein Pro­gramm zu den­ken wie einen theo­re­ti­schen oder essay­is­ti­schen Text, der ein­fach ver­sucht so nah wie mög­lich an sei­nem Gegen­stand zu denken.

VS: Das erin­nert ja auch ein biss­chen an die­sen Ver­such von Godard eine Film­ge­schich­te zu schrei­ben. In der Ein­füh­rung in eine wah­re Geschich­te des Kinos redet er viel dar­über wie die­se sehr unter­schied­li­chen Fil­me zusam­men­ar­bei­ten und teil­wei­se dar­über, wie sie nicht zusam­men­pas­sen. Aber das kann man erst sehen, wenn man die Fil­me zusam­men sieht. Dazu kommt, dass ein Pro­gramm natür­lich auch nicht her­me­tisch ist, ich also öfter einen ande­ren Film im Kopf hat­te, mit dem ich ver­gli­chen habe, den ich kurz in mein eige­nes Pro­gramm auf­ge­nom­men habe.

Man kann natür­lich auch auf einen unbe­schol­te­nen Zuschau­er tref­fen, der das alles nimmt, und sagt, ‹okay, das ist ein abge­schlos­se­nes Ding›. Wenn man jeman­den hat der letz­te Woche tau­send Musik­vi­de­os und Pop-Fil­me gese­hen hat, dann ist das aber etwas Ande­res. Hast du eine Vor­stel­lung davon, wie dei­ne Pro­gram­me geguckt wer­den sollen?

AB: Nein, da wür­de ich sagen, ist es genau wie mit Godard bei Histoire(s) du cine­ma. Man kann das schau­en und sagen, ich ver­ste­he es nicht, ich ver­ste­he all die Bezü­ge nicht und ich habe den Kon­text nicht und all das cine­phi­le Wis­sen nicht. Und dann kann man da rela­tiv schnell dran ver­zwei­feln und es eben nicht mögen. Oder man kann es ein­fach schau­en, auch als ver­rück­te Idee mit­tels Film über Geschich­te nach­zu­den­ken, man kann ein­fach mit­ge­hen, immer mit dem Selbst­be­wusst­sein, dass die Wis­sens­lü­cken, die man hat, hier nicht rele­vant sind, son­dern man akzep­tiert mal die­ses Nar­ra­tiv, wel­ches er setzt und macht das ein­fach mal durch und danach kann man anfan­gen, dar­über zu reflek­tie­ren und sich dazu zu posi­tio­nie­ren. Aber erst ein­mal geht man mit. Und so wür­de ich das mir das idea­ler­wei­se auch bei Film­pro­gram­men vor­stel­len, wenn die Leu­te ein­fach mitgehen.

Und viel­leicht kön­nen Film­pro­gram­me dies in beson­de­rer Wei­se her­vor­brin­gen, weil nicht jemand dasteht und einen theo­re­ti­schen Vor­trag hält und ver­sucht beson­ders geschickt die Din­ge zu argu­men­tie­ren, son­dern weil alle Leu­te gemein­sam die­se Fil­me schau­en und sich ent­lang die­ser Fil­me ihre Gedan­ken machen. Das war ja auch auf der Dia­go­na­le ganz gut sicht­bar, dass da schon 4, 5 Leu­te waren, und das ist natür­lich nicht viel, aber die haben sich fast alle Pro­gram­me ange­schaut. Und wenn man mit denen zwi­schen­durch gere­det hat, dann hat man gemerkt, die haben sich auch über­legt, wie wird Pop­kul­tur sicht­bar in die­sen Filmen?

VS: Das fin­de ich auch eine Stär­ke des Pro­gramms, dass es sich traut, die­se his­to­ri­sche Linie durch­zu­ge­hen, zumin­dest bis in die spä­ten 90er und wirk­lich ver­sucht, eine Geschich­te zu erzäh­len, ein Nar­ra­tiv zu ent­wer­fen, statt ein­fach nur mal da was, mal hier was zu neh­men. Es ver­sucht eine his­to­ri­sche Pop­ge­schich­te zu erar­bei­ten. Ins­ge­samt ist das sehr erzäh­le­risch. Es gibt am Anfang die­se Bewe­gung, die da los­geht bei Wen­ders, die­se Suche, die dann in Lang­sa­mer Som­mer wei­ter­geht. Die dann in Mala­ria in die­sem klei­nen Laden endet, in die­sem abso­lu­ten Still­stand der da herrscht und dann in so ein Cha­os über­geht bei Hue­mer. Das fin­de ich, ist ein star­kes Motiv.

