Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Ruraux au galop von Gabriel Veyre (Vue N° 347)

Die «vues Lumière»: eine Zeit- und Weltreise

Die­ser Text ist die modi­fi­zier­te Ver­si­on eines Vor­trags, der am 14.07.2017 bei der Ver­an­stal­tungs­rei­he Objec­tif 16 in Ber­lin gehal­ten wur­de. Der Abend begann mit einer Ein­füh­rung, im Anschluss wur­den drei Film­pro­gram­me gezeigt. Im Anschluss an jedes der Pro­gram­me gab es eine Diskussion.

Die Erfin­dung des Films kann nicht einem ein­zi­gen vir­tuo­sen Genie zuge­schrie­ben wer­den. Geschichts­schrei­bung funk­tio­niert zwar oft als Hel­den­ge­schich­te, aber gera­de im Fall des Films als indus­tri­el­ler Kunst, wäre es ziem­lich ver­kehrt von einem ein­zel­nen Erfin­der zu spre­chen. Die Tech­nik­ge­schich­te des Films wür­de genug Mate­ri­al für einen eige­nen Vor­trag (oder bes­ser: eine Vor­trags­rei­he) bie­ten, und ist zudem eng ver­knüpft mit ande­ren media­len For­men, die im 19. Jahr­hun­dert exis­tier­ten, und die man heu­te gemein­hin als Pre-Cine­ma bezeichnet.

Ver­ein­facht gesagt ist ein ana­lo­ger Film­strei­fen nichts ande­res als ein Kunst­stoff­strei­fen, der mit einer licht­emp­find­li­chen Emul­si­on beschich­tet ist. In der Kame­ra wird die­ser Strei­fen an einer Öff­nung vor­bei­be­wegt, durch die Licht ein­fällt. Die licht­emp­find­li­che Emul­si­on hält dann fest, was sich im Moment der Belich­tung vor der Öff­nung abge­spielt hat. Wenn man den Film­strei­fen schnell genug bewegt – so das etwa 12–14 Auf­nah­men in der Sekun­de ent­ste­hen – und man das Gan­ze nach dem Ent­wi­ckeln mit der glei­chen Geschwin­dig­keit pro­ji­ziert, dann ent­steht durch das Zusam­men­spiel ver­schie­de­ner optisch-phy­sio­lo­gi­scher Effek­te der Ein­druck von Bewegung.

Wie gesagt, muss­ten also vie­le ver­schie­de­ne Din­ge erfun­den wer­den, bevor der Film „erfun­den“ wer­den konn­te. Es brauch­te eine pho­to­che­mi­sche Emul­si­on, die licht­emp­find­lich genug war, dass selbst bei einer Belich­tungs­zeit von einem Bruch­teil einer Sekun­de eine Auf­nah­me ent­steht. Es brauch­te einen wider­stands­fä­hi­gen Kunst­stoff, der zwar schmal ist, aber in der nöti­gen Geschwin­dig­keit durch den Appa­rat gezo­gen wer­den konn­te. Es brauch­te einen Mecha­nis­mus, der die Öff­nung des Shut­ters, der steu­ert, wie lan­ge Licht durch die Öff­nung ein­fällt, mit dem Vor­bei­glei­ten des Films syn­chro­ni­sier­te. Es brauch­te ent­spre­chen­de Lin­sen, mit denen das Licht gebün­delt wer­den konn­te und Licht­quel­len, die stark genug waren, um den Film dann anschlie­ßend zu projizieren.

Die „Helden“ der Filmgeschichte

Trotz die­ser Schwie­rig­kei­ten hat die Geschichts­schrei­bung dann doch zwei Hel­den aus­er­ko­ren, die als Erfin­der des Kinos pos­tu­liert wer­den. Und zwar ein Brü­der­paar aus einer Indus­tri­el­len­fa­mi­lie aus Lyon, Augus­te und Lou­is Lumiè­re. Die bei­den haben am 28. Dezem­ber 1895 in einem Salon in Paris ihre neu­es­te Erfin­dung der Öffent­lich­keit prä­sen­tiert – den Ciné­ma­to­gra­phe. Die­ses Datum gilt gemein­hin als Geburts­stun­de des Kinos. Um die Funk­ti­ons­wei­se die­ses Appa­rats vor­zu­füh­ren, haben sie gezeigt, was man mit ihm machen kann, näm­lich Fil­me dre­hen und sie dann vor­füh­ren. Zu die­sem Zweck haben sie zuvor bereits eini­ge kür­ze­re Fil­me in ihrem eige­nen Lebens­um­feld gedreht – sie soll­ten eigent­lich bloß Vor­füh­rungs­zwe­cken die­nen, denn was ver­kauft wer­den soll­te, war der Appa­rat für den Haus­ge­brauch (wie spä­ter 8mm-Kame­ras oder Camcorder).

