Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Surrealismus und Soju: Hong Sang-soo

Die­ser Text basiert auf einem Vor­trag, den ich zum Anlass von Hong Sang-soo-Retro­spek­ti­ven in Bern, Basel und Nürn­berg hal­ten durfte.

Hong Sang-soo ist ein wich­ti­ger Fil­me­ma­cher. Das heißt, er ist wich­tig für mich. War­um das so ist, kann man gar nicht so leicht sagen. Man rudert mit den Armen, wie­der­holt, was man gese­hen hat, ver­sucht zu ver­ste­hen. Oder man schreibt es auf. Das ist, was ich ver­su­chen möch­te. Ich struk­tu­rie­re den Text in Kapi­teln. Viel­leicht weil der Süd­ko­rea­ner sei­ne Fil­me auch gern klar struk­tu­riert. Wie er es manch­mal tut, möch­te ich auch mit einem Pro­log beginnen.

Pro­log: Soju

Eine Retro­spek­ti­ve zum Kino von Hong Sang-soo in der Schweiz (kura­tiert von Beat Schnei­der) trug den Titel „Trin­ken, reden, lie­ben“. Die Ver­ben tref­fen ziem­lich genau den Kern des Schaf­fens von Hong, die Rei­hen­fol­ge nicht unbe­dingt. „Lie­ben, trin­ken, reden“ wäre ein Vor­schlag, aber viel eher wäre es wohl „Trin­ken, reden, trin­ken, lie­ben, trin­ken, trin­ken“. Das hat viel mit Soju zu tun. Wie der Whis­key bei John Ford oder der Sake bei Ozu ist die­ses süd­ko­rea­ni­sche Natio­nal­ge­söff weit mehr, als ein Requi­sit bei Hong. Es ist alles, was man in Dreh­buchse­mi­na­ren lernt in einem Objekt: Plot Point, Neben­fi­gur, Moti­va­ti­on, Chall­enge, Deus Ex Machi­na und Love Inte­rest. Zuvor ist Soju aber der best­ver­kauf­te Schnaps der Welt. Das liegt auch am bil­li­gen Preis und den schril­len Wer­bun­gen mit Pro­mi­nen­ten Süd­ko­re­as wie Herrn Gang­man Style Psy. In ver­schie­de­nen Sta­tis­ti­ken führt Süd­ko­rea daher auch, wenn es um den Spi­ri­tuo­sen­ver­kauf pro Kopf geht. Die kapi­ta­lis­ti­sche Effi­zi­enz ver­kauft ihr Gegen­ge­wicht. Fla­schen­wei­se wird das Getränk gekippt bei Hong (es sei ange­merkt, dass auch Bier, Whis­key oder Wein getrun­ken wer­den). Der Soju bei Hong nährt den Ver­dacht, dass alle gro­ßen Fil­me­ma­cher ein Bünd­nis mit dem Alko­hol ein­ge­hen. Pri­vat oder in den Fil­men, meist bei­des zugleich. Seit dem 14. Jahr­hun­dert wird das Getränk aus Reis destil­liert. Man kann es auch anders gewin­nen, aber man sagt mir, dass nur aus Reis gewon­ne­ner Soju von Wert ist. Ich ken­ne mich damit nicht aus und ahne, dass Soju nicht der Grund ist, war­um mir Hong gefällt.

Meist wird Soju bei Hong am Tisch insze­niert. Es heißt, man erken­ne gro­ße Fil­me­ma­cher, an der Art und Wei­se, in der sie Tisch­sze­nen insze­nier­ten. Hong führt die­ses Prin­zip bei­na­he ad absur­dum, denn in sei­nem Kino gibt es der­art vie­le Tisch­sze­nen, dass man weder deren Qua­li­tät noch die Anzahl an leer­ge­trun­ke­nen Fla­schen zäh­len oder gar bewer­ten könn­te. Es muss etwas Ande­res sein, dass Hong zu einem so außer­ge­wöhn­li­chen Fil­me­ma­cher macht. Es hat zu tun mit die­ser Mischung aus Begeh­ren, Ent­frem­dung, Albern­heit, Zärt­lich­keit, Wider­lich­keit und Pein­lich­keit, die sein Kino beseelt. Ein Kino, das sich mit dem gan­zen Spek­trum mensch­li­cher und vor allem männ­li­cher Zuläng­lich­kei­ten und vor allem Unzu­läng­lich­kei­ten befasst.

