Milieustudien: Batang West Side von Lav Diaz und Putty Hill von Matthew Porterfield

Manch­mal pro­gram­miert der cine­phi­le Zufall zwei völ­lig unab­hän­gi­ge Scree­nings in kur­zer Abfol­ge, die dann begin­nen, mit­ein­an­der zu spre­chen, als hät­te sie jemand absicht­lich hin­ter­ein­an­der in einen Tag pro­ji­ziert. Ein sol­ches Dop­pel hielt jener spä­te, mil­de Febru­ar­tag bereit, an dem das Öster­rei­chi­sche Film­mu­se­um ihre wun­der­vol­le Eigen­re­stau­rie­rung des ers­ten Mam­mut­films von Lav Diaz, Batang West Side spiel­te und ich zuvor in den pri­va­ten Genuss von Matthew Por­t­er­fields Put­ty Hill gekom­men bin. Zwar bin ich der Mei­nung, dass sich fast zwi­schen allen Fil­men Par­al­le­len auf­zei­gen las­sen wür­den, aber in die­sem Fall waren sie doch äußerst prä­gnant und boten einen Ein­blick in unter­schied­li­che fil­mi­sche Stra­te­gien zur Erfor­schung eines Milieus und zur Ent­ste­hung von kon­tem­pla­ti­ven Stim­mungs­bil­dern zwi­schen sub­jek­ti­ver Wahr­neh­mung und fik­tio­na­len Wendungen.

Batang West Side beginnt als Stim­mungs­bild einer bewe­gungs­kar­gen Trost­lo­sig­keit. Iso­la­ti­on, Ein­sam­keit und das ewi­ge Schwei­gen des kal­ten Schnees, der fast unab­läs­sig vom New Jer­sey-Nacht­him­mel fällt. Lav Diaz betrach­tet zunächst phil­ip­pi­ni­sche Exis­ten­zen an der Ost­küs­te der Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Dort hat sich die Sehn­sucht nach dem ame­ri­ka­ni­schen Traum in die Sehn­sucht nach der ver­lo­re­nen Hei­mat ver­kehrt. Eine Hei­mat, die vie­le der Figu­ren mit und wegen Gewalt hin­ter sich las­sen. Damit ver­lie­ren sie auch ihre Iden­ti­tät. Der Film zeich­net dies sehr deut­lich anhand der Figur, des in einem Todes­fall im Dro­gen­mi­lieu ermit­teln­den Poli­zis­ten, Juan Mija­res, der fast alles änder­te, um sei­ne Ver­gan­gen­heit hin­ter sich zu las­sen: Aus­se­hen, Namen, Lebens­stil. Die West Side Ave­nue ist bevöl­kert von sol­chen Gesichts­lo­sen, Hei­mat­lo­sen bei Diaz, der ange­spro­che­ne Schnee­fall, der New York in einen Win­ter­schlaf hüllt, hat etwas medi­ta­ti­ves, betö­ren­des, aber in ihm erzählt sich auch eine Käl­te und eine Dif­fe­renz zwi­schen den USA und Süd­ost­asi­en. Das Volk ist in einem Win­ter gelan­det, der so sehr für die Ent­fer­nung zur Hei­mat steht wie sonst viel­leicht nur die Spra­che, die Diaz oszil­lie­rend zwi­schen Eng­lisch und Tag­a­log bedient und durch die er Wun­den zwi­schen den Figu­ren und auch inner­halb der Figu­ren eta­bliert, die kaum schließ­bar sind. Wie so oft wird Hei­mat durch jene fühl­bar, die sie ver­lo­ren haben bezie­hungs­wei­se durch jene, die wan­dern. Das nach­denk­li­che Nichts, das sich vor allem in den vie­len Stra­ßen­sze­nen des Films fin­det, erin­nert in Stim­mung und auch im Framing der ein­sa­men Stadt­land­schaft New Jer­seys an News from Home von Chan­tal Aker­man. Statt Brief­wech­sel mit der Hei­mat und Ver­gan­gen­heit gibt es bei Diaz Träu­me und Psy­cho­lo­gie. Ver­drän­gung scheint gar nicht erst mög­lich in die­sem Milieu. Und so scheint es nur kon­se­quent, dass eine hyp­no­ti­sche Musik mit phil­ip­pi­ni­schen Klän­gen die Bil­der heim­sucht. Sehr sub­til und sel­ten, aber sie hallt wie ein Echo durch den gefro­re­nen Schnee auf dem nächt­li­chen Asphalt.

