not even nothing can be free of ghosts von Rainer Kohlberger

Diagonale-Dialog 2: I see the sun

Alle Jah­re wie­der kön­nen Patrick und Rai­ner ihre Erfah­run­gen nur begrenzt aus­tau­schen, da sie sich sel­ten im Kino sehen. Immer­hin hat Patrick nun Die Geträum­ten von Ruth Becker­mann gese­hen und ist vom Film ähn­lich über­wäl­tigt wie Rainer.

Rai­ner: Mitt­ler­wei­le glau­be ich fast, ich soll­te die­sen Dia­log mit Ioa­na füh­ren, weil sie sehr oft mit mir Vor­stel­lun­gen besucht, wäh­rend wir bei­de uns (wie üblich) sel­ten über den Weg lau­fen. Im Übri­gen habe ich noch immer nicht den Fes­ti­val­trai­ler gese­hen: fin­den wir heu­te trotz­dem eine Gesprächsgrundlage?

Patrick: Ja. Die Geträum­ten von Ruth Becker­mann, den du in Ber­lin gese­hen hast. Obwohl wir uns nicht über den Weg lau­fen, gebe ich dir völ­lig Recht. Das ist ein her­aus­ra­gen­der Film, der mir Trä­nen in die Augen trieb und mich neu-kon­fron­tiert hat mit Gedan­ken zu Schau­spiel, deut­scher Spra­che und letzt­lich sogar Lie­be. Er zeigt auch, dass man das Gefühl viel­leicht in der Fik­ti­on fin­den kann und das ist einer der trau­rigs­ten und zugleich hoff­nungs­volls­ten Gedan­ken, die ich seit lan­ger Zeit in einem Film gespürt habe. Du bist ja der Beckermann-Experte…hat sie schon mal etwas Ver­gleich­ba­res gemacht?

Rai­ner: Als Becker­mann-Exper­te wür­de ich mich nicht bezeich­nen, eher als Bewun­de­rer, der lei­der noch nicht alle ihrer Fil­me gese­hen hat, aber Die Geträum­ten nimmt mei­ner Ein­schät­zung nach in ihrem Oeu­vre schon eine Aus­nah­me­stel­lung ein. Sonst fin­det man bei ihr meist nicht so eine star­ke Refle­xi­on über das Fil­me­ma­chen und ein sol­ches Vaban­que­spiel mit ver­schie­de­nen Fik­ti­ons­ebe­nen. Der Film ord­net sich dann aber doch irgend­wie ganz gut in ihr Schaf­fen ein, weil sie mei­ner Ein­schät­zung nach schon immer ein Händ­chen dafür hat­te dem gespro­che­nen Wort sehr viel an Gefühl zu ent­lo­cken. Die­se Bli­cke, die­se Unmit­tel­bar­keit, die durch die Schau­spie­ler ver­mit­telt wird – das ist zwei­fel­los etwas, das man auch in ihren frü­he­ren Fil­men fin­det. Ich wür­de sagen Wien retour funk­tio­niert (auf ganz ande­re Wei­se) sehr ähnlich.

Patrick: Das könn­te gut sein. Ich hat­te auch das Gefühl, dass gera­de die­se Art wie sie die­se bei­den Men­schen ansieht, unheim­lich wich­tig ist. Sie kommt da tat­säch­lich zur See­le der Figu­ren, zu dem was sich unter dem Spre­chen befin­det und gera­de daher wird das Spre­chen bezie­hungs­wei­se Lesen wie­der inter­es­sant. Auch die Art und Wei­se wie die­se Brie­fe zwi­schen Inge­borg Bach­mann und Paul Celan zu einer Nar­ra­ti­on ver­dich­tet wur­den, ist bril­lant. Hast du dich auch von etwas begeis­tern lassen?

