Remapping the Origins von Johannes Gierlinger

Die unsichtbaren Träume: Ein Gespräch mit Johannes Gierlinger

Eines der sträf­lichs­ten Ver­säum­nis­se der gegen­wär­ti­gen öster­rei­chi­schen Film­kul­tur, ist die gerin­ge Reso­nanz auf die die Arbei­ten von Johan­nes Gier­lin­ger sto­ßen. Sel­ten wer­den sie gezeigt, noch sel­te­ner wird über sie gespro­chen und geschrie­ben. Dabei zeich­nen die Fil­me des Salz­bur­gers Qua­li­tä­ten aus, die man sonst im öster­rei­chi­schen Gegen­warts­ki­no sel­ten zu sehen bekommt. Es sind Fil­me, die in die Fer­ne stre­ben, die zum Träu­men ein­la­den, die uto­pi­sche Gedan­ken formulieren.

Wir zei­gen zwei sei­ner Fil­me am 20. Febru­ar 2019 im Rah­men unse­rer Film­rei­he „Bal­kan­rou­ten“ im Film­haus am Spit­tel­berg. Die­ses Gespräch von Johan­nes Gier­lin­ger, Patrick Holz­ap­fel und Rai­ner Kien­böck wur­de im Som­mer 2018 geführt.

Patrick Holz­ap­fel: Dei­ne Fil­me zeu­gen von einer gewis­sen Rei­se­lust. Du suchst nach etwas, sprichst über Din­ge, die in Öster­reich rele­vant sind, aber suchst es in Polen. Was bringt dich an die­se Orte? Woher kommt die­se Sehn­sucht nach der Ferne?

Johan­nes Gier­lin­ger: Ich wür­de gar nicht sagen, dass ich ein beson­ders rei­se­lus­ti­ger Mensch bin. Aber wenn ich eine Auf­ga­be habe, wenn ich etwas suche, dann treibt es mich hin­aus. Am Anfang war es so, dass ich fast ein biss­chen Angst hat­te in Öster­reich zu dre­hen. Ich hat­te auch das Gefühl hier ein­fach schon alles zu ken­nen. Jetzt ist das zwar nicht mehr so, aber es gab und gibt noch immer die­ses Ver­lan­gen etwas ande­res ken­nen­zu­ler­nen. Mitt­ler­wei­le bin ich aber an dem Punkt ange­langt, wo ich eigent­lich einen Film über Wien dre­hen will, weil ich mich stär­ker mit den Din­gen kon­fron­tie­ren will, die um mich her­um sind. Mir kommt es so vor, als wäre das Frem­de, das man sieht, wenn man woan­ders hin­geht, eine Art Spie­gel für einen selbst. Ich erkun­de ger­ne Din­ge, die ich anfangs gar nicht ver­ste­he und baue dann erst im Schnitt Ver­ständ­nis dafür auf.

Rai­ner Kien­böck: Wäh­rend du sagst, dass du gro­ßen Respekt davor hat­test am Anfang hier zu dre­hen, begin­nen vie­le jun­ge Fil­me­ma­cher ja mit Arbei­ten im per­sön­li­chen Umfeld, in der Hei­mat, im Dorf. War­um glaubst du, ist das bei dir anders?

JG: Das hat wahr­schein­lich damit zu tun, dass ich eigent­lich nichts Pri­va­tes in mei­nen Fil­men haben will. Wobei ich hier „pri­vat“ nicht als „per­sön­lich“ miss­ver­stan­den haben will. Ich kann Pri­vat­heit im Film gar nichts abge­win­nen, es sei denn, es ist fik­tio­na­li­siert und es gibt eine Sche­re zwi­schen Pri­va­tem und Öffent­li­chem, die man nicht mehr ganz ver­steht. Das bedeu­tet aber auch, dass ich nie einen Film über mein Hei­mat­dorf machen könn­te. Es hät­te mal die Idee gege­ben, dass ich einen Film über den gefal­le­nen Bru­der mei­nes Groß­va­ters mache, aber da ist mir schon in der Recher­che auf­ge­fal­len, dass mir das zu nah ist. Selbst das wür­de ich nur all­ge­mei­ner machen, viel­leicht als Geschich­te eines Sol­da­ten, der gefal­len ist, und was das über eine Fami­lie erzäh­len kann – aber nicht über die eige­ne Fami­lie. Das Raus­ge­hen, das Rei­sen, ver­schiebt da den Fokus auto­ma­tisch auf etwas ande­res, mir fer­nes. Da steht man als Fil­me­ma­cher auto­ma­tisch nicht so stark im Mit­tel­punkt und gibt nicht so viel preis. Das ist auch ein Grund, wes­halb ich nicht selbst als Erzäh­ler auf­tre­te und man mich bei den Inter­views kaum hört.

PH: Bei Remap­ping the Ori­g­ins gibt es die­se eine Stel­le, wo man dich hört, da hat­te ich das Gefühl, dass du sehr lan­ge über­legst, bevor du dei­ne Fra­ge stellst. Vom Gefühl her, hät­test du die zwei Sekun­den frü­her stel­len kön­nen. Das wirkt sehr überlegt.

JG: Das stimmt, aber es liegt auch ganz ein­fach dar­an, dass ich gleich­zei­tig immer Kame­ra mache. Ich wür­de aber kei­ne der bei­den Auf­ga­ben abge­ben. Ich kann nicht ein­fach jeman­dem die Kame­ra geben und sagen „Film das“. Das wäre auch mit mei­ner Arbeits­me­tho­de kaum ver­ein­bar. Bei Remap­ping the Ori­g­ins bin ich ein­fach mal vier Wochen durch die Stadt gelau­fen. Es gibt da schon eine Lis­te mit Punk­ten, die ich abar­bei­ten möch­te, aber kein enges Kor­sett. Karl Wratsch­ko, der den Ton gemacht hat, ist mit mir mit­ge­gan­gen und war sehr gedul­dig. Man muss die­se Arbeits­wei­se auch ver­ste­hen und mögen. Für ihn war die­ses Erkun­den auch ein wich­ti­ger Pro­zess. Das Suchen ist ein wich­ti­ger Teil mei­nes Arbeits­pro­zes­ses und das kann mir nie­mand abnehmen.

