Land of the Dead: The Horror of Film: Toby Dammit und Cuedecuc, Vampir

Kaum habe ich nach dem Scree­ning von “Car­rie” von Bri­an De Pal­ma und “Suspi­ria” von Dario Argen­to im Rah­men der Land of the Dead-Schau im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um mei­ne Schwie­rig­kei­ten mit der fil­mi­schen Mani­pu­la­ti­on geäu­ßert, schon sehe ich mit „Toby Dam­mit“ von Feder­i­co Felli­ni und „Cua­d­e­cuc, Vam­pir“ von Pere Por­ta­bel­la zwei Fil­me, die genau die­se Mani­pu­la­ti­on the­ma­ti­sie­ren und in den wah­ren Hor­ror der Fil­me dre­hen. In die­ser äußerst span­nen­den Pro­gram­mie­rung taten sich neue Aspek­te des Gen­res auf, die sich mit der Kon­struk­ti­on von Hor­ror und dem (poli­ti­schen) Hor­ror, der dahin­ter lau­ert, beschäf­ti­gen und zudem auch Fra­gen an Rhyth­mus und Ton im Gen­re stel­len. Schließ­lich ver­un­si­chern die bei­den Fil­me ihre Zuse­her mit ihren Bli­cken hin­ter die Kulis­sen und fin­den so den Hor­ror der Kon­struk­ti­on. Ganz bei­läu­fig ent­deckt man so noch ein fast ver­ges­se­nes Fellini-Glanzstück.

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„Toby Dam­mit“, ist im Rah­men des Omni­bus­pro­jekts „His­toires Extra­or­di­naires“ mit drei Edgar Allan Poe-Ver­fil­mun­gen ent­stan­den. Die ande­ren bei­den Seg­men­te, die uns nicht gezeigt wur­den, stam­men von Lou­is Mal­le und Roger Vadim. Auch Felli­nis Epi­so­de „Toby Dam­mit“ ist eine sol­che Poe-Ver­fil­mung, selbst wenn sich der ita­lie­ni­sche Meis­ter nur in Ansät­zen an der Vor­la­ge „Never Bet the Devil Your Head“ bedient son­dern eher ein freie Reflek­ti­on über den eige­nen Motiv­kom­plex (Traum­wel­ten, exis­ten­tia­lis­tisch-kri­seln­de Män­ner, in die Kame­ra bli­cken­de Frau­en manch­mal mit rie­si­gen Hüten, extra­va­gan­te Fahr­ten, High Socie­ty Bla­bla, Papa­raz­zi, sati­ri­sche Non­cha­lance, Rom bei Nacht, Nino Rota und eini­ges mehr) mit der maka­be­ren Mys­tik von Poe kreuzt. Der bri­ti­sche Shake­speare-Film­star Toby Dam­mit (Ter­rence Stamp) reist zu einer Preis­ver­lei­hung nach Rom. Dort tau­melt er durch die Höl­le der gefälsch­ten Ober­flä­chen von Film und Fern­se­hen. Er bewegt sich wie ein Vam­pir, sieht auch so aus und hat Visio­nen von einem klei­nen blon­den Mäd­chen, das er in einem Inter­view als den Teu­fel bezeich­net. Der Film ent­wi­ckelt sich zu einem Hor­ror­trip. Mit einem roh­ren­den Fer­ra­ri jagt der nahe am Zusam­men­bruch ste­hen­de Mann nach einem Aus­ras­ter auf der Preis­ver­lei­hung durch den nächt­li­chen Nebel und ver­liert sich völ­lig. Dann sieht er wie­der das blon­de Mädchen…Das alles funk­tio­niert ganz außer­or­dent­lich gut. „Toby Dam­mit“ ist ein fast ver­ges­se­ner Schatz, ein groß­ar­ti­ger Film, der sich wun­der­bar als Brü­cke zwi­schen der Hoch­pha­se von Felli­ni mit Fil­men wie „La Dol­ce Vita“, „8 ½“ oder „Giu­li­et­ta degli spi­ri­ti“ und der künst­le­ri­schen Umar­mung des Arti­fi­zi­el­len in Fil­men wie „Saty­ricon“ oder „Roma“ ver­ste­hen lässt. Hier ist ein Prot­ago­nist, der deut­lich akti­ver ist als die Mar­cel­lo-Exis­ten­tia­lis­ten bei Felli­ni. Sei­ne Akti­vi­tät ist zwar von Sur­rea­lis­mus und Todes­trieb bestimmt, aber sie macht am Ende des Films nicht genau dort wei­ter, wo sie ange­fan­gen hat, es gibt nicht das selbst­be­mit­lei­den­de Schul­ter­zu­cken von Mastroi­an­ni, son­der die Flucht in die tota­le Fata­li­tät. Fol­ge­rich­tig schraubt Felli­ni sein sowie­so schon hohes Tem­po in Kame­ra­be­we­gung und Schnitt noch­mal nach oben. „Toby Dam­mit“ mar­kiert auch die ers­te Kol­la­bo­ra­ti­on von Felli­ni mit Kame­ra­mann Giu­sep­pe Rotun­no, der mensch­li­chen und gesell­schaft­li­chen Ver­fall wie kaum ein zwei­ter in Schön­heit por­trai­tie­ren kann. (Man den­ke an sei­ne Bil­der in „Il Gat­to­par­do“ von Luch­i­no Vis­con­ti unter ande­rem). Hier wird Rom von der ers­ten Sekun­de als Höl­le gezeich­net. Ein oran­ge­ner Dunst hängt über dem Flug­ha­fen, unheim­li­che Gestal­ten über­all, manch­mal sind es auf­ge­mal­te Figu­ren, manch­mal ech­te Men­schen, manch­mal Attrap­pen, ich bin mir nie sicher, die Kame­ra pas­siert sie in einem schwin­del­erre­gen­den Schön­heits­rausch, der über­wäl­ti­gend unheim­lich wirkt. In einer rie­si­gen Sum­mie­rung von POV-Schüs­sen aus dem rasen­den Fer­ra­ri ent­steht eine hyp­no­tisch-hys­te­ri­sche Suche in der Dun­kel­heit über ver­las­se­ne ita­lie­ni­sche Land­stra­ßen, die einen völ­lig gefan­gen nimmt. Es ent­steht ein Gefühl für Rhyth­mus, der einen in eine Hor­ror-Trance ver­setzt. Wie wich­tig Rhyth­mus und Trance für das Gen­re sind, zeigt sich dann vor allem in Ver­bin­dung zu „Cua­d­e­cuc, Vam­pir“ von Pere Portabella.