1 Fremd­heit

Bei Hong ist sel­ten wer zuhau­se. Meis­tens suchen sich die Men­schen mehr, als dass sie sich fin­den. Mei­ne ers­te Begeg­nung mit sei­nen Fil­men war Night and Day. Der Film folgt dem Künst­ler Kim Sung-nam nach Paris. Er ist mehr oder weni­ger auf der Flucht vor Süd­ko­rea, einer dro­hen­den Ver­haf­tung wegen Mari­hua­na-Besitz, sei­ner Ehe­frau. Lang­sam und unge­schickt fin­det er sich in Paris zurecht. Ein Film wie der dies­jäh­ri­ge Ber­li­na­le-Gewin­ner Syn­ony­mes von Nadav Lapid ist da nicht so weit ent­fernt. Hier wie dort wird ver­han­delt, wer man ist und wer man sein könn­te. Die Ant­wor­ten sind flie­ßend. Es sind oft Künst­ler, meist Fil­me­ma­cher, die im Zen­trum von Hongs Fil­men ste­hen, trin­ken, lie­ben und drif­ten. Sie haben Dates, besu­chen Freun­de und Ex-Freun­de, lan­den in über­ra­schen­den Situa­tio­nen immer­zu ange­trie­ben vom Poten­zi­al einer mensch­li­chen Nähe.

Hong selbst ist ein biss­chen ein Rei­sen­der, ein Außen­sei­ter. Das beginnt bereits mit sei­nem Wer­de­gang. Er erzählt gern, dass er gelang­weilt in der Foto­klas­se der Kunst­schu­le in Seo­ul geses­sen habe. Dort habe er aus dem Fens­ter geblickt und eini­ge Kol­le­gen aus der Film­klas­se auf der Stra­ße einen Film dre­hen sehen. Er sei zu ihnen gegan­gen und ehe er sich ver­sah, wäre er in der Film­klas­se gelan­det. Dort habe es ihm aber nicht gefal­len. Ohne sich genau zu erin­nern wie, habe er plötz­lich Kunst in Chi­ca­go stu­diert. Alles was in sei­nem Leben pas­sie­re, pas­sie­re zufäl­lig, sag­te er ein­mal. Die­se Beob­ach­tung trifft auch auf sei­ne Fil­me zu. Fre­di M. Murer hat ein­mal auf die Fra­ge nach sei­nem Berufs­wunsch ent­geg­net: „Ich möch­te ein Frem­der sein.“. Hong hat Murers Traum­be­ruf gefunden.

Die Prot­ago­nis­ten tref­fen nicht wirk­lich Ent­schei­dun­gen. Es herrscht ein trei­ben­des Pas­si­vi­täts­ge­fühl, ein kon­stan­tes Miss­ver­ste­hen und in mei­ner ers­ten Begeg­nung mit Hong fand ich mich dar­in wie­der. Statt zu ent­schei­den, wun­dert man sich und ehe man sich arran­giert, ist die nächs­te Situa­ti­on schon hin­fort­ge­spült. Ent­schei­dend in der Welt von Hong ist daher auch das, was man als Miss­ver­ste­hen bezeich­nen könn­te, auch wenn es häu­fi­ger unter dem Begriff der Kom­mu­ni­ka­ti­on läuft.

Kom­mu­ni­ka­ti­on, die Spra­che an sich meint. In Fil­men wie In ano­ther coun­try, Night and Day oder On the Beach at Night Alo­ne wer­den Süd­ko­rea­ner mit Fremd­spra­chen kon­fron­tiert und anders­her­um. Es ent­steht ein Vaku­um des Nicht-Ver­ste­hens, der ver­such­ten Über­set­zung von einer Spra­che in die ande­re. Leer­lau­fen­de Bemü­hun­gen, Hilf­lo­sig­keit, unge­len­kes Begeh­ren. Die Spra­che ist ein Hin­der­nis. Sie kommt zu schnell, zu laut aus den Betrun­ke­nen, zu durch­schau­bar aus den Stol­zen, zu banal aus den Schüch­ter­nen. Min­des­tens genau­so oft wie die Figu­ren an Tischen mit­ein­an­der spre­chen, tele­fo­nie­ren sie. Es gibt kei­nen Fil­me­ma­cher in der Geschich­te des Kinos, bei dem so viel tele­fo­niert wird wie bei Hong. Spra­che und Kom­mu­ni­ka­ti­on dekon­stru­ie­ren sich noch viel schär­fer, wenn man sie durch ein Gerät hört und einem Men­schen dabei zusieht wie er in die­ses Gerät spricht.

