Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Wien retour von Ruth Beckermann

Dossier Beckermann: Scheitelpunkt (Wien retour)

Wien retour beginnt mit Auf­nah­men einer Zug­fahrt. Die Kame­ra filmt aus dem Fens­ter, wäh­rend der Zug über die Nord­bahn­stre­cke durch die Wie­ner Außen­be­zir­ke fährt. Die Eisen­bahn­tras­se führt quer durch Flo­rids­dorf und über­quert schließ­lich die Donau, wo die Bau­stel­le der Donau­in­sel zu sehen ist. Im 20. Wie­ner Gemein­de­be­zirk endet die Zug­fahrt am Bahn­hof Pra­ter­stern, dem ehe­ma­li­gen Nord­bahn­hof. Wäh­rend die Kame­ra die urba­ne Land­schaft auf­zeich­net, wer­den die Ope­ning Cre­dits ein­ge­blen­det, als der Zug in den Bahn­hof ein­fährt, setzt ein Voice-over-Kom­men­tar ein.

Die Schau­spie­le­rin Pao­la Loew erklärt in nüch­ter­nem Ton, wel­che Bedeu­tung der eben zurück­ge­leg­te Weg für den Film hat: Der Nord­bahn­hof war frü­her die End­sta­ti­on der Nord­bahn­stre­cke, über ihn waren die Ost­ge­bie­te der K.-u.-k.-Monarchie an die Haupt­stadt Wien ange­bun­den. Wer aus die­sen Gegen­den nach Wien rei­sen woll­te, der war auf der sel­ben Stre­cke unter­wegs, wie Ruth Becker­manns Kame­ra. Heu­te ist der Pra­ter­stern mit U‑Bahn oder S‑Bahn ans Stadt­zen­trum ange­bun­den, frü­her muss­te man mit der Stra­ßen­bahn in die inne­ren Bezir­ke wei­ter­rei­sen. Vie­le der Ankom­men­den aus dem Osten, so die Erzäh­ler­stim­me, setz­ten ihre Rei­se jedoch nicht in Rich­tung Zen­trum fort. Sie blie­ben in der Gegend rund um den Pra­ter­stern, im Zwei­ten Wie­ner Gemein­de­be­zirk, der Leo­pold­stadt. Es waren vor allem jüdi­sche Rei­sen­de aus dem Osten der Habs­bur­ger­mon­ar­chie, die zual­ler­erst Ver­wand­te oder Bekann­te in der Leo­pold­stadt auf­such­ten, denn nach dem Ers­ten Welt­krieg leb­ten dort rund 60.000 Juden. Das gab dem Stadt­vier­tel den Bei­na­men „Maz­zes­in­sel“.

Die Maz­zes­in­sel ist auch der Titel eines Buch­pro­jekts von Ruth Becker­mann. Ein­ge­lei­tet von einem Essay von Becker­mann, ver­sam­melt der Band eine Fül­le his­to­ri­scher Mate­ria­li­en – Repor­ta­gen, Foto­gra­fien, Lied­tex­te – über das Leben in der Zwi­schen­kriegs­zeit in die­sem jüdisch gepräg­ten Vier­tel. Das Buch ent­stand als Fol­ge­pro­jekt zu Wien retour, denn für den Film hat­te Becker­mann umfang­rei­che Recher­chen zu die­ser Zeit und die­sem Stadt­teil unter­nom­men. Nicht alle Mate­ria­li­en, auf die sie stieß, konn­te sie für den Film ver­wer­ten, man­ches kommt sowohl im Film als auch im Buch vor. Wien retour gab zu einem ent­schei­den­den Zeit­punkt in Becker­manns Kar­rie­re den Anstoß zur Beschäf­ti­gung mit der jüdi­schen Geschich­te ihrer Hei­mat­stadt. Die Jah­re zuvor hat­te Becker­mann mit ihren Kol­le­gen vom Film­la­den am Ver­leih und der Pro­duk­ti­on poli­ti­scher Fil­me gear­bei­tet, die eine Gegen­öf­fent­lich­keit her­stel­len soll­ten. Es ent­stan­den Repor­ta­gen über aktu­el­le Streiks und die Situa­ti­on der Arbei­ter in Österreich.

Wien retour von Ruth Beckermann

Franz West: Kommunist, Jude

Mit Wien retour wen­de­te sich Becker­mann der Ver­gan­gen­heit zu. In Franz West fand sie einen Prot­ago­nis­ten für ihren Film, der sowohl über die Geschich­te der Lin­ken als auch über die Geschich­te der Juden in Öster­reich berich­ten konn­ten. Franz West (ursprüng­lich: Franz Weint­raub) war eine bedeu­ten­de Figur der kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung in Öster­reich. West wur­de 1909 als Sohn einer jüdi­schen Fami­lie in Mag­de­burg gebo­ren. Die Fami­lie über­sie­del­te jedoch 1924 nach Wien, wo sie in den Fol­ge­jah­ren im jüdisch gepräg­ten zwei­ten Wie­ner Gemein­de­be­zirk, der Leo­pold­stadt, leb­te. Bereits in der Schul­zeit schloss er sich dem Ver­band Sozia­lis­ti­scher Mit­tel­schü­ler (VSM) an. Wäh­rend sei­nes Jus­stu­di­ums (1928–1933) war er im Ver­band Sozia­lis­ti­scher Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten Öster­reichs (VSStÖ) aktiv, konn­te jedoch auf­grund sei­nes poli­ti­schen Enga­ge­ments sein Stu­di­um nicht abschlie­ßen und wur­de des Lan­des ver­wie­sen. Als ille­ga­ler Funk­tio­när der ver­bo­te­nen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Öster­reichs (KPÖ) arbei­te­te er im Unter­grund wei­ter. Erst als der aus­tro-faschis­ti­sche Stän­de­staat von den Natio­nal­so­zia­lis­ten über­nom­men wur­de, emi­grier­te er kurz vor dem Anschluss Öster­reichs nach Eng­land. Nach Kriegs­en­de kehr­te er zurück nach Öster­reich, wo er unter ande­rem als lang­jäh­ri­ger Par­tei­funk­tio­när der KPÖ und als Chef­re­dak­teur der kom­mu­nis­ti­schen Tages­zei­tung Volks­stim­me tätig war.

