Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Ein flüchtiger Zug nach dem Orient von Ruth Beckermann

Dossier Beckermann: Aufgeschrieben (Unzugehörig, Die Mazzesinsel)

Zum Fil­me­ma­chen kam Ruth Becker­mann erst rela­tiv spät. Sie stu­dier­te zunächst Publi­zis­tik, Kunst­ge­schich­te und Foto­gra­fie. Wäh­rend ihrer Stu­di­en­zeit an der School of Visu­al Arts in New York ent­stan­den ers­te 8mm-Fil­me, im Zuge der Are­na-Beset­zung 1977 dann mit Are­na besetzt! eine im Kol­lek­tiv ent­stan­de­ne Video-Doku­men­ta­ti­on der Ereig­nis­se. Nach eini­gen Repor­ta­gen über Arbei­ter­streiks Ende der 70er, Anfang der 80er folg­te 1983 mit Wien retour Becker­manns ers­ter Lang­film. Wien retour stellt in meh­rer­lei Hin­sicht ein Schlüs­sel­werk in Becker­manns Ent­wick­lung dar: einer­seits fin­det sie dar­in die Ansät­ze einer Poe­tik von Bild und Ton, die nicht mehr not­wen­dig ver­knüpft sind, ande­rer­seits stellt der Film den Beginn der Hin­wen­dung zum jüdi­schen Leben und der jüdi­schen Kul­tur in Öster­reich dar.

In den 80er Jah­ren erschien mit Die papie­re­ne Brü­cke nur noch ein wei­te­rer Film von Becker­mann. Dafür war sie zu die­ser Zeit publi­zis­tisch sehr umtrie­big. Aus der Beschäf­ti­gung mit der Zwi­schen­kriegs­zeit und der jüdi­schen Gemein­de Wiens für Wien retour ent­stand ein Sam­mel­band aus his­to­ri­schen Foto­gra­fien und Tex­ten zur Wie­ner Leo­pold­stadt (Die Maz­zes­in­sel, 1984) und als Abrech­nung zur Wald­heim-Affä­re Becker­manns gro­ße Bestands­auf­nah­me des jüdi­schen Nach­kriegs­wi­ens und der Gene­ra­ti­on der Nach­ge­bo­re­nen (Unzu­ge­hö­rig, 1989).

Wien retour von Ruth Beckermann
Wien retour von Ruth Beckermann

Es war einmal

Die Maz­zes­in­sel lässt sich recht naht­los in Becker­manns Œuvre ein­fü­gen, nicht nur, weil das Buch mit sei­nem Schwer­punkt auf die jüdi­sche Ver­gan­gen­heit Wiens Fil­men wie Wien retour, Die papie­re­ne Brü­cke oder Homemad(e) the­ma­tisch nahe­steht, son­dern auf­grund sei­nes for­ma­len Zugangs. Der Band ver­sam­melt eine Rei­he von Tex­ten jüdi­scher Autoren mit Wien­be­zug, dar­un­ter auto­bio­gra­phi­sche Erfah­rungs­be­rich­te, jour­na­lis­ti­sche Repor­ta­gen und Lied­tex­te, sowie his­to­ri­sche Foto­gra­fien, die das All­tags­le­ben und wich­ti­ge kul­tu­rel­le Zen­tren in der Leo­pold­stadt zei­gen. Die Leo­pold­stadt, der zwei­te Wie­ner Gemein­de­be­zirk, war von der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts bis 1938 das Zen­trum jüdi­schen Lebens in Wien. Dort leb­ten 60.000 der rund 180.000 Juden Wiens – das war rund die Hälf­te der Bevöl­ke­rung des Bezirks. Der umgangs­sprach­li­che Name für den Stadt­teil, „Maz­zes­in­sel“, gibt dem Buch sei­nen Titel.

Die Foto­gra­fien und lite­ra­ri­schen Beschrei­bun­gen zeu­gen von einer beson­de­ren Welt, die „anders gewe­sen sein [muss] als das übri­ge Wien und doch so sehr ein Teil die­ser Stadt, dass sie schon nichts Exo­ti­sches mehr war.“ Nicht ohne Nost­al­gie schreibt Becker­mann in ihrem ein­füh­ren­den Essay über die­se Zeit und die beson­de­re kul­tu­rel­le und gesell­schaft­li­che Sphä­re in die­sem Bezirk. Es ist aber kei­ne Nost­al­gie für ein unwie­der­bring­li­ches Ges­tern, son­dern für eine poten­zi­el­le Gegen­wart, die es nie geben wird, weil sie durch die Ver­nich­tungs­po­li­tik der Nazis geraubt wur­de. Ein Stadt­teil, eine Kul­tur, ein Volk und sogar die Erin­ne­rung wur­den zerstört.