Die Ant­wort auf die­se Ent­frem­dun­gen bei Hong ist nun aber kei­ne exis­ten­zia­lis­ti­sche oder spi­ri­tu­el­le Kri­se, zumin­dest nicht auf den ers­ten Blick, son­dern viel­mehr ein bana­les Schul­ter­zu­cken und die Fra­ge: Was soll man schon tun im Ange­sicht der Sinnlosigkeit?

2 Ver­trau­en

Nun begeg­net man die­sem Frem­den, aber immer wie­der. Wie oft kann man einem Frem­den begeg­nen, ohne dass es ver­traut wird? Hong, von dem es 2019 tat­säch­lich kei­nen neu­en Film zu sehen gab, dreht in der Regel 2–4 Fil­me pro Jahr. Man hat das Gefühl, dass er filmt, um zu über­le­ben. Nicht ganz so destruk­tiv wie Fass­bin­der, aber ähn­lich obses­siv. Sein Stil ist hoch­gra­dig wie­der­erkenn­bar, böse Zun­gen behaup­ten, er dre­he immer den glei­chen Film. Das liegt auch dar­an, dass bestimm­te Merk­ma­le gleich blei­ben. Zum Bei­spiel sei­ne Schwenks oder die von Lai­en als wenig pro­fes­sio­nell emp­fun­de­nen fla­che Bil­der oder Zooms, die er seit sei­nem sieb­ten Film Woman on the Beach ein­setzt. Dazu noch eine betu­li­che oder klas­si­sche Musik, die vie­len Tisch­sze­nen und ähn­li­che Figu­ren, Kon­stel­la­tio­nen und Moti­ve, ja selbst die Titel schei­nen immer die glei­chen zu sein. Das geht bei Right Now, Wrong Then so weit, dass er zu Beginn des Films sei­nen eige­nen Titel bricht und mit „Right Then, Wrong Now“ star­tet ehe in der Mit­te des Films der eigent­li­che Titel zum Tra­gen kommt. Weni­ger böse Zun­gen sagen, dass Hong bes­ser wird, je öfter man ihn sieht.

Die­se weni­ger bösen Zun­gen leben auf Fes­ti­vals. Sie sehen meist vie­le Fil­me und wun­dern sich, war­um Hong, der eigent­lich vie­les mit­bringt, was man von einem mas­sen­taug­li­chen Kino erwar­tet (Sex, Humor, Iden­ti­fi­ka­ti­on), eben­dort nicht ankommt. Hong ist ein Fes­ti­val­dar­ling. Er bekommt Prei­se auf Fes­ti­vals, deren künst­le­ri­sche Lei­ter in sei­nen Fil­men spie­len. Man kann mit ihm abhän­gen und Soju trin­ken, so ein Frem­der ist er nicht. Er ist auch ein Fil­me­ma­cher für Fil­me­ma­cher. Man spricht über ihn, die cine­phi­le Welt, die sich sowie­so so ger­ne teilt, teilt sich in jene, die ein­ge­weiht sind in Hong und jene, die es nicht sind. Die Retro­spek­ti­ven sei­ner Arbeit, die ich besu­chen durf­te, waren alle­samt eher schlecht besucht. Dabei ist sein Kino nicht (wie man so schön in Fach­zeit­schrif­ten for­mu­liert) sper­rig oder intel­lek­tu­ell abge­ho­ben. Im End­ef­fekt geht es um Bezie­hun­gen, um Lei­den­schaf­ten. Das Tal, das zwi­schen dem Hong der Film­fes­ti­vals und dem Hong des regu­lä­ren Kinos zu durch­que­ren ist, beschreibt den Sta­tus Quo des Kinos.