PH: Weil du gera­de zwi­schen Pri­va­tem und Per­sön­li­chem unter­schie­den hast: Ich hat­te das Gefühl, dass du dich in dei­nen letz­ten Arbei­ten noch wei­ter vom Pri­va­ten ent­fernt hast. Dass du ver­suchst, das Außen, das Frem­de wahr­zu­neh­men, mehr zu ver­schwin­den hin­ter der Arbeit und mehr zuzu­hö­ren. Es gibt weni­ger Text aus dem Off, dafür mehr Inter­views und weni­ger Inszenierung.

JG: Das hängt damit zusam­men, dass es bei Remap­ping the Ori­g­ins bis­her am meis­ten Recher­che für mich gab. Ich habe da ver­sucht his­to­ri­sche Betrach­tun­gen ein­zu­flech­ten. In Ord­nung der Träu­me steckt noch viel mehr Per­sön­li­ches, das etwas ver­schnör­kelt in den ein­zel­nen Figu­ren steckt. Aber die­ses Per­sön­li­che ist nie ganz direkt. Weder spie­le ich selbst im Film mit – das wäre ja auch eine Mög­lich­keit gewe­sen – noch spre­che ich das Voice-over. Die Fil­me haben schon mit mir zu tun, aber es reizt mich ein­fach gar nicht per­sön­lich auf­zu­tre­ten. Ich möch­te die Distanz zwi­schen dem, der spricht und dem, der den Film macht, wahren.

PH: Aber war­um willst du die­se Distanz?

JG: Ich kann es gar nicht so kon­kret beschrei­ben. Irgend­wie möch­te ich, dass die Fil­me dadurch uni­ver­sel­ler les­bar wer­den. Das Publi­kum soll die Erzähl­stim­me nicht direkt mit dem Fil­me­ma­cher gleich­set­zen. Der Film soll nicht so extrem mit mei­ner Per­son ver­bun­den sein. Ich mache ja eh schon den Rest. Ich schreib den Film, ich mache Kame­ra, ich schnei­de. Das ist schon sehr dicht.

RK: Kann das Publi­kum das denn über­haupt iden­ti­fi­zie­ren? Wenn sie dich nicht ken­nen, woher wis­sen die dann, dass es gar nicht dei­ne Stim­me ist? Also zumin­dest solan­ge es kei­ne weib­li­che Stim­me ist. Die Auf­lö­sung kommt ja erst am Ende.

JG: Also ein­mal ist der Spre­cher ein Mann, an des­sen Stim­me man merkt, dass er Ame­ri­ka­ner ist. Bei Remap­ping the Ori­g­ins könn­te es aber natür­lich so sein, und da kommt die Auf­lö­sung tat­säch­lich erst im Abspann. Aber man merkt irgend­wie schon den Unter­schied, zwi­schen einem aus­ge­bil­de­ten Spre­cher und mir. Ich spre­che es ein, um es im Schnitt zu ord­nen und ein Gefühl dafür zu ent­wi­ckeln, aber ich gebe den Text dann ger­ne an jeman­den ab, der die Wor­te mit sei­ner Stim­me in eine Form bringt.

PH: Wenn ich zum Bei­spiel bei Chris Mar­ker die­se pro­fes­sio­nel­len Erzäh­ler­stim­men höre, dann habe ich das Gefühl, dass die irgend­wie mit ihm zu tun haben – gera­de wenn es Frau­en sind – das wirkt so per­sön­lich. Viel­leicht auch weil der Text per­sön­li­cher ist. Bei dir ist das anders. Da höre ich sofort, dass das ein Spre­cher ist, der den Text spricht. Viel­leicht ist das ein­fach eine sprach­li­che Sache. Wie kon­zi­pierst du denn dei­ne Tex­te zu den Filmen?

JG: Meis­tens ent­steht das über einen sehr lan­gen Zeit­raum. Ab der ers­ten Idee ent­ste­hen Frag­men­te an Tex­ten. In die­ser ers­ten Pha­se lese ich dann meis­tens auch sehr viel. Im Fall von Ord­nung der Träu­me war ich stark von Die Unsicht­ba­ren Städ­te von Italo Cal­vi­no beein­flusst. Die­se Idee, dass jemand von Städ­ten erzählt und die ande­re Figur ihm nicht glaubt, hat mir stark impo­niert. Dane­ben war bei die­sem Film noch Das Ima­gi­nä­re von Jean-Paul Sart­re sehr wich­tig. Die Fra­ge, wie man Ima­gi­nä­res über­haupt den­ken kann. Wie hängt das mit Träu­men zusam­men? Und dann gab es noch eine Pha­se, wo ich Lob der Lie­be von Alain Badiou gele­sen habe, wo es stark ums Aner­ken­nen des Unter­schieds geht und was die Lie­be eigent­lich ist. Ord­nung der Träu­me ist sehr stark eine Auf­ar­bei­tung die­ser Unter­schie­de. Wie las­sen sie sich aner­ken­nen? Durch den Blick, durch Unei­nig­keit. Das lässt die­se Figu­ren erst exis­tie­ren. Bei Remap­ping the Ori­g­ins war es eher his­to­ri­sche Recher­che. Da habe ich viel über die Geschich­te Polens gele­sen. Da beson­ders das Buch A Histo­ry of Ide­as, eine Samm­lung von Essays, die Polen aus sehr unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven beleuch­ten. Das war ein sehr wich­ti­ges Buch für mich. Die Tex­te ent­ste­hen also par­al­lel zu den Film­bil­dern. Bei Remap­ping the Ori­g­ins ent­stand er sogar zu gro­ßen Tei­len erst im Schnitt. Da habe ich ver­schie­de­ne die­ser Frag­men­te aus­pro­biert. Meis­tens habe ich dann nach Fer­tig­stel­lung eines Kapi­tels den Text noch ein­mal über­ar­bei­tet. Bei Ord­nung der Träu­me hat es zum ers­ten Mal Dia­lo­ge gege­ben, sogar ein Dreh­buch und Sto­ry­boards. Das hat sich aber am Ende auch wie­der stark ver­än­dert. Eine sol­che Arbeits­wei­se bringt ein Pro­blem mit sich: Es lässt sich schwer ein Kon­zept schrei­ben. Und selbst wenn man es schafft und wo ein­reicht, ist es dann schwer lesbar.

