Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Fabriken im Film

Es gibt einen Rhyth­mus der Arbeit im Film. Rau­chen­de Schorn­stei­ne, Moto­ren rat­tern, mecha­ni­sche Bewe­gun­gen spie­len Musik in der Mon­ta­ge und sie dyna­mi­sie­ren ganz nach den Eisen­stein-Ideen unse­re Wahr­neh­mung: Ja, agi­ta­to­ri­sche Fabri­ken im Film, ihre Bewe­gung zieht sich über das Land, durch die Stadt bis hin­auf in den Him­mel bis sogar der sinn­lich-reli­giö­se Dovz­hen­ko sich in den kraft­vol­len Blick der Maschi­nen ver­liebt. Erstaun­li­cher­wei­se trifft sich die­ses extrem lin­ke Pro­pa­gan­da­ma­te­ri­al in sei­ner dyna­mi­schen Ästhe­tik mit jener des Pro­pa­gan­da­ki­nos im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land. Man den­ke an einen Film wie Metall des Him­mels von Wal­ter Rutt­mann. Die Arbeit hängt an Fabri­ken und die­se Fabri­ken wer­den als Motor für poli­ti­sche Sys­te­me ver­stan­den, die Arbeit wird glo­ri­fi­ziert und eine Fabrik ist der hei­li­ge Tem­pel, in dem jedes Rad in das nächs­te greift für einen Fort­schritt, doch wohin? In sei­nem Fabri­ca nimmt Ser­gei Loz­nit­sa die iko­ni­schen Bil­der des sowje­ti­schen Kinos aus­ein­an­der. Die Arbeit hat etwas Ermü­den­des und Grau­sa­mes bekom­men hier. Die Maschi­nen sind uner­bitt­lich, der Mensch wankt. Wäh­rend das Fließ­band unauf­halt­sam in ein schwar­zes Nichts läuft, behin­dert eine aggres­si­ve Wes­pe Char­lie Chap­lin bei sei­ner Arbeit in Modern Times. Immer wie­der hängt er in den Maschi­nen fest, die Auto­ma­ti­sie­rung des Men­schen, die Fabri­ken gewin­nen Macht über uns. Vor dem Auge erschei­nen die bizar­ren Schläu­che in Jac­ques Tatis Mon oncle, die merk­wür­di­gen Geräu­sche, wohin füh­ren all die­se Wege, was machen all die­se Appa­ra­te? Es ist heiß in den Fabri­ken, ein Höl­len­schlund. In Micha­el Cimi­nos The Deer Hun­ter wird man gleich in den ers­ten Bil­dern mit­ten hin­ein gewor­fen in das Feu­er, die sen­gen­de Hit­ze des Unter­gangs, die sich letzt­lich im Wahn­sinn auf der ande­ren Sei­te des Pla­ne­ten fin­den wird, aber hier ihr Echo und natür­lich auch ihren indus­tri­el­len Ursprung fin­det. Man den­ke nur an die­se sar­kas­ti­sche Eröff­nungs­se­quenz in Lord of War von Andrew Nic­col, in der eben­falls eine Melo­die der Fabri­ken erzeugt wird, eine Hand in die ande­re greift bis eine her­ge­stell­te Muni­ti­ons­ku­gel im Kopf eines Men­schen lan­det. Eine Fabrik zu besit­zen, bedeu­tet Macht wie man zuletzt auch in A Most Vio­lent Year von J.C. Chan­dor sehen konn­te. Macht, die im Film oft zu Gewalt führt.

Modern Times von Charlie Chaplin
Modern Times von Char­lie Chaplin

Cris­ti Puiu bewegt sich ver­deckt von Fens­tern und Mau­ern durch sei­nen iso­lie­ren­den Arbeits­platz in Auro­ra, eine Fabrik. Sein Umgang mit Mit­ar­bei­tern ist schroff, in den Pau­sen sitzt er allei­ne am Rand der Fabrik, er bewegt sich so, dass er nie­mand begeg­nen muss. Damit ähnelt er tat­säch­lich Jac­ques Tati (man muss dar­über nach­den­ken…). Auch Chris­ti­an Bale ist ein sol­cher Iso­lier­ter in einer Fabrik in The Machi­nist von Brad Ander­son. Aber in sei­nem Fall offen­bart sich eine ande­re Eigen­schaft von Fabri­ken im Film, näm­lich die Gefahr eines Unfalls, das Schick­sal und die Bedro­hung am Arbeits­platz. Beson­ders schwer wiegt das im Fall der ver­heim­lich­ten Augen­er­kran­kung in Dancer in the Dark von Lars von Trier. Es geht um Men­schen, die nicht mehr in der Lage sind, die Maschi­nen zu bedie­nen, aber deren Exis­tenz dar­an hängt. Fabri­ken im Film, das ist auch Über­le­ben und Öko­no­mie. Beson­ders hef­tig ist da natür­lich die Arbeit in einem Atom­kraft­werk wie sie in Rebec­ca Zlo­tow­skis Grand Cen­tral gezeigt wird. Ein Feh­ler kann töd­lich sein, die Bedro­hung ist in die­sem Fall nicht sicht­bar. Der gif­ti­ge Rauch in Michel­an­ge­lo Anto­nio­nis Il deser­to rosso, die­se ent­fern­ten und doch nahen Geräu­sche, was pas­siert dort, was haben wir damit zu tun? All die­se Bei­spie­le ste­hen für eine Ent­frem­dung vor einer Arbeit, die aus immer glei­chen Bewe­gun­gen besteht, die zei­gen wie schwer es ist die Kon­zen­tra­ti­on auf­recht zu erhal­ten und wie wich­tig die Bedin­gun­gen dafür sind. Stump­fer Wie­der­ho­lungs­drang, der glück­li­che Sisy­phos könn­te sich sein Bein bre­chen, wenn er aus­rutscht, was dann? Es sei dar­auf ver­wie­sen, dass sich die viel­leicht ulti­ma­tiv funk­tio­na­le und ent­frem­de­te Fabrik im Haus­halt von Jean­ne Diel­man, 23, Quai du Com­mer­ce, 1080 Bru­xel­les von Chan­tal Aker­man fin­det. Die Fabrik als Lebensweise.