3 Varia­ti­on

Man sagt, dass Hong in sei­ner Zeit in Chi­ca­go immer Robert Bres­sons Noti­zen zum Kine­ma­to­gra­phen in der Jacken­ta­sche getra­gen habe. In die­sem Buch, das von vie­len Fil­me­ma­chern instru­men­ta­li­siert wur­de, steht der Apho­ris­mus: „Ände­re nichts und mache alles ver­schie­den.“. Die­ser Satz trifft ziem­lich genau zu, auf das, was Hong wirk­lich macht. Vom Immer­glei­chen zu spre­chen, greift ent­schei­dend zu kurz. Sei­ne Lie­bes- und Trieb­ge­schich­ten ver­än­dern sich, sei­ne Erin­ne­rungs­lü­cken tre­ten in unter­schied­li­chen Erschei­nun­gen auf und ver­än­dern, das was gese­hen und das was erwar­tet wird. Mit den Erwar­tun­gen spielt er sowie­so. Sein Insi­der-Humor hat wie­der­um mit sei­ner eli­tä­ren Fes­ti­val­exis­tenz zu tun. Er selbst bringt es auf den Punkt: „Nicht vie­le Men­schen haben mei­ne Fil­me gese­hen.“. Dar­aus gewinnt Hong, wie aus so vie­lem, Frei­heit. Es gibt auch kla­re Ent­wick­lun­gen in sei­nem Kino. So hat sich sei­ne Dar­stel­lung von Sex ver­än­dert. In sei­nen frü­hen Fil­men zeig­te er den Geschlechts­akt recht expli­zit, heu­te begnügt er sich meist mit Andeu­tun­gen. Außer­dem hat er sei­nen Pro­zess ver­än­dert, schreibt kei­ne wirk­li­chen Dreh­bü­cher mehr. Das merkt man.

Sein Kino scheint eng mit sei­nem Leben ver­knüpft. Er schreibt eine fik­tio­na­le Auto­bio­gra­fie, an der die Ver­bin­dung zum Leben glei­cher­ma­ßen ent­schei­dend und uner­heb­lich ist. Wie ein Mensch blei­ben sei­ne Fil­me immer gleich und ver­än­dern sich dau­ernd. Neben Bres­son ver­ehrt Hong auch einen wei­te­ren Meis­ter der Varia­ti­on, Paul Cézan­ne. Die­ser folg­te dem Mot­to, sich Din­ge so anse­hen zu wol­len, wie sie sind. Das trifft auch auf Hong zu. Der Blick auf ein Gesicht ist unver­stellt. Die Varia­ti­on liegt in der Emp­fin­dung des Sehen­den, im Aus­druck der Betrach­te­ten, im Licht, im Rhyth­mus, im Zufall.

Im wis­sen­schaft­lich umstrit­te­nen und teil­wei­se fik­tio­na­len (und gera­de des­halb so wert­vol­len) Gespräch, das Joa­chim Gas­quet mit Cézan­ne geführt hat, äußert sich der Maler wie folgt: „Die Natur ist immer die­sel­be, aber von ihrer sicht­ba­ren Erschei­nung bleibt nichts bestehen. Unse­re Kunst muss ihr die Erschüt­te­rung der Dau­er geben, mit den Ele­men­ten und der Erschei­nung all ihrer Ver­än­de­run­gen. Die Kunst muss ihr in unse­rer Vor­stel­lung Ewig­keit ver­lei­hen. Was ist hin­ter der Natur? Nichts viel­leicht. Viel­leicht alles. Alles, ver­ste­hen Sie? Also ver­schrän­ke ich die­se umher­ir­ren­den Hän­de. Ich neh­me rechts, links, hier, dort, über­all die­se Farb­tö­ne, die­se Abstu­fun­gen, ich mache sie fest, ich brin­ge sie zusammen…Sie bil­den Lini­en, sie wer­den Gegen­stän­de, Fel­sen, Bäu­me, ohne dass ich dar­an den­ke. Sie neh­men ein Volu­men an, sie haben einen Wir­kungs­wert. Wenn die­se Mas­sen, die­se Gewich­te auf mei­ner Lein­wand, in mei­ner Emp­fin­dung den Plä­nen, den Fle­cken ent­spre­chen, die mir gege­ben sind, die wir da vor unse­ren Augen haben, gut, mei­ne Lein­wand ver­schränkt die Hän­de. Sie wankt nicht. Sie greift nicht zu hoch und nicht zu tief. Sie ist wahr, sie ist dicht, sie ist voll…Aber wenn ich die gerings­te Ablen­kung habe, die lei­ses­te Schwä­che füh­le, beson­ders wenn ich ein­mal zu viel hin­ein­deu­te, wenn mich heu­te eine Theo­rie fort­reißt, die der von ges­tern wider­spricht, wenn ich beim Malen den­ke, wenn ich dazwi­schen­kom­me, päng, dann ent­wischt alles.“

