Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Duisburger Kassiber: Vergessene Zweige

Im Bönin­ger Park in Duis­burg ste­hen turm­ho­he Pla­ta­nen und wer­fen Schat­ten­for­men aufs Gras. Ich bin dort wie­der nur den gepflas­ter­ten Wegen gefolgt, habe die übli­chen Zif­fern und Daten in mei­nem Kopf von vor­ne und hin­ten memo­riert wie ein Aba­kus. Ich hät­te auch nir­gend­wo sein kön­nen. Du hast an mir gezerrt, auf mich ein­ge­re­det: Du darfst nicht nur so durch­lau­fen, du darfst nicht! Du hast bei­na­he geschrie­en. Ich habe dich gehört und ver­sucht, die Augen zu öff­nen. Aber da war nur ein Schwin­del, sich gegen das Him­mels­blau dre­hen­de, ver­äs­teln­de Grün­tö­ne, Schwa­den süß­li­cher Sub­stan­zen von kif­fen­den Kin­dern in den Gebü­schen, die rat­tern­de Stra­ßen­bahn, die einen die Zif­fern und Daten nicht ver­ges­sen lässt. Du hast gesagt, ich sol­le statt­des­sen ver­su­chen, die Augen zu schlie­ßen. Ich habe mich ins vom August­re­gen durch­näss­te Moos gesetzt und dann habe ich die Tau­ben gur­ren hören, sie führ­ten ein Gespräch von Baum zu Baum, lan­ge habe ich nur sie gehört. Dann hör­te ich die hal­len­den Schrit­te der Pas­san­ten in der Stra­ßen­un­ter­füh­rung, die dem Park eine bedroh­li­che Dun­kel­heit ver­leiht, schnel­ler wer­den­de Schrit­te, die unbe­wusst den schwär­zes­ten Punkt des Tun­nels über­sprin­gen, als wäre die Nacht nicht aus­zu­hal­ten. Ich öff­ne­te die Augen und habe dich gese­hen und du hast mit dei­nen Fin­gern auf eine Herbst­ane­mo­ne gedeu­tet, die aus den ver­trock­ne­ten Blu­men­bee­ten im Park wächst. Erst in den wei­te­ren Minu­ten, in denen wir lang­sam durch den Park schlen­der­ten, sind mir die Son­nen­fle­cken auf­ge­fal­len, die sich zwi­schen den Blät­tern abzeich­ne­ten oder dass es am Boden bereits Herbst ist, wäh­rend es in den Kro­nen noch Som­mer tönt oder dass die vom letz­ten Gewit­ter auf der Wie­se ver­ges­se­nen Zwei­ge längst den Spin­nen als Refu­gi­um die­nen. Du hast gesagt, dass wir uns die­ser Din­ge ver­ge­wis­sern müs­sen, sie sind immer da, aber sie sind nicht da, wenn wir uns ihrer nicht ver­ge­wis­sern. Du hast mir gesagt, dass einem das kei­ner sagt: Die wich­tigs­ten Din­ge sind die, die wir vergessen.