Ich hatte mir Boston rauer erwartet. Von Zadie Smiths On Beauty blieb mir hängen, dass man sich hier durch graue Tage friert. Doch jetzt strahlt fast ausnahmslos die Sonne, während in Wien und Berlin die Wolken hängen. Wahrscheinlich waren die November vor 23 Jahren, als Smith ihr Fellowship am Radcliffe Institute bezog und ihren Roman schrieb, tatsächlich noch winterlich. Oder der Winter kommt erst. Das Farbspektrum der Bäume beeindruckt jedenfalls weiterhin, noch bevor ich ihre Namen kenne: Rotahorn und Roteiche. Am kleinen Areal des Radcliffe Instituts ergeben gelbliche Blätter mit den Backsteinbauten ein herbstliches Bilderbuchensemble. Immer wieder spaziere ich unter dem eindringlichen Blick von Jodie Foster an ihnen vorbei und unter ihnen durch. Das Plakat für ein Event im vergangenen Mai erzählt durch seine Permanenz etwas über die Nachlässigkeit oder aber den Stolz des Instituts, Foster eine Ehrenmedaille verliehen zu haben. Die Schlesinger Library erklärt sich als die umfangreichste Sammlung von Dokumenten über das Leben von Frauen in den Vereinigten Staaten. Fast täglich denke ich daran, während ich den spärlich besuchten Lesesaal betrete. Im Eingangsbereich präsentiert sich eine kleine Ausstellung zum Leben asiatisch-amerikanischer Frauen, deren Sammlungen sich am Institut befinden, darunter seit 2022 die der Filmemacherin – und Mutter von Zohran Mamdani – Mira Nair. Wer Filme macht, tut gut daran, die eigene Arbeit zu dokumentieren, um sie vor dem Unsichtbarwerden zu bewahren. Gerda Lerner druckte in weiser Voraussicht ihre E‑Mail-Korrespondenzen aus, um sie ihrer Sammlung, die mit ihren Wiener Kindheitstagen in den 1920er Jahren beginnt, beizulegen. Würde deren Enddatum sonst mit der Digitalisierung zusammenfallen? Wahrscheinlich.
Als ich K.s Sammlung betrachte – jede Menge vor den Backsteinwänden in seiner Wohnung gestapelter Bücher– zieht mich ein petrolblaues Cover an. Der Titel klingt wie aus jenem Genre von Ratgeberliteratur, das in seiner Unendlichkeit den Büchermarkt beglückt: «No time to spare. Thinking about what matters», von Ursula K. Le Guin. Erste Seite, erste Zeile: «October 2010. I got a questionnaire from Harvard for the sixtieth reunion of the Harvard graduating class of 1951. Of course my college was Radcliffe, which at that time was affiliated with but wasn’t considered to be Harvard, due to a difference in gender; but Harvard often overlooks such details from the lofty eminence where it can consider all sorts of things beneath its notice.» Ich schlage das Buch zu, überrascht von meinem Glücksgriff und dass ich die Geschichte des Instituts, dessen Sammlung der Anlass für meine Reise ist, noch nicht nachgelesen habe. Mit der Gründung des Radcliffe College im Jahr 1879 – damals unter dem Namen «the Harvard Annex» – erkämpften sich Frauen ihren Platz in der akademischen Welt von Cambridge und somit den Vereinigten Staaten mit einer eigenen Institution. 1943 übergab die Suffragette und Absolventin des Radcliffe College Maud Wood Park dem Institut eine Sammlung an Materialien zur Suffragetten-Bewegung und stieß damit die Gründung der Bibliothek, der heutigen Schlesinger Library, an. Während des zweiten Weltkriegs erlaubte das Harvard College den Studentinnen des Radcliffe College auch Kurse am exklusiv männlichen College mitzubelegen. Seit 1999 existiert das Radcliffe College nicht mehr separat, sondern wurde in Harvard eingegliedert und erhielt somit den Beinamen Institut. Heute vergibt es jährlich einjährige Stipendien in verschiedenen Disziplinen, darunter bisher an die Regisseur*innen Mati Diop, Kamal Aljafari, Lav Diaz, Christopher Harris, Romuald Karmakar, Nicolás Pereda und Athina Rachel Tsangari.
Abseits von Innenwänden und Fassaden beschließe ich den im Bostoner Boden versenkten Backsteinen des Freedom Trails zu folgen, einem vier Kilometer langem Pfad an historischen Highlights des «birthplace of the American Revolution» entlang. Bereits 1951 konzipiert, hat er scheinbar nur ein paar wenige Neuerungen erfahren. Der amerikanische Heroismus bleibt ungebrochen, die sogenannte Amerikanische Revolution, die dem Sieg der europäischen Siedler*innen über die britische Krone einen Namen gibt, auf dem Podest. Der Pfad erzählt von der Geburtsstunde der vornehmlich ersten Demokratie und ihren stolzen Wurzeln in New England. Dass diese auf der Versklavung unzähliger Menschen aufbaute, wird auf dem Pfad einmal ins Licht gerückt, die Vertreibung und Ermordung von Native Americans allerdings gar nicht. Erst diesen Herbst wurde die Statue «Unbound» vor der King’s Chapel eingeweiht, um die 219 Menschen zu gedenken, die von Mitgliedern und Geistlichen der Kirche ihrer Freiheit beraubt wurden. Harmonia Rosales’ Werk aus Bronze zeigt eine Schwarze Frau, die Vögel aus einem Käfig in die Freiheit entlässt – ein Einschnitt in die Narrative des Freedom Trails, der die Bedeutung seiner Bezeichnung auf seine weißen Siedler beschränkt. Den Freedom Trail kreuzt der Black Heritage Trail, der separat existiert, also nicht ins große Narrativ eingebunden ist. Diese historisierten Wege durch die Stadt erscheinen mir repräsentativ für den Umgang und erfolgreichen internationalen Export der großen Erzählung von Freiheit und Demokratie. Die «banality of violence can never excuse America, because America makes no claim to the banal. America believes itself exceptional, the greatest and noblest nation ever to exist, a lone champion standing between the white city of democracy and the terrorists, despots, barbarians, and other enemies of civilization», schreibt Ta-Nahesi Coates in Between The World an Me an seinen Sohn gerichtet. Diesem Amerika begegne ich in seinem erfolgreich vermarkteten historischen Narrativ, in seinen Denkmälern und ‑tafeln, nicht aber durch die Menschen, mit denen ich in Kontakt komme.
