Grave of the Fireflies

Flucht nach vorn: Der Denker und die Katastrophe

In den ver­gan­gen Tagen hat sich eini­ges getan. Ich weiß nicht, ob die Welt tat­säch­lich bes­ser gewor­den ist, aber zumin­dest habe ich Hoff­nung bekom­men, dass eine Bes­se­rung über­haupt noch mög­lich ist. In Wien kom­men nun täg­lich Tau­sen­de abge­kämpf­ter Flücht­lin­ge an, die eben­falls auf eine bes­se­re Welt hof­fen. In Zei­ten wie die­sen, wo die grau­sa­me Rea­li­tät, in Form von ech­tem Leid in mei­ne klei­ne (Lebens-) Welt drängt, begin­ne ich zu hadern und mir die Sinn­fra­ge zu stel­len, war­um ich zu Hau­se vor mei­nem Lap­top sit­ze und über Fil­me schrei­be, anstatt am Bahn­hof die Hel­fer zu unter­stüt­zen. Die Ant­wort ist nicht ein­fach. Zum einen könn­te man kon­sta­tie­ren, ich sei ein Heuch­ler, denn die­sen Men­schen geht es nicht erst seit ein paar Tagen oder Wochen schlecht, und nun gelingt es mir ganz ein­fach nicht mehr den Sta­tus der Welt aus­zu­blen­den. Ist es schein­hei­lig, mei­ne Beweg­grün­de gera­de jetzt zu hinterfragen?

Ande­rer­seits, brin­ge ich die­sen Umstand zwar erst jetzt öffent­lich zur Spra­che, doch der Kon­flikt ist für mich kein neu­er. In einem har­ten Kampf mit mir selbst habe ich ent­schie­den zu glau­ben, dass es Sinn macht, mit klei­nen Blog­ar­ti­keln die Welt mit­zu­for­men. Mit die­ser Über­zeu­gung ist es dann viel­leicht doch nicht so schein­hei­lig, ein­fach wei­ter­zu­ma­chen, wenn rea­les Leid an der Haus­tü­re klopft. Was wäre die­se Über­zeu­gung sonst wert, die ich mir in bes­se­ren Zei­ten so müh­se­lig abge­run­gen habe?

Proteste vor der Cinémathèque Francaise 1968Es mag ein abs­trak­ter Gedan­ke sein, dass sich die Welt durch Cine­phi­lie ver­bes­sern lässt, aber gera­de heu­te, wo Din­ge in ers­ter Linie an ihrem öko­no­mi­schen Wert gemes­sen wer­den, ist ein Ver­han­deln des Intan­gi­blen not­wen­dig. Kunst ist als gesell­schaft­li­cher und kul­tu­rel­ler Wert unver­zicht­bar. Das darf man auch in Zei­ten ange­spann­ter Bud­gets und ver­meint­lich grö­ße­rer Pro­ble­me nicht ver­ges­sen. Es liegt in der Natur der Kunst, dass sie sich nicht ein­fach durch Zah­len defi­nie­ren und des­halb nicht in ein mathe­ma­ti­sier­tes Welt­bild ein­fü­gen lässt. Genau das ist ihr Wert! Kunst bie­tet eine alter­na­ti­ve Sicht auf die Welt und fun­giert als Pris­ma, das ande­re Per­spek­ti­ven auf­schei­nen lässt. Die Revol­ver-Redak­ti­on for­mu­lier­te einst den Leit­spruch „Kino muss gefähr­lich sein“, und auch wir auf Jugend ohne Film ver­su­chen uns für ein gefähr­li­ches Kino ein­zu­set­zen. Fil­me und Fil­me­ma­cher, die dazu ein­la­den die Welt zu hin­ter­fra­gen oder die eige­ne Wahr­neh­mung anzu­zwei­feln, die ein Nicht-Ver­ste­hen pro­vo­zie­ren und dadurch eine ande­re Sicht auf die Welt nahe­le­gen. Die­se Art von Kunst ist gefähr­lich, aber nicht für den Kunst­schaf­fen­den oder den akti­ven Rezi­pi­en­ten, son­dern für jene, die mit allen Mit­teln ver­mei­den wol­len, dass alter­na­ti­ve Welt­bil­der ver­brei­tet wer­den. Jene, die von Gleich­schal­tung pro­fi­tie­ren. Nicht ohne Grund wird die künst­le­ri­sche Avant­gar­de von tota­li­tä­ren Regi­men zuerst unter­drückt, und das obwohl sie ohne­hin oft ein Dasein unter der öffent­li­chen Wahr­neh­mungs­gren­ze fris­tet. Im Umkehr­schluss könn­te man also fol­gern, dass es die­se Kunst und die­se Kunst­schaf­fen­den adelt, wenn jene, die auf Gleich­schal­tung und tota­le Kon­trol­le der Gedan­ken­welt der Bevöl­ke­rung aus sind, am vehe­men­tes­ten gegen sie vor­ge­hen. Außer­dem darf man nicht außer Acht las­sen, dass es die­se Kunst­schaf­fen­den sind, die sich rege an der Kri­tik am poli­ti­schen Estab­lish­ment betei­li­gen. Ent­zieht man ihnen die Lebens­grund­la­ge, zwingt man sie ins Pre­ka­ri­at, das womög­lich ver­hin­dert, dass sie ihre pro­gres­si­ve, krea­ti­ve Ener­gie für akti­ven poli­ti­schen Pro­test ein­set­zen. Des­halb macht es selbst in Zei­ten, in denen tau­sen­de Men­schen als Flücht­lin­ge in mein Land strö­men für mich Sinn, wei­ter über Film, Kunst und Kul­tur zu schrei­ben, um zu gewähr­leis­ten, dass der Wert der Kunst und der Wert der Kunst­schaf­fen­den für die Gesell­schaft selbst in die­sen tur­bu­len­ten Stun­den nicht ver­ges­sen wird.