Letz­te Woche saß ich im Kino, der Film hat­te noch nicht begon­nen und ich kom­men­tier­te mit einem Freund den längst aus­wen­dig gelern­ten Wer­be­block. Unter ande­rem wur­de ein Wer­be­film gegen Rechts­extre­mis­mus gezeigt, den ich bis dahin erst ein­mal gese­hen hat­te. Zu Anfang des Spots erin­ner­te ich mich unwill­kür­lich, dass ich es damals ganz lus­tig fand, wie die­ser Rechts­ra­di­ka­le mit dem distan­zier­ten Blick des Tier­for­schers als bedroh­te Art in einem feind­li­chen Lebens­raum zeig­te. Immer wie­der wird ihnen der zum Hit­ler­gruß erho­be­ne rech­te Arm ein unüber­wind­ba­res Hin­der­nis im All­tag. Doch letzt­lich fin­det eine alte Frau Ver­wen­dung für den stö­ren­den Gruß­re­flex und nutzt die gestreck­ten Arme zwei­er Neo­na­zis als Auf­hän­ger für die Wäsche­lei­ne in ihrem Gar­ten. All das war mir auf ein­mal wie­der prä­sent und ver­än­der­te mei­nen zwei­ten Blick auf den Werbespot.

Plötz­lich fiel mir auf wie stark die­ser ästhe­tisch auf die 1990er Jah­re ver­weist. In einer Ver­bin­dung von sti­lis­ti­schen und inhalt­li­chen Refe­ren­zen beschwört er die 90er als gro­ße, böse Zeit des ost­deut­schen Neo­na­zis­mus. Neben Pro­le­ta­rier­woh­nun­gen, einem klein­bür­ger­li­chen Vor­gar­ten und Men­schen in wei­ten, hell­blau­en Jeans: his­to­ri­sches Foto­ma­te­ri­al aus Ros­tock-Lich­ten­ha­gen. Die gege­be­ne his­to­ri­sche Dring­lich­keit der her­bei­ge­zerr­ten Zeit und ihrer Ereig­nis­se wird aber noch im Moment der Beschwö­rung durch die retro-gla­sier­te Home-Video Optik der Bil­der wie­der gebannt. Der kur­ze Schau­er der ins Bewusst­sein gebrach­ten Urtei­le und Gewiss­hei­ten genügt, die Geschich­te darf zurück in die Tru­he. Der Retro­mo­dus redu­ziert Geschich­te auf den Inhalt einer Ver­klei­dungs­kis­te und Men­schen auf Anzieh­pup­pen. Das Pro­blem ent­steht dabei nicht als Fra­ge nach Wahr­heit oder Unwahr­heit der Urtei­le, son­dern aus dem Zusam­men­tref­fen die­ser Urtei­le mit ästhe­ti­schen Stra­te­gien die ein wahr­haft his­to­ri­sches Nach­den­ken, Fra­gen nach der Her­kunft von Urtei­len und Beur­teil­tem zu ver­hin­dern suchen. Die kon­sti­tu­ti­ve Pro­zess­haf­tig­keit von Geschich­te, d.h. ihr Wer­den in der Zeit, wird ersetzt durch das Inven­tar eines künst­lich kon­den­sier­ten Augen­blicks. Retro­chic beru­higt und ver­ge­wis­sert über die Rich­tig­keit der eige­nen Annah­men: So sah man damals aus! So hat man damals gere­det! So war man damals! In ihrer Stra­te­gie der zeit­lich unbe­stimm­ten Distan­zie­rung zei­gen Retro­bil­der immer nur eine unge­fäh­re Mas­se der Ande­ren und radie­ren die per­sön­li­che his­to­ri­sche Invol­vie­rung aus. Die gewon­ne­ne Ein­sicht ist ver­schwom­men, die gefäll­ten Urtei­le dafür umso schärfer.

Ach, seid doch froh, die Geschich­te ist vor­bei! Aber die Urtei­le blei­ben, und blei­ben gleich, weil die Geschich­te ja vor­bei ist, und ver­lei­ten zu his­to­risch lackier­ter Erkennt­nis, die in ihrem Kern völ­lig ahis­to­risch ist: Jaja, die rech­ten Ost­deut­schen, damals wie heu­te! Die Par­al­le­li­sie­rung von his­to­risch ver­schie­de­nen Ereig­nis­sen als Pra­xis der Iden­ti­fi­zie­rung ist der Moment, in dem das Den­ken in die Schub­la­de gerät. Fra­gen nach dem Ursprung und der Her­kunft von Fest­stel­lun­gen und ihren Bezie­hun­gen – mit denen das his­to­ri­sche Den­ken beginnt – haben hier kei­nen Platz. Die Bild­rhe­to­rik des bespro­che­nen Wer­be­spots steht bei­spiel­haft für die Pro­ble­me der ein­heits­deut­schen Debat­ten um den erstar­ken­den Rechts­ra­di­ka­lis­mus in Ost­deutsch­land und in einem grö­ße­ren Zusam­men­hang für die Ver­ar­bei­tung der jün­ge­ren deutsch-deut­schen Geschich­te ins­ge­samt. Denn stell­te man kon­se­quent die Fra­ge nach der Her­kunft die­ses Phä­no­mens, so wür­de man ein­mal mehr, und ver­mut­lich so rat­los wie je, vor dem erschüt­ternds­ten deut­schen Trau­ma der Nach­kriegs­ge­schich­te ste­hen – der Wen­de oder der Ein­heit oder der Wie­der­ver­ei­ni­gung. Oder der Ein­ver­lei­bung der ehe­ma­li­gen DDR, wie Chris­toph Schlin­gen­sief schon 1990, noch wäh­rend der deut­schen Schock­star­re, in sei­ner hyper­bo­li­schen Alle­go­rie Das deut­sche Ket­ten­sä­gen­mas­sa­ker gezeigt hat. Ein Deu­tungs­ver­such, der sich der eige­nen und der all­ge­mei­nen Rat­lo­sig­keit voll­kom­men aus­lie­fert, um in all sei­ner not­wen­di­gen Zer­ris­sen­heit einen Anfang zu machen. Nur im Bewusst­sein der Ohn­macht vor der Geschich­te kann eine leben­di­ge Aus­ein­an­der­set­zung abseits fest­schrei­ben­der oder zuwei­sen­der Iden­ti­fi­zie­run­gen beginnen.

