Endlose Weite der Territorien: Die Ordnung der Träume von Johannes Gierlinger

Ich habe ein wenig gewar­tet mit die­sem Text. Das liegt dar­an, dass ich Johan­nes Gier­lin­ger ken­ne und wir uns über Fil­me aus­tau­schen. Mein Name steht auch im Abspann sei­nes Films. Den­noch liegt es mir am Her­zen, dar­über zu schrei­ben, weil Die Ord­nung der Träu­me einer der weni­gen Arbei­ten des bis­he­ri­gen Kino­jah­res ist, die zugleich das Gefühl einer Exis­tenz in unse­rer Zeit ver­mit­telt, als auch einen Wider­stand gegen die­ses Gefühl zu for­mu­lie­ren ver­sucht. Das Bemü­hen um Objek­ti­vi­tät gegen­über dem Film kann ich mei­ner­seits dabei nur versichern.

Wie sehr die schein­ba­re Abwe­sen­heit, der für den Film so wich­ti­gen Städ­te an Italo Cal­vi­no ange­lehnt ist, wie sehr man­che Bild­kom­po­si­ti­on oder For­mu­lie­rung an Chris Mar­ker erin­nert, wie sehr die ewi­ge Rei­se eine des Intel­lekts ist oder eine des Kör­pers, inter­es­siert Die Ord­nung der Träu­me nicht. Denn die­se Fra­gen und asso­zia­ti­ven Leer­stel­len einer mög­li­chen Kri­tik ver­si­ckern hin zu einem gemein­sa­men Traum des Bil­der­ma­chen­den und der Zuse­hen­den. Ein Traum, der bestän­dig end­los scheint, nie wirk­lich, immer angriffs­lus­tig. Der Film han­gelt sich ent­lang asso­zia­ti­ver Bil­der­strö­me, bedroh­li­cher Musik, plötz­li­chem Humor und theo­re­ti­schen Gesprä­chen in zwei Frau-Mann-Kon­stel­la­tio­nen und hin zu einem „zu viel“, in dem man nichts mehr wirk­lich grei­fen kann, ein Fle­cken­tep­pich an Ein­drü­cken. Immer wie­der zeigt der Film Hän­de in Nah­auf­nah­me. Sie tas­ten bestän­dig, ver­su­chen Din­ge zu bau­en oder festzuhalten.

Die Ordnung der Träume

Es ist ein schein­ba­res Fla­nie­ren auf der Suche nach Ord­nung zwi­schen Städ­ten, die nicht wirk­lich erzählt wer­den. Man spürt, dass die Kame­ra Bil­der aus Wien ein­fängt, aus Indi­en, aber auch von ande­ren Orten. Dazu eine Erzähl­stim­me, die in Gedan­ken­strö­men das beglei­tet, was wir sehen. Die Greif­bar­keit die­ser Orte und Bil­der ist kein Kri­te­ri­um, ganz im Gegen­teil ist es ihr Ver­schwin­den hin­ter einem Erfah­rungs­wir­bel, der den Fil­me­ma­cher inter­es­siert. Statt eines Traums von der Ord­nung ent­fal­tet sich ein Durch­ein­an­der der Ima­gi­na­ti­on und dazwi­schen die Ansät­ze in die­sem Cha­os die Über­sicht zu wah­ren. Am deut­lichs­ten zeigt sich die Unmög­lich­keit die­ses Unter­fan­gens, wenn der Film ein Kapi­tel in sei­ner sowie­so nie halt­ba­ren Kapi­tel­struk­tur über­springt. Nicht das, was in die­sem Kapi­tel hät­te pas­sie­ren kön­nen, ist ent­schei­dend, son­dern die Tat­sa­che, dass man Kapi­tel über­sprin­gen kann. Wie soll ein Film eine phy­si­sche Rea­li­tät wie­der­ge­ben in einer Welt, in der Codes zwi­schen Bli­cken regie­ren? Wie soll sie sich an etwas fest­hal­ten, wenn alles immer­zu wei­ter fließt? Was es in Die Ord­nung der Träu­me sicher nicht gibt, ist Ordnung.

