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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

so leben wir - botschaften an die familie von Gustav Deutsch

Diagonale 2018: so leben wir – botschaften an die familie von Gustav Deutsch

Das „Wir“ im Titel von Gus­tav Deutschs beob­ach­tend-erzäh­len­der Geschichts­stun­de des „Ama­teur­films“ ist das Pro­blem einer Hal­tung, die der Film nie ganz ablegt. Ent­nom­men ist die­ses „Wir“ aus einem der in so leben wir gezeig­ten Film- bezie­hungs­wei­se Kor­pus­bei­spie­le von soge­nann­ten Ama­teur­fil­mern, in die­sem Fall jenem von Bea­tri­ce Loeben­stein. „Wir“ das sol­len die­se Ama­teur­fil­mer sein, die alle­samt auch von in der Regel mehr als weni­ger erfolg­rei­chen Migra­ti­ons­ge­schich­ten erzäh­len. Das Mosa­ik die­ser Fil­mer wird zusam­men­ge­hal­ten von einem Home­mo­vie-Selbst­ver­such, den Deutsch zusam­men mit sei­ner Frau und Mit­ar­bei­te­rin Han­na Schimek mit marok­ka­ni­schen Freun­den rea­li­sier­te. Ent­ste­hen soll dabei zum einen eine Migra­ti­ons­ge­schich­te, zum ande­ren eine Geschich­te des Ama­teur­films von 1929 bis heu­te und irgend­wie auch ein Mosa­ik klei­ne­rer Geschich­ten von Men­schen. Ganz geht davon nichts auf.

Das sind also wir, so leben also wir. Wir, das sind Men­schen, die ihren All­tag doku­men­tie­ren. Das macht soweit Sinn und dahin­ter spürt man ein Ide­al, das es dring­lich zu unter­stüt­zen gilt. Näm­lich die Tat­sa­che, dass Fami­li­en­fil­me, Rei­se­fil­me und der­glei­chen essen­ti­el­le Zeit­do­ku­men­te sind (egal in wel­chem For­mat), die es drin­gend zu bewah­ren gilt. Und auch zu zei­gen, zu erfor­schen, zu dis­ku­tie­ren. Deutsch ist ein gro­ßer Strei­ter in die­ser Sache. „Wir“, das hat aber auch etwas Fami­liä­res und Deutsch ver­sucht sich erst­ma­lig auch als Spre­cher aus dem Off im Modus einer beglei­ten­den Erzähl­stim­me, die gleich einer häu­fi­gen Vor­führ­pra­xis des Ama­teur­films ein Bei­sam­men­sein vor der Lein­wand im Wohn­zim­mer simu­liert. Es mutet etwas komisch an, die­ses Aus­pro­bie­ren eines Home-Movies von einem Pro­fi, die­se Ver­brü­de­rung mit einem Bild­pro­duk­ti­ons­mo­dus, der den­noch kaum betont, dass die Gren­zen zwi­schen „Ama­teur“ und „Pro­fi“ womög­lich sowie­so flie­ßend sind.

Statt­des­sen lullt einen Deutsch mit meist guten Beob­ach­tun­gen in ein Sehen ein, das eine Gemein­sam­keit erzeu­gen soll. Ein Sehen, dass auch ihn als Ama­teur­fil­mer eta­blie­ren soll. «Stel­len Sie sich vor, wir sit­zen zuhau­se, die Lein­wand ist auf­ge­stellt, der Pro­jek­tor auf­ge­baut und wir schau­en gemein­sam Fami­li­en­fil­me“, heißt es im Film. Dass dabei kaum Rück­sicht genom­men wird auf ent­schei­den­de Bestand­tei­le des Ama­teur­films wie den Leer­lauf zwi­schen den Höhe­punk­ten und den indi­vi­du­el­len Film­aus­schnit­ten, kann man mit etwas Wir-Gefühl noch ver­ste­hen. Dass Deutsch aber mit Sound­de­sign und Musik das Ursprungs­ma­te­ri­al bestän­dig in einen grö­ße­ren Zusam­men­hang zu pres­sen trach­tet und schlicht und ergrei­fend für sei­ne Zwe­cke mani­pu­liert, stößt doch auf. Und zwar nicht, weil das prin­zi­pi­ell nicht in Ord­nung wäre, son­dern weil es sei­ner eigent­li­chen Beto­nung von Mate­ri­al, Geschich­te und Insze­nie­rungs­wei­sen des Ama­teur­films widerspricht.