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Die­ser ist zugleich ein eigen­stän­di­ger Film des Hor­rors als eine Doku­men­ta­ti­on des Drehs zu Jésus Fran­cos „Count Dra­cu­la“ mit Chris­to­pher Lee. Dabei folgt der Film mit einer defor­mier­ten Tscher­kass­ky-Roman­tik dem Dreh und der Geschich­te um den Fürs­ten der Dun­kel­heit. In grenz­wer­tig hohen Schwarz/​Weiß Kon­tras­ten ent­steht ein Rau­schen der Bil­der und eines Noi­se-Trance Sound­tracks (Elek­tro, Oper, Häm­mer, eine Bohr­ma­schi­ne???), der sich immer wie­der in einer betu­li­chen Melo­die ent­blößt bis auch die­se in ihre Ein­zel­stü­cke zer­setzt wird. Dabei wird bis zum Ende kein Wort gespro­chen. Es ist ein Stim­mungs­bild eines Film­drehs, das wie eine Erin­ne­rung an Ein­drü­cke von der Ent­ste­hung eines Films in uns über­lebt. Hier ver­mi­schen sich Film und Nicht-Film zu einer fast unun­ter­scheid­ba­ren Poe­sie des Hor­rors. Es ist als wür­de Miguel Gomes einen Hor­ror­film drehen.