Rai­ner: Ich bin noch immer von Die Geträum­ten begeis­tert, auch wenn es schon ein paar Wochen her ist, dass ich ihn gese­hen habe. In ähn­li­chem Aus­maß hat mich bis­her nichts berührt, aber das Pro­gramm Inno­va­ti­ves Kino war sehr gut. Man kann ja nicht von jedem (Avantgarde-)Film ver­lan­gen, dass er einem mit einer hoch­kom­ple­xen und per­fekt durch­ar­ti­ku­lier­ten fil­mi­schen Hal­tung ent­ge­gen­tritt, aber es ist gut, wenn danach wenigs­tens die Augen blu­ten. Das hat mir in denen ers­ten bei­den Pro­gram­men etwas gefehlt – die waren zu brav und zu lei­se – aber Rai­ner Kohl­ber­gers not even not­hing can be free of ghosts erfüllt die­se Erwar­tun­gen voll­kom­men. Der spielt gleich­zei­tig mit der Wahr­neh­mung und ver­sucht dir sehr offen­siv die Sin­ne zu rau­ben. Ein rhyth­mi­sches Fla­ckern algo­rith­mi­scher Hell-Dun­kel-Stak­ka­tos und eine sehr aggres­si­ve Ton­spur. Das macht schon Spaß sich so blen­den so las­sen. Ein­zig die Pro­gram­mie­rung war etwas frag­wür­dig, denn gleich danach kam mit Vin­ta­ge Print von Sieg­fried A. Fru­hauf ein zwei­ter Film ähn­li­cher Gang­art, und ich war eigent­lich schon nicht mehr auf­nah­me­fä­hig. Der fas­zi­nie­rends­te Film des Pro­gramms war aber Wun­der­schön und ruhig gele­gen von Lukas Marxt und Jakub Vrba – über Marxt unter­hal­ten wir uns auch jedes Jahr kommt mir vor?

Patrick: Ich den­ke nicht in Jah­ren. Ich den­ke in Filmen.

Die Geträumten von Ruth Beckermann
Die Geträum­ten von Ruth Beckermann

Rai­ner: Nun gut, ich sehe aber sei­ne Fil­me all­jähr­lich bei der Dia­go­na­le und es scheint mir, dass sie immer zum The­ma wer­den. Ich kann dir die­ses Pro­gramm in jedem Fall nur von gan­zem Her­zen emp­feh­len. In wel­chen Fil­men denkst du denn im Moment?

Patrick: Viel­leicht den­ke ich wie ein Geträum­ter, weil wenn man in Fil­men denkt und lebt, dann ist man ja irgend­wie Teil die­ser Fik­tio­nen. So ein Füh­len, das es viel­leicht gar nicht gibt und das sich trotz­dem so viel ech­ter anfühlt. Ges­tern hat sich der jun­ge Dar­stel­ler aus Hen­ry spät am Abend an unse­ren Tisch gesetzt. Er hat dann ver­sucht – kurz nach­dem Becker­mann mei­nen Glau­ben an das Schau­spiel erneu­ert hat – die­sen gleich wie­der zu ver­nich­ten. Aber wahr­schein­lich war es nur Ein­bil­dung. Hat dich auch schon so rich­tig was ent­täuscht oder aufgeregt?

Rai­ner: Die­ser Jun­ge war schon eine ziem­li­che Ent­täu­schung… Nein, Spaß bei­sei­te, also die ers­ten zwei Pro­gram­me Inno­va­ti­ves Kino waren schon in gewis­ser Wei­se eine Ent­täu­schung für mich. Von der Dia­go­na­le ist man da ein höhe­res Niveau gewohnt, aber es hat sich alles sehr brav, lasch und nich­tig ange­fühlt. Mir fehl­te da die Dring­lich­keit, die gera­de bei die­sen For­men des Fil­me­ma­chens gege­ben sein muss, da sie sonst zur Stil­übung ver­kom­men. Ich über­las­se dir einen Auf­re­ger als wirk­mäch­ti­ges Schlusswort.

Patrick: Nichts Schön­res unter der Sonne/​als unter der Son­ne zu sein.

I see the sun

She dawns

She burns

She grows

She feeds

She spews

She dies

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