Atlantic35 von Manfred Schwaba

Diagonale 2016: Avantgarde Rundschau

„Gibt es eine ande­re Lie­be, als die der Dun­kel­heit, eine Lie­be, die sich am hell­lich­ten Tag laut kund­tä­te?“ (Albert Camus)

Die Dia­go­na­le als Schau­kas­ten und Jah­res­be­richt des öster­rei­chi­schen Film­schaf­fens ist trotz sei­ner selbst auf­er­leg­ten strik­ten geo­gra­phi­schen Ein­schrän­kung eines der span­nends­ten und best-kura­tier­ten Fes­ti­vals sei­ner Grö­ße. Nicht zuletzt liegt das an der beein­dru­cken­den Rie­ge an unab­hän­gi­gen Künst­lern, die sich im expe­ri­men­tel­len und avant­gar­dis­ti­schen Fil­me­ma­chen üben. Bei der Dia­go­na­le sind ihre Fil­me in der Sek­ti­on „Inno­va­ti­ves Kino“ zu fin­den – ein furcht­ba­rer Name, den die neue Fes­ti­val­in­ten­danz lei­der nicht geän­dert hat – und in mei­ner Pla­nung sind die­se Kurz­film­pro­gram­me Fix­punk­te. Die behut­sa­me Neu­aus­rich­tung des Fes­ti­vals hat auch vor die­ser Pro­gramm­spar­te nicht halt gemacht, mit Clau­dia Sla­nar wur­de eine Co-Kura­to­rin ins Boot geholt, die ein­zel­nen Pro­gram­me sind stär­ker durch kura­to­ri­sche Über­le­gun­gen geprägt und es las­sen sich nun sehr viel kla­re­re Fäden durch die ein­zel­nen Fil­me der Pro­gram­me zie­hen. An und für sich ist das eine begrü­ßens­wer­te Ent­wick­lung und doch hat­te ich eini­ge Male den Ein­druck, das ein Film eher des­halb aus­ge­wählt wur­de, weil er gut in ein bestimm­tes Pro­gramm pass­te, als auf­grund sei­ner fil­mi­schen Qua­li­tä­ten – viel­leicht ist das aber auch nur eine Über­in­ter­pre­ta­ti­on mei­ner­seits oder aber der aktu­el­le Jahr­gang des avant­gar­dis­ti­schen Film­schaf­fens kann ganz ein­fach nicht mit dem Out­put der letz­ten Jah­re mit­hal­ten. Im Fol­gen­den ein paar Fil­me, die mir aus unter­schied­li­chen Grün­den beson­ders impo­niert haben:

Der beste Weg von Angelika Herta

Der bes­te Weg von Ange­li­ka Herta

Wie visua­li­siert man den All­tag einer Blin­den? Die­se unmög­li­che Fra­ge­stel­lung liegt Ange­li­ka Her­tas Film zugrun­de. Das Ergeb­nis ist fast uner­träg­lich selbst­iro­nisch und gesät­tigt mit bei­ßen­dem Humor der Mar­ke „ich bin blind, ich darf das“. Das kann man lus­tig fin­den oder aber anbie­dernd bour­geois, in jedem Fall geht der Film sehr spie­le­risch mit sei­ner Grund­idee um. Kon­se­quent müss­te ein Film über das Leben einer Blin­den eigent­lich ohne Bil­der aus­kom­men, oder zumin­dest mit Bil­dern jen­seits natu­ra­lis­ti­scher Bild­äs­the­tik arbei­ten. Her­ta hält sich aller­dings nicht lang mit sol­chen kon­zep­tio­nel­len Über­le­gun­gen auf, son­dern denkt in ers­ter Linie an ihr (sehen­des) Publi­kum. Die Stim­me eines Sprach­pro­gramms, das nor­ma­ler­wei­se die Text­in­hal­te von Com­pu­ter­bild­schir­men vor­liest, trägt in Der bes­te Weg eini­ge Anek­do­ten aus dem Leben einer Blin­den vor, die gleich­zei­tig in wei­ßer Schrift auf schwar­zer Lein­wand zu sehen sind. Die klei­nen und gro­ßen Pro­ble­me des Blin­den­da­seins wer­den auf ver­gnüg­li­che Art und Wei­se von der mecha­ni­schen Stim­me vor­ge­tra­gen. Die Komik erwächst dabei zum einen dar­aus, was erzählt wird, aber nicht zuletzt auch durch die mono­ton-abge­hack­te Vor­trags­wei­se der Com­pu­ter­stim­me. Damit dem Auge beim Zuhö­ren nicht lang­wei­lig wird, wird auch die Schrift in aus­ge­wähl­ten Momen­ten ani­miert, bleibt ste­hen „wie ein stu­rer Esel“ oder ver­teilt sich über die Lein­wand, wie eine Hand­voll ver­streu­ter Mün­zen. Das sind bil­li­ge Gim­micks, dum­me Spie­le­rei­en, die eigent­lich mit der Logik des Films bre­chen, aber wer braucht schon logi­sche Kon­se­quenz, wenn er kon­se­quent Scha­ber­nack treibt.