Aurora von Cristi Puiu
Auro­ra von Cris­ti Puiu
Il deserto rosso von Michelangelo Antonioni
Il deser­to rosso von Michel­an­ge­lo Antonioni

Die Land­schaf­ten um die Fabri­ken sind meist ein end­zeit­li­ches Ödland, Anto­nio­ni scheint mit sei­nem nebe­li­gen Gift­sümp­fen in Il deser­to rosso, in denen Schif­fe am Hori­zont erschei­nen und kein Leben mög­lich ist, in der Wun­de einer indus­tri­el­len oder post-indus­tri­el­len Welt zu baden. Doch auch der Metall-Schick von James Came­rons The Ter­mi­na­tor, die tris­ten Schorn­stei­ne am Hori­zont der Stadt in Kori­do­ri­us von Sharu­nas Bar­tas, die ver­geb­li­chen Lei­dens­ge­räu­sche einer ver­las­se­nen Indus­trie bei Béla Tarr, ja die Fabri­ken ver­schwin­den, ihr Klang ist nur mehr ein Echo. Das gilt für die Schick­sa­le der Arbei­ter wie sie Niko­laus Geyr­hal­ter in sei­nem Über die Jah­re beob­ach­tet und für die Fabri­ken selbst wie man es oft in den Fil­men von Jia Zhang-ke (zum Bei­spiel 24 City, A Touch of Sin oder Still Life) sehen kann, in denen Fabri­ken geschlos­sen wer­den und die letz­ten Arbei­ter wie Geis­ter durch ein Chi­na ohne Bestim­mung tor­keln. Lee­re Fabri­ken, sie sind Geschich­te und Erin­ne­rung. In IEC Long von João Pedro Rodri­gues und João Rui Guer­ra da Mata ist die Fabrik end­gül­tig ein Geis­ter­ort und damit fin­den Fabri­ken viel­leicht eine fil­mi­sche Bestim­mung, die sie end­gül­tig völ­lig ent­fernt hat von den mecha­ni­schen Fes­ten ver­nich­ten­der poli­ti­scher Sys­te­me, in eine fil­mi­sche Welt, in der Platz sein kann für die Men­schen, ihre Hän­de, Gesich­ter und ihre Zeit, die an die­se spe­zi­el­len Orten und in den spe­zi­el­len Rela­tio­nen zur Musik der Maschi­nen zwi­schen Über­le­bens­drang, Häss­lich­keit, Hoff­nung, Gefahr, Macht und der Schön­heit von getrock­ne­tem Öl in den Hän­den eines Geists füh­ren kann. Elia Kazan hat in sei­nem The Last Tycoon bereits die­ses Gefühl der Ver­gäng­lich­keit auf die Fabri­ken der Film­in­dus­trie selbst gelegt, die lee­ren, funk­ti­ons­lo­sen Stu­di­os, kein Wind aus den Maschi­nen, kein Mond­schein aus den Schein­wer­fern, das Ende der Fabri­ken, das Ende der Illusion?

The Machinist von Brad Anderson
The Machi­nist von Brad Anderson
IEC Long von João Pedro Rodri­gues und João Rui Guer­ra da Mata

Viel­leicht kann man so ver­ste­hen, war­um Wil­ly Won­ka im Ange­sicht sei­ner Fabrik in Wil­ly Won­ka & the Cho­co­la­te Fac­to­ry von Mel Stuart von sei­ner Ima­gi­na­ti­on singt:

Come with me and you’ll be
In a world of pure imagination
Take a look and you’ll see
Into your imagination

We’ll begin with a spin
Tra­v’­ling in the world of my creation
What we’ll see will defy
Explanation

If you want to view paradise
Sim­ply look around and view it
Any­thing you want to, do it
Want to chan­ge the world, there’s not­hing to it