RK: Wie hat es dich für Remap­ping the Ori­g­ins eigent­lich nach Bia­lys­tok ver­schla­gen? Ord­nung der Träu­me ent­stand im Rah­men einer Resi­den­cy in Indi­en. War das bei Bia­lys­tok ähnlich?

JG: Ange­fan­gen hat das durch ein Lab beim CPH:DOX in Kopen­ha­gen, bei dem ich ein­ge­la­den war. Dort hät­te ich zusam­men mit einer pol­ni­schen Regis­seu­rin einen Film machen sol­len. Das hat nicht funk­tio­niert. Wir haben uns sehr gut ver­stan­den, aber fil­misch kom­men wir aus unter­schied­li­chen Rich­tun­gen. Dann bin ich auf einen Zei­tungs­ar­ti­kel im Stan­dard gesto­ßen, in dem es um die Stadt ging. Die Geburts­stadt Lud­wig Zamen­hof, die zugleich eine extrem star­ke rech­te Sze­ne hat. Das fand ich rela­tiv absurd. Mich hat inter­es­siert, wie sich eine Stadt inner­halb von hun­dert Jah­ren von einer Stadt, die jeman­den her­vor­ge­bracht hat, der eine Spra­che erfin­det, um die Leu­te zusam­men­zu­brin­gen, zu einer Stadt ent­wi­ckelt hat, wo das Tren­nen­de immer stär­ker wird. In der Recher­che bin ich dann auch auf sehr vie­le ande­re Din­ge gekom­men. Dass Dzi­ga Ver­tov dort gebo­ren ist zum Bei­spiel. Auch wenn das dort gar kein gro­ßes The­ma ist.

RK: Das zeigt auch schon ganz schön, wo die Fas­zi­na­ti­on an die­ser Stadt – und an dei­nem Film – liegt. Dzi­ga Ver­tov ist ja kein Pole, obwohl er im heu­ti­gen Polen gebo­ren ist. Wäh­rend jemand wie Zamen­hof sei­ne Spra­che auch nicht nur in Bia­lys­tok ent­wi­ckelt hat, son­dern an ganz vie­len ver­schie­de­nen Orten gelebt und gear­bei­tet hat – auch in Wien.

JG: Ja, dort hat er als Augen­arzt gear­bei­tet. Aber die Ent­wick­lung des Espe­ran­to – das geht aus mei­ner Recher­che her­vor – geht schon von der Idee aus, die­ser durch­misch­ten Stadt, in der er gebo­ren wur­de, etwas Ver­bin­den­des zu geben. Weil er auch nicht ver­stan­den hat, war­um die Leu­te nicht mit­ein­an­der reden: Dort wur­de Jid­disch gespro­chen, Pol­nisch, Weiß­rus­sisch. Es hat alles irgend­wie funk­tio­niert, aber es war auch alles irgend­wie getrennt.

RK: Die­ses Gemisch aus Spra­chen und Eth­ni­en ist ja aber nicht spe­zi­fisch für Bia­lys­tok. Dass sich die Bevöl­ke­rung an natio­nal­staat­li­che Gren­zen anpasst und nicht umge­kehrt, ist ja ten­den­zi­ell eher eine Ent­wick­lung des 20. Jahr­hun­derts. Da gäbe es ja auch Bei­spie­le, die einem aus öster­rei­chi­scher Sicht näher lie­gen wür­den: Czer­no­witz oder Lem­berg etwa. Dort wäre die Aus­gangs­la­ge ja eine ähn­li­che, aber du bist, wor­über wir vor­her gespro­chen haben, wei­ter weg gegan­gen. Es braucht anschei­nend wirk­lich die Ent­fer­nung bei dir, dass du dei­ne Ideen ent­wi­ckeln kannst.

JG: Man hät­te natür­lich auch eine Stadt mit k.u.k.-Geschichte neh­men kön­nen, aber eigent­lich will ich ja nicht aus einer öster­rei­chi­schen Per­spek­ti­ve erzäh­len. Natür­lich ist die­se Per­spek­ti­ve immer da, weil ich aus Öster­reich kom­me und die­sen Blick mit­brin­ge, aber es soll schon wei­ter gehen als das. Ich möch­te ger­ne Sachen erkun­den, die ich gar nicht ken­ne: Raus­ge­hen und ent­de­cken, was man nicht kennt und dar­über dann zu reflek­tie­ren, was bei uns pas­siert. Und die Geschich­te Bia­lys­toks ist ja eigent­lich eine Geschich­te Europas.

PH: Ich fin­de, da steckt eine unglaub­li­che Frei­heit drin. Denn wer sagt uns denn, was wir fil­men sol­len? Die Idee, etwas zu fil­men auf­grund einer bestimm­ten Auf­la­dung oder einer Inter­es­sens­la­ge, fin­de ich eigent­lich komisch, aber sie hat sich total ver­fes­tigt in unse­rer Film­kul­tur. Aber sich ein­fach mal die Land­kar­te oder die Zei­tung anzu­schau­en und davon aus­ge­hend was zu machen, weil es einen anspricht und es dann zu suchen, das fin­de ich eigent­lich schön. Da steckt ein Frei­heits­be­geh­ren drin. Und noch eine wei­te­re Idee: Es wird da etwas Uto­pi­sches for­mu­liert und das hat eine gewis­se Roman­tik. Das beginnt bei der fil­mi­schen For­mu­lie­rung und geht bis zur Ver­wen­dung von ana­lo­gem Film­ma­te­ri­al. Eine sol­che Roman­tik fin­det man heu­te kaum noch bei uns. Eine Idee von Kino, das etwas dar­stel­len kann, das uns sehr fern scheint. Die­se Hal­tung wird bei uns eher als naiv belä­chelt oder als ver­blen­det beschimpft. Das ist eine gro­ße Fra­ge: Was willst du poli­tisch aus­drü­cken mit dei­nen Filmen?