Batang West Side2

Ähn­lich trost­los trägt sich auch Put­ty Hill durch Bal­ti­more. Wie in Batang West Side geht es um das Able­ben eines jun­gen Man­nes im Dro­gen­mi­lieu. Dort wo Diaz eine ent­schleu­nig­te Thril­ler­hand­lung als Vor­wand für sei­ne Milieu­stu­die ein­setzt, bedient sich Por­t­er­field der Ästhe­tik des doku­men­ta­ri­schen Film­schaf­fens. Es wäre aller­dings zu ein­fach, wenn man behaup­tet, dass Por­t­er­field so tut als wäre er eine Doku­men­ta­ti­on, obwohl er eine Fik­ti­on ist und Diaz so tut als wäre er eine Fik­ti­on, obwohl er eine Doku­men­ta­ti­on ist. Viel­mehr – und das gilt sowie­so für jeden wert­vol­len Film in gewis­ser Hin­sicht – sind die fik­tio­na­len sowie die doku­men­ta­ri­schen Ele­men­te hier Mit­tel um zu einer Wahr­heit zu gelan­gen. Die­se Wahr­heit hängt bei Diaz deut­lich mehr an phi­lo­so­phisch-poli­ti­schen Fra­gen nach einer phil­ip­pi­ni­schen Iden­ti­tät und Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung als bei Por­t­er­field, der sich mehr auf eine Gesell­schafts- oder Gene­ra­ti­ons­stu­die der Gegen­wart besinnt. Bei­de Fil­me­ma­cher jedoch stu­die­ren ein Milieu in ihren Wer­ken, indem jun­ge Men­schen oft ori­en­tie­rungs­los drif­ten und sich zwi­schen hoff­nungs­lo­sen und hoff­nungs­vol­len Ansät­zen ver­lie­ren. Put­ty Hill ist ein durch und durch ver­lo­re­ner Film. In sehr kla­ren Bil­dern folgt man ver­schie­de­nen Per­so­nen in den Stun­den vor der Beer­di­gung des 24-jäh­ri­gen Cory, der an einer Über­do­sis Koka­in gestor­ben ist. Zwi­schen Paint­ball­spie­len, Tatoo­stu­di­os, unge­pfleg­ten Rasen neben des­in­ter­es­siert in der Land­schaft ste­hen­den Häu­sern und Hin­ter­hö­fen ent­steht auch hier das Stim­mungs­bild einer geo­gra­fi­schen Zone, die sich tat­säch­lich – und das scheint mir das zu sein, was die­se bei­den Fil­me so rele­vant für ihr Medi­um macht – über ihre Stim­mung und damit auch die inti­me Wahr­neh­mung der Fil­me­ma­cher defi­niert. Put­ty Hill ist ein Film vol­ler klei­ner Inseln (der Jugend), indem das Trau­ma nicht wie bei Diaz aus nar­ra­ti­ven Ver­wei­sen ent­steht, son­dern tat­säch­lich auf den Gesich­tern der Figu­ren. Im Umgang mit dem Tod liegt eine unschul­di­ge Unbe­hol­fen­heit, die der­art ver­schwimmt mit dem All­tag und dem „Wei­ter­le­ben“, dass man sich beginnt zu fra­gen, wo ein Raum für Emo­tio­nen sein soll und sein darf.

Putty Hill Porterfield

In Batang West Side zer­split­tert sich unse­re Wahr­neh­mung der Zeit nicht nur auf­grund der schie­ren Lauf­zeit (302 Minu­ten) des Films, son­dern auch auf­grund der unter­schied­li­chen Zeit­ebe­nen auf denen Diaz sei­ne eigent­lich sehr kohä­ren­ten Geschich­ten erzählt. Im Stil eines Noirs gibt es Flash­backs, aber Diaz ist auch Traum­lo­gi­ken und sur­rea­lis­ti­schen Ver­wei­sen nicht abge­neigt. Das Frag­men­ta­ri­sche bei Por­t­er­field dage­gen ist ganz wie in Pine Ridge von Anna Eborn etwas Nicht-Erzähl­tes, Unfer­ti­ges, Spon­ta­nes. Der gan­ze Film gleicht mehr einem Ein­druck, der kei­ne linea­ren Nach­er­zäh­lun­gen zulässt, son­dern von Anfang an auf eine Erkun­dung aus­ge­legt ist. Ein unsicht­ba­rer Doku­men­tar­fil­mer beob­ach­tet die Men­schen und stellt ihnen unauf­dring­li­che Fra­gen. Durch ihn kommt auch jene Fra­ge der sub­jek­ti­ven Kame­ra in den Film, die auch bei Diaz eine ent­schei­den­de Rol­le spielt. Über sie stellt sich näm­lich auch die Fra­ge nach der Wahr­heit. Der Doku­men­tar­fil­mer in Put­ty Hill ist die Kame­ra selbst und eine unsicht­ba­re Stim­me. Sie zeich­net sich durch Unauf­dring­lich­keit aus und einen respekt­vol­len Abstand, der zugleich eine Nähe erzählt, da jede Öff­nung, jeder Blick mit einer inne­ren Reak­ti­on ver­wech­selt wer­den kann statt mit einem Spiel. Die Kame­ra wird von den gelang­weil­ten, rat­lo­sen oder ver­zwei­fel­ten Per­so­nen adres­siert oder igno­riert, sie wird zu einem Teil die­ser Welt, einem Stil­mit­tel, um Wahr­heit zu behaup­ten und sie womög­lich auch zu finden.

