Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Early Godard: Ein Kino, das man nicht begehen kann

Anmer­kung: Die­ser Text war zunächst ein Ver­such, über die frü­hen Kurz­fil­me von Jean-Luc Godard zu schrei­ben. Dann habe ich bemerkt, dass zu viel Gewicht auf dem Namen Godard liegt. Gewicht, das ich hier in einer ers­ten Annä­he­rung abbau­en will.

Mit der Geburt der Bil­der von Jean-Luc Godard, der heu­te als jemand gilt, der das Kino eini­ge Male neu-erfun­den hat, war das Kino eigent­lich am Ende ange­langt. Inzwi­schen hat Godard wei­ter­ge­lebt, sei­ne Bil­der haben über­lebt und es ist en vogue über den Mann zu schrei­ben, denn spä­tes­tens mit sei­nem Adieu au Lan­ga­ge 3D hat er letz­tes Jahr dafür gesorgt, dass das Kino von Neu­em endet und beginnt. Wo wür­de man begin­nen? Ein intel­lek­tu­el­ler Schlei­er umhüllt den Mann, der im kol­lek­ti­ven Film­ge­dächt­nis meist mit einer Son­nen­bril­le und eigent­lich immer mit einer Zigarette/​Zigarre exis­tiert, ein film­po­li­ti­sches Epi­zen­trum geht von ihm aus und wur­de mit ihm gegrün­det. Hin­zu kommt, dass über Godard schrei­ben heu­te oft heißt, Lie­be mit sei­ner eige­nen Lie­be zum Kino und sei­nem eige­nen Intel­lekt zu machen (ich wer­de da wie immer kei­ne Aus­nah­me sein). Es ist die­se unwi­der­steh­li­che Ver­bin­dung aus einem immer noch hip­pen Ober­flä­chen­glanz wun­der­vol­ler Far­ben und ewig fri­scher Schnit­te durch und mit den Augen von kichern­den Frau­en mit Son­nen­bril­len, einer Idee von Cool­ness und Form, die uner­reicht blei­ben wird gegen das tie­fe, ambi­va­len­te und radi­ka­le poli­ti­sche Bewusst­sein in Pro­duk­ti­on und Inhalt. Die Explo­si­on einer sub­jek­ti­ven Ver­si­on, die sich auf jeden Mil­li­me­ter Film als indi­vi­du­ell ver­steht und ver­kauft (auch ohne Geld). Es ist der Wech­sel zwi­schen den extrems­ten Polen, die Ent­täu­schun­gen und Befrie­di­gun­gen, die For­de­run­gen und das Spiel mit, für und gegen den Betrach­ter. Godard ist der Fil­me­ma­cher, der das Kino nackt gefilmt hat. Es sind alle Aspek­te des Kinos, die einem ein­fal­len, wenn man an Godard denkt und die ihm ein­fal­len, wenn er an das Kino denkt. Und weil das nicht genug ist, hat er selbst alles und mehr über das Kino gesagt und geschrie­ben. Er hat das Kino ver­wei­gert, er hat es instru­men­ta­li­siert und dann hat er die Welt für das Kino instru­men­ta­li­siert. Godard hat immer gebro­chen, was er geliebt hat und daher muss­te das Kino von Anfang an ster­ben. Das Ster­ben impli­zier­te beim gebür­ti­gen Pari­ser zunächst ein jugend­li­ches Fest der ästhe­ti­schen, film­po­li­ti­schen und pro­duk­ti­ons­tech­ni­schen Ver­än­de­run­gen (bezüg­lich ihrer Reich­wei­te), die zur viel­leicht wich­tigs­ten Mode­er­schei­nung der Film­ge­schich­te reif­te: Der ver­lo­cken­de Rei­gen der Nou­vel­le Vague, die jeden Kino­lieb­ha­ber in irgend­ei­ner Aus­prä­gung frü­her oder spä­ter mit­rei­ßen wird.