JG: Die Fil­me sind immer in der Schwe­be, sol­len das Nicht-Greif­ba­re mit­ver­han­deln. Die Idee von Frei­heit, wie bli­cken wir über­haupt auf die Welt, was ist mög­lich? Das Traum­haf­te unse­rer Exis­tenz. Es gibt in Die Ord­nung der Träu­me die­sen Satz: „Der ein­zig revo­lu­tio­nä­re Gedan­ke ist, den Träu­men­den schla­fen zu las­sen und ihn am Ende auf­zu­we­cken“. Das hat natür­lich etwas Roman­ti­sches. Das mag ich aber auch. Ich kann damit umge­hen, wenn jemand sagt, das ist ihm zu roman­tisch oder zu kit­schig. Die Fil­me grei­fen eben Din­ge an, die man­chen viel­leicht zu unkon­kret sind.

PH: Das ist auch genau das, was ich an dem Film mag. Weil in unse­rem deutsch­spra­chi­gen Kul­tur­kreis sieht man das sel­ten, die­ses Unbe­stimm­te, im fran­ko­pho­nen Raum hin­ge­gen häu­fi­ger. In Öster­reich und in Deutsch­land gibt es die­se Art Fil­me anzu­schau­en und Tex­te zu schrei­ben, wo man immer etwas Kon­kre­tes braucht. Das ver­ste­he ich selbst nicht ganz.

RK: Hat das nicht auch mit unse­rer Zeit zu tun, in der das Uto­pi­sche von vorn­her­ein belä­chelt wird? Ich kann mir auch vor­stel­len, dass es Leu­te gibt, die dei­ne Fil­me des­halb prä­ten­ti­ös fin­den – weil du eben die Uto­pie noch nicht auf­ge­ge­ben hast, wie die Dia­lo­ge in Ord­nung der Träu­me oder die Voice-over-Pas­sa­gen in den ande­ren Fil­men zei­gen. Die Leu­te kön­nen damit viel­leicht gar nicht mehr umgehen.

JG: Die Fil­me haben ver­mut­lich einen „lin­ken Ges­tus“, wenn­gleich ich dar­auf noch nicht expli­zit ange­spro­chen wur­de. War­um auch. Sie sind aber gleich­zei­tig auch eine Kri­tik dar­an, weil wir den Frei­heits­be­griff stän­dig hin­ter­fra­gen müs­sen. Weil die Lin­ke die­se Kri­tik nicht kann, steckt sie ja in einer Kri­se. Es gibt ein­fach kei­ne end­gül­ti­gen Ant­wor­ten. Mit den Figu­ren in Ord­nung der Träu­me habe ich ver­sucht das aus­zu­drü­cken. Auf der einen Sei­te ver­su­chen sie mit­ein­an­der zu reden und etwas zu ent­de­cken, auf der ande­ren Sei­te reden sie total anein­an­der vor­bei. Das hat mir an Lob der Lie­be so impo­niert: Dass das Aner­ken­nen die­ser Unter­schie­de dazu führt, dass nicht alles als Angriff gese­hen wird, son­dern die Unter­schie­de als Berei­che­rung wahr­ge­nom­men wer­den kön­nen. Des­halb woll­te ich die­se Dia­lo­ge gar nicht so kon­kre­ti­sie­ren, dass es eine poli­ti­sche Dis­kus­si­on wird. Das Poli­ti­sche liegt im Akt des Vorbeiredens.

PH: Ent­schul­di­ge, dass ich noch ein­mal dar­auf behar­re, aber du beziehst dich hier ja auf einen fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen. Sart­re und Cal­vi­no hast du auch gele­sen – die sind auch aus dem roma­ni­schen Raum. Bei denen habe ich das Gefühl, dass es da ein ande­res Cre­do gibt, was das kri­ti­sche Den­ken anbe­langt. Im deutsch­spra­chi­gen Raum steht da noch immer Ador­no über allem. Und das ist sehr komisch, wenn ich mir anschaue, was seit Ador­no in Frank­reich alles pas­siert ist. Das fehlt der deut­schen Spra­che – viel­leicht nicht in der Lite­ra­tur, aber in der Phi­lo­so­phie. Wor­auf ich hin­aus­will ist: Ich ken­ne eigent­lich nie­man­den aus der jün­ge­ren öster­rei­chi­schen Film­sze­ne, der dezi­diert so wenig öster­rei­chi­sche Fil­me macht. Unab­hän­gig davon, wo du sie machst, son­dern wie sie denken.

JG: Das liegt viel­leicht dar­an, dass ich auch ganz ande­re The­men behand­le und durch ganz ande­re ästhe­ti­sche Ein­flüs­se geprägt bin. Ich mag das öster­rei­chi­sche Kino zwar, aber ich ver­ste­he nicht, war­um man als öster­rei­chi­scher Fil­me­ma­cher die­se Tra­di­ti­on zwangs­läu­fig wei­ter­füh­ren muss. Mir ist das Träu­me­ri­sche sehr wich­tig. Da gibt es eine ganz ande­re Tra­di­ti­on, die man nicht wirk­lich in Öster­reich fin­det. Der Traum hat immer etwas Schwam­mi­ges, aber gleich­zei­tig hat der Traum sehr vie­le Ebe­nen in denen Din­ge ver­han­delt wer­den. Träu­men ist ja nicht nur lie­gen und schla­fen, son­dern auch eine Idee von etwas zu haben, das viel grö­ßer sein kann. Wenn man das auf­gibt, geht etwas ver­lo­ren. Vor allem im Film, der eigent­lich zum Träu­men ein­lädt. Es gibt nicht vie­le Din­ge, die das kön­nen. Das Leben ist im Gegen­satz dazu sehr kon­kret. Vie­len sind mei­ne Fil­me dann zu unkon­kret, aber das ist zum Teil sogar gewollt. Ich will ja kei­nen Film machen, wo die Leu­te raus­ge­hen, um am Ende zu sagen „So ist es“. Fil­me, die befrie­di­gen, fin­de ich meis­tens recht fad.

