Elle von Paul Verhoeven

Filmfest Hamburg: Elle von Paul Verhoeven

Mic­hè­le Leblanc (Isa­bel­le Hup­pert) ist Geschäfts­füh­re­rin einer Video­spiel­fir­ma. Sie ist geschie­den von ihrem Mann, ihr Sohn ist eine Ent­täu­schung, aber abge­se­hen davon führt sie ein geord­ne­tes Leben. Das war nicht immer so. Vor vier­zig Jah­ren zog ihr erz­ka­tho­li­scher Vater eines Tages durch das Vier­tel und ermor­de­te die gesam­te Nach­bar­schaft. Eine uner­klär­li­che Tat, die zu einer lebens­lan­gen Haft­stra­fe für ihren Vater ende­te. Eine Foto­gra­fie der zehn­jäh­ri­gen Mic­hè­le ging damals eben­falls durch die Medi­en. Von außen betrach­tet lässt sich heu­te kaum mehr eine Ver­bin­dung von ihr zu die­ser Tat zie­hen. Sie führt ein bür­ger­li­ches, wenn auch etwas abge­schot­te­tes Leben und kon­zen­triert sich auf ihren Beruf.

Elle von Paul Verhoeven

Zu Anfang des Films wird Mic­hè­le zu Hau­se über­fal­len. Man hört zunächst nur Schep­pern, Schlä­ge, Stöh­nen, dann die am Boden lie­gen­de, blu­ten­de Mic­hèle. Was pas­siert ist, liegt zunächst noch im Vagen, die Bil­der und Töne las­sen aber auf eine Ver­ge­wal­ti­gung schlie­ßen. Die Ver­ge­wal­ti­gung war das ein­zi­ge Ziel des Ein­bre­chers, Geld oder Wert­ge­gen­stän­de inter­es­sie­ren ihn nicht. Die­se Tat nimmt Paul Ver­hoe­vens Elle zum Aus­gangs­punkt die Fas­sa­de brö­ckeln zu las­sen; schlum­mert psy­cho­pa­thi­sches Poten­zi­al in Mic­hè­le, wie in ihrem Vater? Der Film gibt dar­auf eine ziem­lich ein­deu­ti­ge Ant­wort. Ein bekann­tes Motiv aus diver­sen Hor­ror­fil­men ist die Ver­er­bung einer ver­bre­che­ri­schen und gewalt­tä­ti­gen Ader. Wird der cha­ris­ma­ti­sche Seri­en­kil­ler einer lukra­ti­ven Hor­ror-Fran­chise am Ende eines Films gegrillt, kann man sich sicher sein, dass ent­we­der ein Pre­quel folgt oder einer sei­ner Nach­kömm­lin­ge die Fami­li­en­tra­di­ti­on fort­setzt. Ver­hoe­ven geht in Elle einen ande­ren Weg. Anstatt Mic­hè­les Ver­hal­ten auf ihr Erb­gut zu schie­ben, unter­nimmt der Film den umge­kehr­ten Ver­such der Rela­ti­vie­rung. Mic­hè­le ist nicht durch ihren Vater prä­dis­po­niert, son­dern im Kern sind alle psy­cho­pa­thisch ver­an­lagt. Zur Unter­füt­te­rung sei­nes Argu­ments führt Ver­hoe­ven ein gan­zes Heer aus Arsch­lö­chern ins Feld. Das kul­mi­niert in einer Weih­nachts­fei­er im Hau­se Leblanc, zu der Mic­hè­le nicht nur ihre weni­gen Freun­de ein­lädt, son­dern auch ihre Fami­li­en­mit­glie­der und deren ver­hass­te Part­ner. Auf der gro­ßen Tafel sit­zen dann also rund ein Dut­zend Per­so­nen, die um die Anti­pa­thie des Publi­kums buh­len. Da ist der schlei­mi­ge Mann von Mic­hè­les bes­ter Freun­din, der unbe­dingt ihre Affä­re wei­ter­füh­ren will. Da ist die schwan­ge­re Freun­din des Sohns (das Kind ist nicht von ihm), die ihn benutzt, um an Mic­hè­les Geld zu kom­men. Da ist der Ex-Mann, von dem sich Mic­hè­le getrennt hat, weil er sie geschla­gen hat und sich über sein Dasein als erfolg­lo­ser Schrift­stel­ler mit einer jün­ge­ren Frau hin­weg­trös­tet. Genau­er betrach­tet sind all die­se gut situ­ier­ten, schö­nen Men­schen trau­ri­ge, gebro­che­ne Gestal­ten. Am Kopf der Tafel sitzt Mic­hè­le, die Köni­gin der trau­ri­gen Gestal­ten, über alle Maßen selbst­be­wusst, zutiefst ver­letzt und trau­ma­ti­siert, eine Intri­gan­tin mit sado­ma­so­chis­ti­schen Zügen. Es braucht eine Natur­ge­walt, um die­se zen­tri­pe­ta­len Kräf­te in einer Figur zu ver­ei­nen; Ver­hoe­ven hat die­se Natur­ge­walt in Isa­bel­le Hup­pert gefunden.