Wenn heu­te Fra­gen nach der Ent­ste­hung des Rechts­ra­di­ka­lis­mus in Ost­deutsch­land in der öffent­li­chen Debat­te gestellt wer­den, dann ist die Wen­de im Opti­mal­fall ein Grund neben vie­len ande­ren wie Arbeits­lo­sig­keit, feh­len­der Bil­dung und Über­al­te­rung. Aber es geht eben­so wenig um eine Auf­zäh­lung von Grün­den wie um die Ent­schul­di­gung von Rechts­ra­di­ka­lis­mus durch eine hin­rei­chen­de Erklä­rung: es geht dar­um, einen his­to­ri­schen Pro­zess nach­zu­voll­zie­hen und – als nicht abge­schlos­se­nen – gegen­wär­tig und damit dis­ku­tier­bar zu machen. In dem vol­len Bewusst­sein, dass immer ein Rest des Nicht-Ver­ste­hens bestehen blei­ben wird.

Der deut­sche Film hat sich die­ser Auf­ga­be bis­her nur sel­ten gestellt. Es gibt zwar zahl­rei­che Fil­me, die die Wen­de the­ma­ti­sie­ren, aber nur weni­ge fal­len dabei nicht in den oben pro­ble­ma­ti­sier­ten Retro­mo­dus oder in ähn­lich ahis­to­ri­sche, unre­flek­tier­te Kli­schees. Ich möch­te mich statt­des­sen dem fil­mi­schen Werk wid­men, das als Aus­lö­ser für die­sen Text gel­ten kann, das ich sehr bewun­de­re und von dem ich glau­be, dass es an jeder deut­schen Schu­le, zumin­dest aber jeder Leip­zi­ger Schu­le gezeigt wer­den soll­te – den Leip­zig-Fil­men von Andre­as Voigt. Kei­ne Jugend, ohne Film.

Andre­as Voigt schafft es, seit fast 30 Jah­ren Fil­me zu machen, die Ver­gan­gen­heit auf­spü­ren und als unab­ge­schlos­se­ne, wuchern­de Aktua­li­tät sicht­bar machen. Die ers­ten Fil­me sei­nes Lang­zeit­do­ku­men­ta­ti­ons­pro­jekts dreht er noch aus­schließ­lich in Leip­zig, doch Ende der 1990er Jah­re zieht er auch aus in bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sches Kern­land, den Prot­ago­nis­ten sei­ner Fil­me hin­ter­her. Der Anspruch, das Poli­ti­sche, die Arbeit der Geschich­te an Land und Leu­ten, an Ideen und Ideo­lo­gien, aus dem Regio­na­len und Pri­va­ten zu ent­fal­ten bleibt den Fil­men dabei gemein. Unver­rück­bar im Zen­trum der Fil­me steht das Ereig­nis der Wen­de als schwar­zes Loch, das alle Bil­der, alle nar­ra­ti­ven, alle his­to­ri­schen Licht­strah­len zu sich hin­biegt, um sie schließ­lich auf­zu­sau­gen. Voigt ver­sucht mit der not­wen­di­gen Demut vor der Geschich­te nicht die Wen­de durch sich selbst zu erhel­len – Bil­der der gro­ßen Momen­ten einer Welt­ge­schich­te sucht man ver­geb­lich in Voigts Fil­men –, son­dern filmt die Bie­gung der Strah­len – die Brü­che in den Lebens­läu­fen sei­ner Prot­ago­nis­ten, das Ver­schwin­den der Betrie­be und Insti­tu­tio­nen, den Abbruch und Wie­der­auf­bau der Stadt – bevor sie voll­stän­dig auf­ge­so­gen und für alle Zeit im Dun­kel der Geschich­te absor­biert sind. Immer wie­der schei­nen die Fil­me uns zu sagen: Schaut her, man konn­te, man kann es sehen! Die­se Arbeit ist not­wen­dig eine des Frag­ments und der Mon­ta­ge, will sie die Brü­che, Bie­gun­gen, Ablen­kun­gen, Über­schnei­dun­gen und Kon­gru­en­zen der Strah­len ernst neh­men. Schaut! Da und da und da und da! Es liegt eine gro­ße Dring­lich­keit dar­in, noch leuch­ten­de Ver­gan­gen­heit zu zei­gen, bevor sie zu dun­kels­ter Geschich­te wird.

In vier Minia­tu­ren möch­te ich eini­ge Bil­der, Sze­nen und Moti­ve aus den Leip­zig-Fil­men nach­voll­zie­hen. Sol­che, die mir bei­spiel­haft für die Wei­se erschei­nen, in der sich Geschich­te in Voigts Fil­men zeigt, aber auch eini­ge, die mir per­sön­lich, mög­li­cher­wei­se aus auto­bio­gra­phi­schen Grün­den, am Her­zen lie­gen. In Klam­mern nen­ne ich die Fil­me, auf die ich in der jewei­li­gen Minia­tur Bezug nehme.