RK: Du hältst dich als Fil­me­ma­cher ja auch in einem inter­es­san­ten Span­nungs­feld auf, irgend­wo zwi­schen Kunst­be­trieb und dem cine­phi­len Fes­ti­val­zir­kus. Was sind dei­ne Erfah­run­gen damit?

JG: Ich habe mich da gar nicht so stark posi­tio­niert. Ich mag das Kino als Raum, wo Fil­me viel inten­si­ver wahr­ge­nom­men wer­den. Ich kann mir auch kei­ne Fil­me am Lap­top anschau­en. Ich brau­che die­sen Raum, wo ich rein­ge­he und mir etwas anschaue. Das hat eine ande­re Inten­si­tät. Es gibt aber auch Fil­me, wo ich mir vor­stel­len kann, sie in einer Aus­stel­lung zu zei­gen. Aber prin­zi­pi­ell ent­ste­hen mei­ne Fil­me schon, damit sie in einem Kino gezeigt wer­den. Weil es ein­fach viel direk­ter ist. Die Län­ge, die Zeit, die man sich gibt, um die­se meist recht kur­zen Fil­me zu erfah­ren, ist im Kino­saal viel stärker.

RK: Und kann man in einem White Cube über­haupt träumen?

JG: Meis­tens nicht. Oder man träumt anders, zum Bei­spiel erst danach. Ich sehe auf Film­fes­ti­vals Arbei­ten von Filmemacher*innen, die aus der bil­den­den Kunst sind, wo Nar­ra­ti­on oft eine eher unwe­sent­li­che Rol­le spielt. Mei­ne Fil­me mögen nicht kon­kret sein, aber sie haben schon Nar­ra­ti­on in einem brei­ten Sinn: es gibt einen Anfang, eine Mit­te und ein Ende, wo die Din­ge zusam­men­kom­men. Bei der bil­den­den Kunst ist das oft­mals nicht so wich­tig, weil die Arbei­ten in einem Loop lau­fen, weil man sie nicht so inten­siv und lang anschau­en muss. Zeit spielt hier eine ande­re Rol­le. Und trotz­dem wer­den sol­che Fil­me oft auf Fes­ti­vals im Kino gezeigt. Ich den­ke, dass hier auch span­nen­de Momen­te ent­ste­hen kön­nen. Mei­ne Idee wäre aber eher, Fil­me zu machen, wo ich eine zwei­te, instal­la­ti­ve Ver­si­on mache. Für Remap­ping the Ori­g­ins arbei­te ich an einer sol­chen alter­na­ti­ven Ver­si­on. Die wird dann aber auch ganz anders aus­se­hen, es wird drei Kanä­le geben und alles in allem dau­ert es zehn Minu­ten. Das geht noch. Weil 42 Minu­ten in einer Aus­stel­lung funk­tio­nie­ren ein­fach nicht. Das funk­tio­niert aber auch nicht für jeden Film.

PH: Du hast den Unter­schied ange­spro­chen zwi­schen dem Loop als Form der Dra­ma­tur­gie und der geschlos­se­nen Form eines Kino­films. Dadurch ent­steht auch ein Gefühl von Will­kür: War­um sehe ich die­se Bil­der jetzt so in die­ser Rei­hen­fol­ge? Ich hät­te auch spä­ter den Saal betre­ten kön­nen. Das stört einen im Kino. Das Kino, so alt­mo­disch das viel­leicht klingt, ist schon ein Medi­um, das einen bei der Hand nimmt. Das muss ja nicht für das Gehirn des Zuse­hers gel­ten – auch wenn es zu oft so pas­siert – aber zumin­dest für das Gefühl einer Wahr­neh­mung von Raum und Zeit.

JG: Das Kino ist etwas, das einen ein­sperrt – im posi­ti­ven Sin­ne. Du gehst rein und hast ein Abkom­men mit der Pro­jek­ti­on. Das hast du im White Cube halt nicht. Dort gibt es wie­der­um ande­re Mög­lich­kei­ten, wie sich zum Bei­spiel, dass sich ver­schie­de­ne Arbei­ten ergän­zen kön­nen. Bei Kurz­film­pro­gram­men im Kino wie­der­um klappt das manch­mal nicht so gut.

PH: Wenn ich mir anschaue, was es in dei­nen Fil­men für Ein­flüs­se gibt, dann schwir­ren da Chris Mar­ker, Jor­is Ivens oder Jean Rouch her­um. Das sind alles Men­schen, die unglaub­lich viel gemacht haben. Die auch sehr viel ad hoc gear­bei­tet haben. Bei Mar­ker habe ich das Gefühl, da sind Fil­me dabei, die sind ihm am Abend ein­ge­fal­len, am nächs­ten Tag hat er gefilmt, dann noch ein biss­chen geschnit­ten und dann waren sie auch schon fer­tig. Das ist bei dir nicht so. Das ist nicht so flie­ßend. Wie ist dei­ne Arbeits­wei­se? Wie hängt die­ses Arbeits­tem­po auch mit dei­ner Ent­schei­dung zusam­men, ana­log zu filmen?

JG: Das ist etwas, dass ich auch selbst begin­ne zu hin­ter­fra­gen, weil ich gemerkt habe, dass ich nach so einem lan­gen Pro­jekt ziem­lich aus­ge­powert bin. Die Pro­duk­tio­nen zie­hen sich sehr lan­ge und sind sehr inten­siv. Dazwi­schen hät­te ich eigent­lich ger­ne Pro­jek­te, die ich schnel­ler und leich­ter machen könn­te. Viel­leicht etwas mit drei oder fünf Minu­ten Län­ge. Das wäre dann auch auf 16mm mög­lich, ohne dass es zu einem Rie­sen­pro­jekt ausartet.