Nach­dem Mic­hè­le sich am Anfang des Films nach ihrer Ver­ge­wal­ti­gung wie­der auf­rafft, bringt sie zuerst ihre Woh­nung in Ord­nung, dann lässt sie die Bade­wan­ne ein und nimmt ein Voll­bad. Sie ist unge­rührt, geht am nächs­ten Tag ganz nor­mal zur Arbeit – busi­ness as usu­al. In ihrer Fir­ma ist sie eine bein­har­te Che­fin, die das größ­ten­teils männ­li­che Per­so­nal an kur­zer Lei­ne hält. Spä­ter trifft sie ihren Sohn. Der hat zwar end­lich einen Job (in einem Fast­food­re­stau­rant), benö­tigt aber für sei­ne neue Woh­nung eine Bürg­schaft der Mut­ter. Mic­hè­le hält ihn für einen Ver­sa­ger und lässt ihn das auch spü­ren (wie auch ihren Ex-Mann), kann ihre müt­ter­li­chen Instink­te aber nicht voll­ends aus­blen­den. Als sie abends in ihre schmu­cke Vil­la zurück­kehrt, die sie allein bewohnt, wirkt sie doch gezeich­net, besorgt sich schließ­lich sogar einen Pfefferspray.

Elle von Paul Verhoeven

Das Anfor­de­rungs­pro­fil für Hup­pert ist also viel­ge­stal­tig, trotz­dem meis­tert sie ihre Auf­ga­be her­vor­ra­gend. Schein­bar mühe­los wech­selt sie zwi­schen eis­kal­tem Todes­en­gel, besorg­ter Mut­ter, weib­li­cher Opfer­rol­le, intri­gie­ren­der Bitch. Durch die brö­ckeln­de Fas­sa­de blitzt kon­ti­nu­ier­lich ein Schim­mer der tief ver­bor­ge­nen psy­cho­pa­thi­schen Züge durch. Es ist ein Spiel mit Nuan­cen, die inein­an­der ver­schwim­men und kaum mehr als sol­che wahr­zu­neh­men bzw. von­ein­an­der abzu­gren­zen sind. Die­se inne­re Glut, mal mehr, mal weni­ger expli­zit nach außen getra­gen, gibt ihrer gan­zen Per­for­mance (und in Fol­ge dem gan­zen Film) eine unru­hi­ge Aura – es scheint irgend­et­was nicht so rich­tig zu stim­men, ein Riss scheint sich auf der per­fek­ten Hül­le abzu­zeich­nen, so genau loka­li­sie­ren oder ver­ba­li­sie­ren lässt er sich aber nicht. Hup­pert steht im Zen­trum des Films. Der Film wird aus ihrer Sicht erzählt, die ande­ren Figu­ren bekom­men ein­zig durch die Inter­ak­ti­on mit Mic­hè­le Gestalt. Die­se Inter­ak­tio­nen sind ent­schei­dend für die Ent­wick­lung des Plots, der letzt­lich dar­auf abzielt das psy­cho­pa­thi­sche Poten­zi­al aller Betei­lig­ten nach außen zu keh­ren. Mic­hè­les unter­drück­te Nei­gun­gen wer­den durch den Aus­tausch mit den Ande­ren leich­ter wahr­nehm­bar und im direk­ten Ver­gleich wird zudem die laten­te Psy­cho­pa­thie der ande­ren Figu­ren deut­lich. Hup­pert beweist damit nicht nur ihre Klas­se in der Dar­stel­lung kom­ple­xer Gefühls­re­gun­gen, son­dern auch in der schma­len Grat­wan­de­rung eines viel­schich­ti­gen Vaban­que­spiels mit ihren Schau­spie­ler­kol­le­gen – mit Sicher­heit eine der bes­ten Schau­spiel­leis­tun­gen in Fil­men der letz­ten Jahre.