Ein Straßenzug in Leipzig-Plagwitz.

Bil­der einer Stadt («Alfred» 1987; «Letz­tes Jahr Tita­nic» 1990; «Glau­be – Lie­be – Hoff­nung» 1993) 

Ich habe die den­ken­de Hälf­te mei­ner Jugend als Sohn west­deut­scher Eltern in Leip­zig ver­bracht, der alt­ehr­wür­di­gen Mes­se- und Buch­han­dels­stadt, der Wirk­stät­te Bachs und dem Geburts­ort Wag­ners, der Stadt in der Goe­the und Schil­ler ver­kehr­ten. Aber auch in Leip­zig, dem indus­tri­el­len und kul­tu­rel­len Zen­trum der DDR, der Hel­den­stadt der Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen und der Fried­li­chen Revo­lu­ti­on. Und in Leip­zig, der grund­sa­nier­ten ost­deut­schen Metro­po­le mit rapi­de sin­ken­der Arbeits­lo­sig­keit, der Stadt mit den 10 Seen und den 1000 umge­bau­ten Indus­trie­hal­len. Aber erst spät, erst in Ber­lin und – wich­ti­ger – erst durch die Fil­me Voigts habe ich ver­stan­den, dass es eine Geschich­te abseits die­ser Iden­ti­täts­nar­ra­ti­ve geben könn­te. Der ame­ri­ka­ni­sche Foto­graf Lewis Baltz hat ein­mal über Ber­lin geschrie­ben: «Lon­don, Paris, Rom haben eine Geschich­te, aber Ber­lin hat eine Ver­gan­gen­heit». Das­sel­be gilt für Leipzig.

Güter­zü­ge rol­len durch die Stadt. Rechts und links der Tras­se Indus­trie­hal­len, Hin­ter­hö­fe, eine schran­ken­lo­se Stra­ßen­kreu­zung an der gedul­dig ein ein­sa­mer blau­er Tra­bant und eini­ge Kin­der war­ten, mehr Indus­trie­hal­len. Spä­ter links ein Fluss und rechts ein Dickicht. Bil­der, für mich exo­ti­scher als die Zug­auf­nah­men von süd­asia­ti­schen Län­der, die nachts um halb zwei im deut­schen Fern­se­hen auf Zuschau­er war­ten. Die Män­ner in den Fabrik­hal­len bug­sie­ren glü­hen­de Stahl­tei­le von einer Maschi­ne zur nächs­ten. Kei­ne Schutz­klei­dung und Ziga­ret­te im Mund­win­kel. Schwer­indus­trie in Deutsch­land 1987. An einem Stra­ßen­rand im Arbei­ter­vier­tel Plag­witz ste­hen zwei Män­ner vor einem Klein­las­ter, der mit Indus­trie­schrott bela­den ist. Bis auf den Las­ter ist kein Auto zu sehen. Wobei, das Ende der Stra­ße ist kaum zu erken­nen, zu dick ist der tief hän­gen­de Dunst, der aus den har­ten Strah­len der frü­hen Son­ne ein sanf­tes Glü­hen fil­tert. Die Geschich­te ist im Licht.

Drei Jah­re spä­ter, ein Zug fährt ein in die gro­ße Hal­le des Leip­zi­ger Haupt­bahn­hofs, Schreie nach «Gor­bi» sind zu hören. Schnitt. Eine fei­ern­de Men­schen­men­ge zieht über den Augus­tus­platz, es sind ihre Schreie, die wir hören. Hoff­nung auf Ver­än­de­rung hat sich über die Stadt gelegt und dringt in jedes Bild. Spä­ter sehen wir einen Stra­ßen­zug in Plag­witz, wie in Alfred. Aber das Glü­hen ist ver­schwun­den, der Film ist in den Grau­wer­ten einer ande­ren Zeit angekommen.

Drei wei­te­re Jah­re spä­ter sind die Züge geschrumpft und in einen Glas­kas­ten ver­bannt. Modell­ei­sen­bah­nen zie­hen ihre Krei­se durch eine künst­li­che Stadt. Ein Frank­fur­ter Bau­un­ter­neh­mer kommt im Pri­vat­jet an, er ist auf dem Weg zur Eröff­nung sei­ner luxus­sa­nier­ten Mädlerpassage.

Auf den ers­ten Blick haben wir es hier noch mit klas­si­schen Geschichts­bil­dern zu tun. Voigts Fil­me stel­len Ver­glei­che zwi­schen Moti­ven durch ihre Wie­der­ho­lung her: es war so, dann so und dann so. So wird an den Bil­dern der Stadt ein his­to­ri­scher Pro­zess sicht­bar. Weil die­ser aber nie den Anspruch auf Lücken­lo­sig­keit erhebt, kann im lee­ren Raum zwi­schen den Bil­dern, gewis­ser­ma­ßen im «und», die Fra­ge des his­to­ri­schen Den­kens erste­hen: Wie kam es dazu? Voigt lässt den Bil­dern Platz und besteht nicht auf ein­deu­ti­gen Kau­sal­be­zie­hun­gen, wo es kei­ne gibt. Die linea­re Geschich­te öff­net sich auf eine zwei­te Dimen­si­on: es gibt nicht nur rechts und links auf dem Zeit­strahl, son­dern auch Par­al­le­li­tä­ten, Über­schnei­dun­gen und Inter­fe­ren­zen. Sehr deut­lich wird das in einem Motiv aus Glau­be – Lie­be – Hoff­nung.