Herbst von Meinhard Rauchensteiner

Herbst von Mein­hard Rauchensteiner

Es kön­nen wohl nicht vie­le Fil­me von sich behaup­ten, ihren Reiz aus der Kon­fron­ta­ti­on von Rai­ner Maria Ril­ke und einem Stoff­tier zu bezie­hen. Ril­kes namens­ge­ben­des Gedicht ist hier Aus­gangs­punkt für eine unwahr­schein­li­che Komö­die: im Zen­trum des Gesche­hens ein Stoff­tier, das von einer sta­ti­schen Kame­ra auf­ge­nom­men, den gan­zen Film hin­weg nicht bewegt wird; off-screen eine Stim­me, die laut, fast her­risch, Ril­ke rezi­tiert. Das Stoff­tier, mit inte­grier­tem Ton­auf­nah­me und –abspiel­me­cha­nis­mus „ant­wor­tet“ auf die Rezi­ta­ti­on, Ril­kes Gedicht wird zur Ite­ra­ti­on, die mensch­li­che Stim­me wird abge­löst durch die mecha­ni­sche Stim­me des Stoff­s­tier­monsters. Die Sinn­lich­keit der Poe­sie wird in einem komö­di­an­ti­schen Gebrüll auf­ge­löst, die Tücken des Sprech­me­cha­nis­mus des Stoff­tiers brin­gen die hohe Dicht­kunst Ril­kes an die Gren­zen ihrer Wirkkraft.

Hidden Tracks von Karin Fisslthaler

Hid­den Tracks von Karin Fisslthaler

Karin Fissl­tha­ler ist nicht zu Unrecht regel­mä­ßi­ger Gast auf der Dia­go­na­le. Ihre Fil­me zeich­nen sich durch pop­kul­tu­rel­le Sen­si­bi­li­tät, Musi­ka­li­tät und vor allem durch fabel­haf­tes Rhyth­mus­ge­fühl aus. Hid­den Tracks ist in die­ser Hin­sicht kei­ne Aus­nah­me und gera­de in Sachen Rhyth­mik ein her­aus­ra­gen­des Werk. Es gehört eini­ges an Chuz­pe dazu einen Film aus Found-Foo­ta­ge-Schwarz­blen­den zu mon­tie­ren und noch mehr künst­le­ri­sche Befä­hi­gung, dar­aus etwas zu gestal­ten, das nicht nur auf kon­zep­tu­el­ler Ebe­ne funk­tio­niert. Und wie es funk­tio­niert: ein sorg­fäl­tig durch­kom­po­nier­ter Rei­gen aus kur­zen Moment­auf­nah­men, der ver­dich­te­te letz­te Lebens­hauch der fil­mi­schen Ein­stel­lung. Fissl­tha­ler brei­tet die­se Ver­dich­tung aus, webt ein fei­nes Netz aus fil­mi­schen Refe­ren­zen, das durch Schnitt und Musik in einem rhyth­mi­schen Pochen aufgeht.

