Shops around the corner von Jörg Kalt

Diagonale-Dialog 4: Labern über die Unendlichkeit

Am Tag nach der Dia­go­na­le-Abschluss­fei­er raf­fen sich Patrick und Rai­ner auf, um sich ein letz­tes Mal gegen­sei­tig den Bauch zu pin­seln (der Ton­fall die­ses Jahr ist tat­säch­lich weni­ger aggres­siv als in frü­he­ren Aus­ga­ben). Was lan­ge währt ist end­lich gut, es beginnt mit Albert Camus und endet im wahr­schein­lich kür­zes­ten, aber den­noch einem der mäch­tigs­ten Fil­me des Festivals.

Rai­ner: Ich wür­de unser heu­ti­ges Gespräch ger­ne mit ein paar Wor­ten zu Albert Camus begin­nen. Da ich ungern Zeit untä­tig ver­strei­chen las­se und es has­se zu war­ten, tra­ge ich fast immer ein Buch mit mir her­um. Wäh­rend der Dia­go­na­le war das ein Sam­mel­band mit Erzäh­lun­gen von Camus. Wäh­rend ich also immer wie­der in der Stra­ßen­bahn oder beim War­ten auf das nächs­te Scree­ning dar­in gele­sen habe, ist mir klar gewor­den, dass ich eine sehr kon­kre­te Sache an Camus beson­ders schät­ze und das ist die Strin­genz und Prä­zi­si­on in der Arti­ku­la­ti­on sei­nes phi­lo­so­phi­schen Pro­gramms in sei­nen Roma­nen und Erzäh­lun­gen. Sei­ne Agen­da zieht sich wie ein roter Faden deut­lich durch sein Werk – alles ist sehr kon­zis und klar arti­ku­liert – die­se Kon­se­quenz in der Wahl der Metho­de bewun­de­re ich auch bei vie­len Fil­me­ma­chern, oder mehr noch, geht mir ab, wenn sie nicht da ist.

Patrick: Das ist inter­es­sant, weil Camus mal gesagt hat, dass er Autoren nur am Gesamt­werk beur­teilt, nie an ein­zel­nen Wer­ken. Ich bin mir da nicht ganz sicher, weil wenn ich wie bei Pedro Cos­ta eine Ent­wick­lung ent­de­cken kann, die aus­ein­an­der her­vor­geht, dann ist das auch stimmig.

Rai­ner: Ich glau­be auch nicht, dass es der ein­zi­ge Weg ist, aber es fehlt mir oft die Kon­se­quenz im Kino. Wir leben in einer gefähr­li­chen Zeit, in der sich Künst­ler und Kunst­wer­ke oft in Belie­big­keit ver­lie­ren, da schät­ze ich eine gewis­se Ziel­stre­big­keit und Deut­lich­keit in der Arti­ku­la­ti­on, egal ob im Gro­ßen oder im Klei­nen. Das ist der Grund wes­halb ich Einer von uns von Ste­phan Rich­ter bes­ser fand, als ich es erwar­tet hat­te: Er beschränkt sich geo­gra­phisch auf einen Schau­platz, er ver­sucht sei­ne Figu­ren zu ver­ste­hen und die­ses Ver­ständ­nis ans Publi­kum wei­ter­zu­ge­ben, das ist alles sehr soli­de im Gegen­satz zu einem Film wie bei­spiels­wei­se Ago­nie von David Clay Diaz, der sich eben nicht fest­le­gen kann und/​oder will.

Patrick: Also die Kon­se­quenz in der Wahl der Metho­de im Bezug zum Stoff, den man filmt oder als all­ge­mei­nes ästhe­ti­sches Pro­gramm, als poli­ti­sche Idee? Fin­de dei­nen Weg von Camus zu Ste­phan Rich­ter sehr kurz.

Rai­ner: Die poli­ti­sche Idee bezie­hungs­wei­se das ästhe­ti­sche Pro­gramm (ist ja nicht immer so ein­fach das zu tren­nen) bedin­gen doch die Ent­schei­dun­gen in der Pra­xis, oder nicht? Das Gan­ze ist auch kein zu Ende gedach­ter Gedan­ke, son­dern eher eine (Selbst-)Beobachtung unter Berück­sich­ti­gung von Fil­men, die ich ges­tern gese­hen habe.