Der kleine Junge aus der Prophezeiung-

Wem gehört die Stadt? Wäh­rend der Frank­fur­ter Bau­un­ter­neh­mer – beglei­tet von Faust und Mephis­to­phe­les – ein Geschäft nach dem ande­ren eröff­net, schie­ben Sven und ein Kol­le­ge schwer bewaff­net Wache im WERK II, einem alter­na­ti­ven Leip­zi­ger Kul­tur­zen­trum. Der Boden muss ver­tei­digt wer­den. Gegen rechts aber auch gegen die Land­nah­me aus dem Wes­ten. Doch selbst die­sem ver­meint­lich behaup­te­ten Raum ist schon eine Ver­lust­ge­schich­te ein­ge­schrie­ben. Spä­ter sehen wir einen älte­ren Mann, der die Kunst an den Wän­den der unge­nutz­ten Indus­trie­hal­le betrach­tet, in der er frü­her arbei­te­te. Die Pho­to­gra­phie eines klei­nen Jun­gen berührt ihn augen­schein­lich tief. Lan­ge schaut er nur, dann ver­liest er die beglei­ten­de Pro­phe­zei­ung vom Weg ins «Huren­tal der Welt­wirt­schaft». Er erkennt sich selbst als Kriegs­kind in dem Jun­gen. In die­ser Sze­ne bal­len sich his­to­ri­sche Nar­ra­ti­ve zu einem Geschichts­bild zusam­men, das eine drit­te Dimen­si­on auf­zu­sto­ßen scheint. Es über­la­gern sich Nach­kriegs­ge­schich­ten und Nach­wen­de­ge­schich­ten, tie­fe Ver­gan­gen­heit und dunk­le Zukunft. Weil Voigt aber weiß, dass es eine drit­te Dimen­si­on nur geben kann, wenn es auch eine ers­te gibt, holt er das vor­her und nach­her wie­der ein: «Was nützt denn mir Kunst, wenn de jet­ze arbeits­los wirst?» sagt der Arbeiter.

Voigt zeigt Ver­gan­gen­heit in ihrer Viel­heit, bevor sie zu einer Geschich­te gemacht wur­de. In den schlag­kräf­tigs­ten Sequen­zen zeigt er Geschich­te gar im Moment ihrer Her­stel­lung. Er rückt den Ein­heits­nar­ra­ti­ven dabei so eng auf den Leib, dass sie von sich aus ihre Brü­che zei­gen. Da gibt es eine Kame­ra­fahrt durch die nächt­li­che Mäd­ler­pas­sa­ge. Vor­bei an den Schau­fens­tern der schi­cken Geschäf­te, vor denen zwei Män­ner den Boden keh­ren. Die Fahrt endet in der Tie­fe des Gan­ges, wo zwei ande­re Män­ner in stram­mer Hal­tung einen aus­ge­stell­ten Maz­da MX6 bewa­chen. Die letz­te Kadrie­rung wird lan­ge gehal­ten und wir kön­nen ihre Gesich­ter sehen. Gesich­ter wie drau­ßen auf den Indus­trie­bra­chen vor den Toren der Innen­stadt. Voigt schafft es, die­sem völ­lig ent­his­to­ri­sier­ten, für eine unhei­li­ge Alli­anz von Shop­ping und Tou­ris­mus musea­li­sier­ten Ort eine his­to­ri­sche Dimen­si­on zurück­zu­ge­ben. Das Poli­ti­sche der Fil­me äußert sich in die­sen Momen­ten als sub­ver­si­ve Akti­on, wel­che die Bil­der bestehen­der Nar­ra­ti­ve gegen sich selbst wen­det und so befreit.

Silvesterabend 1989 in Leipzig.

Letz­tes Jahr Tita­nic («Letz­tes Jahr Tita­nic» 1990) 

Letz­tes Jahr Tita­nic. Die Sil­ves­ter­fei­er als Insze­nie­rung eines Unter­gangs. Irgend­wo in Leip­zig ver­ab­schie­det man sich vom letz­ten Jahr, vom letz­ten Jahr einer Gesell­schafts­ord­nung. Es spielt ein weh­mü­ti­ger Tanz und alles ist zum letz­ten Mal. Ein letz­tes gemein­sa­mes Foto, ein letz­ter Wal­zer, ein letz­tes Mal «Auf­er­stan­den aus Rui­nen». Die Gesich­ter ste­hen auf Abschied, der Film hat sich ein Trau­er­ge­wand über­ge­wor­fen. Ein Mann im schwar­zen Frack mit Mega­fon ruft zur Eva­kua­ti­on. Das Licht fla­ckert, das Bild wird schwarz. In der Unschär­fe der nächt­li­chen Stra­ße umarmt sich lan­ge ein Paar. Die Geschich­te ist das Meer, die Wen­de ist der Eis­berg. Man muss ins Was­ser sprin­gen, um zu sehen, auch wenn dann alles ver­schwimmt. Andre­as Voigts Kame­ra ist per­sön­lich invol­viert, es ist eben­so sei­ne Geschich­te. In der Soli­da­ri­tät des Unter­gangs gibt es kei­ne Distanz. Aber Voigt ist auch als Stim­me immer anwe­send und angreif­bar in sei­nen Fil­men, man hört ihn zuhö­ren und nach­fra­gen, ver­ein­zelt Fest­stel­lun­gen machen. Die­ser Kom­men­tar sorgt oft für die Öff­nung von Bil­dern, die der Gefahr einer his­to­ri­schen Ein­di­men­sio­na­li­tät aus­ge­setzt sind. Er speist neue Lini­en ein oder bringt ver­steck­te an die Oberfläche.