distortion von Lydia Nsiah

dis­tor­ti­on von Lydia Nsiah

Der Tod und die Ver­we­sung üben seit Urzei­ten eine beson­de­re Fas­zi­na­ti­on auf den Men­schen aus. Fil­mi­sche Meta­phern dafür fin­den sich zuhauf, mit expli­zi­ter cine­ma­ti­scher Nekro­phi­lie hat sich zum Bei­spiel Bill Mor­ri­son einen Namen gemacht. Das nun ver­mehrt der digi­ta­le Tod beschwo­ren wird, ist eine logi­sche Ent­wick­lung unse­rer Zeit. Lydia Nsiahs dis­tor­ti­on ist nicht der ers­te Film, der Mate­ri­al kom­pi­liert, das durch digi­ta­le Ein­grif­fe beschä­digt wor­den ist (Sebas­ti­an Brames­hu­bers und Tho­mas Draschans Pre­ser­ving Cul­tu­ral Tra­di­ti­ons in a Peri­od of Insta­bi­li­ty, der im Rah­men der Per­so­na­le zu Gabrie­le Kran­zel­bin­der gezeigt wur­de, übte sich schon vor mehr als zehn Jah­ren an Ähn­li­chem), zählt jedoch zu den gelun­ge­ne­ren Exem­pla­ren die­ser Sor­te Film. Es ist ein gro­ßer Coup fil­me­ma­che­ri­scher Sub­ver­si­on, jene Ele­men­te ästhe­tisch zu ver­ar­bei­ten, die dafür kon­zi­piert sind das Film­erleb­nis zu beein­träch­ti­gen, denn Nsiah hat als Aus­gangs­ma­te­ri­al Film­aus­schnit­te gewählt, die durch digi­ta­le Kopier­schutz­maß­nah­men beein­träch­tigt wor­den sind. Doch dis­tor­ti­on ist weit mehr als nur Kon­zept­kunst, denn der Film funk­tio­niert auch auf einer ästhe­ti­schen Erfah­rungs­ebe­ne: das Fla­ckern der digi­ta­len Par­ti­kel, die ver­zerr­ten Far­ben und ver­pi­xel­ten Flä­chen machen die ästhe­ti­schen Qua­li­tä­ten eines Seh­erleb­nis­ses deut­lich, das sonst meist mit dem Frust über tech­ni­sches Ver­sa­gen ver­bun­den ist.

Wunderschön und ruhig gelegen von Lukas Marxt und Jakub Vrba

Wun­der­schön und ruhig gele­gen von Lukas Marxt und Jakub Vrba

Es wäre gar nicht so abwe­gig Lukas Marxt all­jähr­lich den Haupt­preis der Sek­ti­on „Inno­va­ti­ves Kino“ kampf­los zu über­las­sen. Kaum ein ande­rer öster­rei­chi­scher Fil­me­ma­cher fin­det in sol­cher Regel­mä­ßig­keit und mit sol­cher Kon­stanz neue Wege sei­ne künst­le­ri­sche Posi­ti­on zu arti­ku­lie­ren und zu ver­fes­ti­gen. Für Wun­der­schön und ruhig gele­gen hat er mit dem tsche­chi­schen Fil­me­ma­cher Jakub Vrba zusam­men­ge­ar­bei­tet. Wie so oft in Marxts Fil­men steht eine Land­schaft im Zen­trum. Die Land­schaft, in die­sem Fall ein klei­nes Wald­stück an einem Berg­hang, wird schon bald ver­schwin­den, nicht jedoch durch eine Bewe­gung der Kame­ra oder eine Mani­pu­la­ti­on des Bilds, son­dern durch pyro­tech­ni­schen Nebel. Eine künst­li­che Wand aus mil­chi­gem Weiß ver­schluckt schon bald den gesam­ten Bild­raum, lässt das Wald­stück fast voll­stän­dig ver­schwin­den und gibt sie schließ­lich wie­der lang­sam frei. Wie die Sky­line von Hong­kong in Black Rain White Scars oder die Glet­scher­land­schaft in High Tide ver­wan­delt sich die rea­lis­ti­sche Natur­auf­nah­me in eine abs­trak­te Trans­fi­gu­ra­ti­on. Marxt und Vrba the­ma­ti­sie­ren damit einer­seits die Macht der Dau­er als Grund­kon­stan­te des Kinos und ande­rer­seits hin­ter­fra­gen sie das Ver­hält­nis von Mani­pu­la­ti­on und Ver­trau­en in das fil­mi­sche Bild.

even nothing can be free of ghosts von Rainer Kohlberger

not even not­hing can be free of ghosts von Rai­ner Kohlberger

So sehr sich das öster­rei­chi­sche Fil­me­ma­chen immer wie­der her­vor­tut, man kann nicht von jedem Film auf der Dia­go­na­le erwar­ten, dass er eine kom­ple­xe fil­mi­sche Posi­ti­on arti­ku­liert. Das ist schlicht nicht mög­lich, sonst wäre die Welt voll von Meis­ter­wer­ken und man müss­te sich gar nicht erst die Mühe machen, einen Ver­such der kri­ti­schen Dif­fe­ren­zie­rung zu unter­neh­men. Pro Jahr schaf­fen es nur weni­ge Fil­me mei­ne Wahr­neh­mung der Welt oder mei­ne Hal­tung zum Kino nach­hal­tig zu erschüt­tern. Wenn ich nach einem Scree­ning das Kino ver­las­se, kann ich also nicht jedes Mal ver­lan­gen, dass mei­ne Welt­sicht über den Hau­fen gewor­fen ist (das wäre auch unge­sund), aber es ist gut, wenn wenigs­tens mei­ne Augen blu­ten – und in Sachen Augen­blu­ten ist Rai­ner Kohl­ber­gers not even not­hing can be free of ghosts Klas­sen­pri­mus. Das Fla­ckern von Schwarz-Weiß-Kon­tras­ten und ein Dro­ne-Sound, der Angriff des Algo­rith­mus auf die Netz­haut, eine bru­ta­le Atta­cke gegen die mensch­li­che Wahr­neh­mung, bei der das Betrach­ten einer zwei­di­men­sio­na­len Lein­wand an Kör­per­lich­keit gewinnt.