Patrick: Ich hof­fe, dass es nicht ein­fach ist, das zu tren­nen. So soll­te es zumin­dest sein. Ich habe die­ses Jahr den Ein­druck, dass sich die­se poli­ti­sche Hal­tung schon ein wenig durch das Fes­ti­val zieht. Da geht es weni­ger um eine ein­zel­ne Hal­tung, so nach dem Mot­to: Wir machen ein kom­mu­nis­ti­sches Fes­ti­val, son­dern eher um eine Absi­che­rung in der Argu­men­ta­ti­on von Fil­men. Das gefällt mir zwar, aber manch­mal wür­de ich schon auch ger­ne sagen, dass es die Fil­me ohne Absi­che­rung auch geben darf. Es gibt halt dadurch sehr vie­le Fil­me, die sich selbst the­ma­ti­sie­ren. Wie in der Film­kri­tik auch.

Rai­ner: Da passt der „Trend“ der nach­kom­men­den Gene­ra­ti­on öster­rei­chi­scher Fil­me­ma­cher ihre Fami­lie zu fil­men und ander­wei­tig zu the­ma­ti­sie­ren auch gut dazu…

Patrick: Ja, das Stich­wort dazu ist Beschei­den­heit und da schril­len bei mir so eini­ge Alarm­glo­cken. Ich sage nicht, dass die­se Fil­me, die übri­gens nicht nur von jun­gen Fil­me­ma­chern gemacht wer­den, prin­zi­pi­ell unin­ter­es­sant sind, aber das Kino darf und soll schon über Gren­zen gehen. Ich habe da ja zwei Arti­kel dazu geschrie­ben (Film braucht mehr Genies und Der böse Wil­le zur Kunst) und es ist mir nicht nach­voll­zieh­bar wie­so Beschei­den­heit ein Indiz für Qua­li­tät sein soll. Da wird oft Nai­vi­tät mit Unschuld ver­wech­selt und feh­len­de Reflek­tiert­heit mit einem ange­nehm nicht-intel­lek­tu­el­len Zugang. Wenn ein Film per se schon das Herz erwärmt durch sei­ne Beob­ach­tung von Men­schen, muss er letzt­lich eine Fan­ta­sie sein. Ja, das Kino soll, darf und muss an die­se Din­ge glau­ben, aber für sich allei­ne ste­hend bedeu­ten sie nichts. Dann sind sie nur das Pro­dukt einer Welt, die sie mit ihrer Freu­de eigent­lich kri­ti­sie­ren soll­ten. Wenn ich mir dage­gen so etwas wie Peter Brun­ners Jeder der fällt hat Flü­gel anschaue, dann fin­de ich damit auch mei­ne Pro­ble­me, aber ich fin­de einen Glau­ben an Kino, der es nicht dafür gebraucht, um vom Poten­zi­al einer mensch­li­chen Nähe zu erzäh­len, son­dern der das Kino und die­se Nähe zu einer Bewe­gung formt, die eben nicht immer har­mo­nisch ist, aber die danach sucht und der nicht gemocht wer­den will, sich nicht hin­ter sei­ner durch alle Poren trie­fen­den Sub­jek­ti­vi­tät ver­steckt, son­dern nackt dasteht.

Rai­ner: Aber sind die­se per­sön­li­chen Fil­me dann zwangs­läu­fig beschei­den? Das kann dann eine auf­ge­setz­te Beschei­den­heit wie in den Fil­men von Kurd­win Ayub sein oder auch in selbst­ver­herr­li­chen­der Mega­lo­ma­nie enden. Im Umkehr­schluss kann ein Film auch sehr auf sich selbst bezo­gen sein, ohne dass der Fil­me­ma­cher ein ein­zi­ges Mal selbst auf­tritt. Ich glau­be, wir dre­hen uns im Kreis, wenn wir uns auf die­se Kate­go­rien ver­stei­fen, schluss­end­lich geht es doch dar­um was mit und in jedem ein­zel­nen Film passiert.