Am Ran­de der Fest­lich­kei­ten sitzt allei­ne Isa­bell, eine jun­ge Haus­be­set­ze­rin, die als Prot­ago­nis­tin in Voigts Fil­men immer wie­der­keh­ren wird. Sie zeigt ihm auf Nach­fra­ge ihre letz­ten Ost­mark. Schnitt. Die D‑Mark ist ein­ge­führt. Syl­via und ihr Mann stol­pern hoff­nungs­trun­ken aus einer Bank auf die son­nen­ge­flu­te­te Stra­ße und füh­ren die neu­en Schei­ne vor. Sie ver­ab­schie­den sich mit kur­zen Wor­ten von Voigt und aus dem Film. Die Kame­ra blickt ihnen hin­ter­her, die Stra­ße hoch.

In die­sen bei­den Bil­dern des Abschieds wird eine Arbeits­wei­se Voigts deut­lich. Er destil­liert in ellip­ti­scher Form aus den rea­len Erleb­nis­sen sei­ner Prot­ago­nis­ten alle­go­ri­sche Bil­der, deren Fall­li­ni­en tief in die Geschich­te wei­sen. Den­noch bleibt die Viel­deu­tig­keit des Welt­be­zugs immer bestehen. In den rück­bli­cken­den Ges­ten der Neu­jahrs­fei­er scheint die Hoff­nung eines gemein­sa­men Neu­an­fangs auf. Syl­via und ihr Mann blei­ben nach den letz­ten Wor­ten ein wenig zu lan­ge unent­schie­den ste­hen, um die ent­schie­den vor­wärts gerich­te­ten Schrit­te ihres Abgangs nicht in Zwei­fel zu zie­hen. Im Kon­trast der bei­den Sze­nen ent­steht die Unge­wiss­heit leben­di­ger Geschichte.

Voigts Film bleibt aber nicht unschlüs­sig vor die­ser emo­tio­na­len Unge­wiss­heit ste­hen, son­dern zeigt küh­len Kop­fes die fak­ti­schen, mate­ria­len Kon­se­quen­zen der Geschich­te, die den Ein­zel­nen und sein Ver­hält­nis zu ihr gewis­ser­ma­ßen über­ho­len: Erst die Ein­stel­lung eines Floh­markts, vor dem Autos west­deut­scher Fabri­ka­ti­on kreu­zen; dann die Süd­hal­le des Leip­zi­ger Haupt­bahn­hofs mit gro­ßer «Neu­es Deutschland»-Reklame durch die «Deutsch­land» dekla­mie­ren­de Fuß­ball­fans zie­hen, in jeder Hand eine gro­ße Deutschland-Fahne.

Die erstaun­lichs­ten Sze­nen gewin­nen ihre alle­go­ri­sche Bedeu­tungs­grö­ße zu einem sol­chen Maß aus den Tat­sa­chen eines his­to­ri­schen Um- und Ein­bruchs, dass sie zu Bil­dern einer sur­rea­len Qua­li­tät wer­den, in denen man meint, nicht mehr unter­schei­den zu kön­nen zwi­schen Wirk­lich­keit und Sze­na­rio. Da steht ein Augs­bur­ger Zwil­lings­paar des Nachts an einer Leip­zi­ger Stra­ßen­ecke und erzählt vom brum­men­den Por­no­ge­schäft in Leip­zig, von offe­nen Haus­frau­en in einem offe­nen Land, von neu­en Autos und 70.000 DM in zwei Wochen. «Feuch­te Zei­ten» wün­schen sie Deutsch­land. Geschich­te legt hier Zeug­nis ab gegen sich selbst, folgt man Gil­les Deleu­ze, der in sei­nem Buch Das Zeit-Bild. Kino 2 nach einem Aus­spruch Godards for­mu­liert: «Wenn die Ban­kiers Mör­der, die Schü­ler Gefan­ge­ne, die Pho­to­gra­phen Kupp­ler sind und wenn sich die Arbei­ter von den Chefs den Arsch ficken las­sen, dann muß man zei­gen […] wir haben es nicht mehr mit einer Meta­pher, son­dern mit einer Beweis­füh­rung zu tun.»

Zwei junge Männer schießen in den Tagebau.

Natio­na­ler Tau­mel – Dia­log I («Letz­tes Jahr Tita­nic» 1990; «Glau­be – Lie­be – Hoff­nung» 1993) 

Ein jun­ger Mann sitzt in Mickey Mou­se Pan­tof­feln und Lons­da­le Pull­over in der Sofa­ecke sei­nes Wohn­zim­mers und spielt ein selbst­ge­schrie­be­nes Lied. «Aus­län­der rein, rein ins Gas» lau­tet der Refrain. Das ers­te Mal haben wir ihn gese­hen, wie er als Weih­nachts­mann ver­klei­det Wer­bung macht und Bon­bons an klei­ne Kin­der ver­teilt. Sei­ne Namen erfuh­ren wir erst danach, aus der Fra­ge Voigts, was er am Abend noch machen wür­de. André geht in die Dis­co. Es ist die Geschich­te eines Ken­nen­ler­nens, viel­leicht die dia­lo­gischs­te in allen Voigt Fil­men, obwohl André nur in die­sem Film Glau­be – Lie­be – Hoff­nung auftaucht.