RK: Wie kommst du eigent­lich mit dem Weg­bre­chen der Infra­struk­tur für ana­lo­gen Film zurecht?

JG: Bis zu Ord­nung der Träu­me konn­te ich noch alles in Wien bei der Syn­ch­ro ent­wi­ckeln. Für Remap­ping the Ori­g­ins muss­te ich dafür bereits nach Tsche­chi­en gehen zum Ent­wi­ckeln und Scan­nen. Man gibt die Sache damit halt noch stär­ker aus der Hand. Das ist zwar auch ein super Lab, aber man schickt es hin und hat dann nicht mehr so direk­ten Bezug dazu. Da fährst du nicht mehr ein­fach hin und redest mit den Ver­ant­wort­li­chen. Im Gro­ßen und Gan­zen bin ich aber eigent­lich kein Mate­ri­al­fe­ti­schist. Mich inter­es­siert die Zeit­lich­keit beim Dre­hen, die Beschrän­kung auf die Film­rol­le, die mich viel inten­si­ver und genau­er arbei­ten lässt. Da geht es einer­seits dar­um, dass jede Sekun­de Geld kos­tet, aber auch, dass ich mir im Vor­hin­ein durch die Ver­knap­pung mehr Gedan­ken dar­über mache, was ich dre­hen will. Des­halb bin ich auch schnel­ler zufrie­den mit dem, was dabei her­aus­kommt. Für Remap­ping the Ori­g­ins habe ich unge­fähr vier Stun­den gedreht und davon sind 45 Minu­ten Auf­nah­men des Thea­ter­stücks. Das war gar nicht so viel Mate­ri­al. Eine sol­che Knapp­heit fin­de ich viel befrei­en­der, als eine Kame­ra zu haben, mit der ich raus­ge­he und 200 Minu­ten am Stück fil­men kann. Die Befrei­ung ist, dass ich die Sachen genau ein­mal fil­me. Und ent­we­der das passt dann, oder ich habe es ein­fach nicht. Die Per­fek­ti­on liegt nicht dar­in, dass man alles noch ein zwei­tes Mal dreht. Das ist eine Hal­tung, die mich irgend­wie befreit: Ein­fach raus­zu­ge­hen und zu wis­sen, dass ich nicht mehr zur Ver­fü­gung habe, als die paar Minu­ten mei­ner Rol­le. Da denkt man ganz anders nach. Ich habe schon über­legt digi­tal zu dre­hen, aber ich weiß noch nicht genau wie. Ich hät­te ger­ne eine Kame­ra, die ähn­lich funk­tio­niert, wie eine ana­lo­ge. Viel­leicht mit einer klei­nen Spei­cher­kar­te, damit ich nicht in Ver­su­chung kom­me ein Inter­view zwei Stun­den zu dre­hen, son­dern mich wei­ter­hin auf zwan­zig Minu­ten beschrän­ke. Oder ich weiß auch, dass ein Zoom anders aus­sieht, wenn man ihn mit einer Wip­pe macht, als wenn man ihn mit der Hand dreht. Das möch­te ich eigent­lich bei­be­hal­ten. Über die­se Din­ge muss ich natür­lich nach­den­ken, weil mit 16mm zu arbei­ten wird wohl bald nicht mehr finan­zier­bar sein.

PH: Hat­test du eigent­lich eine Form von fil­mi­scher Aus­bil­dung, oder hast du dir das selbst beigebracht?

JG: Ich habe vor­her an einer Fach­hoch­schu­le stu­diert, aber nicht Film, son­dern Jour­na­lis­mus und Fern­se­hen. Dort habe ich die Grund­tech­ni­ken gelernt, etwa wie man mit einer Kame­ra umgeht. Alles digi­tal. Zum Ana­lo­gen bin ich eigent­lich über die Foto­gra­fie gekom­men und ich habe mir das dann alles selbst bei­gebracht. Es ist auch nicht so kom­pli­ziert. Das meis­te ist durch die Pra­xis ent­stan­den. Ich habe ein­fach viel gedreht und aus­pro­biert. Vor allem wenn man doku­men­ta­risch arbei­tet, ist das gar nicht so schwie­rig. Bei Ord­nung der Träu­me war es dann etwas anders, weil ich da auch sze­nisch gear­bei­tet habe und dann braucht man Licht und so wei­ter. Aber vom Ansatz her war das noch immer recht doku­men­ta­risch. Der größ­te Unter­schied war eigent­lich, dass ich viel vom Sta­tiv gedreht habe. Das war am Anfang ein biss­chen unge­wohnt, weil ich nor­ma­ler­wei­se ger­ne mit der Hand filme.

RK: Wenn du schon das Stich­wort gibst, wür­de ich ger­ne noch das „Doku­men­ta­ri­sche“ anspre­chen. Dei­ne Fil­me zeich­nen sich ja auch dadurch aus, dass sie Grat­wan­de­run­gen zwi­schen Doku­ment und Fik­ti­on sind. Durch das Voice-over wir­ken die doku­men­ta­ri­schen Auf­nah­men manch­mal so gar nicht mehr doku­men­ta­risch. Dadurch bekom­men die Bil­der oft­mals erst ihre träu­me­ri­sche Dimen­si­on, die man nicht mehr so stark mit dem Doku­men­ta­ri­schen identifiziert.

JG: Ich mag die­se Sche­re, die sich dadurch auf­tut. Weil auf der einen Sei­te sind die Bil­der schon oft sehr doku­men­ta­risch, das Voice-over macht sie aber noch ein­mal anders les­bar. Es gibt Leu­te, die kri­ti­sie­ren das dann als Über­la­dung. Das ist aber genau der Punkt. Ich habe oft ein Pro­blem mit Kino, das nur beob­ach­tend ist. Es ist legi­tim, dass es das gibt, aber ich ver­traue den Bil­dern dafür nicht genug. Ich will die Bil­der lie­ber hin­ter­fra­gen. Des­halb füge ich das Voice-over hin­zu und schnei­de auch rela­tiv viel. Dicht­heit und Über­for­de­rung sind für mich zwei wich­ti­ge Kom­po­nen­ten in mei­nen Fil­men. Das wird manch­mal zum Pro­blem, wenn Unter­ti­tel auch noch dazu­kom­men. Des­halb habe ich The for­tu­ne you seek is in ano­ther coo­kie auch auf Eng­lisch über­set­zen las­sen – weil 90 Minu­ten mit deut­schem Voice-over und Unter­ti­teln wäre ein­fach zu viel.