Vintage Print von Siegfried A. Fruhauf

Vin­ta­ge Print von Sieg­fried A. Fruhauf

Ähn­lich bru­tal wie Kohl­ber­gers Film ist Sieg­fried A. Fru­haus Vin­ta­ge Print. Etwas unglück­lich für die geschun­de­nen Augen lie­fen die bei­den Fil­me zwar unmit­tel­bar hin­ter­ein­an­der, doch offen­bar­te die­se direk­te Gegen­über­stel­lung die unter­schied­li­chen Stra­te­gien des Fli­cker­wahn­sinns. Wäh­rend Kohl­ber­gers Film ein durch und durch digi­ta­les und berech­ne­tes Kon­strukt ist, ver­wen­de­te Fru­hauf als Grund­la­ge für sei­nen Film eine uralte Foto­gra­fie aus dem spä­ten 19. Jahr­hun­dert. Die­se Foto­gra­fie mani­pu­lier­te er auf man­nig­fal­ti­ge Art und Wei­se, kopier­te sie unzäh­li­ge Male und ver­än­der­te sie dabei jedes Mal mit einer ande­ren Tech­nik. Das pro­gram­mier­te Cha­os Kohl­ber­gers steht Fru­h­aufs Cha­os nach Pro­gramm gegen­über, das digi­ta­le Code-Mons­trum dem rie­si­gen Mate­ri­al­kon­vo­lut. Umso erstaun­li­cher, dass die Resul­ta­te Ähn­lich­kei­ten auf­wei­sen, in ihrer Stra­te­gie mit dem Zuse­her in Kon­takt zu tre­ten. Bei­de atta­ckie­ren sie den Seh­nerv, ver­trau­en auf die Wir­kung von geis­ti­gen Nach­bil­dern, die ihre eige­nen Bil­der unter­stüt­zen und auf den Tau­mel aus Bild und Ton, der schließ­lich kör­per­li­che Effek­te erzielt.

The Exquisite Corpus von Peter Tscherkassky

The Exqui­si­te Cor­pus von Peter Tscherkassky

Seit Peter Tscher­kass­kys The Exqui­si­te Cor­pus letz­tes Jahr in Can­nes Pre­miè­re fei­er­te war­te­te ich unge­dul­dig auf eine Gele­gen­heit den Film zu sehen. Das lan­ge War­ten hat sich bezahlt gemacht, denn The Exqui­si­te Cor­pus ist (wenig über­ra­schend) ein bemer­kens­wer­ter Film. Zum einen ist da die tech­ni­sche Vir­tuo­si­tät, die hand­werk­li­che Genia­li­tät, die Tscher­kass­kys Werk befeu­ert. Es ist im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes Handwerk, den jedes die­ser sorg­sam mani­pu­lier­ten Frames ging durch Tscher­kass­kys Hän­de. Wie üblich dringt er tief ein in die Struk­tur des Films, macht sicht­bar, was nie sicht­bar sein soll­te. Es ist ein schma­ler Grat zwi­schen einem bru­tal-inva­si­ven Ein­griff in das Mate­ri­al und einer poe­tisch-sub­li­men Aus­ein­an­der­set­zung, die zugleich auch Gen­re-Refle­xi­on ist: Die Män­ner­fan­ta­sie des por­no­gra­phi­schen Films dekon­stru­iert, destru­iert und doch bestätigt.

