Ein flüchtiger Zug nach dem Orient von Ruth Beckermann

Dossier Beckermann: Orientalismus (Ein flüchtiger Zug nach dem Orient)

Ein flüchtiger Zug nach dem Orient von Ruth Beckermann

„Ich will zu Schiff die Mee­re durch­kreu­zen, ein weib­li­cher Flie­gen­der Hol­län­der, bis ich ein­mal ver­sun­ken und ver­schwun­den bin.“ (Eli­sa­beth von Österreich)

Es exis­tie­ren kei­ne Foto­gra­fien oder Por­träts der vor­letz­ten öster­rei­chi­schen Kai­se­rin Eli­sa­beth, auch Sisi genannt, die nach ihrem ein­und­drei­ßigs­ten Lebens­jahr ange­fer­tigt wur­den. Was heu­te für eine Per­sön­lich­keit des öffent­li­chen Lebens undenk­bar scheint, geht auf eine bewuss­te Ent­schei­dung der Kai­se­rin zurück. Das Bild ihrer legen­dä­ren Schön­heit soll­te bewahrt blei­ben, und nicht ihr Altern für die Nach­welt doku­men­tiert wer­den. Die zwei­te Lebens­hälf­te der Kai­se­rin ist durch ihre zuneh­men­de Abschot­tung von der Öffent­lich­keit geprägt und durch ihre flucht­ar­ti­gen Rei­sen, die sie quer durch Euro­pa geführt haben. Eine Rekon­struk­ti­on die­ser Zeit gestal­tet sich schwie­rig, da Sisi es ver­mie­den hat auf­zu­fal­len und grund­sätz­lich inko­gni­to reis­te. Spär­li­che schrift­li­che Auf­zeich­nun­gen wie die Rei­se­ta­ge­bü­cher der Kai­se­rin und ihrer Beglei­ter müs­sen genü­gen, um sich ein Bild von den Unter­neh­mun­gen und vom See­len­le­ben Sis­is zu machen. In einer iro­ni­schen Wen­dung des Schick­sals hat die­se spär­li­che Quel­len­la­ge den Mythos und das Inter­es­se an der öffent­lich­keits­scheu­en Kai­se­rin erst recht befeuert.

Das Leben Sis­is wur­de fil­misch unzäh­li­ge Male auf­ge­ar­bei­tet – am publi­kums­wirk­sams­ten durch die Sis­si-Tri­lo­gie mit Romy Schnei­der – doch meist han­deln die­se Fil­me von ihrer Jugend­zeit. Ruth Becker­mann inter­es­siert sich in Ein flüch­ti­ger Zug nach dem Ori­ent hin­ge­gen für jene Jah­re, in denen sich Sisi aus der Öffent­lich­keit zurück­ge­zo­gen hat­te und macht sich auf eine (fil­mi­sche) Spu­ren­su­che. In gewis­ser Wei­se sieht sie in der Kai­se­rin eine Art See­len­ver­wand­te. Bei­de Frau­en haben durch Rei­se ver­sucht ihre eige­ne Geschich­te und ihr eige­nes Selbst zu fin­den, Sisi flüch­te­te vor dem stren­gen Pro­to­koll am Hof und fami­liä­ren Tra­gö­di­en, Becker­mann ver­sucht die prä­gen­de Tra­gö­die des 20. Jahr­hun­derts auf­zu­ar­bei­ten und ihre eige­ne Fami­li­en­ge­schich­te zu ent­wir­ren. Auf den Spu­ren von Eli­sa­beths Ori­ent­rei­se begibt sich die Fil­me­ma­che­rin nach Kai­ro und ver­sucht dort der Stadt, ihren Bewoh­nern und auch der Kai­se­rin näher­zu­kom­men. In lan­gen, unauf­ge­reg­ten Tra­ve­lings filmt sie die beleb­ten Stra­ßen Kai­ros, die Basa­re, Hotels und Gär­ten. Becker­mann macht dabei nicht den Ver­such kon­kre­te Orte wie­der­zu­fin­den, son­dern nimmt das Kai­ro der spä­ten 90er bewusst als einen ande­ren Ort wahr, als jene bri­ti­sche Kolo­ni­al­stadt, die Sisi damals besuch­te. Sie erschließt die Gas­sen und Plät­ze für sich selbst, ver­sucht die Stim­mung der Stadt ein­zu­fan­gen. Wel­che Wir­kung mag das ara­bi­sche Flair auf die Kai­se­rin gehabt haben? Ist es eine ähn­li­che Wir­kung, wie Becker­mann sie über hun­dert Jah­re spä­ter spürt?