Auf der einen Sei­te sol­len „wir“ gemein­sam Fami­li­en­fil­me schau­en, auf der ande­ren Sei­te sind „wir“ Men­schen, denen man eine grö­ße­re Geschich­te und gewis­se emo­tio­na­le Effek­te auf­zwin­gen muss. Aus ähn­li­chen Grün­den ver­san­det auch die selbst­ge­dreh­te Epi­so­de von Deutsch und sei­nen Freun­den. An sich eine span­nen­de Idee: Man gibt die Kame­ra, die Pro­fes­sio­na­li­tät mit ihr ab. Man könn­te an David Per­l­ovs Yoman den­ken und vie­le ande­re Tage­buch­fil­me, die mit die­ser Dis­kre­panz zwi­schem geschul­ten Auge und pri­va­ten Bil­dern deut­lich viel­schich­ti­ger umgin­gen oder aber auch an Rabo de Pei­xe Joa­quim Pin­to und Nuno Leo­nel, die ihre Kame­ra in einer Sze­ne Kin­dern in die Hand geben und die­sen Sprung deut­lich mehr reflek­tie­ren. Bei Deutsch steht dage­gen eine Art fik­ti­ver Reprä­sen­ta­ti­on ein: So sieht mein Home-Movie aus.

„Wir“ sind eben nicht Beob­ach­ten­de des All­tags, die Bil­der unse­res Lebens mit Film­mu­sik unter­ma­len oder wis­sen, wie wir mit pas­sen­den Tönen eine bestimm­te atmo­sphä­ri­sche Tie­fe errei­chen. Im Kern geht es Deutsch in so leben wir nicht wirk­lich um die Geschich­te des Ama­teur­films. Zu wenig geht er auf Zusam­men­hän­ge ein, zu wenig geht er tie­fer in eine ein­zel­ne Geschich­te. Wer sich mehr dafür inter­es­siert, ist bei Deutschs Adria – Urlaubs­fil­me 1954–68 (Die Schu­le des Sehens I) oder aber mit einem Besuch in ent­spre­chen­den Archi­ven bes­ser auf­ge­ho­ben. Alles in so leben wir besteht immer­zu in einer Rela­ti­on zum grö­ße­ren dra­ma­tur­gi­schen Zusam­men­hang. Das Gefühl des Ent­de­ckens, des frei­en Sehens und wirk­li­chen Inter­es­se für das, was man in den Bil­dern über die Men­schen und Orte erfah­ren kann, wird merk­lich zurück­ge­schraubt, hin zu dem, was all die­se Men­schen ver­bin­det. Eine grö­ße­re dra­ma­tur­gi­sche Idee ver­hin­dert immer­zu, dass uns Deutsch wirk­lich teil­ha­ben lässt, an dem was er zwei­fels­oh­ne im Film gese­hen haben muss. Natür­lich ent­ste­hen auch durch die Ver­bin­dun­gen bestimm­te Wahr­neh­mun­gen, die rele­vant sind. Etwa Fra­gen nach dem, was eigent­lich inter­es­sant ist für Ama­teur­fil­mer oder wie sich bestimm­te Men­schen und Fami­li­en ger­ne selbst sehen. Das geht zum Teil auf, in ande­ren Tei­len, etwa im etwas hilf­lo­sen Ansatz zu Home-Movies heu­te via sozia­ler Medi­en und so wei­ter (es gibt im Film weder ein typi­sches Bei­spiel für Home-Movies heu­te noch ein außer­ge­wöhn­li­ches, nur dort rea­li­sier­ba­res), kann man nicht ver­ste­hen, war­um Deutsch einen der­art umfas­sen­den, geschichts­ori­en­tier­ten Ansatz gewählt hat.

Und was die­se Ama­teur­fil­mer ver­bin­det, ist tat­säch­lich in einem gro­ßen Teil der aus­ge­wähl­ten Fil­me ein gewis­ser Wohl­stand. Das liegt gewiss an der Selbst­prä­sen­ta­ti­on der Fami­li­en, die man im Film ken­nen­lernt. Aber eben auch an den Häu­sern, Orten und Autos, die man dort sieht. So leben wir reich. So leben wir nicht. So leben wir viel­leicht. So leb­ten wir. Die­ses „Wir“ ist auch ein gern genom­me­nes Stil­mit­tel vor allem im cine­phi­len Schrei­ben über das Kino. Das „Wir“ behaup­tet eine Grup­pe, eine gemein­sa­me Seh­erfah­rung und Hal­tung zum Kino. Es schließt eigent­lich immer mehr ein, als es aus­schließt, obwohl man sich leicht davon aus­ge­schlos­sen füh­len könn­te, zum Bei­spiel bei Ser­ge Daney. Es nimmt einen aber in der Regel mit. Das klappt auch des­halb bei Daney, weil es um die Erfah­rung des Kinos geht, die tat­säch­lich bestimm­ten Regeln folgt. Man sieht, man hört, man sitzt, Licht, Zeit, Traum und Maschi­ne. Bei Migra­ti­ons­ge­schich­ten von 1929 bis heu­te ist die­ses Wort jedoch gefähr­li­cher, selbst wenn es noch so gut gemeint ist und sich sicher­lich nicht (nur) auf die­sem Zusam­men­hang bezieht. „Wir“, mag man viel­leicht sagen, fah­ren kei­nen Rolls Roy­ce. Deutsch äußer­te im Publi­kums­ge­spräch, dass es ihm dar­um gegan­gen wäre „posi­ti­ve Migra­ti­ons­ge­schich­ten“ zu erzäh­len. Was unklar blieb: Was ist das und gibt es auch Doku­men­te von geschei­ter­ten Geschichten?