A Subsequent Fulfilment of a Pre-Historic Wish von Johannes Gierlinger

A Sub­se­quent Ful­film­ent of a Pre-His­to­ric Wish von Johan­nes Gierlinger

Etwas unglück­lich lief Johan­nes Gier­lin­gers A Sub­se­quent Ful­film­ent of a Pre-His­to­ric Wish gleich im Anschluss an Tscher­kass­kys kolos­sa­len The Exqui­si­te Cor­pus. Dass der Film trotz­dem im Gedächt­nis bleibt ist ein ers­tes Indiz für sei­ne Qua­li­tät. Gier­lin­ger macht sich dar­in auf die Spur der kuba­nisch-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Ana Men­die­ta und zwar nicht in Form einer schnö­den Künst­ler­bio­gra­phie, son­dern frei, poe­tisch, asso­zia­tiv. Die sat­ten Far­ben und die Grob­kör­nig­keit des 16mm-Films bestim­men die Bil­der des Films, auf der Ton­spur Gedan­ken, die lose mit der Künst­le­rin und ihrem mys­te­riö­sen Tod in Ver­bin­dung gebracht wer­den kön­nen. Ana Men­die­ta war mir zuvor kein Begriff, aber nun habe ich eine Vor­stel­lung davon, für wel­che Form von Kunst sie ste­hen könn­te. Unab­hän­gig davon funk­tio­niert der Film auch als sinn­li­ches Film­ge­dicht über Kunst, Leben, Spiel und Revolution.

Atlantic35 von Manfred Schwaba

Atlantic35 von Man­fred Schwaba

Schon wäh­rend eines Fes­ti­vals zeigt sich meist wel­che Fil­me Bestand haben und im Gedächt­nis blei­ben, und wel­che in der Bil­der­flut unter­ge­hen. Atlantic35 ist nur weni­ge Sekun­den lang, doch das kur­ze Auf­fla­ckern der por­tu­gie­si­schen Atlan­tik­küs­te umrahmt von eini­gen Sekun­den Schwarz­bild ist ein gro­ßer Moment, der im Gedächt­nis bleibt. Iro­nisch könn­te man kon­sta­tie­ren, dass der Film die letz­te öko­no­misch durch­führ­ba­re Form eines unab­hän­gig finan­zier­ten 35mm-Films dar­stellt; mit gebo­te­ner Ernst­haf­tig­keit könn­te man aller­dings auch fest­stel­len, dass Atlantic35 sich in die lan­ge Rei­he erstaun­li­cher Fil­me ein­reiht, die nur durch Bar­rie­ren (sei­en sie öko­no­mi­scher, poli­ti­scher oder tech­ni­scher Natur) ent­ste­hen konn­te, die über­win­den wer­den wollten.

SELF von Claudia Larcher

SELF von Clau­dia Larcher

Eine lan­ge Kame­ra­fahrt über eine Mond­land­schaft, eine orga­ni­sche Mond­land­schaft, den mensch­li­chen Kör­per. Ein unmög­li­cher Kör­per viel mehr, des­sen Kör­per­tei­le und des­sen Geschlecht nicht so ein­fach fest­stel­len lässt. Die extre­men Nah­auf­nah­men brin­gen exo­ti­sche Per­spek­ti­ven zum Vor­schein, man ver­liert sich in den Irrun­gen von Glied­ma­ßen, Poren und Kör­per­be­haa­rung. SELF nötigt zum Auf­ge­ben der Ori­en­tie­rung, gar zum Ver­such jeder Ori­en­tie­rung und schlägt statt­des­sen eine Les­art des mensch­li­chen Kör­pers als Bau­stoff, als Rui­ne, als Land­schafts­for­ma­ti­on vor – ein Archi­tek­tur­film ohne Gebäu­de, ein land­scape film ohne Landschaft.

Ghost Copy von Christana Perschon

Ghost Copy von Chris­tia­na Perschon

Ein wie­der­keh­ren­des The­ma der dies­jäh­ri­gen Fil­me des „Inno­va­ti­ven Kinos“ war das kur­ze Auf­fla­ckern, das die Ver­gäng­lich­keit des kine­ma­ti­schen Augen­blicks betont und sich in Reduk­ti­on übt. Auch Ghost Copy ist ein Film, der mit der Aus­stel­lung des Moments arbei­tet und fin­det für die­se Form einen geeig­ne­ten Inhalt. Zwi­schen aus­ge­dehn­ten Pas­sa­gen von Schwarz­film kur­ze Aus­schnit­te von öster­rei­chi­schen Ama­teur­fil­men. Die eph­eme­re Form der Prä­sen­ta­ti­on trifft auf eine eph­eme­re Form des Inhalts. Nur schwer las­sen sich die­se fil­mi­schen Erin­ne­rungs­schnip­sel erken­nen, ein­ord­nen und deu­ten, nur schwer lässt sich eine Ver­bin­dung zwi­schen den ein­zel­nen Aus­schnit­ten zie­hen. Die Erin­ne­rung bleibt lücken­haft, die Fil­me wider­set­zen sich den Bedürf­nis­sen des mensch­li­chen Chro­nis­ten. Was bleibt ist ein sinn­li­ches Blitz­ge­wit­ter gerahmt von Dunkelheit.