Die sub­jek­ti­ve Kame­ra in Batang West Side dage­gen eine Ana­lo­gie zwi­schen der Ermitt­lungs­ar­beit eines Poli­zis­ten und der Suche nach Wahr­heit eines Fil­me­ma­chers. Sie wird sowohl als Point-of-View der doku­men­ta­ri­schen Kame­ra als auch dem Blick des Poli­zis­ten ein­ge­setzt. Häu­fig schwenkt oder bewegt sich die Kame­ra tat­säch­lich suchend durch ver­las­se­ne Räu­me oder lee­re Stra­ßen, wir fol­gen Bli­cken und bli­cken selbst und immer wie­der über­la­gern sich die sub­jek­ti­ven Bli­cke des Ermitt­lers mit jenen eines Doku­men­tar­fil­mers, der durch die nächt­li­chen Stra­ßen streift, fast gleich einem Night­craw­ler, mit den ethi­schen Fra­gen von Wahr­heit und Lüge. Das Kino ist hier ein Blick, dem man sehen will, um glau­ben zu kön­nen, dem man glau­ben muss, um sehen zu kön­nen. Der Fil­me­ma­cher als Ermitt­ler eines Milieus und einer Wahr­heit die­ses Milieus. Löst sich die­se Suche bei Por­t­er­field in jener unkla­ren Rät­sel­haf­tig­keit auf, in der sie begon­nen hat, so bleibt uns bei Diaz die Scho­nungs­lo­sig­keit einer Wahr­heit, die jede Trost­lo­sig­keit ver­drängt, indem sie die­se ver­stärkt. Bei­de Fil­me fra­gen also nicht nur was wir dort sehen, son­dern auch wie wir es sehen. Dabei genügt in bei­den Fil­men kein Rea­lis­mus. Viel­mehr sind die­se Milieu­stu­di­en durch­drun­gen von Erin­ne­run­gen, Geis­tern, Ängs­ten und Träu­men. Doch die­se Ele­men­te wer­den in den Fil­men als Teil einer Rea­li­tät ver­stan­den, als fla­ckern­des Licht in einem ver­las­se­nen Haus oder als nach­er­zähl­ter Traum. Durch die Eta­blie­rung einer Ver­un­si­che­rung gegen­über der Nar­ra­ti­on ent­wi­ckeln die bei­den Fil­me­ma­cher eine Brü­chig­keit und Ver­letz­lich­keit, die sich auch auf ihre Prot­ago­nis­ten auswirkt.