Eine fas­zi­nie­ren­de Bio­gra­phie, der sich Becker­mann über die ein­gangs beschrie­be­ne Zug­fahrt annä­hert. Nach der Ankunft des Zugs am Bahn­hof Pra­ter­stern und dem ein­füh­ren­den Kom­men­tar von Pao­la Loew, der mit der Ein­blen­dung his­to­ri­scher Foto­gra­fien unter­legt ist, springt die Kame­ra zur Pra­ter Haupt­al­lee, einer von Bäu­men gesäum­ten Fla­nier­mei­le im städ­ti­schen Nah­erho­lungs­ge­biets Wiens. Dort tritt Franz West das ers­te Mal vor Becker­manns Kame­ra. Er erzählt, zwi­schen Jog­gern und Spa­zie­ren­den, von den Nazi­auf­mär­schen Mit­te der 30er Jah­re an die­sem Ort. Nach einer wei­te­ren über­lei­ten­den Pas­sa­ge, in der Archiv­ma­te­ria­li­en gezeigt wer­den, ver­la­gert sich der Film in Franz Wests Büro. Im wei­te­ren Ver­lauf des Films beschreibt West das Leben in der Leo­pold­stadt zwi­schen 1924 und 1934.

Wien retour von Ruth Beckermann

Biographie einer Nation

West ist ein Stell­ver­tre­ter. Zwar erzählt er aus einer sub­jek­ti­ven Per­spek­ti­ve von sei­nen Erleb­nis­sen, es gelingt ihm jedoch von sei­nem eige­nen Schick­sal zu abs­tra­hie­ren, über sei­ne eige­ne Bio­gra­phie die Geschich­te des gan­zen Vier­tels zu erzäh­len. Wien retour ist eine his­to­ri­sche Quel­le im Sin­ne der Oral Histo­ry, ein Tal­king-Head-Doku­men­tar­film über eine his­to­ri­sche Epo­che in der Geschich­te Wiens und Öster­reichs und gleich­zei­tig viel mehr als das. Sei­ne Stim­me ist die eines jüdi­schen Wie­ner Intel­lek­tu­el­len, mit einer Sprach­fär­bung, die in der Zwi­schen­kriegs­zeit kul­ti­viert wor­den war und mit der jüdi­schen Kul­tur des Stadt­teils unter­ging. Heu­te gibt es nie­man­den mehr, der so spricht wie Franz West. Zugleich ist er ein meis­ter­haf­ter Geschich­ten­er­zäh­ler, der bild­mäch­tig das jüdi­sche Leben in der Leo­pold­stadt der Zwi­schen­kriegs­zeit beschreibt, das poli­ti­sche Kli­ma im „Roten Wien“, das Erstar­ken faschis­ti­scher Kräf­te und die Unter­drü­ckung sozia­lis­ti­scher und demo­kra­ti­scher Kräf­te. So über­steigt die audio­vi­su­el­le Auf­zeich­nung sei­ner Bio­gra­phie den Rah­men eines his­to­ri­schen Doku­ments. Was Ste­fan Zweig Jahr­zehn­te vor ihm mit Die Welt von Ges­tern in Buch­form leis­te­te, gelingt Becker­mann und West mit Wien retour: eine bril­lan­te Stu­die über die öster­rei­chi­sche See­le als Nach­er­zäh­lung des eige­nen Lebens.

Chris­ta Blüm­lin­ger beschrieb Wien retour tref­fend als ein „Por­trät über einen jüdi­schen Wie­ner Kom­mu­nis­ten, in des­sen Bio­gra­phie sich die Kata­stro­phen und Wider­sprü­che des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts ein­ge­schrie­ben haben.“ Der Film ist in die­ser Hin­sicht ein para­dig­ma­ti­sches Werk in der Fil­mo­gra­phie Becker­manns. Er ist der Schei­tel­punkt, an dem ihr Inter­es­se für fil­mi­sche Gestal­tung, ihre poli­tisch-akti­vis­ti­schen Zie­le zu über­schat­ten beginnt. Auch the­ma­tisch steht der Film zwi­schen den poli­ti­schen Repor­ta­gen der spä­ten 70er und frü­hen 80er und den Essay­fil­men, die kom­men soll­ten. Becker­mann selbst beschreibt Wien retour als den letz­ten ihrer Fil­me, der ent­stand, bevor sie ihren per­sön­li­chen Film­stil gefun­den hat, und den sie dem­entspre­chend heu­te ganz anders machen wür­de. Trotz die­ser Selbst­kri­tik ist Wien retour auf­grund sei­ner Mate­ri­al­fül­le und nicht zuletzt wegen sei­nes fas­zi­nie­ren­den Prot­ago­nis­ten eines der Haupt­wer­ke in Becker­manns Œuvre.