Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Land and Shade

Filmfest München: La tierra y la sombra von César Augusto Acevedo

Umge­ben von den ver­nich­ten­den Flam­men des Rohr­zu­ckers erzählt der vibrie­ren­de La tier­ra y la som­bra von César Augus­to Ace­ve­do vom Ster­ben, dem Ler­nen, dem Ver­zei­hen und der macht­lo­sen Bewe­gung in einer poli­ti­schen Ver­damm­nis. Ein Film aus einer inne­ren Höl­le, der dem jun­gen Fil­me­ma­cher prompt die Came­ra d’Or für das bes­te Erst­lings­werk in Can­nes ein­brach­te. Es ist die­se beweg­te Kame­ra, die immer­zu ihre Füh­ler aus­streckt, um nach den ein­sa­men Momen­ten zu suchen und es ist die­ser Kampf um Wür­de und Lie­be, der hier in jedem Bild statt­fin­det und immer­zu nicht nur vom Schei­tern, son­dern von der völ­li­gen Auf­lö­sung bedroht wird. Es geht um die Rück­kehr eines Land­be­sit­zers. In der ers­ten Ein­stel­lung geht er zwi­schen zwei Rohr­zu­cker­fel­dern auf die Kame­ra zu. Hin­ter ihm erscheint ein Last­wa­gen. Er stellt sich an den Stra­ßen­rand und als das Fahr­zeug ihn pas­siert, ver­schwin­det er im Staub. Erst nach vie­len Sekun­den kön­nen wir den Mann wie­der erken­nen. Im Haus war­ten sein ster­ben­der Sohn und des­sen Frau und Sohn. Außer­dem lebt sei­ne Ex-Frau dort. Sie lehnt sei­ne Rück­kehr ab. Es beginnt eine zärt­li­che Annä­he­rung der Fami­li­en­mit­glie­der, die nicht aus irgend­wel­chen Moti­va­tio­nen ent­steht, son­dern von der Exis­tenz als sol­cher bedingt wird. Ihr Land­be­sitz steht inmit­ten der Zucker­rohr­plan­ta­gen, wegen der Brän­de reg­net es Asche, der schöns­te Asche­re­gen seit Hiro­shi­ma, mon amour, aber auch er ist töd­lich. Neben dem Haus steht ein Baum, alles hier ist ganz ein­fach und so unend­lich reich und grau­sam. Das Haus, die Plan­ta­gen, der Baum, Arbei­ter, geschlos­se­ne und geöff­ne­te Fens­ter. Der Wind, wei­ße Tücher und Dun­kel­heit, Dra­chen­stei­gen und Vogel­ge­zwit­scher, ein Spiel, drei Gene­ra­tio­nen, Tränen.

Land and Shade

Es geht um das Über­le­ben und Ster­ben und um den weni­gen Schutz, die weni­ge Nähe, die wir uns geben kön­nen. Spä­ter läuft der Groß­va­ter mit sei­nem Enkel wie­der auf die­ser schma­len Stra­ße zwi­schen den Pflan­zen. Wie­der erscheint ein LKW. Dies­mal sehen wir in einer Nah­auf­nah­me, wie der Groß­va­ter sei­ne schüt­zen­den Hän­de um den Jun­gen und des­sen Essen legt. Durch die schwe­ben­den Bil­der trei­ben mehr als nur leich­te Spu­ren des Kinos von Car­los Rey­ga­das. Wie beim Mexi­ka­ner, so schwin­gen auch beim Kolum­bia­ner Ace­ve­do bibli­sche Töne eines spi­ri­tu­el­len Kinos mit. Es ist eine Rein­heit, die aller­dings mit deut­lich weni­ger Här­te und Pro­vo­ka­ti­on als bei Rey­ga­das prä­sen­tiert wird. Das bedeu­tet nicht, dass La tier­ra y la som­bra ein wei­cher Film wäre, ganz im Gegen­teil, aber die Figu­ren sind mora­li­scher, sie reagie­ren nicht mit Gewalt oder über­mä­ßi­ger Sexua­li­tät auf die phi­lo­so­phi­sche und poli­ti­sche Unge­rech­tig­keit ihres Daseins, son­dern sie fügen sich in ihren letz­ten Regun­gen, völ­lig wehr­los und vol­ler Anstand ihren Ver­lus­ten, ihrer Zeit­lich­keit. Ihrer Hoff­nung? In die­sem Sinn ist womög­lich Stel­let Licht der Film von Rey­ga­das, der hier am ehes­ten her­an­ge­zo­gen wer­den kann.

Geht es bei Rey­ga­das aber oft um den Gegen­satz von Licht und Schat­ten, so wählt Ace­ve­do schon im Titel jenen zwi­schen Erde und Schat­ten, Land und Dun­kel­heit. Die Erde wird als Heil­mit­tel ver­wen­det, sie wird bedroht, sich zeich­net sich in allen Fur­chen ab, jeder Gebär­de die­ses Films, das Land muss ver­stan­den wer­den, die Erde muss beschützt wer­den. Der Schat­ten ist zunächst die Dun­kel­heit. Auf­grund der Krank­heit des Vaters dür­fen die Fens­ter im Haus nicht geöff­net wer­den, eine Fins­ter­nis, die im Ster­ben ihre End­gül­tig­keit fin­den könn­te, aber viel­leicht auch eine Hoff­nung bereit­hält. Schon vor­her lie­gen der kran­ke Vater und sein jun­ger Sohn auf der Rück­la­de eines Klein­trans­por­ters unter einem wei­ßen Tuch, licht­durch­flu­tet, glück­lich und nah und von der Erde geschützt. Viel­leicht ist die Erde also der Schat­ten, der dann als Asche am Him­mel sei­ne Bestim­mung findet.

Land and Shade

La tier­ra y la som­bra ist ein fra­gi­le Atmen im Ange­sicht des Todes. Wie in Mother&Son von Alex­an­der Sokur­ov liegt in der Reduk­ti­on und Kon­zen­tra­ti­on auf die Essenz eines Ver­lus­tes von Leben jene Nähe, die genau dadurch ent­steht. Nur in einer bemer­kens­wer­ten Sequenz, in der ein Pferd durch das Haus huscht, ver­lässt Ace­ve­do sei­ne Nüch­tern­heit und tauscht sie gegen einen poe­ti­schen Anfall im Stil von And­rei Tar­kow­ski aus. Aber er tut dies nur, um uns zu zei­gen, dass auch die Träu­me Teil die­ser Welt sind, Teil die­ser Ver­gäng­lich­keit. Plötz­lich hört man jedes Geräusch und erkennt die Bedeu­tung des­sen an, was man nicht wahr­ha­ben will, den Schat­ten, der über der Erde fliegt. Neben­bei geht es auch um die Aus­beu­tung von Arbei­tern auf den Plan­ta­gen. Wüten­de Pro­tes­te der ver­dreck­ten Arbei­ter, die mit dem sel­ben Gespür für sanf­te Bewe­gun­gen in der Tie­fe des Bil­des emp­fan­gen wer­den, aber sie sind nicht agi­ta­to­risch, nein fast schon im Ansatz ver­geb­lich, ver­ges­sen, man bleibt an die­sen Orten, um zu ster­ben, man geht ins Kino um die­ses Ster­ben zu leben.

Trai­ler ofi­ci­al – LA TIERRA Y LA SOMBRA diri­gi­da por César Ace­ve­do from Bur­ning Blue on Vimeo.