Filmfest München: How not to present Andy Warhol

Es ist ein einigermaßen milder Abend in München. Irgendwo ist eine Party, man hört Beats, die Straßenbahn fährt. An der Filmhochschule, die während des Festivals zwei Kinosäle zur Verfügung stellt, soll das sogenannte Velvet Underground Programm der Andy Warhol Retrospektive auf dem Filmfest München präsentiert werden. Eine äußerst bizarre Ansammlung roter Plastikteile simuliert einen roten Teppich. Es fühlt sich mehr nach dem Eingang zu einem Strandbad an. Ich stolpere tatsächlich als ich den „Teppich“ betrete. Innen stehen ein paar auffällig gut gekleidete Menschen. Ich kenne den Ort, bin mir sicher, dass dort der Film gezeigt werden soll, vieles deutet daraufhin, dass ich mich täusche, aber ich werde Recht behalten. Die Ticketkontrolleure an diesem Abend in der Filmhochschule scheinen allesamt Bodyguards und Türsteher zu sein. Sie stehen da in schwarzen Anzügen mit weißen Hemden und roten Krawatten, einer von ihnen steckt gerade sein Hemd in die Hose. Harte Gesichter. Ich komme mir noch dünner vor als ich bin. Ich gehe auf den Eingang zum Kino II zu, es sind noch 12 Minuten bis zum Filmbeginn. Ein glatzköpfiger Mann mit Brille, er könnte der Anführer sein, stellt sich vor mich und bellt mir etwas zu. Ich verstehe nicht. Er sagt, dass sich der Einlass etwas verzögert. Ich setze mich also auf die Treppen dieses widerwärtigen Gebäudes. Ein Betonklotz, der schon architektonisch dabei hilft, dass sich querdenkende Individualität schwer durchsetzen kann. Es wirkt immerzu ein wenig wie in einer grausamen Parallelwelt, in der Ehrenhallen für die verdienten Nationalsozialisten des Landes erbaut wurden. Im Winter durfte ich dort auch einen eigenen Film zeigen. Doch an diesem Abend sind es nicht Nachwuchsmöchtegerns, sondern ein großer Künstler, Andy Warhol, dem die Leinwand gehört. Es wird die kleine Leinwand des Kinos II sein, indem normal eher Testscreenings von Studenten stattfinden. Eine Frau mit Champagnerglas lacht. Das Echo im Foyer lässt keinen Zweifel: Es ist Kunst.

Lou Reed Screen test

Warhol, das ist scheinbar absolut trendy, wenn man dem Filmfest glauben soll. Die wunderbare Festivaltasche, die coolen Sonnenbrillen und die erschreckende Programmierung von Filmen wie Fight Club, Spring Breakers oder The Bling Ring als Begleitung zum Werk von Warhol machen das völlig klar. Hier geht es um vieles, aber nicht um Film. Es geht um einen Lifestyle, Starappeal und den größeren Kunst- und vielleicht Themenkontext des Mannes. Es geht, wie so vieles hier, um den Verkauf. Erstaunlicherweise hat das niemand davon abgehalten, die Filme von Warhol zu zeigen. Nun findet man unter einem Link auf der Homepage des Festivals durchaus einen einigermaßen leserlichen Text zu Warhol von Collin McMahon. Dieser ist aber sehr kurz und eher geschichtlich als analytisch und so vermag man über einige Stichworte hinaus als unschuldiger Filmfestbesucher in München tatsächlich sehr wenig über das filmische Werk des Mannes herausfinden. Dies ist für sich genommen nicht schlimm, denn Kino findet nach wie vor auf der Leinwand statt, die Begegnung mit Warhol kann, muss und wird auch ohne Anleitung Reaktionen hervorrufen. Das Problem ist eher, dass der Rahmen einer Vorführung durchaus etwas mit der Einschätzung und dem Respekt vor einem Künstler zu tun hat. Und leider bestimmt er auch, welches Publikum sich letztlich in die Filme bewegen wird. Nicht, dass es ein falsches Publikum gäbe, aber es gibt – und das werden meine weiteren Ausführungen zeigen – ein bedauernswertes Publikum. Nun entsteht diese Schau in Kooperation mit dem Brandhorst Museum in München und sicherlich ist Warhol mehr als nur sein Kino. Darauf einen Fokus zu legen ist zwar nicht unbedingt notwendig im Rahmen eines Filmfestivals, aber sicherlich, insbesondere in der heutigen Zeit, möglich. Die medienübergreifende Auseinandersetzung mit einem Künstler bedeutet in München allerdings nicht, dass man sich tiefergehend mit dem Mann auseinandersetzt. Vielmehr – vielleicht ist das bei Warhol auch eine Strategie – bewegt man sich an den Oberflächen und geht lieber nicht tiefer, denn tiefer gibt es vielleicht keinen Champagner. Und so nennt man die Schau auch eine Hommage.