Die Lumiè­res hat­ten sich aller­dings ver­schätzt, denn die Leu­te inter­es­sier­ten sich mehr für die Fil­me als für den Appa­rat. Also änder­ten sie ihr Geschäfts­mo­dell, bil­de­ten Leu­te aus, die mit den Kame­ras umge­hen konn­ten – man nennt sie Ope­ra­teu­re – und sen­de­ten sie aus, um mehr Fil­me zu dre­hen. Die Ope­ra­teu­re waren zunächst in Euro­pa und schließ­lich in der gan­zen Welt unter­wegs. Wo sie hin­reis­ten, dreh­ten sie über­all eige­ne Fil­me – man nennt die­se 30–60-sekündigen Auf­nah­men „vues“, auf Deutsch wird das meist mit „Ansich­ten“ über­setzt – und bil­de­ten in den Län­dern, die sie bereis­ten wie­der­um neue Ope­ra­teu­re aus. Die vues, die so ent­stan­den, wur­den einer­seits vor Ort gezeigt und dann auch in alle Welt herumgeschickt.

Die vues Lumiè­re hat­ten also eine dop­pel­te Funk­ti­on. An dem Ort, wo sie gedreht wur­den, zeig­ten sie dem Publi­kum das Ver­trau­te. Dadurch konn­ten die Leu­te, die die­se Form der beweg­li­chen Foto­gra­fie noch nie gese­hen hat­ten davon über­zeu­gen, dass es sich tat­säch­lich, um authen­ti­sche Auf­nah­men der Stadt han­del­te. Wur­den die Fil­me anschlie­ßend ver­schickt und an ande­ren Orten gezeigt, boten sie den Reiz des Frem­den und Exo­tisch und gaben Aus­kunft über Men­schen, Kul­tu­ren, Archi­tek­tur, Mode, etc. in ande­ren Län­dern. Ins­ge­samt wur­den zwi­schen 1895 und 1901 über 1.400 der vue Lumiè­re ange­fer­tigt, von den fast alle erhal­ten geblie­ben sind (nur 18 gel­ten als ver­schol­len). Online sind sie alle im Cata­lo­gue Lumiè­re erfasst.

Zeitkapsel/​Sehkapsel

An die­sen Fil­men fas­zi­nie­ren mich vor allem zwei Aspek­te. Zum einen sind sie his­to­ri­sche Zeit­kap­seln und das ist für sich sehr wert­voll. Ich fin­de es immer wie­der span­nend zu sehen, wie die Welt vor 120 Jah­ren aus­ge­se­hen hat. Am span­nends­ten ist das natür­lich, wenn man die­se Orte in der Gegen­wart kennt und ver­glei­chen kann, was sich ver­än­dert hat. Aber selbst wenn man die heu­ti­gen Orte nicht kennt, haben die­se Auf­nah­men etwas Geis­ter­haf­tes. Es liegt an der Gestal­tung der vues Lumiè­re, dass sie einen mehr, als ande­re Fil­me, gewahrt wer­den las­sen, dass all die­se Men­schen, die vor der Kame­ra zu sehen sind oder sogar direkt in die Kame­ra bli­cken, in einer ande­ren Zeit gelebt haben und schon lan­ge tot sind. Das Glei­che könn­te man auch über ande­re Fil­me sagen, und doch ertap­pe ich mich beim Sehen von Fil­men aus der Früh­zeit der Film­ge­schich­te öfter dabei, über sol­che Din­ge nachzudenken.

Das hat mit dem zwei­ten Aspekt zu tun, der mich an den vues fas­zi­niert. Sie sind nicht nur Zeit- son­dern auch Seh­kap­seln. Betrach­tet man sie nur als his­to­ri­sche Frag­men­te und bruch­stück­haf­te Doku­men­te einer ver­gan­ge­nen Zeit, so wird ihnen das nicht gerecht, weil sich mit der Wie­der­ho­lung der Moti­ve schon bald eine Abstump­fung ein­stellt. Aber, die weit­aus grö­ße­re Fas­zi­na­ti­on bezie­hen die vues aus der Art und Wei­se, wie sie die Welt auf­neh­men. Sie unter­schei­den sich radi­kal von Main­stream-Kino­fil­men und Fern­seh­bil­dern, wie man sie heut­zu­ta­ge zu Gesicht bekommt – man sieht sie anders. Es gibt in ihnen weni­ger Steue­rung, dar­über habe ich schon an ande­rer Stel­le geschrie­ben: Das Auge wird ein­ge­la­den über die Lein­wand zu schwei­fen, sich in Details zu ver­lie­ren, die gemäl­de­ar­ti­gen Ansich­ten zu betrach­ten wie ein Gemäl­de – der feh­len­de rote Faden, die unge­wohn­te Bild­struk­tur wer­den dann zum her­aus­ste­chen­den Merk­mal. Die­ser Blick ist nicht auf die vue Lumiè­re beschränkt, an den Rän­dern des Kinos fin­den sich Fil­me­ma­cher wie Ser­gei Loz­nit­sa, Chan­tal Aker­man oder Tsai Ming-liang deren Arbei­ten einen ähn­li­chen Blick her­auf­be­schwö­ren. Sie laden wie die vues Lumiè­re zum Ver­mes­sen des Bild­raums ein. Das unter­schei­det sie vom Kino des Ein­tau­chens, des Akzen­tu­ie­rens, des Vor­be­tens. Die vues – und nicht nur jene, die mit der Exo­tik fer­ner Plät­ze koket­tie­ren – fas­zi­nie­ren zunächst als Seh- und erst dann als Zeitkapseln.

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