Text: Teo­man Yüzer

Eigent­lich woll­te ich die­sen Film nicht noch ein­mal sehen. Erst im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber spiel­te das Frank­fur­ter Film­mu­se­um Werck­meis­ter har­mó­niák von Béla Tarr. Hät­te ich kei­nen zwei­ten Blick ins Klein­ge­druck­te gewor­fen, wäre mir ein Detail ent­gan­gen, das wie die Ant­wort auf eine Fra­ge wirkt, die ich mir damals nach dem Kino­be­such gestellt hat­te: Die drei Hauptdarsteller*innen Lars Rudolph, Peter Fitz und Han­na Schy­gul­la haben beim Dreh Deutsch gespro­chen, sind hier aber ins Unga­ri­sche syn­chro­ni­siert. Wenn man dazu noch die deut­schen Unter­ti­tel liest, stellt sich nach kur­zer Zeit so etwas wie gelei­te­tes Lip­pen­le­sen ein. Man meint bei­na­he, unter dem dich­ten Brum­men der unga­ri­schen Stim­men, die sich über die­se Bil­der stül­pen, den deut­schen Ori­gi­nal­ton hören zu kön­nen. Immer­hin weiß man in etwa, was die­se Men­schen ein­mal gesagt haben müs­sen, bei der Aus­spra­che wel­cher Wor­te man ihnen gera­de zuschaut. Wo sind die­se Stim­men hin?

Etwas mehr als ein hal­bes Jahr spä­ter kom­men die ver­lo­ren­ge­glaub­ten Stim­men in der deut­schen Fas­sung des Films, die, wie Recher­chen im Nach­hin­ein erga­ben, nir­gends außer­halb des Kino­saals exis­tiert, ans Licht. Über das Aus­maß die­ser fil­mi­schen Wei­chen­stel­lung wer­de ich mir erst all­mäh­lich im Ver­lauf der Vor­füh­rung bewusst. So schlägt sich der Sprach­wech­sel nicht nur auf der Ton­spur nie­der: Wo jetzt Deutsch gespro­chen wird, braucht es fol­ge­rich­tig kei­ne Unter­ti­tel mehr und man kann die­sen Film ohne Gra­vi­ta­ti­ons­zen­trum im unte­ren Drit­tel unge­wohnt schwe­re­los schau­en. Mei­ne Augen trei­ben in die hin­ters­ten Häu­ser­ecken, ver­ir­ren sich in dunk­len Land­schaf­ten der unga­ri­schen Pro­vinz und ver­sin­ken in so man­cher Gesichts­fal­te. Die­se sonst so über­se­he­nen Topo­gra­phien sind es, die hier zum Vor­schein tre­ten, und wohl in Rück­wir­kung auf Unter­ti­tel­tes auch bedeu­ten könn­ten: Wenn man den Text als Teil der Bild­land­schaft ver­steht, kann man ruhig öfter von ihm weg­schau­en. Manch­mal, so kommt es mir vor, ver­ste­he ich mehr von einer Sze­ne aus dem Licht, das auf ein klei­nes, unschar­fes Fens­ter im Hin­ter­grund fällt, als aus dem Schwall an Wor­ten, die ein gro­ßes Gesicht im Vor­der­grund spricht.

Auch oft Über­hör­tes fin­det in die­ser Ton­fas­sung mei­ne Auf­merk­sam­keit. Irgend­wann bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich das unru­hi­ge Knis­tern des Kamin­feu­ers in der Gast­stät­te, die aus­dau­ern­den Schrit­te des Prot­ago­nis­ten auf unebe­nem Kopf­stein­pflas­ter oder das Rascheln der Unmen­gen an auf­ge­wir­bel­tem Laub nur inten­si­ver wahr­neh­me, weil sich mei­ne Sin­nes­kon­zen­tra­ti­on ohne­hin auf die Ton­spur rich­tet, oder ob in die­ser neu­en Fas­sung nicht viel­leicht doch auch ande­re Geräu­sche stär­ker zur Gel­tung kom­men. Als wür­den Holz­die­len auf Deutsch anders knar­zen als auf Ungarisch.

Lars Rudolphs Stim­me hat etwas Spie­le­ri­sches, bei­na­he Kind­li­ches an sich, das beson­ders stark im Kon­trast mit der Stim­me von Peter Fitz zur Gel­tung kommt. Dass Fitz auch Syn­chron- und Hör­buch­spre­cher war, merkt man, wenn man ihm hier beim Ein­spre­chen sei­ner sono­ren Musik­lek­tio­nen zuhört. Bei die­sem Auf­ein­an­der­tref­fen sym­pa­thi­sie­re ich klar mit Rudolph, des­sen naï­ve Ver­spielt­heit etwas Spon­ta­nes und Leben­di­ges zum Aus­druck bringt. Fitz’ Spre­chen ist geschult, selbst­be­wusst, unwirk­lich. Wenn er spricht, steigt in mir der Drang, woan­ders hin­zu­hö­ren, ein Geräusch zu ent­de­cken, das zufäl­lig, neben­säch­lich klingt. Zwi­schen Schu­le und Spiel bewegt sich Han­na Schy­gul­la, wohl die ver­trau­tes­te die­ser drei Stim­men, und doch wir­ken ihre Stimm­bän­der von einem unge­wohn­ten Film belegt: Über drei Jahr­zehn­te lie­gen zwi­schen die­ser und Schy­gul­las ers­ter Film­rol­le, in der ich sie zuletzt gese­hen habe. Die­se Zeit ist zunächst alles, was ich höre. Als wür­de man einen alten Freund nach lan­ger Zeit wie­der­tref­fen und in sei­nem Gesicht nur die neu­en Fal­ten und Fle­cken sehen. Schy­gul­las ers­te Rol­le – Der Bräu­ti­gam, die Komö­di­an­tin und der Zuhäl­ter von Daniè­le Huil­let und Jean-Marie Straub, der (nach Renoir) ein­mal schrieb: Syn­chro­ni­sa­ti­on ist Mord.

Aber da sind noch ande­re Stim­men: Jene der zahl­rei­chen unga­ri­schen Darsteller*innen, die um die­ses Trio im Kern des Films krei­sen. Dies­mal feh­len all die­se Stim­men, sie wur­den, wenn man Bres­son folgt, »im Gegen­rhyth­mus zu Lun­gen und Herz«, ins Deut­sche über­spielt. Das Bres­son­sche »sich im Mund irren« fällt zwar vom Unga­ri­schen ins Deut­sche weni­ger stark auf als umge­kehrt, den­noch liegt ein Schlei­er über den Din­gen, der aus die­sen Men­schen vor der Kame­ra eine Falsch­heit macht, sie im Namen einer Klang­kon­for­mi­tät ver­rät. Es bräuch­te wohl noch eine drit­te Fas­sung, die die­sen zer­ris­se­nen Film wie­der zusam­men­flickt und alle ermor­de­ten Stim­men zum Leben erweckt: Das Deut­sche und das Unga­ri­sche mit­ein­an­der, wie es die Men­schen beim Dreh einst gespro­chen haben müs­sen. Der eine ver­steht den ande­ren, obwohl er eine ande­re Spra­che spricht. Hier­in könn­te eine grö­ße­re Wahr­haf­tig­keit liegen.