Goldbehangen betritt vor dem Screening in diesem nicht ganz ausverkauften Testkino Katja Eichinger den Raum. Sie ist für die Begleitschau zu Warhol verantwortlich. Ich muss googlen, in welcher Relation sie zu Bernd Eichinger steht. Sie verkündet, dass der eigentliche Kurator der Warhol-Schau, Glenn O’Brien, sich am Rücken verletzt habe un daher nur per Telefon zum Publikum sprechen könne. Ein bizarres, irgendwie amüsantes Spiel beginnt, denn Eichinger spricht ins Mikrofon, was O’Brien ihr über das Telefon mitteilt. Es geht vor allem wieder um den Mythos und in diesem speziellen Fall über The Velvet Underground und Nico. Natürlich, dafür ist man ja gekommen. Die Tatsache, dass es ein Filmfestival ist, kann und muss hier jederzeit ausgeblendet werden. Nochmal zwickt mich mein Relativierungsdrang. Schließlich ist Warhol nun mal Pop. Warum sollte es also falsch sein, ihn auch so zu präsentieren? Vielleicht, weil Pop und lange Einstellungen im Kino nicht zusammen gehen? Die Filme von Warhol sind oft eine Schule des Sehens, sie machen einem gerade durch ihre scheinbare Einfachheit bewusst, wie und was man im Kino sehen kann. Sollte sich ein Filmfestival nicht fragen, was da filmisch passiert? Sollte es sich nicht fragen, warum Warhol heute auch für das Kino Relevanz hat? Wäre es so abartig, Image und Kunst gleichermaßen zu betrachten? Was bringt es dem Zuseher oder dem Kino, wenn ständig darauf verwiesen wird, dass es sich um eine Kooperation mit dem Museum handelt, was bringt es ihm vor Chelsea Girls, wenn er eine Sonnenbrille trägt und sich denkt: Wow, Andy Warhol, cooler Typ. Keine Frage, Glamour und Spektakel sind Teil der Filmwelt, aber auch keine Frage: Sie lenken vom Wesentlichen ab. Und was das bedeuten kann, hat man dann an diesem Abend gesehen.

The Velvet Underground and Nico

Irgendwann beginnt dann auch der Film, The Velvet Underground and Nico. Er beginnt auf dem Gesicht von Nico, das der Film immer wieder wie ein Magnet suchen wird. Nach einiger Zeit öffnet sich der Raum mit einem Zoom-Out und wir sehen das Bild, das uns in der ersten Hälfte des Films als Spielfläche für Schwenks und Zooms dienen wird: Nico steht zwischen den vier Musikern der Band und gemeinsam wird gespielt. Ihr eigenes Kind kniet zu ihren Füßen. Der Ton ist, wie man das so kennt aus Warhol-Filmen, jenseits von Gut und Böse, aber der Rhythmus und der Rausch transportieren sich dadurch umso mehr. Es ist äußerst spannend zu sehen, wie die Zooms den filmischen Raum immer wieder explodieren lassen und wie sie sich gleichzeitig selbst im Takt oder gegen den Takt der Musik verlieren. Nach einer gewissen Zeit kommt die Polizei und versucht das kleine Konzert abzubrechen. Es wird verhandelt und diskutiert und nach und nach hören Lou Reed und Konsorten mit dem Spiel auf. Die Kamera läuft immer weiter, sie dreht sich zum Geschehen, dann interessiert sie sich wieder für den Bildhintergrund, ein Licht, ein Schatten, eine Unschärfe. Ich glaube, dass man bei Warhol sehr gut verstehen kann, wie sich Erscheinung und Bedeutung unter den Blicken einer Kamera transformieren können. Bei Warhol können wir Gesichter schmecken und uns immer von ihnen distanzieren oder in ihnen verlieren. Es ist ein Kino der Relationen zwischen dem Blick, der Sprache, der Realität und der Kamera. Damit hat Warhol weniger, wie das Filmfestprogramm vermitteln will, Youtube vorausgeahnt, vielmehr hat es Lumière nachgeahmt. Die Einfachheit als Spektakel, Menschen in einem Raum, die Entfaltung ihrer Tätigkeit oder Nicht-Tätigkeit in der Zeit. Kino als Blick in der Zeit, als Konfrontation mit Menschen, bis man kein Material mehr hat.