AB: Ja, bei Hue­mer ent­lädt es sich dann.

VS: Dann bei Eis­zeit geht es um ein biss­chen was Ande­res, nicht mehr um die Suche, son­dern um den Moment in dem man ver­ein­nahmt wird, in dem die­se not­wen­di­ge Abgren­zung nicht mehr rich­tig funk­tio­niert, also die Distink­ti­on zu sagen ‹wir wol­len etwas Ande­res als ihr›. Das funk­tio­niert da nicht mehr rich­tig und wird zu einer neu­en Linie des Pro­gramms, die sich dann auch weiterzieht.

AB: Die zieht sich dann vor allem ins Avant Pop-Pro­gramm rein, wür­de ich sagen. Das fünf­te Pro­gramm, die­se kür­ze­ren Arbei­ten sind sehr von der ambi­va­len­ten Hal­tung gegen­über dem Pop geprägt. Die inter­es­sie­ren sich noch für die Ober­flä­chen der Pop-Ästhe­tik, aber gleich­zei­tig steckt schon eine radi­ka­le Dekon­struk­ti­on in die­sen Fil­men. Und das ist in Eis­zeit eben auch so. Im Peter Hue­mer Film ist das nicht so, das ist kei­ne Dekon­struk­ti­on die­ser Bil­der­my­then, son­dern eine Neu­gier­de, über­haupt mal zu sehen wie die funk­tio­nie­ren. In dem Kon­text mag ich eben Slidin› auch sehr ger­ne, weil er aus die­ser Per­spek­ti­ve ein total inter­es­san­tes Doku­ment dar­über ist, wie sich Pop Ende der 90er Jah­re anfühlt. Wirk­lich abge­ranzt und leer, wie eine Depres­si­on eigent­lich. Nach­dem man das alles durch­ge­macht hat: also Lang­sa­mer Som­mer, ist eben ein lang­sa­mer Som­mer, hier fängt ein Spiel mit Codes an, in der Art der Klei­dung, in den Sprü­chen, in der Musik, die man hört, dann in Mala­ria gibt es schon die­se völ­lig durch­co­dier­te Welt und das ent­wi­ckelt sich wei­ter bis in Slidin› der Spaß halt vor­bei ist. Das macht alles über­haupt gar kei­ne Freu­de mehr – die Iden­ti­täts­spie­le, das Aus­pro­bie­ren, Zitie­ren, sich per­ma­nent neu erfin­den. Und Spaß ist dann doch ein zen­tra­les Ele­ment von Popkultur.

The Bands von Egon Humer
The Bands von Egon Humer

VS: Ich fin­de, da ist auch die­se Uto­pie voll­kom­men vor­bei. Dar­über soll­ten wir reden, wo die­se Uto­pie des Pop, auch ein poli­ti­sches Ding zu sein und wirk­lich die Mög­lich­keit eines ande­ren Lebens zu beher­ber­gen, steckt. Für mich ist die am stärks­ten in Lang­sa­mer Som­mer. In dem Moment in dem sich etwas ver­wirk­licht, etwa der Ort, wie in Mala­ria, ist es eigent­lich schon vor­bei. Da gibt es nichts mehr.

Auf die­sem Land­haus unter den Apfel­bäu­men, da ist viel­leicht die Mög­lich­keit eines ande­ren Lebens. Aber das funk­tio­niert natür­lich auch nicht.

AB: Das stimmt. Aber es gibt halt jen­seits des ande­ren Lebens auch immer wie­der klei­ne uto­pi­sche Momen­te. Die Tanz­sze­ne am Ende von Mala­ria ist wirk­lich ein Befrei­ungs­schlag, auch aus die­ser Sta­sis in der die die gan­ze Zeit gefan­gen sind. Nach Mala­ria haben ja eini­ge Leu­te auch gesagt, sie hät­ten so ger­ne zu der Zeit in dem Laden abge­han­gen. Also auch sol­che Fil­me schei­nen ein Lebens­kon­zept anzu­bie­ten, in das Leu­te ger­ne ein­tau­chen wür­den. Das steckt schon immer wie­der in den Filmen.