Jean-Luc Godard3

Nun spielt das Öster­rei­chi­sche Film­mu­se­um in ihrer Rei­he, die sich bis ins Jahr 2017 fort­set­zen soll, Fil­me aus der ers­ten Schaf­fens­pe­ri­ode des 1930 gebo­re­nen Fil­me­ma­chers. Und dabei kann und darf man sich tat­säch­lich die Fra­ge stel­len, wie viel Freu­de am Kino sich unter die­sem Berg an kine­ma­to­gra­phi­schen, his­to­ri­schen, poli­ti­schen und intel­lek­tu­el­len Hypo­the­ken um den Fil­me­ma­cher noch ver­mit­telt. Godard wohnt in jeder Ciné­ma­t­hè­que die­ser Erde. Er selbst ver­tritt die Auf­fas­sung, dass die Kame­ra uns immer­zu Din­ge zei­gen muss, die wir noch nicht gese­hen haben. Und von dort an müs­se sich das Kino immer fra­gen wie es wei­ter­geht. Ein wenig iro­nisch also, dass der Stil der ers­ten Wel­le im Schaf­fen von Godard zu einer sol­chen Mode, einer sol­chen pop­kul­tu­rel­len Wie­der­ho­lung wur­de, dass die­ses Neu­ar­ti­ge was er damit erschaf­fen hat heu­te auf einen ein­fa­chen Blick nicht mehr neu scheint. Es ist der Look eines bestimm­ten Kino­ge­fühls, einer Wer­be­äs­the­tik, Musicvi­de­os, Comics und so wei­ter. Wäre da nicht die Ton­spur, die man sowie­so kaum grei­fen kann, die mal aus­setzt, mal har­mo­niert, mal in völ­lig ande­ren Sphä­ren ope­riert wie das Bild, die gleich­zei­tig kom­men­tiert und ver­frem­det, humor­voll und tod­ernst, ja was denn noch? Godard ist eine Mar­gi­na­lie und dar­an zeigt sich viel­leicht wie auch das Kino selbst eine Mar­gi­na­lie (gewor­den) ist. Denn außer À bout de souf­flé trau­en sich weni­ge an das Gesamt­werk und wenn dann sowie­so schon eher an jene ers­te Wel­le. Erschre­ckend: „Wie hieß die­ser Fil­me­ma­cher, der zusam­men mit Xavier Dolan in Can­nes aus­ge­zeich­net wurde?“

