Ich war kein wirk­lich begab­ter oder auch nur halb­wegs guter Ten­nis­spie­ler, was – so rede ich mir ein, dar­an kann mich nie­mand hin­dern – mehr an mei­ner men­ta­len als an mei­ner phy­si­schen Kon­sti­tu­ti­on lag (die Wahr­heit liegt irgend­wo dazwi­schen, war ich doch einer, der sich haupt­säch­lich dar­auf ver­stand, den über das Netz flie­gen­den Filz­bäl­len, die ande­re schlu­gen, erfolg­reich hin­ter­her zu ren­nen und weni­ger einer, der mit dem Schlä­ger umzu­ge­hen wuss­te). Die wah­re Wahr­heit aber (ist die ohne­hin fra­gi­le Wahr­heit im Sport nicht immer eine Fra­ge der Per­son, die sie zu erken­nen glaubt?) ist, dass mir jeg­li­che Demut für die­sen aris­to­kra­ti­schen Zeit­ver­treib fehl­te, ich akzep­tier­te weder mei­ne Feh­ler noch die Regeln noch die sich wan­deln­den Stim­mun­gen (ein Ten­nis­spiel ist ein wenig wie der Wind, wer sein Segel nicht recht­zei­tig dreht, treibt hilf­los im Sand) noch die Höhe des Net­zes, die Gren­zen der Lini­en, die Pau­sen der Geg­ner, das Spiel der Geg­ner, die Geg­ner über­haupt, die Bli­cke der Zuschau­er, den Win­kel der Son­ne, die Här­te der Bäl­le und so wei­ter. Im Gro­ßen und Gan­zen war und bin ich gänz­lich unge­eig­net für jeden Sport, bei dem ich nicht alles kon­trol­lie­ren kann (für jeden Sport also). 

Trotz­dem warf ich mich eine Zeit lang wöchent­lich zwei oder drei­mal in mei­ne wei­ßes­ten Kla­mot­ten (sie waren eher grau), um mich die­ser fin­ger­bla­sen­freund­li­chen Tätig­keit hin­zu­ge­ben und immer­hin fei­er­te ich mit einer Ver­eins­meis­ter­schaft in mei­ner Alters­klas­se beim Dorf­ver­ein einen beacht­li­chen Erfolg (wir waren acht Teil­neh­mer, der Sieg wur­de mir nach einer halb­stün­di­gen Dis­kus­si­on über einen gespiel­ten Ball zuge­spro­chen, den ich im Aus sah, mein Kon­tra­hent aber nicht: er war im Aus, ich spre­che die Wahrheit!). 

Grund dafür war kein fehl­ge­lei­te­ter Ehr­geiz und schon gar nicht die Freu­de am Spiel (ich fluch­te so viel auf einem Ten­nis­platz wie nir­gend sonst in mei­nem Leben) son­dern die Illu­si­on einer Schwe­re­lo­sig­keit, die gar nichts mit mir zu tun hat, ein Schwe­ben vor dem inne­ren Auge, ja, so will ich das ein­mal nen­nen. Ich mei­ne, dass ich – und ich bin mir sicher, dass ich damit nicht allein bin, tau­sen­de wöchent­lich unan­sehn­lichst über Fuß­ball­plät­ze schlei­chen­de, tor­keln­de, hecheln­de, rol­len­de oder schlicht regungs­los auf dem Grün ste­hen­de Gestal­ten, deren gan­zer Kör­per danach schreit, kei­nen Sport zu trei­ben, bestä­ti­gen mein Gefühl – von der Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem pro­fes­sio­nel­len Sport, der Sich-Selbst-Ins-Ath­le­ti­sche-Pro­ji­zie­ren­den Phan­ta­sie, einer Art fort­wäh­ren­der aber berau­schen­der Selbst­täu­schung durch die ele­gan­ten Bewe­gun­gen der größ­ten Spie­ler ange­zo­gen, nein erho­ben wur­de in einen Zustand, in dem ich nicht Ich war auf dem Platz, son­dern der Zuschau­er eines Spiels, das weit schnel­ler, inten­si­ver, feh­ler­lo­ser, atem­be­rau­ben­der war und an dem ich nur zufäl­lig oder eigent­lich gar nicht teil­nahm. Auch wenn man nicht so spie­len kann wie die Bes­ten, kann man doch so dar­über den­ken und reden, als wäre man einer von ihnen. Man fühlt es ein­fach. Ich war Nadal, Rod­dick, Sam­pras. Bis das Spiel been­det war, war ich Pro­fi, war so gut wie die bes­ten Spie­ler der Welt, nie­mand hät­te mich vom Gegen­teil über­zeu­gen kön­nen, schließ­lich waren die Geg­ner auch nicht bes­ser und wenn nie­mand bes­ser war, dann gab es eben nie­mand Bes­se­ren, so ein­fach ist das. Ohne­hin wäre ja alles nur eine Fra­ge des Trai­nings, dann stün­de mei­nem Welt­erfolg nichts im Weg. 