In die­sem Licht betrach­tet, stellt Die Maz­zes­in­sel den Ver­such dar, die spär­li­chen Erin­ne­run­gen zu sam­meln und zu bün­deln, aus Foto­gra­fien, Lie­dern, Kind­heits­er­in­ne­run­gen, All­tags­be­schrei­bun­gen das Stim­mungs­bild eines Vor­her zu zeich­nen; eine Rück­füh­rung der gestoh­le­nen Erinnerungen.

Es ist immer noch

Unzu­ge­hö­rig ist ein unver­gleich­lich wüten­de­res Buch. Eine Abrech­nung mit der Ver­lo­gen­heit der öster­rei­chi­schen Innen- und Außen­dar­stel­lung in der Zeit nach 1945. Becker­mann ver­fass­te das Buch 1988, zu einer Zeit als die poli­ti­sche Stim­mung in Öster­reich auf­grund der Affä­re um die NS-Ver­gan­gen­heit des Bun­des­prä­si­den­ten und frü­he­ren UN-Gene­ral­se­kre­tärs Kurt Wald­heim auf­ge­la­den war. Das poli­ti­sche Bro­deln im Land spürt man beim Lesen des Buchs sehr deut­lich. Ende der 80er Jah­re war die Auf­ar­bei­tung der Nazi­zeit in Öster­reich, anders als in Deutsch­land, noch kaum vor­an­ge­schrit­ten. Man beschränk­te sich auf die offi­zi­el­le Dar­stel­lung Öster­reichs als ers­tes Opfer Nazi­deutsch­lands und trotz der höchs­ten Dich­te an NSDAP-Mit­glie­dern im gesam­ten Gebiet des Deut­schen Reichs, blieb ein gesell­schaft­li­cher Umbruch aus.

Becker­mann erzählt aus der Per­spek­ti­ve eines Mit­glieds des stark geschrumpf­ten jüdi­schen Bevöl­ke­rungs­teils und als Ver­tre­ter der zwei­ten Gene­ra­ti­on, als Nach­ge­bo­re­ne, die die Ent­schei­dung ihrer Eltern sich in Wien nie­der­zu­las­sen hin­ter­fragt. „Jüdi­sche Kin­der im Wien der fünf­zi­ger Jah­re. Jedes Kind ein Wun­der“, schreibt sie über ein Foto, das bei der Fei­er zu ihrem drit­ten Geburts­tag auf­ge­nom­men wur­de. „Wun­der­li­cher­wei­se“, schreibt sie spä­ter, sei sie hier gebo­ren und auf­ge­wach­sen, stän­dig anti­se­mi­ti­schen Schi­ka­nen aus­ge­setzt, wäh­rend sich das offi­zi­el­le Öster­reich so sehr in der Opfer­rol­le gefiel, dass Auf­ar­bei­tung nicht als not­wen­dig ange­se­hen wurde.

Unzu­ge­hö­rig ist eine Ankla­ge an einen Staat, der sei­ne his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung nie wahr­ha­ben woll­te, an eine Gesell­schaft, die sich nie ent­na­zi­fi­ziert hat, an die jüdi­sche Gemein­de, die immer stumm und staats­treu geblie­ben ist, um ja nicht unan­ge­nehm auf­zu­fal­len. Das Buch ist der Ver­such eines Aus­bruchs aus dem Schat­ten­da­sein, ein Kampf um Sicht­bar­keit, um eine Gegen­öf­fent­lich­keit – und damit gar nicht ein­mal so weit ent­fernt von den poli­tisch moti­vier­ten Bestre­bun­gen der Film­re­por­ta­gen und des Film­la­den-Ver­leihs, an denen Becker­mann noch weni­ge Jah­re zuvor betei­ligt war, damals noch aus dem Geist des poli­ti­schen Aktivismus

Homemad(e) von Ruth Beckermann
Homemad(e) von Ruth Beckermann

Immer­hin, durch die Wald­heim-Affä­re und das Inter­es­se der zwei­ten Gene­ra­ti­on am Trau­ma ihrer Eltern hat auch in Öster­reich die his­to­ri­sche Auf­ar­bei­tung der NS-Zeit Fahrt auf­ge­nom­men. Es gibt auch von offi­zi­el­ler Sei­te ein kla­re­res Bekennt­nis zur Ent­schä­di­gung von Opfern und zur Resti­tu­ti­on von Raub­gü­tern, die Opfer­rol­le ist nicht mehr Staats­dok­trin. Auf der ande­ren Sei­te hat der Auf­stieg der FPÖ den offe­nen Anti­se­mi­tis­mus und Ras­sis­mus salon­fä­hi­ger gemacht als je zuvor in der Zwei­ten Repu­blik. Unzu­ge­hö­rig mag eine his­to­ri­sche Zeit­kap­sel sein, aber die Erfah­rung, die Stim­mung und die Gefah­ren, die Becker­mann dar­in beschreibt, haben nichts an Aktua­li­tät verloren.