PH: In Remap­ping the Ori­g­ins hat das aber zum Bei­spiel sehr gut funk­tio­niert. Ich den­ke da an die­se eine Sze­ne, in der du das Gewehr filmst und die Fra­ge kommt: „Wie selt­sam ist es, wenn man in den Lauf eines Geweh­res filmt, obwohl man weiß, dass es nicht gela­den ist?“ Da ist es gut, weil das Bild nicht so vie­le Infor­ma­tio­nen hat.

RK: Gleich­zei­tig muss man den Men­schen aber glau­be ich auch mehr zutrau­en, hin­sicht­lich des­sen, was sie auf­neh­men können.

JG: Ich habe gemerkt, dass es sehr schwie­rig ist, eine gute Über­set­zung für einen gespro­che­nen Text zu fin­den. Am Anfang habe ich da vie­le Feh­ler gemacht. Da waren die Über­set­zun­gen meis­tens zu lang. Man kann aber auch mit Unter­ti­teln gut erzäh­len, wenn sie gut über­setzt und sinn­voll ver­dich­tet wer­den. Man muss halt hin­be­kom­men, dass der Text sehr gut ist, das glei­che trans­por­tiert und viel­leicht auch noch poe­tisch ist. Das muss ich in Zukunft viel­leicht sogar par­al­lel zur Pro­duk­ti­on den­ken – mehr Pau­sen ein­zu­bau­en oder den Text schon in einer ande­ren Spra­che mitzudenken.

PH: Kannst du dir eigent­lich auch vor­stel­len etwas zu schrei­ben? Also unab­hän­gig vom Kino.

JG: Dar­über nach­ge­dacht habe ich auf alle Fäl­le. Aber ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich brau­che Bil­der. Die kann ich auch lite­ra­risch erzeu­gen, aber ich müss­te par­al­lel zum Schrei­ben auf jeden Fall auch anders Bil­der schaf­fen, zum Bei­spiel foto­gra­fie­ren. Das gin­ge dann viel­leicht in die Rich­tung eines Essays, wo dann auch Bil­der eine Rol­le spie­len. In letz­ter Zeit habe ich auch öfter dar­über nach­ge­dacht einen Roman zu schrei­ben. Bei den Figu­ren anzu­fan­gen, was ich eigent­lich gar nicht kann, und dann zu schau­en, was passiert.

RK: Da kom­men wir wie­der zurück zur Fra­ge, wie sich die Per­sön­lich­keit oder das Pri­va­te eines Autors in den Text, sei er lite­ra­risch oder fil­misch, ein­schreibt. Und da gibt es wür­de ich sagen, beim Film eine zusätz­li­che Kon­troll­in­stanz, die zwi­schen Autor und Text steht.

PH: Im Film gibt es dafür auch ande­re Ent­schei­dun­gen, in denen sich Autor­schaft mes­sen lässt. Etwa wel­che Men­schen drin vor­kom­men, wel­che man zu Wort kom­men lässt. Das ist auch Aus­druck einer per­sön­li­chen – und auch poli­ti­schen – Hal­tung. An den Leu­ten, die du zum Bei­spiel in Remap­ping the Ori­g­ins aus­suchst, kann ich schon grob erken­nen, was dich antreibt. Es gibt einen Unter­schied zu sagen, dass eh alles sub­jek­tiv ist und dem Ver­such, die eige­ne Posi­ti­on zu objek­ti­vie­ren, einen Schritt zurück zu machen. Das heißt nicht, dass dei­ne Sub­jek­ti­vi­tät ver­schwin­det, eher ist das Bemü­hen um Objek­ti­vi­tät Teil dei­ner sub­jek­ti­ven Position.

JG: Und manch­mal schei­tert man auch dar­an. Das größ­te Pro­blem habe ich mit Fil­men, die eine Qua­si-Objek­ti­vi­tät vor­ge­ben. Die sagen „So ist es“. Aber so ist es eben nicht. Bei Remap­ping the Ori­g­ins wur­de ich dafür kri­ti­siert, dass nicht unter­schied­li­che poli­ti­sche Posi­tio­nen zu Wort kom­men, dass nicht alles von allen Sei­ten beleuch­tet wird. Wo waren die Rech­ten? Das ist recht ein­fach erklärt: Ich habe mei­ne Gesprächs­part­ner zwar nicht danach gefragt, aber eigent­lich woll­te ich Nie­man­dem das Wort geben, der in Euro­pa der­zeit ohne­hin medi­al so prä­sent ist. Da weiß man im Vor­hin­ein eh schon was kommt. Das kann man mir vor­wer­fen, aber es ist mei­ne Hal­tung. Wenn man sagt, das muss man aber machen, um objek­tiv zu sein, dann geht da auto­ma­tisch Hal­tung ver­lo­ren. Ich habe ein Pro­blem damit, wenn man sagt, man möch­te alles bedie­nen und alles abde­cken. Das ist Blöd­sinn. Man wird nie alles abde­cken kön­nen. Das macht auch gar kei­nen Sinn. Es muss immer eine Hal­tung geben.

PH: Ich kann das gut nach­voll­zie­hen. Aber wenn du sagst, du kennst die Ant­wor­ten vor­her schon, dann den­ke ich an den letz­ten Film von Niko­laus Geyr­hal­ter (Bau­li­che Maß­nah­men) und der bekommt schon Ant­wor­ten, die mich nicht furcht­bar über­ra­schen, aber die das teil­wei­se schon in mehr Grau­zo­nen auf­tei­len. Auch auf­grund der Leu­te, die er befragt.