Lav Diaz Batang

Dabei scheu­en bei­de Künst­ler nicht davor zurück, die Albern­heit einer bemüh­ten Cool­ness im Klein­gangs­ter­mi­lieu bezie­hungs­wei­se die unschul­di­ge Selbst­recht­fer­ti­gung einer Anders­ar­tig­keit ihrer jugend­li­chen und auch erwach­se­nen Figu­ren ohne Urteil zu zei­gen. Damit lau­fen die Fil­me natür­lich Gefahr beim einen oder ande­ren Zuse­her selbst als bemüht cool oder naiv anders ange­se­hen zu wer­den, aber in die­sem Fall ist die Suche nach einer Wahr­heit, ganz wie in Hou Hsiao-Hsi­ens Good­bye South Good­bye, eben mit dem urteils­frei­en, for­mal sym­pa­thi­sie­ren­den Zei­gen die­ser Ver­hal­tens­wei­sen gleich­zu­set­zen. Statt ihre eige­ne Posi­ti­on zu den Aus­sa­gen und Hand­lun­gen der Figu­ren zu beto­nen, wer­den die­se ein­fach in einem fest­ge­leg­ten Rah­men als sol­che akzep­tiert und Urtei­le oder Sym­pa­thien wer­den dem Zuse­her über­las­sen. Den­noch ist es Diaz, der sich zu deut­lich vehe­men­te­ren State­ments hin­rei­ßen lässt und ins­be­son­de­re in der Figur eines dro­gen­dea­len­den Karaok­e­club­be­sit­zers durch Über­zeich­nung doch ziem­lich kla­re poli­ti­sche Ideen in sei­ne Figu­ren legt. Bei Por­t­er­field gibt es nur die Idee einer Per­spek­tiv­lo­sig­keit, die sich nicht wirk­lich äußert son­dern, die nur so dahin­treibt, in einem Swim­ming­pool oder bei einer Ziga­ret­te. Aber auch in Put­ty Hill gibt es Ausbrüche,solche die Por­t­er­field in einen Rhyth­mus ein­glie­dert (ganz ähn­lich wie in sei­nem I Used to Be Dar­ker); es wirkt immer ein wenig so als wür­de ein Hea­vy­Me­tal-Artist ein Unplug­ged-Kon­zert mit Bal­la­den geben…es könn­te jeder­zeit aus ihm bre­chen. Für man­chen mag die­se Zurück­hal­tung und die­ses vor­sich­ti­ge Spiel mit emo­tio­na­len Aus­brü­chen etwas ange­strengt wir­ken, ich sehe dar­in eine kine­ma­to­gra­phi­sche Struk­tu­rie­rung des All­täg­li­chen, des Unnüt­zen und eine Reduk­ti­on einer Gefühls­welt, die für weit mehr steht als fil­mi­sches Selbst­ge­fal­len son­dern viel­mehr die Unfä­hig­kei­ten und Fähig­kei­ten Gefüh­le zu spü­ren und mit dem Leben umzu­ge­hen. Dabei gelingt es Put­ty Hill gar die Ver­lo­ren­heit und Unent­schlos­sen­heit sei­ner Figu­ren zu einem for­ma­len Prin­zip des Films zu machen, der genau­so zwi­schen den Wel­ten fließt, unent­schlos­sen und per­spek­tiv­los, aber dabei eben etwas Ech­tes findet.

Putty Hill Porterfield

In bei­den Milieus, Bal­ti­more und New Jer­sey spielt Raum eine essen­ti­el­le Rol­le. Diaz und Por­t­er­field fil­men ihre Prot­ago­nis­ten gegen die Hin­ter­grün­de einer Welt, die nicht als Set dient son­dern als eigen­stän­di­ger Cha­rak­ter. In häu­fi­gen Tota­len nimmt der Bild­hin­ter­grund eine wich­ti­ge Rol­le ein. Die Wohn­blocks, der Him­mel, das Licht, die vor­bei­don­nern­de Auto­bahn hier, die ver­las­se­nen Bahn­hö­fe dort. All das erzählt von die­ser Iso­la­ti­on oder anders: All das ist die Iso­la­ti­on, die auch des­halb so stark ist, weil sie ein­fach ist. Bei Diaz wird zwar durch­aus mit nar­ra­ti­ven Ver­wei­sen (sei­en es Zeu­gen, die durch die beleuch­te­ten Fens­ter bli­cken oder betont erzähl­te Lebens­ver­hält­nis­se) gear­bei­tet, die­se ver­lau­fen sich aller­dings mit der Zeit (sie exis­tie­ren in der Zeit), sodass man schlicht sieht wie man dort lebt und so direk­te und indi­rek­te Schlüs­se vom Milieu auf die Figu­ren gezo­gen wer­den kön­nen. Die bei­den Fil­me zei­gen, dass eine Milieu­stu­die im Film weder eine Fra­ge des Gen­res noch der Form ist, son­dern viel­mehr eine Fra­ge des Bli­ckens und des Zuhö­rens. Bei­de Fil­me­ma­cher arbei­ten mit aus dem Milieu stam­men­den Dar­stel­lern, sie ach­ten auf Spra­che, Aus­se­hen und eine Stim­mung, die eben auch immer mit einer sub­jek­ti­ven Wahr­neh­mung zusam­men­hängt. Man könn­te Batang West Side und Put­ty Hill auch als Stu­di­en einer Lebens­er­fah­rung in bestimm­ten sozia­len und geo­gra­fi­schen Umge­bun­gen ver­ste­hen. Der Raum für die Emo­tio­nen ergibt sich aus dem Ver­hält­nis von den­je­ni­gen, die sehen, zu dem was sie sehen. Hier begin­nen sich dann Erin­ne­run­gen, Rea­li­tä­ten und Vor­stel­lun­gen zu über­la­gern und die ver­schwun­de­nen Män­ner, begin­nen deut­lich mehr Ver­schwun­de­nes in unse­re Wahr­neh­mung zu spü­len. Ihr Ver­schwin­den ist eines, das auf sozia­le und poli­ti­sche Miss­stän­de auf­merk­sam macht, auf Kom­mun­ka­ti­ons­de­fi­zi­te und auf das Feh­len einer Identität.