VS: Vor allem halt in Augen­blicks­mo­men­ten, in denen alles ande­re ver­ges­sen wird.

AB: Ja, genau. Und die­se Augen­blicks­mo­men­te sind auch teil­wei­se wich­tig dafür, weil du vor­hin gefragt hat­test, wie so ein Pro­gramm zusam­men­ge­stellt wird. Lang­sa­mer Som­mer ist mir bei­spiels­wei­se erst sehr spät ein­ge­fal­len. Ich glau­be, weil ich über die Drift­er-Figur nach­ge­dacht habe anhand der Fil­me und dann ist mir Lang­sa­mer Som­mer gekom­men. Bei Lang­sa­mer Som­mer habe ich dann lan­ge über­legt, ‹ja, aber ist das ein inter­es­san­ter Gedan­ke zu Pop und Film?›. Und dann ist mir plötz­lich ein­ge­fal­len, dass da die­se Sze­ne ist, in der das kom­plet­te Lou Reed Lied läuft. Wo er die Schall­plat­te auf­legt und die Plat­te läuft und sie unter­hal­ten sich wei­ter. Aber das Durch­lau­fen des gan­zen Musik­stücks ist total domi­nant. Das war der Moment, in dem ich gedacht habe, ’stimmt, auch der Film han­delt von Pop­kul­tur›. Weil eigent­lich nimmt man ihn erst­mal als so eine Art Zeit­do­ku­ment wahr. Eher als ein rea­lis­ti­sches Doku­ment, nicht so sehr als Code, oder als Film der mit Codes spielt und die­se ver­han­delt. Aber das ist natür­lich ein Film der mit Codes spielt, weil er ein Film über zwei Leu­te ist, die einen Film machen. Die den­ken auch noch die gan­ze Zeit dar­über nach, wie sie sich insze­nie­ren im Som­mer. Das ist mir aber erst ein­ge­fal­len als ich an die­se Plat­te gedacht habe. Auch ein klei­ner Moment in dem ich gemerkt habe, man kann es auch so betrachten.

VS: Die inter­pre­tie­ren und phan­ta­sie­ren die Bil­der, die sie von sich selbst gemacht haben. Ich glau­be, dass da die­ses gro­ße Sehn­suchts­mo­ment drin­steckt. Und – das ist jetzt viel­leicht ein biss­chen weit – dass da auch eine Ver­bin­dung von Pop und Film ganz grund­le­gend ist. Die­se Sehn­sucht geht los bei dem Wen­ders Film, man will an einen ande­ren Ort, hier Ame­ri­ka. In Lang­sa­mer Som­mer will man über­haupt an einen Ort, von dem man nicht genau weiß wo er ist, man will aber gleich­zei­tig in eine ande­re Zeit.

AB: Ja, das ist dann der Kampf mit der Nostalgie.

VS: Genau. Bei Lang­sa­mer Som­mer fin­de ich das sehr evi­dent. Da liegt die Mög­lich­keit des ande­ren Lebens in der Ver­gan­gen­heit. Die­se Mög­lich­keit ist nur noch Ima­gi­na­ti­on einer ande­ren Zukunft, die sich aus den Mög­lich­kei­ten der Ver­gan­gen­heit speist. Das geht von der Gegen­warts-Obses­si­on des Pop weg und auf so Nost­al­gie­mo­men­te. Des­we­gen ist bei Lang­sa­mer Som­mer am Ende die­se Uto­pie viel­leicht auch schon ein biss­chen vor­bei. Weil man merkt, dass es dann doch nicht geht.

