Die Leere im Blick von Alexander Zverev

Als ich mir an einem Janu­ar­vor­mit­tag den fünf­ten Satz des Halb­fi­nal­spiels der Aus­tra­li­en Open zwi­schen Car­los Alca­raz und Alex­an­der Zverev ansah, bemerk­te ich im erschöpf­ten Blick des deut­sche Ten­nis­spie­lers ein selt­sa­mes Fla­ckern. Ich hielt das Bild an und zoom­te in die­se Augen, die zwi­schen zwei Ball­wech­seln einen unbe­stimm­ten Punkt in der Wei­te der Are­na zu fixie­ren schie­nen. Ich konn­te nicht viel mehr erken­nen als zuvor, aller­dings bemerk­te ich, dass der Regen­bo­gen­schicht von Zverev jeg­li­che Far­be abhan­den gekom­men war. Die Augen waren weiß­grau, fast durch­sich­tig. Es waren nicht die Augen eines Toten oder blin­den Men­schen, aber sie gehör­ten auch kei­nem, der noch wirk­lich etwas sehen konn­te. Wahr­schein­lich han­del­te es sich ledig­lich um einen just im Aug­ap­fel auf­pop­pen­den Glitch, der in der Über­tra­gung vom sprich­wört­li­chen ande­ren Ende der Welt irgend­wie beru­hi­gend wäre. Aber ich war mir nicht ganz sicher. Auch in den dar­auf­fol­gen­den Minu­ten bemerk­te ich, dass in Zve­res Augen nicht mehr jene Gefüh­le auf­blitz­ten, die man ob des Spiel­ver­laufs hät­te erwar­ten kön­nen. Selbst wenn er die Faust ball­te, blie­ben sei­ne Augen kalt und aus­drucks­los. Er hat­te den glei­chen Blick, egal ob er punk­te­te oder ver­lor. War sein Mela­nin ver­braucht oder war es gar ein Bir­kau­ge, wie es nor­ma­ler­wei­se bei Dal­ma­ti­nern auftritt?

Jetzt, da ich dar­über nach­den­ke, fällt mir auf, wie idio­tisch es doch ist, in den Augen von Men­schen etwas erken­nen zu wol­len, die man weder kennt noch wirk­lich vor sich sieht. Das ist eben die gehei­me Abma­chung bei die­sen immer­glei­chen Abläu­fen, die sol­che Wett­kämp­fe bestim­men, alle spie­len ihre Rol­len in den simp­len Nar­ra­ti­ven von Tri­umph und Nie­der­la­ge. Die Repor­ter und Exper­ten haben nichts mehr zu sagen, sie haben sich nur zu wie­der­ho­len, das haben sie längst ver­stan­den. Je mehr sie ver­glei­chen, des­to woh­ler füh­len sich die­je­ni­gen, die glau­ben, es bedeu­te etwas, ob die­ser nun vier­und­zwan­zig oder fünf­und­zwan­zig sol­cher Tur­nie­re gewon­nen habe. Man stel­le sich nur einen Ten­nis­spie­ler vor, der ein sol­ches Match ver­lö­re wie Zverev und dann mit einem erleich­ter­ten Lächeln den Platz ver­lie­ße. Nie­mand wüss­te mit einem sol­chen Sport­ler umzu­ge­hen. Er wäre ganz gelöst und wür­de sich mit Jubel­po­sen von den Fans ver­ab­schie­den. Er wür­de in die Kame­ras spre­chen, dass dies sein schöns­ter Tag wäre. Und anders­her­um: Die­ser ent­täusch­te Blick der gro­ßen Sieger!

Jeden­falls war es mir, als spieg­le sich in die­sem Glit­sch, die­sem Fla­ckern in Zverevs Aug­ap­fel ein Asche­re­gen und ich konn­te nicht anders, als an die Feu­er zu den­ken, die tau­sen­de Tie­re auf dem sel­ben Kon­ti­nent zur glei­chen Zeit hin­rich­ten, auf dem die­se Mil­lio­nä­re an der Hit­ze lei­den, in der sie sich bewe­gen wol­len. Ja, womög­lich fla­ckert da ein Busch­feu­er in den halb­to­ten Augen von Zverev. Sol­che Moral­keu­len schwin­gen frei­lich ins Nichts, schließ­lich ist es auch für die Koa­las schön, dass sie bei all die­sem Stress ein wenig Ten­nis sehen kön­nen. Man muss sich ent­span­nen, höchs­ten ein biss­chen bezwei­feln, sonst kommt man nicht mehr raus aus dem Grauen.

Aber mir bleibt die­ser Ein­druck, wahr­schein­lich beför­dert von Zverevs Blick, als wären die­se lei­den­den Kör­per der Ten­nis­spie­ler nicht so getrennt von den Kör­pern, die anders­wo zer­fal­len. Zverev glaubt sicher­lich, – und das ist sein Recht – dass die Fra­ge, ob er einen sol­chen Filz­ball nun eini­ge Zen­ti­me­ter wei­ter rechts oder links schlägt über sein Glück ent­schei­det. Wenn er sich aber die Wie­der­ho­lung der Par­tie in sei­nem kli­ma­ti­sier­ten Hotel­zim­mer oder im Flug­zeug ansieht, wird er womög­lich über sei­nen eige­nen Blick erschre­cken. Er wird ver­su­chen, sich an das zu erin­nern, was ihm durch den Kopf ging, als er ins Nichts sah. Eine Ahnung könn­te ihn beschlei­chen, sie betrifft sei­nen Kör­per. Ein Kör­per, der dar­auf aus ist, nicht zu ermü­den. Ein Kör­per, der sich selbst über­kom­men muss, um als guter Kör­per zu gel­ten. Ein Kör­per, der genau­so zer­fällt wie alle ande­ren Kör­per, der aber für die Dau­er einer Kar­rie­re den Anschein erwe­cken soll, sich zu ent­wi­ckeln, zu wach­sen, sich aus­zu­wei­ten in Regio­nen, die von Ärz­ten aus­ge­lo­tet und über­wacht wer­den, damit mög­lich wird, was unmög­lich ist. Er könn­te erken­nen, dass sei­ne Augen unver­än­der­lich in die­sem trans­for­mier­ten Kör­per sit­zen. Sie kann er nicht trai­nie­ren. Sie blei­ben zurück, als lee­re Löcher in einer Gren­zen­lo­sig­keit. Zverev könn­te erah­nen, dass die­ser Kör­per nicht nur für sich selbst ver­ant­wort­lich ist. Es steht zu bezwei­feln, dass ihm dann klar wird, wie er sei­nen eige­nen Kör­per dar­auf trai­nie­ren könn­te, mög­lichst wenig Scha­den anzu­rich­ten. Statt­des­sen wird er sich wie­der den Kopf dar­über zer­bre­chen, wie er den Ball noch etwas bes­ser tref­fen könn­te, um zu gewinnen.

Als das Spiel ende­te, sah ich kurz mei­nen eige­nen Blick in der Spie­ge­lung des schwarz­ge­wor­de­nen Lap­top­bild­schirms. Mei­ne Augen waren gla­sig. Ich konn­te ihre Far­ben nicht erken­nen und rann­te panisch zum Spie­gel. Was habe ich mir dabei gedacht, Stun­den in ein Nichts zu starren?