Die­se Illu­si­on bezog ich natür­lich aus dem Fern­se­hen (für den Besuch eines pro­fes­sio­nel­len Ten­nis­tur­niers fehl­te es mei­ner Fami­lie an Geld und Inter­es­se). Mei­ne ers­te Erin­ne­rung an ein Ten­nis­spiel im Fern­se­hen war der haa­ri­ge Pete Sam­pras und der haa­ri­ge And­re Agas­si und ich dach­te eine Zeit lang, dass man vie­le Haa­re brau­che, um Ten­nis spie­len zu kön­nen. Ent­täuscht stell­te ich fest, dass mein Kör­per kein sol­ches Fell pro­du­zier­te. Ich woll­te schon auf­ge­ben, als mir auf­fiel, wie sehr mei­ne Longli­ne-Schlä­ge, mein Ser­ve-and-Vol­ley und vor allem die Art und Wei­se, wie ich beim Sei­ten­wech­sel Bana­nen mampf­te an die Super­stars erin­ner­te (wie mich das alles selbst an sie erin­ner­te), sodass mir klar wur­de, dass die feh­len­de Ganz­kör­per­be­haa­rung wahr­lich kein Hin­der­nis dar­stel­len wür­de. Ohne dass ich wuss­te wes­halb, zogen mich fort­an jene Cha­rak­te­re an, die die­sem so betuch­ten, gesetz­ten Spiel (die Regeln hin­der­ten mich stän­dig dar­an, Erfol­ge ein­zu­heim­sen, die­se ver­damm­ten Regeln!) ein wenig Wild­heit ent­ge­gen­setz­ten. Ich den­ke an Gestal­ten wie Safin oder Rod­dick, sol­che eben, die auch mal einen Schlä­ger zer­trüm­mer­ten, die gegen die Über­le­gen­heit der Selbst­be­herr­schung auf­be­gehr­ten, egal ob sie damit schei­ter­ten oder nicht. 

Ich war eigent­lich ein ganz ande­rer Spie­ler­typ (ich hat­te kei­ne Kraft zum Bei­spiel) aber es ging nie um das Spiel, es ging um eine durch das Spiel ver­mit­tel­te Ein­stel­lung zum Leben. Die­se Ten­nis­spie­ler waren mein Punk (etwas arm­se­lig, ja lächer­lich, ich gebe es zu), die­se ver­wöhn­ten rei­chen Kin­der, die da Mil­lio­nen schef­fel­ten, weil sie einen Filz­ball über Net­ze dro­schen. Man sucht sich sei­ne Vor­bil­der lei­der nicht selbst, da ist man macht­los in einem gewis­sen Alter. So zog ich mit gele­gent­li­chen Wut­an­fäl­len und stol­zer Über­heb­lich­keit über die Ten­nis­plät­ze (und durch den Pau­sen­hof) und wenn ich ver­lor, lag das an allem, nur nicht an mir. So war das. 