AB: Ja, aber dann ist schon inter­es­sant, dass der Film aus die­ser Anein­an­der­rei­hung von Spiel­chen, von Per­for­man­ces besteht. Der Foto­graf, der Autor, die generv­te Frau, die spie­len das ja teil­wei­se. Aber am Ende gibt es dann eben die­sen sehr authen­ti­schen Moment, wo John Cook hoch­ruft: «Hel­muth du bist ein guter Freund» und die Mut­ter macht irgend­wo im Hin­ter­grund essen. Das fin­de ich wirk­li­che einen total bril­lan­ten Moment, weil genau da alles weg­fällt, da sind die zwei ganz unschul­di­ge Buben, ohne Egos und sonst was. Das hat mir immer ganz gut gefal­len, das ich gemerkt habe, dass am Ende das Spie­len aufhört.

VS: Stimmt, es ist dann ja auch etwas gelun­gen, man hat ja die­sen Film, der ist gemacht, der ist fer­tig. Es ist dann doch etwas pas­siert, das die­se Sehn­sucht befrie­di­gen kann. Der Film ist im Kas­ten und da ist alles drin was pas­siert ist, und alles, was viel­leicht hät­te pas­sie­ren können.

AB: Das weist viel­leicht dar­auf hin, dass man die­se Fil­me und das Pro­gramm auch ganz anders sehen kann. Was sieht man da eigent­lich? So ein Pro­gramm bil­det natür­lich immer auch ab. Wel­che Orte, wel­che Clubs sieht man? Gibt es die noch? Inwie­weit ste­hen die noch für Pop­kul­tur oder haben sich schon davon ent­fernt? Man kann die­se Fil­me auch, egal wie fik­tio­nal oder avant­gar­dis­tisch, total als Doku­men­te ihrer Zeit lesen. Man eröff­net dadurch mit so einem Film­pro­gramm eben genau die codier­ten Wel­ten durch die die Figu­ren auch dau­ernd lau­fen. Die­ses Zei­chen­haf­te. Du begeg­nest dann den Zei­chen der 80er Jah­re Punk-Sze­ne, du begeg­nest den Zei­chen von Hel­muth und John im Wien der 70er Jah­re, du machst das alles mal durch im Lau­fe eines Pro­gramms. Allein das ist eine inter­es­san­te Erfah­rung, glau­be ich, auch ohne dass man sie theo­re­ti­siert. Tat­säch­lich im Sin­ne von «ein ande­res Leben leben». Das wäre viel­leicht auch die rich­ti­ge For­mu­lie­rung des­sen, was es unter­schei­det von einem theo­re­ti­schen Text. Ein theo­re­ti­scher Text ist viel­leicht bes­ser dazu geeig­net etwas prä­zi­se zu for­mu­lie­ren, aber für die tat­säch­lich sinn­li­che Erfah­rung, dass du wirk­lich in einem ande­ren Rhyth­mus lebst, in einer ande­ren Zeit, einem ande­ren Raum, ist ein Pro­gramm wirk­li­che eine gute Mög­lich­keit. Wie eine Simu­la­ti­on eigent­lich, wenn man es über­trei­ben möchte.

Happy End von Peter Tscherkassky
Hap­py End von Peter Tscherkassky

VS: Ein ande­res Leben sieht man ja dann auch in Hap­py End, der am Ende des Avant Pop-Pro­gramms stand. Man kommt, solan­ge man die­sen Film sieht, nicht über die­se Fra­ge hin­weg: woher hat der die­se Auf­nah­men? Ich konn­te da nicht auf­hö­ren mir Sze­na­ri­en aus­zu­ma­len, wo die­se Auf­nah­men her­kom­men und was das eigent­lich ist? Was ist das? Das sind schon Home­vi­de­os, oder?

AB: Home­mo­vies, ja. Von die­sem Paar, die sich eben dabei gefilmt haben, wie sie sich immer an Weih­nach­ten oder Sil­ves­ter total betrin­ken und dabei per­ma­nent zupros­ten. Das Mate­ri­al hat Peter Tscher­kass­ky wohl ein­fach erstan­den, auf einem Floh­markt oder so etwas, also das ist gefun­de­nes Ama­teur­film­ma­te­ri­al. Alex­an­der Hor­wath sagt immer was ganz Inter­es­san­tes über die­sen Film, und das mag ich wirk­lich wahn­sin­nig ger­ne als Gedan­ken: dass die Bei­den stän­dig in die Kame­ra bli­cken und damit etwas adres­sie­ren und sich bei dem Film damit die Fra­ge stellt: Wen adres­sie­ren die eigent­lich? Ver­mut­lich haben sie sich selbst adres­siert, aber mitt­ler­wei­le adres­sie­ren sie dann Men­schen 30 Jah­re spä­ter in einem Kino. Das fin­de ich einen ziem­lich inter­es­san­ten Gedan­ken, weil noch ein­mal die Mög­lich­keit ein ande­res Leben zu leben da ist … du guckst da wirk­lich einem ande­ren Leben zu und die bli­cken dich an, die gucken sozu­sa­gen zu dir zurück. Eigent­lich wäre das auch ein guter Schluss­punkt zu dem Gesamt­pro­gramm gewesen.