Zu die­sem Trei­ben gesellt sich das Gefühl, dass alles was man hört, ein Zitat von etwas ande­rem ist, alles was man sieht, ist nur ein Begeh­ren, jede Ges­te ver­weist immer aus sich her­aus. So erzählt ein Prot­ago­nist an einer Stel­le will­kür­lich Anek­do­ten aus dem Leben berühm­ter Schrift­stel­ler. Hono­ré de Bal­zac habe 50 Tas­sen Kaf­fee getrun­ken, als er geschrie­ben hat. Hier und da wirkt der Text so, als gäbe es ihn nur wegen der Bil­der. Dar­in könn­te man leicht ein Pro­blem erken­nen, aber ist das ein Pro­blem die­ses Films oder der Welt, die er zeigt? Man darf kei­nen Feh­ler machen, so sehr sich der Film in poli­ti­schen State­ments ergreift, so sehr eta­bliert er auch ein Prin­zip der Ver­füh­rung. Nicht die brecht­sche Ver­frem­dung, son­dern die Nah­auf­nah­me von Augen regiert die­ses Kino, das uns immer wie­der sagt: Komm zu mir, lass dich fal­len. So fol­gen wir einer der Prot­ago­nis­tin­nen in einem Traum in einer stum­men Zeit­lu­pe in schwarz und weiß in den Wald oder las­sen uns mit asso­zia­ti­ven Sprün­gen von Bild zu Bild gelei­ten. Die Sinn­lich­keit ist in sich schon ein Wider­stand. Aber wohin fällt man? In den Dis­kurs des Unbe­rühr­ba­ren und in ein immer wei­ter suchen­des Argu­men­tie­ren, das in der Suche selbst zum Mate­ri­al wer­den will. Am Anfang und am Ende des Films steht ein Radio. Ein Medi­um, mit dem nach Ver­bin­dun­gen gesucht wird. Kurz vor dem Ende sieht man ein Film­team bei Dreh­ar­bei­ten. Viel­leicht ist das Kino die Maschi­ne, die Ord­nung in unse­re Träu­me bringt? Viel­leicht muss man wei­ter­su­chen. Was man sieht, ist die Unwirklichkeit.

Die Ordnung der Träume

Aber in die­ser Unwirk­lich­keit fin­det sich eine Gegen­be­we­gung zur vom Film evo­zier­ten und the­ma­ti­sier­ten Trance. Viel­leicht ist es kei­ne Gegen­be­we­gung, son­dern ein ande­rer Aspekt in der glei­chen Rich­tung. Denn die Bil­der wir­ken wie aus einer ande­ren Zeit. Nicht nur, weil Gier­lin­ger auf Film dreht, was natür­lich eine enor­me Ant­wort auf die (digi­ta­le) Ober­fläch­lich­keit die­ses Frag­men­ten­rauschs ist, son­dern auch, weil er Bil­der zeigt, die es so nur in einer ande­ren Welt geben kann, einer Welt, die sich wehrt: Men­schen, die auf der Stra­ße pro­tes­tie­ren (rote Fah­nen), Gesprä­che in Kaf­fee­häu­sern, Bücher, ein Kla­vier, ein ruhi­ger Moment an einen Baum gelehnt im Ein­klang mit dem Son­nen­licht. Dazu die Klei­dung der Figu­ren, die man eher vor 50 Jah­ren in Frank­reich erwar­ten wür­de. Selbst die Bild­spra­che passt sich die­ser Metho­dik an, etwa durch die häu­fi­ge­ren Ran­sprün­ge und eine gro­ße Vor­lie­be für das Pro­fil der Figu­ren. Inhalt­lich geht es etwa um das Schrei­ben von Brie­fen. Es ist das Ana­lo­ge, das hier erträumt wird. Dabei umgeht Gier­lin­ger die Nost­al­gie­fal­le, in dem er alles in einer unwirk­li­chen Dring­lich­keit zeigt. Das­sel­be gilt für die theo­re­ti­schen Gedan­ken, die zwar for­mu­liert wer­den, aber von der Prä­senz und den Zwei­feln im Bild auf­ge­fan­gen wer­den, sodass man den Film erle­ben kann und nicht erdenken muss. Nir­gends eine Spur von der Welt, in der wir leben. Es ist als wür­de Die Ord­nung der Träu­me die Erfah­rung einer Welt for­mu­lie­ren gegen die er sich wen­det. Damit ist er auch Aus­druck des­sen, was wir heu­te not­ge­drun­gen bereits als revo­lu­tio­nä­re Ges­te wahr­neh­men müs­sen: Das Nut­zen ana­lo­ger Mög­lich­kei­ten und das Träu­men. Als könn­te man nur bli­cken, wenn man schon strauchelt.

Aber was ist die­ser Blick? Die­se Fra­ge steht wohl im Kern die­ser unor­dent­li­chen Träu­me. Gier­lin­gers Blick streift umher, fin­det immer schon den nächs­ten Blick im ver­gan­ge­nen und vor allem den ver­gan­ge­nen im nächs­ten Blick. Auch wenn der Film mit dem Motiv des Fla­neurs spielt, geht es mehr um die Suche. Es ist nur die Viel­falt und Viel­deu­tig­keit der Ant­wor­ten, die den Ein­druck ver­mit­teln, dass gar nicht gefragt wird. Der Film fragt trotz­dem und das muss man ihm hoch anrech­nen. Er träumt eben.