Und dann kam Nadal. Rafa­el Nadal Pare­ra aus Mana­cor auf Mal­lor­ca. Nadal ver­än­der­te alles. Er war nicht so wie der über allem schwe­ben­de, arro­gant sei­ne Fin­ger­kup­pen anpus­ten­de, immer freund­lich lächeln­de Fede­rer, in des­sen Über­le­gen­heit ich alles erkann­te, was ich an die­sem Sport ver­ab­scheu­te. Er war nicht der her­ab­las­sen­de, poli­tisch kon­ta­mi­nier­te, ernäh­rungs­plan­fa­na­ti­sche Akro­bat Djo­ko­vic. Er war aber auch nicht wie die pun­ki­gen Schlä­ger­zer­trüm­me­rer, die Erben McEn­roes, nein, er war etwas ganz ande­res. In der Wucht sei­ner links­hän­di­gen Vor­hand und der Geschwin­dig­keit sei­ner quer über die Plät­ze flie­gen­den Sprints erkann­te ich die Wür­de, die in der Über­win­dung aller nur mög­li­chen Wider­stän­de liegt. 

Ich mei­ne das ganz ernst. Nadal lehr­te mich, wie man wider­steht. Wie man auf­steht, wäh­rend man fällt. Er lehr­te mich das und selt­sa­mer­wei­se brach er dafür kei­ne Regeln, ver­stieß gegen kei­ner­lei Eti­ket­te. Er war immer brav, fast zu höf­lich, beschei­den, demü­tig, respek­tier­te sei­ne Geg­ner. Und das gefiel mir. Er war eins mit dem Spiel, iden­ti­fi­zier­te sich so sehr mit allem, was im Ten­nis mög­lich ist, dass er zum Sinn­bild der Wer­te die­ses Sports wur­de, obwohl er denen doch wider­sprach (er pflüg­te mehr über den Platz als er lief, zeig­te mehr Ver­bis­sen­heit als Ele­ganz, schrie etwas zu laut). Wann immer Nadal einen die­ser eigent­lich uner­reich­ba­ren Bäl­le erlief, ihn mit einer wie aus dem Unwirk­li­chen aus­bre­chen­den Kraft (sei­ne Mus­keln igno­rier­te ich, das war mir zu geist­los) auf die ande­ren Sei­te schleu­der­te, uner­reich­bar für sei­ne Kon­tra­hen­ten, und mit sei­nem lau­ten Vamos! und rudern­den Armen das Publi­kum ani­mier­te, ver­lor ich die Boden­haf­tung. Ich war wahr­lich nicht allein damit. Das war, als wür­de es kei­ne Phy­sik mehr geben. Es war ganz klar: Die­ser Punkt, die­ser Sieg, das war nicht für Nadal, das war für mich, für alle, die nicht zufrie­den sind mit den Regeln des Spiels, die aber bei sich wis­sen, dass es kein außer­halb des Spiels gibt. Die­je­ni­gen, die gern der Schwer­kraft ent­kom­men würden. 

Nadal gab nie auf, er kehr­te aus den unmög­lichs­ten Situa­tio­nen zurück, hielt stets den Kopf oben, wenn ande­re schon längst den Platz ver­las­sen hät­ten. Auf dem Platz ver­kör­per­te er das Bes­te im Men­schen, er lieb­te, was er tat, aber er bekämpf­te sich und alles, um sich und das Spiel zu ver­bes­sern. Nun wür­de ich gern schrei­ben, dass Nadal mein eige­nes Spiel nach­hal­tig ver­än­der­te und ich auf­grund sei­nes Bei­spiels zu einem bes­se­ren, beschei­de­ne­ren Spie­ler wur­de und so wei­ter. Statt­des­sen aber hör­te ich ein­fach auf. Heu­te glau­be ich, dass ich auf­hör­te, weil mir die von ihm bereit­ge­stell­te Illu­si­on aus­zu­rei­chen begann. Ich brauch­te nur noch sie, muss­te selbst dar­in kei­ne Rol­le mehr spielen. 

