Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Unzuverlässige Bilder: Le Monde vivant von Eugène Green

„The truth is always con­tra­dic­to­ry“, sagt Eugè­ne Green, und sei­ne Fil­me illus­trie­ren das per­fekt. Das Para­dox von Le Mon­de vivant: gleich­zei­tig ein Film, der rund um das gespro­che­ne Wort kom­po­niert ist, bei dem das Wort Ausgangs‑, Refe­renz- und Angel­punkt sei­ner Geschich­te und sei­ner Bil­der ist, als auch ein Film aus­ge­spro­che­ner Kör­per­lich­keit und Hap­tik. „Le souf­flé de l’ésprit est le souf­flé du corps“ heißt es an einer Stel­le im Film ein­mal. ‹Das Wort‘ wird hier behan­delt als eine wel­ten­bil­den­de Kraft; etwas Ima­gi­nä­res wird durch das Wort real, der „Atem der See­le“ trans­for­miert zum „Atem des Kör­pers“. Dass das Wort auch wirk­lich die­sen „Atem der See­le“ zum Aus­druck bringt, nimmt Green ein­mal vor­ne­weg (er stellt dem Film ein Epi­taph Meis­ter Eck­harts vor­an, wel­ches das Wort als Abso­lu­te Wahr­heit Got­tes pos­tu­liert), qua­si als Spielregel.

Über­haupt haf­tet Le Mon­de vivant das Spie­le­ri­sche an; ein Spiel, des­sen Regeln aller­dings bis ins kleins­te Detail bekannt und durch­ge­plant sind; ein Spiel, das – um wie­der auf Wider­sprü­che zurück­zu­grei­fen – mit gröss­ter Ernst­haf­tig­keit und Beflis­sen­heit gespielt wird. Aus die­ser Span­nung stemmt auch ein Humor des Films (es gibt davon meh­re­re). Erzählt wird im Grun­de ein mit­tel­al­ter­li­ches Mär­chen, von Rit­tern, Prin­zes­sin­nen und Kin­der ver­spei­sen­den Ogern – die Dar­stel­ler sind jedoch in moder­ne All­tags­klei­dung gehüllt. Dies nur eine der zahl­rei­chen Dis­pa­ri­tä­ten zwi­schen Signi­fi­kant und Signi­fi­kat, zwi­schen dem im Bild Dar­ge­stell­ten und dem dar­in Aus­ge­drück­ten; die­se Nicht-Kon­gru­enz besticht nicht in ers­ter Linie durch ihr Ent­frem­den­des (wie viel­leicht bei ande­ren Fil­me­ma­chern), son­dern kommt leicht­fü­ßig daher, manch­mal zuge­spitzt zur schar­fen Poin­te. Etwa dann, wenn nicht nur Bild und Bild­be­deu­tung, son­dern auch Bild und Ton nicht kor­re­lie­ren; zwi­schen „Ton“ und „Wort“ wird näm­lich in Le Mon­de vivant nicht unter­schie­den, und der Ton trägt, genau­so wie das Wort die welt- und wahr­heits­stif­ten­de Funk­ti­on, wäh­rend das Bild bezüg­lich der erzähl­ten Geschich­te immer nur ein „Abbild“ ist, ver­fäl­schend und in gewis­sem Sin­ne dem Ton unter­ge­ord­net. Bezüg­lich des „Gesamt­pa­kets“ von erzähl­ter Geschich­te und ihrer Ver­fil­mung in der heu­ti­gen Zeit agiert das Bild hin­ge­gen äußerst wahr­heits­ge­treu; nichts wird ver­fälscht, wir wer­den nicht durch Kos­tü­me, Effek­te etc. in die Irre gelockt. Ver­blüf­fend „ein­fach“ zeigt Green sei­ne Geschich­te; sei­ne Ein­fach­heit ent­lockt uns ein per­ma­nen­tes Schmun­zeln und lässt uns in Fra­ge stel­len, ob wir den gan­zen „Fake“-Apparatus, den wir von Fil­men gewohnt sind, wirk­lich brau­chen. Ein wei­te­res Para­dox des Films ist also die Dop­pel­funk­ti­on des Bil­des als nicht-zuver­läs­sig bezüg­lich der Geschich­te und als zuver­läs­sig bezüg­lich der im Jetzt ver­or­te­ten Ver­fil­mung der Geschich­te; man könn­te das Bild auch als Media­tor bezeich­nen, ver­mit­telnd zwi­schen Idee und unse­rer Lebensrealität.

