Von einer ein­mal gehör­ten Musik zu schrei­ben, erscheint mir zunächst wenig ziel­füh­rend. Im Gegen­satz zu Bil­dern und deren Bewe­gung, die ich schon des Öfte­ren beschrie­ben habe, gibt es kei­ne kon­kre­te Erin­ne­run­gen an die Musik. Viel­leicht aber bil­de ich mir das bei Bil­dern auch nur ein (ein­bil­dern); oft genug nut­ze ich schließ­lich – wenn vor­han­den – die Mög­lich­keit Bil­der wie­der­zu­se­hen, um dar­über zu schrei­ben, wäh­rend ich dar­über schrei­be. Ich kann wahr­schein­lich nicht bewei­sen, dass ich die Musik, von der ich hier etwas arg zöger­lich begin­nen möch­te zu schrei­ben, nicht höre, wäh­rend ich von ihr schrei­be. Ein­zig kann ich ver­su­chen zu schil­dern, wie wich­tig mir die Stil­le nach dem Hören ist; dann erscheint mir das Vaku­um der Luft wie ein Echo von all dem, was die Musik beim Hören in mir aus­lös­te. Es ist mir nicht klar, ob die Musi­ke­rin, von der ich schrei­ben möch­te, Chris­ti­ne Ott, mit ihrem Album­ti­tel Only Silence Remains genau auf die­ses Echo Bezug nimmt; ich möch­te es aber anneh­men, allei­ne schon des­halb, weil sich ein Text leich­ter schreibt, wenn man sich mit sei­nen Ideen ver­bun­den fühlt zu jener Kunst, die man beschreibt. Dabei habe ich gar nichts zu beschreiben.

Mir ist auf­ge­fal­len, dass ich einen bestimm­ten Bewe­gungs­ab­lauf habe, wenn ich zum ers­ten Mal eine Musik höre, die mich berührt. Ich leh­ne mich dann zurück, mein Kopf fällt unge­wöhn­lich in den Nacken (zumin­dest fühlt es sich unge­wöhn­lich für mich an, wenn ich dar­über nach­den­ke) und nach einer Zeit bli­cke ich zur Sei­te, star­re zur Sei­te, sodass mei­ne Augen nichts mehr scharf­stel­len müs­sen. In mir schließt sich etwas. Eine war­me Hand umgreift die Melo­dien als wären sie aus mir selbst, als wür­den sie mir allein gehö­ren. Das ers­te, was mir klar wur­de bezüg­lich der Musik von Chris­ti­ne Ott, vor allem der Musik ihrer Alben Soli­tu­de Noma­de, Only Silence Remains und ihrem Sound­track zu Fried­rich Wil­helm Murnaus Tabu, ist dass sie mich dazu bringt, das Schwei­gen in mir zu suchen, es scheint mir ganz natür­lich Nichts zu die­ser Musik zu sagen. Ich höre, dass es nicht nur auf den Ton ankommt, den man als nächs­tes spielt, son­dern dar­auf wie man die Tas­ten des Kla­viers berührt, mit ein wenig Wider­stand, ein biss­chen Zärt­lich­keit, sodass der dar­aus resul­tie­ren­de Klang die Spie­len­de selbst über­rascht; wie wenn man sich lan­ge Zeit vor­ge­stellt hat wie sich die Hand eines gelieb­ten Men­schen wohl anfüh­len wür­de – Ott beschreibt bestän­dig den Moment die­ser ers­ten, viel­leicht ein­ge­bil­de­ten Berüh­rung. Aller­dings habe ich das Gefühl, oder ich bin mir zumin­dest nicht sicher, ob es wirk­lich die Berüh­rung hin zu etwas ist oder ganz im Gegen­teil jene Sekun­den, in denen wir zum letz­ten Mal etwas berüh­ren, eine Hand, bevor sie uns für immer entgleitet.

Zu mei­nen Schul­zei­ten trenn­te sich eine sol­che Hand von mir, eine Hand, die mir sehr wich­tig gewor­den war, an einem Win­ter­tag. Viel hef­ti­ger als die Tren­nung emp­fand ich dabei, dass ein Hand­schuh über sie gestülpt war und ich so in die­ser letz­ten Berüh­rung nur Stoff emp­fand, der alles was dort geschah, unecht wir­ken ließ. Es trös­tet mich, dass die Rhyth­men von Ott immer wei­ter gehen. Es gibt einen rei­ßen­den Strom, der die Erin­ne­run­gen mit sich zieht. Jede Anmu­tung ist nur ein Ton, der nächs­te folgt zugleich, zusam­men erge­ben sie etwas, dass man nicht kon­trol­lie­ren kann, man muss sich die­ser Musik aussetzen.

Ein­mal habe ich Otts Musik gehört…nein, ich fin­de nicht, dass man einen Satz so begin­nen kann; was ich schrei­ben will, hat damit zu tun, dass ihre Musik mir Angst machst, etwas kippt in den Tönen wie ein Zug, der ohne Glei­se wei­ter­fährt, wei­ter­schwebt. Unbe­re­chen­bar und unheim­lich. Es sind nicht nur die Geis­ter­tö­ne, die Ott mit ihren Ondes Mar­te­not erzeugt, son­dern auch ein Wir­bel aus Zer­brech­lich­kei­ten; füh­le mich wie ein tan­zen­des Paar in der Mit­te und auf dem Eis eines gefro­re­nen Berg­sees, des­sen Eis nach und nach aufbricht.

Chris­ti­ne Otts Musik ist anders­wo in mir, ich kann sie nicht ver­or­ten. Viel­leicht daher die­ser etwas bemüh­te Ver­such, sie durch Schrei­ben zu loka­li­sie­ren. Zuletzt möch­te ich noch auf eine Bege­ben­heit hin­wei­sen, die sich so wäh­rend eines auf­kom­men­den Sturms im Herbst des ver­gan­ge­nen Jah­res zuge­tra­gen hat. Ich war allei­ne mit dem Rad auf einem Feld­weg unter­wegs, frei­es Feld, kei­ne Bäu­me; ich höre Ott immer allei­ne; es gab kei­nen Grund für mei­ne Aus­fahrt, etwas in mir ver­spür­te plötz­lich den Drang nach Wind auf offe­nem Feld, die­ses Gefühl, schrei­en zu kön­nen, ohne dass man sich selbst hören muss. Ich fuhr dort mit und gegen den Wind, als ich mit einem Mal die Kla­vier­tö­ne von Ott ver­nahm. Durch den Sturm hin­durch, aus dem Wind, ganz sanft und doch tobend, tobend in mir.

Crédits photographiques :
Jean-Pierre Rosenkranz, Grégoire Orio, Mathieu Gabry,
Emmanuel Viverge, Dominique Leroux, Nicu Cherciu