André sitzt am Küchen­tisch und erzählt von der geplan­ten Umbe­nen­nung der Karl-Lieb­knecht Stra­ße in Süd­stra­ße, bevor er bemerkt, dass die Kame­ra schon läuft. Er darf sich zei­gen, er führt sei­ne Leucht­pis­to­le vor, Voigt reicht ihm aus dem Off eine Sup­pen­ter­ri­ne in der die Patro­nen auf­be­wahrt sind und fragt ihn, nicht ohne Ver­mu­tung in der Stim­me aber auch nicht urtei­lend, viel­leicht ein wenig väter­lich, wofür er die braucht. André ver­si­chert, er hät­te damit noch nie ein Aus­län­der­heim beschos­sen. Es klingt nicht so als wür­de er es aus­schlie­ßen. Als André die Fra­gen nach sei­ner Kind­heit im Heim abblockt, gibt es einen Schnitt. Neu­es Gesprächs­the­ma ist der Wel­len­sit­tich der in einem Käfig auf dem Küchen­tisch steht. «Damit ich nicht immer so allei­ne bin.» Zunächst ist Voigt ein sehr durch­läs­si­ger Gesprächs­part­ner, er ent­hält sich Urtei­len, wo ande­re schon fäl­len wür­den, ist behut­sam zurück­hal­tend ohne sich zu distan­zie­ren. Die Kame­ra nimmt die­sen Modus auf und bleibt fest in einer Halb­na­hen auf André, gibt eine Büh­ne ohne aus­zu­stel­len. So bringt der Film lang­sam das her­vor, was man als die Grün­de einer Radi­ka­li­sie­rung bezeich­nen könn­te. Es sind die alt­be­kann­ten: schwie­ri­ge Kind­heit, Arbeits­lo­sig­keit, Lan­ge­wei­le, Ein­sam­keit. Aber kann das befriedigen?

Voigts Film stellt sich hier einer ganz kon­kre­ten his­to­ri­schen Fra­ge: Kann man erklä­ren, war­um und wie jun­ge Men­schen im Deutsch­land der 90er Jah­re zu Neo-Nazis wer­den? War­um sie Nähe zu einer men­schen­ver­ach­ten­den Ideo­lo­gie spü­ren, deren Grund­la­ge ein ver­que­rer ahis­to­ri­scher Geschichts­re­vi­sio­nis­mus ist? Man muss es versuchen.

Die dia­lo­gi­sche Form die­ses Ver­suchs basiert auf dem huma­nis­ti­schen Impuls den Ande­ren als Men­schen zu ver­ste­hen, in dem man sich per­sön­lich stellt. Wir hören viel von Voigt in die­ser Epi­so­de, aber wir sehen nur André. Der Film bleibt immer klar dar­in: es geht hier nicht um eine Selbst­be­schau, son­dern um die Geschich­te der gezeig­ten Men­schen und Orte. Doch um die­se Geschichten(n) als Teil eines umgrei­fen­den his­to­ri­schen Pro­zes­ses ernst zu neh­men, muss die eige­ne Invol­vie­rung in die­sen zuge­ge­ben wer­den. Der Film und die Bil­der sind Teil des Pro­zes­ses, den sie sicht­bar machen. Alles ande­re wür­de eine künst­li­che Distanz schaf­fen, einen Exo­tis­mus des Ande­ren, wie ich ihn als Funk­ti­ons­wei­se der Retro-Bil­der beschrie­ben habe. Ver­meint­li­che Neu­tra­li­tät läuft Gefahr die His­to­ri­zi­tät der eige­nen Dar­stel­lungs­wei­sen zu ver­schlei­ern und so in der Betrach­tung eines his­to­ri­schen Pro­zes­ses selbst ahis­to­risch zu werden.

Im Bewusst­sein die­ser Gefahr voll­zieht der fil­mi­sche Dia­log eine Zuspit­zung. Das oben beschrie­be­ne Bild von André in sei­nem Wohn­zim­mer ist nicht mehr auf André, sei­ne Ges­ten und sei­ne Wor­te allein kon­zen­triert. Die Tota­le schreibt ihn in den grö­ße­ren Zusam­men­hang einer Lebens­welt ein und bringt so Wider­sprü­che her­vor. Mickey Mou­se und Lons­da­le, klein­bür­ger­li­che Wohl­fühl­at­mo­sphä­re und E‑Gitarre. Auch im Gespräch tre­ten plötz­lich Wider­sprü­che auf. Nach­dem André von Chor­auf­trit­ten am DDR-Fei­er­tag zum Unter­gang des Hit­ler-Faschis­mus erzählt hat, for­dert Voigt ihn direkt auf, sein neu­es Lied zu spie­len. Ohne groß zu zögern, fängt André an zu schram­meln: «Aus­län­der rein, ja das macht Spaß. Aus­län­der rein, rein ins Gas.» Die Dis­kre­panz, die hier zwi­schen Bil­dern und Tönen ent­steht, wirkt pro­fa­nie­rend. In den Ideen, die André in der fol­gen­den Dis­kus­si­on ver­tritt, gibt es kei­ne kla­re Linie, kei­ne tie­fe Über­zeu­gung. «Das macht halt fun, da kön­nen alle mit­sin­gen», sagt er, zuneh­mend in die Ecke gedrängt. In der Pro­fa­ni­tät die­ser Welt­an­schau­ung scheint ein wei­te­rer mög­li­cher Grund für die Radi­ka­li­sie­rung auf. Es ist der Wunsch Aner­ken­nung zu bekom­men und einer Grup­pe zuge­hö­rig zu sein, in Zei­ten, in denen alle gesell­schaft­li­chen Insti­tu­tio­nen in Fra­ge gestellt oder schon ver­schwun­den sind. Aber die hier wir­ken­den Mecha­nis­men beleuch­ten auch eine west­li­che Leis­tungs- und Kon­for­mi­täts­kul­tur, mit der man sich plötz­lich kon­fron­tiert sieht, die man ablehnt und im sel­ben Moment schon bedient.