Einer von uns von Stephan Richter
Einer von uns von Ste­phan Richter

Patrick: Ich glau­be die­se Ver­ir­rung mit Beschei­den­heit kommt daher, dass es eine völ­li­ge Beschei­den­heit etwas zu Fil­men und dann zu Zei­gen gar nicht geben kann. Ich will kein beschei­de­nes Kino. Ich will ein Kino das mehr will. Was mich an Hal­tung inter­es­siert, ist die Posi­ti­on des Fil­me­ma­chers zu dem was er da filmt. Da will ich einen Respekt, der mir zum Bei­spiel bei Hel­mut Ber­ger, Actor abgeht, da will ich eine Distanz, die mich dar­an erin­nert, von wo der Blick statt­fin­det und da will ich eine Mensch­lich­keit, die nicht von dem aus­geht, was ich da fil­me, son­dern von dem wie ich es fil­me. Die Geträum­ten und auch Brü­der der Nacht waren da per­fek­te Bei­spie­le für die­se Hal­tung, die ich im Kino suche. Unab­hän­gig jed­we­der Kategorie.

Rai­ner: Hast du ges­tern noch etwas gese­hen, dass eben­falls sol­cher­art Hal­tung bezieht? Oder etwas, dass dich beson­ders abge­schreckt hat?

Patrick: Ich habe etwas gese­hen, dass sich wohl genau in der Mit­te davon bewegt hat. Shops around the Cor­ner von Jörg Kalt. Das ist ein Film, der aus Auf­nah­men besteht, die der ver­stor­be­ne Fil­me­ma­cher 1998 in New York gemacht hat und die Nina Kus­tu­rica nun mon­tier­te. Dabei über­zeugt, dass der Pro­zess des Fil­mens im Sinn eines direct cine­ma Stils mehr oder weni­ger sicht­bar wird, es also auch ein Film über die Arbeits­wei­se von Jörg Kalt ist, aber gleich­zei­tig gibt sie dem Film mit eini­gen Titeln vor­her und nach­her so einen komisch künst­li­chen Rahmen…dennoch ist die Hal­tung die­ses Films Neu­gier, was schon­mal ein guter Aus­gangs­punkt ist. Ich glau­be das ist auch ein guter Unterscheidungspunkt…es gibt neu­gie­ri­ge Fil­me und gie­ri­ge Fil­me. In einem Film wie Brü­der der Nacht hängt das sogar zusam­men. Hast du neu­gie­ri­ge oder gie­ri­ge Fil­me gese­hen gestern?

Rai­ner: Im Kurz­do­ku­pro­gramm 1 waren meh­re­re Fil­me zu sehen, die man zur neu­gie­ri­gen Sor­te zäh­len könn­te: Leucht­kraft von Cla­ra Stern und Johan­nes Höß, nach­dem man nie mehr ein­fach so an einem Neon-Schrift­zug vor­bei­geht oder auch The Sea You Have to Love von Patrick Wal­ly, der sich quer­beet von Heming­ways Der alte Mann und das Meer bis Levia­than von Luci­en Cas­taing-Tay­lor und Véré­na Para­vel bedient, in sei­ner Stu­die über kroa­ti­sche Fischer. Im End­ef­fekt sind bei­de Fil­me wohl ein biss­chen zu brav aber ins­ge­samt war das ein schö­nes Pro­gramm, wo es viel zu sehen und ler­nen gab.

Patrick: Kön­nen wir bit­te noch über den gran­dio­sen Atlantic35 von Man­fred Schwa­ba spre­chen? Viel­leicht der zeit­ge­nös­sischs­te Film des Festivals?

Rai­ner: Ich tei­le dei­nen Enthu­si­as­mus für den Film nicht ganz, wenn­gleich ich ihn als Kon­zept­kunst schät­ze. Ein 35mm-Film, wie er unter den der­zei­ti­gen öko­no­mi­schen Rah­men­be­din­gun­gen noch mög­lich ist, ein ana­lo­ger Vine für die Kino­aus­wer­tung. Abge­se­hen von der poe­ti­schen Qua­li­tät des Films kann man hier sehr lan­ge über medi­en­theo­re­ti­sche Impli­ka­tio­nen spre­chen, die das Gan­ze mit sich bringt.

Patrick: Ach du Laber­kopf. Das ist ein­fach ein Film der puren Sehn­sucht, ein Film, der nur von sei­ner Unend­lich­keit spricht.