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Die Bewe­gun­gen der Kame­ra und die Bewe­gun­gen vor der Kame­ra fol­gen dabei dra­ma­tur­gi­schen Prin­zi­pi­en des Hor­rors. Sie wer­den lang­sam schnel­ler, es gibt einen Schock­mo­ment, dann atmet man wie­der durch. Ein­zig eine inhalt­li­che Ver­or­tung fehlt. Die­se braucht man sich auch auf kei­nen Fall her­stel­len, denn „Cua­d­e­cuc, Vam­pir“ funk­tio­niert nach einer inne­ren Logik über sei­nen Rhyth­mus. In bei­den Fil­men des Abends ent­steht eine Trance, die man als Tanz mit dem Teu­fel bezeich­nen kann. Im Gegen­satz zu Argen­to ver­zich­ten Felli­ni und Por­ta­bel­la dar­auf ihre rhyth­mi­schen Hor­ror­be­we­gun­gen mit plat­ten Dia­lo­gen und alber­nen Momen­ten in das Reich des Trash zu über­füh­ren son­dern bewe­gen sich ent­lang der Essenz des Gen­res. In einer Sequenz ent­steht eine Erwar­tung an eine Katastrophe/​einen Schock allei­ne durch den lau­ter wer­den­den Ton. Es ist natür­lich kein Geheim­nis, dass Ton eine der wich­tigs­ten Rol­len für das Hor­ror­gen­re spielt, aber es ist äußerst inter­es­sant, die­ses Gefühl so nackt zu erleben.

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Und der Film wird zum Hor­ror. So sind es bei Felli­ni die grell leuch­ten­den Foto­ap­pa­ra­te, die ober­fläch­li­chen Frat­zen der Film­pro­du­zen­ten, das gelang­weil­te Nichts aus den weib­li­chen Dar­stel­lern und der geheu­chel­te Applaus einer Bran­che am deka­den­ten Abgrund wäh­rend es bei Por­ta­bel­la das Schuss-Gegen­schuss Prin­zip von erschro­cke­nen Gesich­tern und der lang­sa­men Bewe­gung eines Dol­lys um eine Ecke sind oder Hän­de, die aus dem Off mit Kunst­blut auf Gesich­ter sprit­zen. Merkt man bei Felli­ni eine Bit­ter­keit über die grau­sa­men Absur­di­tä­ten der fal­schen Men­schen so sucht Por­ta­bel­la immer wie­der die wah­ren Momen­te die­ser kon­stru­ier­ten Figu­ren und schnei­det sie unbe­merkt zwi­schen sei­ne Bil­der des die­ge­ti­schen Gesche­hens: Ein kur­zer Ekel über die Flüs­sig­keit nach dem Take, ein plötz­li­ches Lächeln in die Kame­ra. Dabei mani­pu­liert „Cua­d­e­cuc, Vam­pir“ auf sei­ne ganz eige­ne Wei­se, denn er spielt bis zum Anschlag mit den Mög­lich­kei­ten der Mon­ta­ge. Gesich­ter und Aus­drü­cke wer­den gegen­ein­an­der geschnit­ten und erzeu­gen eine Angst, die nur vor dem Film selbst ent­steht. So wird für eini­ge Sekun­den die Vor­rich­tung gezeigt, auf der sich die Fle­der­maus­at­trap­pe vor und aus dem Fens­ter bewegt. Dies lässt uns zwar die Kon­struk­ti­on durch­schau­en, aber Por­ta­bel­la schnei­det die Bil­der so in sei­nen Film, dass der Hor­ror ein­fach wei­ter­geht. Die Mas­ke des Hor­rors fällt und bleibt gera­de des­halb und wer will kann dabei vor allem bei Por­ta­bel­la eine anti-faschis­ti­sche Alle­go­rie sehen. Denn wer in Dra­cu­la die Ver­kör­pe­rung von Gene­ral Franc­si­co Fran­co sieht, der wird eini­ges über den Hor­ror einer faschis­ti­schen Regie­rung erfah­ren, wenn die­ser sich sei­ne unheim­li­chen Augen aus dem Gesicht nimmt und als ganz nor­ma­ler Mensch vor uns sitzt. Am Ende liest Chir­sto­pher Lee dann aus dem Roman den Tod sei­ner iko­ni­schen Figur vor. Er muss zwei­mal begin­nen. Als er endet, wird sei­ne Figur doch wie­der zu Dra­cu­la. Es ist ein Spiel, wir durch­schau­en es, aber den­noch ver­un­si­chert es uns und macht uns Angst. Nur weil die Mas­ke des Hor­rors fällt, fällt noch lan­ge nicht der Hor­ror dar­un­ter. Das Ende von „Cua­d­e­cuc, Vam­pir“ bricht mit dem Hor­ror und bestä­tigt ihn zugleich.

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Ein fas­zi­nie­ren­des Dou­ble-Scree­ning, das den Spie­gel auf den Hor­ror rich­te­te und nicht das offen­bar­te, was man erwar­tet hat.