Im Publikum wird von der ersten Sekunde an laut gesprochen, alle sind wahnsinnig unruhig, unzufrieden mit dem Ton, unzufrieden mit dem Bild. Im 3-Minuten-Takt verlassen Zuschauer das Gebäude. Eine junge Frau vom Filmfest kommt in den Saal, spricht mit einem Zuseher, sie bewegt sich umständlich vor der Leinwand und verdeckt kurz das Bild. Nach der Hälfte verlangt jemand laut und besonders lustig nach einem Bier. Fast jeder spricht regelmäßig mit dem Sitznachbarn, ich wüsste nicht, wen ich um Ruhe bitten könnte. Die Frau neben mir unterhält sich beispielsweise (während des Films) über From Dusk Till Dawn, irgendjemand sagt, dass er auch die Polizei gerufen hätte. Eine Flasche rollt über den Boden. Nach dem Film kommen noch einige stumme Screen-Tests von Warhol mit den Mitgliedern der Band. Noch mehr Leute verlassen den Saal im Angesicht dieser wunderschönen, traurigen Zeitbilder vor ihren Augen. Der starrende Lou Reed, wie von den Toten zurückgekehrt als ewiges Bild vor unseren Augen, er versucht nicht zu blinzeln, seine Augen füllen sich mit sanftem Wasser. Er ist halb im Schatten, halb im Licht, aber voller Wärme. Anderswo ein plötzliches Lächeln, wir bekommen Zeit, Gesichter zu studieren, Gesichter von Stars, Gesichter von Menschen. Es ist eine entrückte Direktheit. Die Bildqualität ist wunderbar, aber im Saal herrscht nicht eine Sekunde die gebührende Ruhe. Jemand sagt laut: „Ich habe gelesen, dass der Hauptgrund für Schlägereien in Kneipen ist, wenn jemand sagt: Schau mich nicht so bescheuert an.“, ein anderer sagt: „Wecke mich, wenn etwas passiert außer Blinzeln.“ Noch mehr verlassen das Kino. Vor mir wird ein Handy mit Familienfotos herumgereicht. Vielleicht hätte Warhol das alles sogar gefallen.

Nico

Aber – trotz mancher gegenteiliger Behauptung – sollte man sich bewusst sein, dass Warhol mit seinem filmischen Werk unbedingt in ein Kino gehört. Wenn ein Publikum und eine Präsentation 2015 nicht mehr damit umgehen kann beziehungsweise womöglich noch nie damit umgehen konnte, dann lässt sich nach wie vor sehen, wie weit das Kino von dem entfernt ist, was es ist. Dann ist es eigentlich wunderbar, dass das Festival seine Chance und Aufgabe zur Vermittlung von Film zumindest bezüglich des angeregten Diskurses versäumt, denn nur dann kann ein solches Screening wirklich verstören. (Man könnte sich vorstellen, dass Tristan Tzara diese Art der Präsentation gewählt hätte, um ein falsches Publikum anzulocken und dieses dann anzugreifen.) Nur gibt es ein richtiges Publikum? Gibt es ein gutes Publikum? Wohl kaum. Also zielt mein Ärger vielleicht ins Nichts, obwohl ich glaube, dass er ins Alles geht. Einen Tag später äußert sich ein junger Kunststudent nach dem Screening von Cavalo Dinheiro von Pedro Costa beim Publikumsgespräch. Er fragt Costa, warum er sich nicht in Visual Art versucht und nach Nachfrage des Filmemachers, dass der Film für ihn ein wenig „too much“ fürs Kino gewesen sei. Costa hat darauf viel zu sagen, aber mit einem Satz bringt er es wahrscheinlich auf den Punkt: Too much? No, there is too less in cinema…Und genau deshalb muss Warhol auch heute noch im Kino gezeigt werden, weil er too much ist. Aber ein Film kann nur bei entsprechenden Rahmenbedingungen zur vollen Entfaltung kommen. In München, so hat man zumindest das Gefühl, wird das Ganze von oben herab als Kuriosität abgetan. Damit wird klein gehalten, was zu groß sein sollte.

In meiner Welt würde der Mann vor mir sich nicht trauen, sein Handy aus der Tasche zu holen, weil ihm klar ist, dass dort etwas passiert, was er nicht verpassen sollte, weil er neugierig und offen ist. Ich weiß, dass es nicht der Fehler eines Festivals ist, wenn es solche Menschen gibt. Aber es ist die Mitschuld des Festivals, dass sich dieser Mensch in diese Veranstaltung verirrt, dass um ihn herum nicht zehn Menschen sitzen, die ihm das Handy aus der Hand schlagen und dass er sich nach dem Kino nicht eine Sekunde fragen muss, ob es an ihm oder dem Film lag, dass er nichts damit anfangen konnte.

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