Filmfest Hamburg Diary: Tag 3 und 4: Männliche Vibrationen

Ich schrei­be die­se Zei­len sehr früh am Mor­gen. Drau­ßen ist es noch dun­kel. Ich kann nur eini­ge fal­len­de Blät­ter beleuch­tet von einer Later­ne sehen. Der Grund für mein frü­hes Erwa­chen ist kei­ne inne­re Beun­ru­hi­gung, son­dern ein stän­di­ges Vibrie­ren mei­ner Decke. Es klingt als wür­de jemand mit einem Kla­vier auf einem Skate­board im Zim­mer über mir Kunst­sprün­ge machen. Am bit­ters­ten dabei ist, dass das bil­li­ge Kron­leuch­te­ri­mi­tat an mei­ner Decke noch eine Minu­te nach der Vibra­ti­on zit­tert und dabei ein ble­cher­nes Geräusch von sich gibt. Ich erin­ne­re mich an das ver­gan­ge­ne Jahr, als am letz­ten Tag plötz­lich ein rie­si­ger Feuch­tig­keits­fleck an mei­ner Decke erschien und die­se plötz­lich aus­sah wie in einem Film von Tar­kow­ski oder Tsai Ming-liang.

Der Grund für den Lärm könn­te aber auch ein Kampf im Stock­werk über mir sein. Nach den drei Fil­men, die ich mir am Vor­tag ange­se­hen habe, wür­de mich das kaum über­ra­schen. Es waren alles drei Fil­me über das Ver­sa­gen eines Männ­lich­keits­bil­des, die in gewalt­vol­len Schwanz­ver­glei­chen ende­ten. Los ging es mit dem superb beob­ach­te­ten Un etaj mai jos von Radu Mun­te­an. Dort geht es um einen Mann, der einen gro­ßen Ver­dacht hat, wer die jun­ge Frau ein Stock­werk tie­fer ermor­det hat, aber der Poli­zei nichts sagt. Es beginnt ein Psy­cho­du­ell zwi­schen ihm und dem jün­ge­ren Mann, den er ver­däch­tigt. Dabei gelingt es Mun­te­an zusam­men mit sei­nen Autoren Alex­an­dru Baciu und Răz­van Rădu­les­cu ein Gefühl für die­sen Mann, gespielt von einem unfass­ba­ren Teo­dor Cor­ban zu ent­wi­ckeln, dass in einer sel­ten so gese­he­nen männ­li­chen Unsi­cher­heit bestän­dig gegen sich selbst arbei­tet. Vie­les im Film wirkt wie die Light-Ver­si­on eines Cris­ti Puiu Films, aber vie­les dafür wirkt auch sehr rich­tig. Natür­lich wird irgend­wann gekämpft, etwas unbe­hol­fen, aber extrem körperlich.

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Deut­lich extre­mer ging es in Schnei­der VS Bax von Alex van War­mer­dam zur Sache. Es ist ein vogel­wil­der Film, der lan­ge nicht so erfri­schend unzu­gäng­lich ist wie van War­mer­dams Borg­man, aber mit dem sel­ben tief­schwar­zen Humor ange­rei­chert oder bes­ser: durch­schos­sen wird. Der Name des Films ist hier Pro­gramm. In abar­ti­gen Paralell­mon­ta­gen (nicht die Mon­ta­gen sind abar­tig, son­dern was dar­in pas­siert) führt der Film den Schrift­stel­ler und Auf­trags­mör­der Bax in ein Duell mit dem Fami­li­en­va­ter und Auf­trags­mör­der Schnei­der. Bax wird von van War­mer­dam selbst gespielt und nimmt aus­ufernd Dro­gen. „Ufer“ ist auch ein gutes Sprich­wort, denn die­ses Duell zwi­schen Män­nern, das eigent­lich auch ein Duell zwi­schen Män­nern und Frau­en ist, spielt durch­ge­hend an einem Ufer. Im See­haus von Bax (die­ser Name!), im Schilf, im Sumpf. Ich glau­be, wenn Schnei­der und Bax auf­ein­an­der­ge­trof­fen wären, dann hät­te die Vibra­ti­on an mei­ner Decke nicht ausgereicht.

Ufer ist auch ein gutes Stich­wort für den nächs­ten Män­ner­film: Che­va­lier von Athi­na Rachel Tsa­n­ga­ri. Dort befin­det sich eine Grup­pe von Män­nern auf einem Boot und aus einer Lan­ge­wei­le her­aus beginnt ein Spiel: Die Män­ner wol­len sich gegen­sei­tig beur­tei­len, wer von ihnen der Best in allem ist. Ja, hier haben wir einen leicht iro­ni­schen, aber nie über­spitz­ten Blick auf den Mann an sich in all sei­nen Aus­prä­gun­gen (mit Errek­ti­on und ohne und ver­schie­de­ne Zwi­schen­sta­di­en). Aber am Ufer schwebt immer etwas Poli­ti­sches mit, Athen am Hori­zont und es ist schon auf­fäl­lig wie ver­spielt all die­se Män­ner sind in Süd­eu­ro­pa. Dabei den­ke ich zum Bei­spiel an eine ganz ähn­li­che Epi­so­de in Ara­bi­an Nights von Miguel Gomes oder Yor­gos Lan­t­hi­mos, des­sen The Lobs­ter ich am fol­gen­den Tag sehen durf­te. Dar­in liegt natür­lich ein gewis­ser Wahn­sinn und eine gewis­se Rea­li­tät. Zum einen weil die­se Spie­le etwas über die Poli­tik aus­sa­gen und zum ande­ren, weil sie mei­len­weit davon ent­fernt schei­nen. Jedoch ver­liert sich Tsa­n­ga­ri immer wie­der in ver­schie­de­nen Sze­nen, die nicht nur das Ufer aus dem Blick ver­lie­ren son­dern auch die Figu­ren selbst. Das Kämp­fen wird dann trotz diver­ser Zwi­schen­fäl­le zu einer Art Legen­de, in den Raum des Fik­tio­na­len gelegt, denn was hier wirk­lich pas­siert, ist nichts. Habe ich mir das Vibrie­ren also nur ein­ge­bil­det? Ich fra­ge mich manch­mal, ob ich auf Fes­ti­vals ande­re Träu­me habe. Man schläft weni­ger, wird stän­dig mit Ein­drü­cken bom­bar­diert, immer­zu in dunk­len Räu­men beschallt von Echos aus ande­ren Wel­ten. Aber ich erin­ne­re mich eigent­lich kaum an mei­ne Träu­me auf Fes­ti­vals, nur an die Filme.