Godard3

Godard set

Wie viel Kino kannst du in einer Minu­te sehen, wenn du nicht im Kino bist? Ein gan­zes Leben? Nichts? Eine Minu­te? Ich stel­le mir die­se Fra­ge, wenn ich nach Godard fra­ge. Kaum jemand pre­dig­te so sehr die Frei­heit in der Pro­duk­ti­on von Bil­dern, Tönen und Gedan­ken oder das Kri­ti­sche am Prak­ti­schen im Bereich des Kinos. Erstaun­lich, dass er in Éric Roh­mers Pré­sen­ta­ti­on ou Char­lot­te et son steak, der zum Auf­takt der Schau zu sehen war, einen Roh­mer-Cha­rak­ter in Godard zeigt. Nicht mehr und nicht weni­ger. Das bringt einem auch zu die­sem Spiel, die­sem mythi­schen Nebel, der den Fil­me­ma­cher umhüllt: Selbst­dar­stel­lung. Dar­in sind/​waren er und sei­ne Mit­strei­ter aus der Nou­vel­le Vague Gigan­ten. Es ist eben das Kino. Godard wür­de nicht in Can­nes erschei­nen. Er ver­steht sich als Künst­ler jen­seits jeg­li­cher Mecha­nis­men irgend­wel­cher Märk­te. Bedin­gungs­los und frei. Erreicht er damit oder ver­fehlt er eigent­lich alles? In der heu­ti­gen Wahr­neh­mung mag das viel­leicht egal sein, weil man in der Indi­vi­dua­li­tät per se den alles über­ra­gen­den Wert sei­nes Ver­hal­tens fin­den kann, aber eigent­lich soll­ten wir doch alle zu Godard pil­gern, wir soll­ten ihm Fra­gen stel­len und von ihm ler­nen. Zumin­dest von sei­nen Fil­men. So hat er es selbst gemacht mit Ray, Pre­min­ger oder Hitch­cock. Jemand, der Bil­der neben­ein­an­der stellt und die Wahr­heit zwi­schen zwei Bil­dern fin­det, der sich selbst, den Zuse­her und sei­ne Figu­ren in einen Zustand der Über­ra­schung ver­set­zen will. Über­rascht, dass man im Kino ist, auf der Welt und auf der Lein­wand (dort wo es Far­ben und Licht gibt). In man­chen sei­ner Theo­rien klingt er wie André Bazin (Rea­li­tät in jedem Bild), dann mehr wie Jean Epstein (die Dimen­sio­nen des Kinos, mit Kino wird die Welt gedacht), aber immer wie­der auch wie Ser­gei Eisen­stein (Mon­ta­ge, mon amour). Er wol­le Bil­der malen, die wie Musik kon­stru­iert und ver­bun­den wer­den. Das ist das Kino. Er ver­stand sich immer als Maler und ver­glich sei­ne Art zu arbei­ten damit. Wenn man die Far­ben (Le Mépris, Pier­rot le fou) in sei­nen Fil­men betrach­tet, das Licht und den Schat­ten (Alpha­ville), dann ahnt man was er mei­nen könn­te. In sei­nen Histoire(s) du ciné­ma sagt er, dass das Kino mit Édouard Manet beginnt. Es klingt wie Godard. Das Klin­gen nimmt bei ihm sowie­so eine beson­de­re Bedeu­tung ein. Schon in sei­nen ers­ten Kurz­fil­men offen­ba­ren sich trotz rela­tiv kla­rer nar­ra­ti­ver Schich­ten ers­te Brü­che in der Bedeu­tungs­kon­struk­ti­on durch Spra­che. Bei Godard kann ein Wort gar nicht nur eine Bedeu­tung sein, weil ein Wort so viel mehr ist. Es geht ihm um die Mate­ria­li­tät der Spra­che, ihre Arti­ku­la­ti­on, ihre Ambi­va­lenz und Mehr­deu­tig­keit, den Rhyth­mus, den Klang, die Musi­ka­li­tät und zwar immer in Ver­bin­dung zum Bild, zum Kino, zum Mund. Wor­te, die man bei Godard häu­fi­ger hört: Wahr­heit, und dann, danach, Spra­che, Lüge, Kino. Die Kom­bi­na­ti­on ist ent­schei­dend, aber nicht aus­rei­chend. Ein Wort hat auch eine Geschich­te, eine Geschich­te hat Wor­te. Immer­zu geht es um Wech­sel­wir­kun­gen. Die Voll­endung die­ses Den­kens ist, dass Godard sich nicht in sei­nem Irr­sinn begra­ben hat, son­dern Begier­de und Bana­li­tät als Bestand­tei­le des Kinos iden­ti­fi­ziert und bedient hat. Bei ihm gibt es die Nost­al­gie, die Gren­zen zwi­schen Illu­si­on und soge­nann­ter Rea­li­tät, das sexu­el­le Begeh­ren, die Sinn­lich­keit der Stim­me (Une femme mariée), den Blick auf Kör­per und Stars, die Ver­su­chung und die Gewalt. Es macht Spaß, einen Film wie Pier­rot le fou zu sehen, weil dort alles ist, was wir sehen wol­len. Man möch­te in einem Godard-Film leben und daher lebt ein Godard-Film in uns.

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Godard amour

Gefilmt und/​oder gedacht wird das immer mehr als Zwei­fel denn als Sicher­heit, denn das Kino ist ein Zwei­fel bei Godard. Die Sicher­heit liegt dann in der eige­nen Frei­heit, die aller­dings auch in jedem Frame bezwei­felt wird. Sei­ne frü­hen Fil­me bestehen gar nicht immer den Test die­ser Ansät­ze. Sie wir­ken auch und oft wie ein Spiel. Die Fik­tio­na­li­tät des Rea­len, das Rea­le im Fik­tio­na­len, voi­là. Das kann auch gefähr­lich sein. Godard sucht die (poli­ti­sche) Pro­vo­ka­ti­on in sei­nen Schnit­ten, in sei­nen Dar­stel­lun­gen. Wie sein Kol­le­ge Jac­ques Rivet­te hat er ethi­sche Vor­stel­lun­gen und Anfor­de­run­gen an jedes Bild, aber die Unru­he von Godard bringt ihn dazu, die Gren­zen der Dar­stel­lung aus­zu­lo­ten. Damit ist nicht nur Form gemeint son­dern auch Poli­tik, wobei das selbst­ver­ständ­lich Hand in Hand geht. Schnit­te arbei­ten für und gegen die­se Ethik. In Zei­ten, in denen wir mit Jump Cuts und ellip­ti­schen Brü­chen mehr als ver­traut sind, müs­sen sich ins­be­son­de­re die frü­he­ren Wer­ke dem Test unse­rer Zeit stel­len. Die ewi­ge Fri­sche, von der ich ein­gangs geschrie­ben hat­te, hält sich den­noch und ver­mut­lich liegt das auch an der Über­for­de­rung, die vom Schwall an Ideen, Asso­zia­tio­nen und vor allem Bil­dern und Tönen aus­geht. Godard ist nie been­det und immer brü­chig, er ist meist über­for­dernd, weil er sich womög­lich selbst über­for­dert. Man könn­te sich immer­zu fra­gen wie die­ser Mann denkt, und damit wür­de man ein Leben aus­fül­len. Das funk­tio­niert des­halb, weil Godards Den­ken eine eige­ne Spra­che hat in sei­nen Bil­dern. Godard scheint immer einen Schritt aus der Zukunft her­aus zu sehen. Er war schon Post­mo­der­nist, als er noch wie ein Moder­nist arbei­te­te, und man darf gespannt sein wie sei­ne Arbeit von heu­te in 20 Jah­ren gese­hen wird. Dann wenn wir womög­lich bereit sind so zu sehen wie er jetzt. Bei Godard ist die Flüch­tig­keit der eige­nen Jugend immer schon spür­bar. Man den­ke an Mas­cu­lin fémi­nin, die­sen cine­phi­len Rausch in den die für das Medi­um so essen­ti­el­le Ver­gäng­lich­keit einer Zeit, die zu einem Traum wur­de, bereits ein­ge­schrie­ben ist. Ein trau­ri­ger Film, in dem nicht mehr Raoul Cou­t­ards Bil­der spreng­ten, in dem die Rea­li­tät einer Zeit plötz­lich wich­ti­ger scheint als ihre Mode, die nur Teil davon ist.