JG: Es kann ja auch sein, dass eini­ge der Leu­te in Remap­ping the Ori­g­ins eine rech­te Gesin­nung haben. Aber ich habe sie weder danach gefragt, noch habe ich Fra­gen gestellt, die in die­se Rich­tung gin­gen. Ich habe gefragt, was Wider­stand bedeu­tet. Und Wider­stand gibt es auch bei den Rechten.

RK: Man stellt sich das viel­leicht auch so ein­fach vor, dass die einen rechts sind und die ande­ren links. Die meis­ten Leu­te leben in sehr para­do­xen Lebens­auf­fas­sun­gen. Hör dich mal um, was die Leu­te so erzäh­len, wenn du in der U‑Bahn oder in der S‑Bahn fährst. Da trifft dann anti-auto­ri­tä­rer Bul­len­hass und der Kon­sum ille­ga­ler Sub­stan­zen auf Law-and-Order-Flücht­lings­po­li­tik. Das passt in der Theo­rie natür­lich nicht zusam­men, aber von den Leu­ten selbst wird das in den meis­ten Fäl­len nicht reflek­tiert. Der viel­be­schwo­re­ne „klei­ne Mann“ nimmt eine sol­che Ein­ord­nung gar nicht vor. Sehr frag­men­tiert viel­leicht, auf ein­zel­ne Situa­tio­nen bezo­gen, aber nicht vor dem Hin­ter­grund eines gro­ßen Ganzen.

JG: Das habe ich in Bia­lys­tok auch so gese­hen. Wobei in Polen noch dazu kommt, dass dort die Kir­che noch eine stär­ke­re Rol­le spielt und der Kon­ser­va­tis­mus dort noch stär­ker als bei uns auf reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen fußt. Bia­lys­tok ist kei­ne rein kon­ser­va­ti­ve Stadt, aber inner­halb eines Jahr­hun­derts scheint dort jeg­li­ches Ver­ständ­nis der his­to­ri­schen Ent­wick­lung der Stadt ver­lo­ren­ge­gan­gen zu sein. Da gab es vie­le Juden, die in ers­ter Linie für die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung der Stadt ver­ant­wort­lich waren. Um 1905 waren dort 60 Pro­zent der Bevöl­ke­rung jüdisch. Heu­te ist davon kaum jemand übrig, aber die Stadt gibt es trotz­dem noch. Das ist fast absurd, und es ist in Wien gar nicht so anders. Man braucht sich nur die Ring­stra­ße anschau­en, oder die Wie­ner Moderne.

A Subsequent Fulfilment of a Pre-Historic Wish von Johannes Gierlinger

PH: Wenn wir nun wie­der in Wien ange­kom­men sind, viel­leicht eine abschlie­ßen­de Fra­ge: Fin­dest du, dass es eine gute Zeit ist, Fil­me zu machen, oder nicht?

JG: Ich kann nicht wirk­lich sagen, wie es frü­her war. Ich habe aber zumin­dest noch immer das Ver­lan­gen Fil­me zu machen. Es ist viel­leicht schwie­rig gewor­den, weil es heu­te so viel mehr Fil­me gibt. Weil es vie­le Filmemacher*innen gibt und alle an einem (Förder-)Topf hän­gen. Inhalt­lich ist es auch schwie­rig gewor­den. Das merkt man dar­an, dass vie­le Fil­me eine poli­ti­sche Hal­tung kaum preis­ge­ben, oder gar nicht dar­über reden wol­len und nur mehr über die Ästhe­tik funk­tio­nie­ren. Das ist prin­zi­pi­ell auch okay, aber es über­rascht mich schon, dass das so stark ist und viel prä­sen­ter ist, als eine Hal­tung zu haben. Aber das war viel­leicht in den 80ern in Öster­reich auch nicht viel anders. Mir kommt aber vor, es gibt kei­ne Auf­bruchs­stim­mung etwas Neu­es zu machen. Es gibt nicht die­se Grup­pen und Bewe­gun­gen, die etwas Revo­lu­tio­nä­res machen wol­len. Ich habe Freun­de mit denen ich eine bestimm­te Hal­tung und Ein­stel­lung tei­le, wie man über Film spricht und wie man sie macht. Aber fern­ab von dem ist mir vie­les zu monothematisch.

Das hat sicher auch mit dem För­der­sys­tem zu tun. Es gibt da halt auch wenig Ver­trau­en von Sei­ten der För­der­ju­rys an Fil­me, die ohne kon­kre­tes The­ma daher­kom­men. Es heißt dann oft zu groß, zu vie­le The­men, zu ver­dich­tet. Man hat es leich­ter, wenn man einen Film ein­reicht, der sagt, er möch­te dort und dort hin und der Geschich­te einer bestimm­ten Per­son fol­gen, als wenn man sagt, man möch­te eine bestimm­te Idee ver­fol­gen, aber nicht direkt bear­bei­ten. Wenn man Migra­ti­on etwa als ein his­to­ri­sches Phä­no­men betrach­tet. Die­ser Abs­trak­ti­ons­grad ist nicht erwünscht. Man muss sich auch anschau­en, was poli­tisch auf uns zukommt. Ich habe kei­ne Lust dar­auf, wenn es plötz­lich heißt, man muss Fil­me machen, die die öster­rei­chi­sche Iden­ti­tät stär­ken. Da habe ich echt ein Pro­blem damit, aber poli­tisch zieht es das Land der­zeit dort­hin. Ich möch­te nicht nur und ganz allein über ein Land und „den“ öster­rei­chi­schen Film iden­ti­fi­ziert wer­den. Da fra­ge ich mich schon war­um es die­sen Iden­ti­täts­be­griff braucht. Da fra­ge ich mich schon, war­um alles über die Begrif­fe Iden­ti­tät und Zuge­hö­rig­heit beschrie­ben wer­den muss. Was ist ein öster­rei­chi­scher Film überhaupt?