In den letz­ten Zügen des Gesprächs, wenn André erklärt, es mache halt Spaß ein Aus­län­der­wohn­heim zu über­fal­len und sei ja gar nicht so ernst gemeint, wird klar, dass alle die­se Grün­de nicht aus­rei­chen, um das war­um zu klä­ren. In der Rech­nung bleibt immer ein unbe­stimm­ba­rer Rest. Andre­as Voigt hat in einem Inter­view ein­mal von «natio­na­lem Tau­mel» gespro­chen. Es gibt auch in Letz­tes Jahr Tita­nic schon Bil­der, die in die­se Rich­tung wei­sen. Jun­ge Män­ner sin­gen wäh­rend einer Demons­tra­ti­on die ers­te Stro­phe des Deutsch­land­lie­des, in einer Knei­pe beschwe­ren sich ein paar Arbei­ter, das Voigt immer nur die musi­zie­ren­den Mosam­bi­ka­ner fil­men wür­de und nicht sie, obwohl sie doch schon län­ger hier sei­en. Der Rest in die­sen Bil­dern weist im Kon­text von Voigts Fil­men auf die Unfass­bar­keit der Wen­de, auf das blei­ben­de Nicht-Ver­ste­hen vor der Geschich­te. Gewiss kön­nen und müs­sen die Bil­der die Ver­gan­gen­heit erhel­len, aber wich­ti­ger noch ist, dass sie uns die Dun­kel­heit wei­sen. Das Irre­du­zi­ble an der Geschich­te ist das Irre­du­zi­ble am Men­schen, im Rest der bleibt, liegt der wah­re Humanismus.

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Erst­mal ver­nünf­tig dis­ku­tie­ren – Dia­log II («Leip­zig im Herbst» 1989)

Oben, die nüch­ter­ne Titel­ta­fel von Leip­zig im Herbst, damals eine Hoff­nung, heu­te ein Epi­taph? Aber eine Hoff­nung wor­auf? Und was liegt in die­sem Film begraben?

Leip­zig im Herbst beginnt, noch vor dem Titel, mit einer ande­ren Tafel. Der Film sei Teil eines kol­lek­tiv gesam­mel­ten, in meh­re­ren Städ­ten gefilm­ten Mate­ri­als, als Reak­ti­on auf die Ereig­nis­se um den 40. Jah­res­tag der DDR am 7. Okto­ber 1989. In den weni­gen Zei­len liegt eine gro­ße Dring­lich­keit zur Zusam­men­ar­beit und Doku­men­ta­ti­on, die Not­wen­dig­keit auch als Fil­me­ma­cher an den aktu­el­len Ereig­nis­sen teil­zu­neh­men und das Bedau­ern der bereits ver­pass­ten Mög­lich­kei­ten. Der 9. Okto­ber ist schon vor­bei, das, was spä­ter als Fried­li­che Revo­lu­ti­on bekannt gewor­den ist, geschehen.

Den­noch beginnt der Film mit den Bil­dern einer Mas­sen­de­mons­tra­ti­on in Leip­zig; die Nach­we­hen des gro­ßen Tages. Immer noch scheint die hal­be Stadt auf der Stra­ße zu sein. Die Kame­ra teilt das Gesich­ter­meer, sie wird begrüßt mit Applaus von allen Sei­ten. Wir sind das Volk. Schaut her. Immer wie­der quet­schen sich Men­schen von den Rän­dern ins Bild. Der Drang nach Sicht­bar­keit ist groß. «Es wird Zeit, dass sich in die­sem Land end­lich etwas ver­än­dert, und das müs­sen wir zei­gen. Wor­te allei­ne tun es nicht mehr», lau­tet der ers­te in einer Rei­he von O‑Tönen. Erstaun­lich ist die Offen­heit der Men­schen vor der Kame­ra, dass die immer­hin von der DEFA – also der staat­li­chen – Doku­men­tar­film­ab­tei­lung kommt, inter­es­siert nicht mehr. End­lich gese­hen und gehört wer­den. Die jour­na­lis­ti­sche Tech­nik des Feld­in­ter­views wird hier zu einer Ges­te des Zurück­tre­tens vor den Men­schen und ihrem demo­kra­ti­schen Grund­ver­lan­gen der frei­en Mei­nungs­äu­ße­rung. «Man soll die­ses Volk end­lich zu mün­di­gen Bür­gern machen, das beginnt bei der Frei­heit des Wor­tes.» Indem er die­se Äuße­rung ermög­licht, eine Büh­ne baut, wo kei­ne war, setzt der Film für einen Moment in einem qua­si per­for­ma­ti­ven Akt die Frei­heit ins Recht. Er stellt sich demü­tig in den Dienst einer Sache, einer Sicht­bar­ma­chung, in den Dienst des Mate­ri­al; zei­gen wie es ist.

Selbst­ver­ständ­lich gibt es auch hier eine Ord­nung, eine Kon­struk­ti­on, die vor allem durch Rei­hen­fol­ge und Aus­wahl der Mate­ria­li­en, also durch die Mon­ta­ge her­ge­stellt wird. Doch die Prin­zi­pi­en die­ser Ord­nung ent­ste­hen voll und ganz aus der Beschaf­fen­heit des Mate­ri­als, gewis­ser­ma­ßen aus den his­to­ri­schen Bedürf­nis­sen, die dar­in ange­legt sind. Schon in der ers­ten Sequenz wird klar, es braucht einen Dia­log. Immer wie­der for­dern die Men­schen vor der Kame­ra die­sen Dia­log direkt, for­dern eine Sicht­bar­ma­chung aller Posi­tio­nen um eine gemein­sa­me Lösung zu ent­wi­ckeln. Nie­mand schreit die Wie­der­ver­ei­ni­gung her­bei. Am Ende des Films äußert ein jun­ger Mann am Rand einer Demons­tra­ti­on: «Kei­ner will den Sozia­lis­mus hier grund­sätz­lich zer­stö­ren, aber wir müs­sen den Sozia­lis­mus ganz anders und ganz neu gestalten.»