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Oder ist alles nur ein Spiel, eine Flucht vor Kate­go­ri­sie­run­gen? In dem Moment, wo jemand glaubt in Godard etwas erkannt zu haben, ist er schon wie­der an einem ande­ren Ort. Gera­de des­halb ist es durch­aus scha­de, dass wir nun im Film­mu­se­um in chro­no­lo­gi­schen Blö­cken mit dem Gesamt­werk von Godard kon­fron­tiert wer­den. Es ist bedenk­lich, wenn dort genau jene Gren­ze gesetzt wird, die wie­der eine Unter­schei­dung unter­schied­li­cher Godards trifft statt ganz ent­schie­den jene ästhe­ti­schen und poli­ti­schen Wech­sel als Teil jenes Spiels zu ver­ste­hen, das der ner­vö­se Poet sein gan­zes Leben getrie­ben hat. Ich wür­de mich doch sehr wun­dern, wenn wir etwa zwi­schen Une femme mar­riée, Numé­ro deux und Adieu au lan­ga­ge 3D kei­ne Par­al­le­len fin­den wür­den. Die sonst so star­ke kura­to­ri­sche Posi­ti­on des Film­mu­se­ums ver­liert sich hier womög­lich an einer all­zu offen­sicht­li­chen Lösung. Viel­leicht ist das aber die ein­zi­ge Ret­tung ange­sichts der Über­for­de­rung. Man ver­sucht den Mann zu ord­nen, damit man ihn grei­fen kann. Viel­leicht soll­te man das nicht machen: “I’m the model of the non-model, the per­son who can’t be cate­go­ri­zed. But they cate­go­ri­ze me as non-cate­go­rizable, which is the same thing in the end.”

Kom­pro­miss­lo­se Sub­jek­ti­vi­tät, die das Leben als ein­zi­ges Kino ver­steht und deren Alb­traum ist, dass man vor einem Kino lau­ert und es nicht bege­hen kann. Godard hat dazu eine Instal­la­ti­on gemacht. Über­all lagern sich die Schich­ten einer per­sön­li­chen Gedan­ken- und Gefühls­welt ab, einer Welt­sicht. Godard ver­tritt die Auf­fas­sung, dass das Bild immer vor dem Wort kommt und kom­men muss. Damit meint er nicht nur, dass man sehen muss bevor man dar­über schreibt son­dern auch, dass man sehen muss bevor man ein Dreh­buch schreibt. Sein häu­fi­ger Ein­satz von Bild­zi­ta­ten ist nur der äußers­te Aus­druck die­ser Arbeits­wei­se, denn neben dem Kino und der Kunst sieht Godard auch die Welt. Uns dage­gen bleibt sein Kino, des­sen ers­te Peri­ode wir nun betrach­ten, als wäre sie Geschich­te. Mit wel­cher Inten­ti­on wer­den wir ins Kino gehen? Mit wel­cher Frei­heit? Gehen wir oder ste­hen wir davor?