4 Pro­zess

Hong denkt nicht, wenn er Fil­me dreht. Zumin­dest arbei­tet er, um nicht den­ken zu müs­sen. Ein Film beginnt bei ihm mit Spa­zier­gän­gen und Aus­flü­gen. Er fin­det Loca­ti­ons, die ihn zu Dar­stel­lern inspi­rie­ren oder anders­her­um. Er hat kei­ne Geschich­te im Kopf, kei­ne Bil­der. Zu Beginn sei­ner Kar­rie­re schrieb er noch Dreh­bü­cher. Heu­te ver­sucht er so wenig wie mög­lich schrift­lich fest­zu­hal­ten. Hong sucht nach größt­mög­li­cher Frei­heit. Fin­det er eine Stra­ßen­ecke oder ein Pub, die ihm gefal­len, holt er sich eine Dreh­erlaub­nis. Einem Restau­rant­be­sit­zer etwa sagt er, dass er in eini­gen Wochen zwei- oder drei­mal kom­men wür­de und erst einen Tag vor­her Bescheid geben kön­ne. Mit den Dar­stel­lern arbei­tet er in ähn­li­cher Unge­wiss­heit. Man trifft sich eini­ge Male, spricht, dis­ku­tiert. Einen Film gibt es nicht, es geht um alles außer den Film, den man zusam­men dre­hen wird. Manch­mal trifft Hong Schau­spie­ler, die dann nur in einer Sze­ne vor­kom­men. Ande­re wer­den plötz­lich zu Prot­ago­nis­ten. Es gibt kei­ne Hin­ter­grund­ge­schich­ten für sie, kei­ne psy­cho­lo­gi­schen Moti­va­tio­nen. Nach eini­gen Wochen geht es dann los. Hong steht früh am Mor­gen auf und schreibt in einer Art Écri­tu­re auto­ma­tique drei oder vier Sze­nen nie­der. Dabei lässt er sich von sei­nem eige­nen Leben, dem Leben der Schau­spie­ler und Lite­ra­tur, die er gera­de liest, beein­flus­sen. Die Dar­stel­ler bekom­men ein bis zwei Stun­den um den Text zu ler­nen, dann wird geprobt. Hong schaut sich die Pro­be an und greift mög­lichst wenig ein. Mit dem ers­ten Take fin­det er die Kame­ra­ein­stel­lun­gen. Er steht hin­ter sei­nem Kame­ra­mann und tippt die­sem für Rich­tun­gen oder Schwenks auf die Schul­ter. Im Durch­schnitt dreht er eine Ein­stel­lung in acht Takes. Dann geht es wei­ter. So läuft das über Tage oder Wochen und an einem Mor­gen weiß Hong, dass es nun vor­bei ist. Als er bei einer Retro­spek­ti­ve in New York gefragt wür­de, wie lan­ge er an einem Film schnei­de und er ernst ent­geg­ne­te: „Einen Tag.“, ern­te­te er schal­len­des Geläch­ter. 95 % des­sen, was er dre­hen wür­de, lan­de auch im fer­ti­gen Film.

Hong, der eine Zeit lang an einer Film­schu­le unter­rich­te­te und dort auf die Res­sour­cen (und Stu­den­ten) für sei­ne Film­ar­beit zurück­griff, arbei­tet enorm öko­no­misch und effi­zi­ent. Sein Pro­zess ist einer, der nach Frei­heit sucht und die­se gefun­den hat.

5 Scham

Nun gibt es Fil­me­ma­cher, bei denen erkennt man sich selbst auf der Lein­wand. Hong aber ist ein Fil­me­ma­cher, bei dem erwischt man sich selbst auf der Lein­wand. Das gilt vor allem in Fra­gen der Männ­lich­keit, denn kaum wer legt der­art scho­nungs­los männ­li­che Eitel­keit und Macho-Denk­wei­sen offen wie Hong. In sei­nen Fil­men ent­steht eine dring­li­che Ambi­va­lenz zwi­schen Scham­ge­füh­len und Humor. Man lacht auch, um zu bede­cken, was all­zu nackt vor einem liegt. Jac­ques Aumont hat im Zusam­men­hang mit Hong von einer Idio­tie geschrie­ben. Die­se meint nicht nur, dass es dort so man­chen Idio­ten in den Fil­men gibt, son­dern viel grö­ßer gedacht, dass Idio­tie ein ambi­va­lent im Men­schen ver­an­ker­tes Ver­hal­tens­mus­ter ist und Hong genau die­se Mus­ter unter­sucht. Ein Tier­film, in dem man das Paa­rungs­ver­hal­ten eines Vogels sieht, hat Ähn­lich­kei­ten mit man­chen Sze­nen von Hong.