Nadals Illu­si­on bezog sich eben nicht nur auf das Ten­nis­spiel, sie ent­fal­te­te sich im gan­zen Leben, war und ist anwend­bar in den ver­schie­dens­ten Situa­tio­nen. Man kann Pil­ze sam­meln wie Nadal, früh­stü­cken wie Nadal, man kann ein Gespräch füh­ren wie Nadal, man kann lie­ben wie Nadal den Ball geliebt hat (mer­ke: man kann, man muss nicht!). Sein Vamos! wur­de ver­mark­tet, sei­ne Lei­den­schaft für sei­ne Tätig­keit und sei­ne Auf­rich­tig­keit auch (Kia, Rolex, Nike, Mal­lor­ca). Aber sie war echt, zumin­dest echt genug für mich. Ich hat­te das Gefühl, dass mit einem wie Nadal der Sport nie ins Enter­tain­ment kip­pen konn­te. Er konn­te letzt­lich immer nur den Sport bewer­ben, selbst wenn er mit einem Auto her­um­fuhr oder teu­re Uhren trug. Sei­ne Mes­sa­ge lau­te­te wahl­wei­se: Ten­nis oder gib nicht auf! Auch mit sei­nen dut­zen­den Ticks und aber­gläu­bi­schen Spleens konn­te ich mich iden­ti­fi­zie­ren, ja, ich gebe zu, dass ich das ers­te Wort die­ses Tex­tes mit mei­nem lin­ken Ring­fin­ger getippt und bis heu­te vor jeder Nacht­ru­he eine Was­ser­fla­sche im glei­chen Abstand auf den Boden neben das Bett stel­le. Auch das hat mich Nadal gelehrt. Die­se Eigen­hei­ten mach­ten ihn mensch­lich, weil nur Men­schen ver­su­chen, in ihren Abläu­fen Maschi­nen zu imitieren. 

Viel wich­ti­ger aber war, dass er mir gezeigt hat, wie man wür­de­voll ver­liert. Eigent­lich noch mehr: Wie man gewinnt, auch wenn man ver­liert. Denn selbst bei sei­nen größ­ten Nie­der­la­gen hat­te ich das Gefühl, er hät­te sich so sehr dage­gen gestemmt, er hät­te eigent­lich schon Abge­schlos­se­nes so lan­ge offen­ge­hal­ten, dass es sich anfühl­te, als habe er eigent­lich gewon­nen. Eine Zeit lang konn­te man Nadal gar nicht besie­gen, er spiel­te so, dass der Gewin­ner eines Spiels gegen ihn noch eine Woche spä­ter nachts auf­wach­te, weil er befürch­ten muss­te, Nadal hät­te den Match­ball doch noch erlau­fen und ihn in letz­ter Sekun­de abge­wehrt. Der­art zeig­te er mir, dass es auch im Ten­nis nicht um das Ergeb­nis geht. Es geht dar­um, dem vor­be­stimm­ten Ergeb­nis so lan­ge wie mög­lich zu wider­spre­chen, ohne die Regeln zu bre­chen. Dass auch er den Alters­er­schei­nun­gen nicht end­los wider­ste­hen konn­te (sich sicher kei­nen Gefal­len tat, sie so lan­ge zu bekämp­fen) und er nun sei­ne Kar­rie­re been­det, mag wie eine Nie­der­la­ge erschei­nen, in Wahr­heit aber wird sei­ne bio­lo­gi­sche Uhr nachts panisch auf­wa­chen, weil sie sich nicht sicher sein kann, ob er doch noch ein­mal wie­der­kommt und allen Geset­zen widerspricht.