Ein flüchtiger Zug nach dem Orient von Ruth Beckermann

Wäh­rend also die Film­bil­der ein Por­trät der Stadt in der Gegen­wart zeich­nen, dringt Becker­mann im von ihr selbst ein­ge­spro­che­nen Kom­men­tar in die Ver­gan­gen­heit ein. Die­ses Aus­ein­an­der­drif­ten von Bild und Ton in Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit ist eine wie­der­keh­ren­de Stra­te­gie in Becker­manns Fil­men: Man den­ke nur an den Brief­wech­sel zwi­schen Paul Celan und Inge­borg Bach­mann in Die Geträum­ten, der von Schau­spie­lern ins Jetzt geholt wird, oder an die Erin­ne­run­gen aus dem Krieg, die in Jen­seits des Krie­ges ganz ohne den Ein­satz von Archiv­ma­te­ri­al prä­sen­tiert wer­den. Becker­mann fun­giert dabei nicht als Chro­nis­tin Sis­is, son­dern eher als Kar­to­gra­phin ihrer Gefühls­welt. Mit­hil­fe von Brie­fen, Tage­bü­chern, Gedich­ten, Erfah­rungs­be­rich­ten und Rei­se­auf­zeich­nun­gen ver­sucht sie die Antrie­be, Wün­sche und Sor­gen der Kai­se­rin zu erfor­schen. Immer kla­rer wird die Fas­zi­na­ti­on, die Sisi auf Becker­mann aus­übt und der sie auf den Grund gehen will. Ein flüch­ti­ger Zug nach dem Ori­ent ist zwei­fel­los ein sehr per­sön­li­ches Pro­jekt für die Fil­me­ma­che­rin, obwohl der Film auf den ers­ten Blick weni­ger mit ihrer eige­nen Iden­ti­tät oder Geschich­te zu tun hat, als bei­spiels­wei­se Die papie­re­ne Brü­cke oder Nach Jeru­sa­lem. In einer dop­pel­ten Bewe­gung ver­sucht sie die­se ande­re, längst tote, Frau zu ver­ste­hen, aber auch sich fern­ab der Hei­mat selbst näher­zu­kom­men. Ihre eige­ne Rei­se soll nicht Sis­is Rei­sen in den Ori­ent nach­zeich­nen, son­dern sie unter­nimmt den Ver­such ein Gefühl zu evo­zie­ren, was Sisi zu und auf die­sen Rei­sen bewegt haben könn­te – des­halb bleibt der Film über sei­ne Bil­der stets in der Gegen­wart ver­an­kert. Schließ­lich hin­ter­fragt Becker­mann, war­um es denn über­haupt eine sol­che Rei­se in die Frem­de braucht, um sich selbst zu fin­den. In der Pra­xis des Selbst­fin­dungs­trips erkennt sie das gefähr­li­che, (neo-)kolonialistische Spiel mit dem Exo­ti­schen. Zwar hat sie den euro­päi­schen Kon­ti­nent hin­ter sich gelas­sen, aber nicht die west­li­chen Pro­jek­tio­nen auf die Frem­de. Mit ihrer Flucht vor den Kon­ven­tio­nen des Hof­le­bens in die ver­ruch­te Wild­heit des Ori­ents, repro­du­zier­te Sisi gän­gi­ge Vor­stel­lun­gen und Kon­struk­tio­nen über das Land und sei­ne Men­schen. Selbst­kri­tisch erkennt auch Becker­mann ihren Film als Spiel mit dem Ori­en­ta­lis­mus, die viel­leicht ent­schei­den­de Erkennt­nis ihrer Spu­ren­su­che ist also die Fest­stel­lung, dass man sei­ner eige­nen Iden­ti­tät und Ver­gan­gen­heit, und somit auch sei­ner kul­tu­rel­len Sozia­li­sie­rung, nicht ent­flie­hen kann.