Text: Urs Kamber

Pro­jek­tio­nist Ted Fendt hat vor dem Abschluss des Fes­ti­vals dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Decla­ra­ti­ve Mode von Paul Sha­rits eine Auf­trags­ar­beit im Zuge der Zwei­hun­dert­jahr­fei­er der ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung, und genau vor fünf­zig Jah­ren das ers­te Mal auf­ge­führt wor­den war. Sodann berei­te­te Fendt die Dop­pel­pro­jek­ti­on pass­ge­nau nach den von Sha­rits bei­gefüg­ten Anwei­sun­gen vor. Die­se legen neben dem Abstand der Pro­jek­to­ren und dem leich­ten Zoom des einen Films (oder, bei unpas­sen­der Lin­se, das Vor­rü­cken des Pro­jek­tors), sodass der eine Bild­ka­der vom ande­ren umfasst wird, das Vor­spu­len eines der bei­den Fil­me um 24 Frames vor Beginn (wel­chen weiß ich jedoch nicht mehr) fest, bevor die Pro­jek­to­ren gleich­zei­tig gestar­tet werden.

Es folgt ein unaus­ge­setz­tes und unvor­her­seh­ba­res Schnell­feu­er bild­aus­fül­len­der Frames in ver­schie­de­nen Far­ben, wobei Rei­hen­fol­ge wie Län­ge der ein­zel­nen Farb­ab­schnit­te stets vari­ie­ren. Kurz­zei­tig erge­ben sich Mus­ter, Rhyth­men, die bald wie­der umge­wor­fen wer­den. Erst sah ich nur rot blau und weiß, und erwar­te­te, auf der Netz­haut eine Flag­ge zu erken­nen, und war erstaunt, grün, oder noch spä­ter gelb und lila zu sehen. Dabei misch­te der Film die Far­ben auf mei­ner Netz­haut wie auf einer Palet­te. Lan­ge war mir nicht klar, ob die weiß erschei­nen­den Frames wirk­lich weiß oder nur als eine rapi­de Fol­ge von Far­ben durch die Träg­heit mei­nes Auges so erschie­nen, bis ich merk­te, dass das letzt­lich das­sel­be bedeutet.

Ich wun­de­re mich, wie jedes­mal bei sol­chen Fil­men, was die von über­for­der­ten Augen her­vor­ge­ru­fe­nen schwar­zen Punk­te im Zen­trum fla­ckern­der Rän­der auf der Lein­wand für eine Sog­kraft haben. Eine siche­re Art, in die Son­ne zu schauen.

Tat­säch­lich über­rascht bei­na­he jede neue Far­be, sie taucht für eine Wei­le ab, bevor sie uner­war­tet wie­der­kommt. Es ist eine aufs Min­des­te redu­zier­te, sozu­sa­gen ursprüng­li­che Nar­ra­ti­on: Auf­blit­zen der Din­ge, schim­mern­de Prä­senz, Ver­schwin­den, Wie­der­kehr oder end­gül­ti­ges Fortbleiben.

Ich wun­de­re mich, sähe man das grel­le Leuch­ten in den Fens­tern die­ser Aula oder Kon­zert­hal­le von außen, ob man es nicht unwei­ger­lich für einen sek­tie­re­ri­schen Initia­ti­ons­ri­tus hiel­te. Gewiss sind bei­nah 40 Minu­ten mehr als genug, um die Eigen­heit die­ses Fli­cker­films nach­zu­voll­zie­hen, und zu viel, um sie zu genie­ßen. Sha­rits wür­de viel­leicht ent­geg­nen, dass Genuss nicht das Ziel von Film zu sein hat. Mög­li­cher­wei­se ist es aber auch kein Zufall, dass er (Sha­rits) nach die­sem Film eine ande­re Rich­tung ein­ge­schla­gen hat. Auch oder gera­de die abs­trak­te Dras­tik ist wohl irgend­wann aus­ge­lo­tet, oder schlim­mer – nur­mehr sich selbst ähnlich.