Die Geschich­te selbst gibt sich vir­tu­os in ihrem Dop­pel- resp. Par­al­lel­n­ar­ra­tiv. Alles ist (abge­se­hen vom „Böse­wicht“) im Dop­pel vor­han­den; Rit­ter, Prin­zes­sin­nen, Kin­der, Orte (Burg resp. befes­tig­te Kir­che); zwei Kämp­fe Rit­ter vs. Böse­wicht; die Ein­tei­lung des Films in ers­ten und zwei­ten Teil. Ihre Erzäh­lung bleibt den­noch äus­serst klar, luzid und kon­zis, was an ihrer Geschlos­sen­heit und Arti­ku­liert­heit liegt: kein dem Nar­ra­tiv frem­des Ele­ment drängt sich ins Bild/​den Ton, die Aus­stat­tung ist spär­lich und jedes Detail dient der Geschich­te. Die Schau­spie­ler rezi­tie­ren ihre Sät­ze lang­sam und auf Deut­lich­keit bedacht; sonst nur in for­mals­tem Fran­zö­sisch ange­wand­te sprach­li­che Bin­dun­gen zwi­schen Wor­ten wer­den benützt und aus­ge­kos­tet, brin­gen ihre vol­le Schön­heit zur Gel­tung. Ver­blüf­fend ist nicht nur die Ein­fach­heit des Films, son­dern auch des­sen Voll­kom­men­heit; nur weni­ge Fil­me kre­ieren mit der­art weni­gen Mit­teln eine der­art voll­kom­me­ne Film-Welt; stellt man sich die­se als möblier­ten Raum vor, so füllt die Film-Luft die­sen voll­kom­men aus, dringt ein in Rit­zen zwi­schen Möbeln und Boden, in die Fugen zwi­schen Wand und Decke. Hier kommt zur Gel­tung, was Green in einem Inter­view sagt: „I work very hard to achie­ve sim­pli­ci­ty, which is never natu­ral, never spon­ta­neous. It’s always at the pri­ce of a gre­at effort.“ Die­se sub­li­me, erar­bei­te­te Ein­fach­heit ist oft­mals Merk­mal lan­ge wäh­ren­der Kunst, ob Mozart oder Hawks.

Zum Gefühl die­ser Voll­kom­men­heit trägt gera­de auch der Film­ton bei. Greens Ton­ar­beit, ist so genau und sorg­fäl­tig wie nur bei weni­gen zeit­ge­nös­si­schen Fil­me­ma­chern, viel­leicht bei Lucre­cia Mar­tel. Haupt­säch­lich zielt der Ton auf das Real­ma­chen­de, eben Wel­ten­bil­den­de; doch manch­mal ver­leiht er dem Film eine wei­te­re, meta­phy­sisch-roman­ti­sche Ebe­ne. Etwa die Ver­wen­dung des Win­des; ein zen­tra­les Ele­ment, das nicht nur der „Land­schafts­ma­le­rei“ dient, son­dern an einer Stel­le das Ver­lan­gen, die Sehn­sucht kenn­zeich­net, die der ster­ben­de Rit­ter und die Prin­zes­sin für­ein­an­der emp­fin­den. Getrennt von­ein­an­der, er im Frei­en, sie in einem Innen­raum, bli­cken sie direkt in die Kame­ra, ein Ver­fah­ren, das Green sonst wäh­rend Gesprä­chen oft anwen­det, um den Zuschau­er in den Bann des Gespro­che­nen und den Bann des Blicks beim Spre­chen zu schla­gen; an die­ser Stel­le jedoch ver­bin­det es zwei räum­lich getrenn­te Per­so­nen. Als das Bild des Rit­ters dem der Prin­zes­sin ant­wor­tet, kommt ein star­ker Wind auf, der hier expres­sio­nis­tisch, bei­na­he mys­tisch fun­giert, als Illus­tra­ti­on eines Affekts.

Der Aspekt der Kör­per­lich­keit, der Hap­tik, des Fühl­ba­ren, der dem Ima­gi­när-Reel­len des Worts gegen­über­steht, kommt beson­ders in der häu­fi­gen Beschrän­kung des Bild­aus­schnitts auf Hän­de und Füs­se zum Aus­druck. Die Kämp­fe der Rit­ter mit dem Oger zeigt uns die Kame­ra nur durch Auf­nah­men von Hän­den und Füs­sen. Rut­schen­de Füs­se, kämp­fen­de Hän­de. Nicht nur im Kampf, auch in der Lie­be; immer wie­der sehen wir sich füh­len­de Hän­de. „Darf ich dich berüh­ren?“ fragt die Prin­zes­sin. Neben dem Ton sind es die Berüh­run­gen, die hier die Rea­li­tät aus­ma­chen, oder: der Ton macht die Berüh­rung real, und die Berüh­rung die Welt.

Neben den hid­den smi­les, die von der Kon­struk­ti­on des Films rüh­ren, gibt es auch weni­ger ver­steck­te smi­les. Als Film über die Kraft des Wor­tes, ist es nur kon­se­quent, dass vie­le Dia­lo­ge auch witz­reich geschrie­ben sind; zusam­men mit der sub­li­men Ein­fach­heit oder dem ein­fa­chen Sub­li­men des Films mün­den die­se in des­sen gross­ar­ti­ge, ernst­haft-spie­le­ri­sche Leichtigkeit.

Wir zei­gen den Film am 21. Janu­ar um 20:15 im Film­haus am Spittelberg.