In mei­nen Augen ist Hong auch ein femi­nis­ti­scher Fil­me­ma­cher. Zwar blickt er ganz klar mit den Augen der Männ­lich­keit auf die Welt und auch auf die Frau­en in sei­nen Fil­men, aber die­ser Blick wird der­art prä­zi­se aus­ge­stellt und betont, dass man gar nicht anders kann, als zu bemer­ken, wie Frau­en des­halb auf Män­ner bli­cken müs­sen. Elis­sa Suh hat bei Mubi Note­book ( https://​mubi​.com/​n​o​t​e​b​o​o​k​/​p​o​s​t​s​/​w​h​e​n​-​h​o​n​g​-​s​a​n​g​-​s​o​o​-​p​a​y​s​-​y​o​u​-​a​-​c​o​m​p​l​i​m​ent) zum Bei­spiel über die Kom­pli­men­te bei Hong nach­ge­dacht. Im Lauf sei­ner Kar­rie­re sind die weib­li­chen Figu­ren wich­ti­ger gewor­den bei Hong. Das liegt auch an Kim Min-hee, die in sechs sei­ner Fil­me die Haupt­rol­le über­nahm. Die inzwi­schen auf­ge­lös­te pri­va­te Bezie­hung zu ihr ver­ur­sach­te einen Skan­dal in Süd­ko­rea. Im Kino war ihr Ein­fluss spür­bar, die Traum­wel­ten konn­ten auch weib­lich sein, das Begeh­ren wur­den gegenseitiger.

Trotz­dem blei­ben die Frau­en bei Hong oft­mals ein obsku­res Objekt der Begier­de, um den einen Film­ti­tel zu nen­nen, der als ein­zi­ger genau­so pas­send auf die gesam­te Fil­mo­gra­phie Hongs anwend­bar ist wie „Und täg­lich grüßt das Murmeltier“.

6 Sur­rea­lis­mus

Wer jetzt aller­dings glaubt, Hong sei ein rea­li­täts­na­her Ana­ly­ti­ker mensch­li­cher Bezie­hun­gen à la Éric Roh­mer, irrt sich. Eigent­lich irrt man schon, wenn man glaubt, Hong über­haupt ver­ste­hen zu kön­nen. In all sei­nen Fil­men gibt es mehr als eine Rea­li­täts­ebe­ne. Lücken, Ellip­sen, Gedächt­nis­schwund sowie merk­wür­di­ges, bis­wei­len uner­klär­li­ches Ver­hal­ten ist inte­gra­ler Bestand­teil eines Tages im Leben eines Hong-prot­ago­nis­ten. Immer wie­der stellt sich die Fra­ge, ob alles nur im Trun­ken­heits­rausch gesche­he oder gar nur erträumt wur­de. Hong ist ein Lieb­ha­ber der Fik­ti­on, nichts bleibt sicher. Zeit­schlei­fen, Ver­wechs­lun­gen und Dop­pel­gän­ger heben Chro­no­lo­gie und Iden­ti­fi­ka­ti­on aus den Angeln.

Geprägt vom Zufall, die nicht erst seit einem berühm­ten Wür­fel­wurf eine Kate­go­rie des Sur­rea­lis­mus ist, macht Hong ein Kino der Spleens. Objek­te und Sze­nen tau­chen bei ihm wie­der und wie­der auf, sie for­dern das her­aus was ist und was sein könn­te und was sein wür­de sowie­so. Es wür­de sich ein Trink­spiel (mit Soju zwei­fel­los) anbie­ten. Zum Bei­spiel immer dann, wenn man eine Ziga­ret­te sieht oder jemand nach einer Ziga­ret­te fragt. Oder wenn Men­schen auf Fahr­rä­dern durch das Bild fah­ren, vor allem sol­che, die nichts mit der Sze­ne zu tun haben. Oder wenn Frau­en die Natur berüh­ren, etwa mit ihrer Hand einen Busch strei­fen oder mit den Fin­ger­spit­zen Schnee berüh­ren. Oder wenn Figu­ren an Tischen sit­zend ein­schla­fen. Man fin­det etwas bei Hong oder man fin­det nichts.

Wenn ich eines von ihm ler­ne, dann das es für bestimm­te Din­ge kei­nen Grund gibt. Sie sind einfach.

Am Diens­tag, den 17. Sep­tem­ber um 20:15 Uhr zei­gen wir im Rah­men unse­rer Rei­he «Hid­den Smi­les» In ano­ther coun­try von Hong-Sang-soo.