Voigt kon­stru­iert in sei­nem Film die­sen Dia­log aus Inter­views mit den Ver­tre­tern der ver­schie­de­nen gesell­schaft­li­chen Posi­tio­nen. Mit Titel­kar­ten wer­den sie jeweils ange­kün­digt: Der Stadt­rat. Die Stra­ßen­fe­ger. Die Arbei­ter. Der Theo­lo­ge. Wehr­pflich­ti­ge der Volks­po­li­zei. Der Kom­man­deur. Zunächst zeigt er die Posi­tio­nen noch nach­ein­an­der, als von­ein­an­der getrenn­te Bei­trä­ge zu einer gemein­sa­men Debatte.

Der Stadt­rat sitzt zurück­ge­zo­gen hin­ter sei­nem tie­fen Schreib­tisch und schiebt die Ver­ant­wor­tung für die Demons­tra­tio­nen in Leip­zig ab an die west­deut­schen Medi­en. Einen Schnitt spä­ter, in einer Nah­auf­nah­me, redet auch er von einem geord­ne­ten Dia­log, den die Stadt­ver­wal­tung momen­tan über­le­ge zu ermög­li­chen. Noch einen Schnitt wei­ter, sehen wir wie eini­ge Stra­ßen­fe­ger die Pro­test­pla­ka­te von den Toren des Rat­hau­ses ent­fer­nen, nahe­zu bei­läu­fig zer­stö­ren und in gro­ßen Müll­wa­gen ver­schwin­den las­sen. «Also aus Über­zeu­gung hät­te ich sie nicht abge­macht. Ich hät­te sie dran­ge­las­sen.» «Weil ich was zu fres­sen brau­che, ich fin­de kei­ne Arbeit, weiß­te…» Schon hier zeigt sich die para­doxa­le Natur des Vor­ha­bens. Die fil­mi­sche Struk­tur bringt eben in dem Ver­such einen Dia­log her­zu­stel­len, die Unver­ein­bar­kei­ten zwi­schen den Posi­tio­nen, die unüber­wind­ba­ren Brü­che, die die­se Gesell­schaft durch­zie­hen, also die struk­tu­rel­le Unmög­lich­keit eines rea­len Dia­logs zum Vor­schein. Der offe­ne Dia­log ist eine Uto­pie. Doch gera­de in die­ser Erkennt­nis fin­det Voigts Film die stärks­te Kri­tik an einem Sys­tem, das er gleich­zei­tig in Momen­ten größ­ter Hoff­nung über­win­det, auf die Mög­lich­keit einer ande­ren Welt verweisend.

Das dia­lo­gi­sche der Form wird im Lau­fe des Films immer wei­ter ver­stärkt, die Tafeln mit den Stan­des­be­zeich­nun­gen ver­schwin­den und die Rede­bei­trä­ge grei­fen direkt inein­an­der und bil­den gemein­sa­me Seri­en aus. Gegen Ende des Films wer­den die Ereig­nis­se in Leip­zig am 9. Okto­ber von ver­schie­de­nen Red­nern rekon­stru­iert. Die Volks­po­li­zis­ten, der Theo­lo­ge Zim­mer­mann, einer der Leip­zi­ger Sechs, und der Kom­man­deur der Volks­po­li­zei fal­len in eine gemein­sa­me Rede. Im Rück­blick auf den Schre­cken, der nur knapp ver­hin­der­ten gewalt­sa­men Auf­lö­sung der Demons­tra­ti­on, ergän­zen sich die Sät­ze des Theo­lo­gen und des Kom­man­deurs plötz­lich. In der Rück­schau auf eine, trotz allem, gemein­sa­me Ver­gan­gen­heit scheint die uto­pi­sche Mög­lich­keit eines Dia­logs wie­der auf – um kurz danach durch die Bil­der einer exer­zie­ren­den Bereit­schafts­po­li­zei­ein­heit wie­der erstickt zu wer­den. Das Uto­pi­sche ist ein Flackern.

Am Ende ist der Film wie­der auf der Stra­ße ange­kom­men. Noch­mal eine Demons­tra­ti­on. Auf die Fra­ge, was jetzt zu tun sei, ergreift eine Frau das Wort: «Erst­mal ver­nünf­tig dis­ku­tie­ren. Wenn ich kei­ne Hoff­nung hät­te, wär ich nicht mehr hier. Wir hof­fen hier alle, dar­um blei­ben wir ja hier.» All­tags­bil­der von der Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le am blau­en Wun­der been­den den Film. Noch ist offen, was hier pas­siert. Heu­te wis­sen wir, einen offe­nen Dia­log gab es nie, die­se Mög­lich­keit wur­de von der Geschich­te über­holt und begra­ben. Aber die Fil­me von Andre­as Voigt erin­nern uns, wie Grab­in­schrif­ten, die uns neben dem Tod immer auch an die Mög­lich­kei­ten des Lebens erin­nern, dar­an, dass die Uto­pie bleibt, die Uto­pie eines gleich­be­rech­tig­ten, frei­en Dia­logs im Ange­sicht der gemein­sa­men Geschich­te. Lasst uns beginnen.