VS: Das ist ein biss­chen wie so Gruß­kar­ten, die man an Freun­de schickt. Man macht ein Weih­nachts­fo­to und dann schreibt man da einen Spruch drun­ter. Dazu kommt aber, dass das so absur­de Men­gen an Alko­hol auf­ge­fah­ren wer­den, dass man das auch für eine Insze­nie­rung hal­ten könn­te. Zusam­men mit den rela­tiv wohl­kadrier­ten Ein­stel­lun­gen, könn­te man das für Spiel­film­ma­te­ri­al hal­ten. Es ist nicht ganz klar, ob das für die Kame­ra gestellt ist, ob der Alko­hol tat­säch­lich getrun­ken wird, ob das ein Spiel ist.

AB: Auch hier gibt es wie­der das Bedürf­nis das Leben abzu­bil­den, das ist dann viel­leicht eine Nähe die sich in dem gan­zen Pro­gramm zwi­schen Film und Pop zeigt. Film als das Medi­um, das die Welt zeigt in einer bestimm­ten Art und Wei­se und Pop als Bedürf­nis zu zei­gen, etwas dar­zu­stel­len, etwas zu sein, eine Iden­ti­tät zu kon­stru­ie­ren, sich neu zu defi­nie­ren, aber per­ma­nent auch über Codes, die sicht­bar sind. In dem Sin­ne ist natür­lich Kino oder Film in beson­de­rer Art und Wei­se dazu geeig­net genau dar­über nach­zu­den­ken oder das nachzuvollziehen.

VS: Ich glau­be, dass Pop­kul­tur eine Sehn­sucht ent­wi­ckelt, die sich eigent­lich nur in sich selbst erfül­len kann. Die­se Sehn­sucht kann sich nur in dem­sel­ben Augen­blick erfül­len, in dem sie ent­steht. Im Film ist es so, wenn man einen groß­ar­ti­gen Film gese­hen hat, dann gibt es da eine Sehn­sucht, die nichts ande­res befrie­di­gen kann als die­ser Film selbst. Das ist so eine Schlei­fe und wenn man ver­sucht, die Sehn­sucht irgend­wo anders zu ver­wirk­li­chen, dann kippt das Gan­ze, dann funk­tio­niert es nicht mehr. Das funk­tio­niert nur in sich selbst. Das ist für mich eine Verbindung.

AB: Das ist dann viel­leicht auch die letz­te Ver­bin­dung zur Musik, Musik als zeit­ba­sier­te Kunst­form, die genau das macht und die als Kunst­form in so einem Pro­gramm zwangs­wei­se sehr domi­nant ist. Wenn man sich z.B. gewis­se elek­tro­ni­sche Musik anhört, die dann irgend­wann Har­mo­nien ent­wi­ckelt, die ein unglaub­li­ches Gefühl und Bedürf­nis in einem erzeu­gen und sich dann ver­än­dern und weg sind und man weiß, man müss­te das Stück wie­der hören, um genau die­sen Moment wie­der zu erfah­ren. Viel­leicht ist es des­we­gen kein Wun­der war­um die drei, Film, Pop und Musik so nah bei­ein­an­der sind.

VS: Ich glau­be, das ist auch der uto­pi­sche Moment, in dem plötz­lich eine Gemein­schaft und eine gemein­sa­me Bewe­gung ent­steht. In dem Erleb­nis. Für einen Augen­blick. Und dann ist sie wie­der weg. Es ist immer nur die­ser Moment in dem das funk­tio­niert. Aber im Kino kann der manch­mal sehr lan­ge sein und das ist sehr schön.