Sie wähle schon immer demokratisch, versichert mir etwa meine temporäre Mitbewohnerin A., als müsste sie mich überzeugen. Als hätte ich ihre politischen Ansichten infrage gestellt. Als wolle sie klar gegen die fatalistischen Geschichten über Amerikaner*innen gehen, die uns Europäer*innen den Kopf schütteln lassen, wenn wir uns das Land oberflächlich anschauen und den Schlagzeilen über Trump und Co folgen. Andere berichten mir, dass sie der Politik Trumps kaum mehr folgen, dass die Sensationslust, die in der alten Welt noch aufrecht scheint, sich hier schon längst in Frustration transformiert hat und andere Themen ihre Stelle einnehmen. Vielleicht spricht man wieder mehr über Dinge, die in der Nachbarschaft geschehen und weniger über Politiker*innen, deren Kriege oder Ballsäle. Sogar der Hype um Mamdani wirkt in der europäischen Linken stärker, eilt doch in vielen Äußerungen an der Ostküste seinem Wahlsieg bereits Enttäuschung voraus, dass er vom Politapparat geschluckt werde, dass er nicht die Macht habe so viel zu verändern wie viele sich das vielleicht wünschen würden. A. wohnt seit sechs Monaten in der etwas heruntergekommenen Haus, das ich für ein paar Nächte beziehe, die Suche auf dem Wohnungsmarkt lässt sie in dieser Übergangssituation verweilen. Als pensionierte Krankenpflegerin hat sie die Hitze Arizonas hinter sich gelassen, um zu ihren Wurzeln in Massachussets zurückzukehren. Jetzt bringt die Zentralheizung die Luft in ihrem Zimmer zum Stehen. Von ihrer Großmutter, die eine Suffragette war, erzählt sie mir stolz und ich erwähne meine Urgroßmutter aus Chicago, deren Einstellung zum Frauenwahlrecht mir unbekannt ist. Der andere Mitbewohner huscht nur vorbei, um sich in zwei Sätzen über die Heizungsluft austauschen, bevor er wieder in seinem Zimmer verschwindet.
Viel gesprächiger empfängt uns der Kapitän der kleinen Fähre, die vom Hafen an Bostons North End nach East Boston übersetzt. Ich möchte das Meer sehen und spaziere mit K. hinunter zu den Docks. Als ich das «T»-Zeichen für öffentliche Verkehrsmittel an einem der Schiffe sehe, schlage ich vor, einzusteigen, vielleicht fährt es ja zu einer der vorgelagerten Inseln. Außer uns haben sich keine Passagier*innen hierher verirrt, der Kapitän öffnet uns die Klappe zum Deck, von dem aus wir frierend die Skyline betrachten. Es geht für ein paar Minuten nach Osten, und als wir ankommen, blicken wir an der Anlegestelle lediglich auf einen Block an Luxuswohnungen. K. und ich kehren enttäuscht und verfroren wieder zurück, bleiben diesmal unter Deck, gemeinsam mit den vier Angestellten. Der Kapitän erkennt lächelnd an, dass wir nicht über die Reling gesprungen sind. Ich kann seinem Bostoner Akzent nur schwer folgen, aber es berichtet wohl von seinem Vater, der als Fischer öfter Leute vor dem Ertrinken gerettet hat. Wir nicken erstaunt und dankbar dafür, in guten Händen und absprungbereiten Füßen über das Wasser geführt worden zu sein.
Über das Wasser schlittern auch die Boote in Robb Moss’ The Bend in the River, den uns B. und ich am Harvard Film Archive ansehen. Das Publikum besteht vor allem aus vertrauten Kolleg*innen und Freund*innen des Filmemachers, von dem wir noch nie und Google nur wenig gehört haben und der uns, wie alle anderen Gäste, mit einem Kopfnicken herzlich begrüßt. Sein Dokumentarfilm stellt sich nach Riverdogs aus 1981 und The Same River Twice aus 2003 als bisher letzter Teil einer Trilogie heraus, für die er über die Jahrzehnte hinweg alte Freund*innen aus seinen Zwanzigern besucht. In den Aufnahmen aus den 1970ern, die auch im neuen Film wieder auftauchen, lebt eine Gruppe von Leuten ganz im Sinne der Hippie Counterculture am Colorado River, macht Musik, klettert nackt herum, spürt sich selbst und vergisst den Rest der Welt. Nur einer von ihnen ist seinem jugendlichen Drang und Traum treu geblieben und bewohnt auch in höherem Alter noch ein überschaubares Stück Land mit einem winzigen Wohnwagen, um der Natur nah zu bleiben. Freiheit scheint für ihn ein individuelles, einsames Ereignis, das er in der Form mit kaum jemanden teilt, sei es in Colorado oder New England. Es ist nicht die vermeintliche Freiheit, die ein Freedom Trail für sich proklamiert, nicht die, von deren Betrug Coates schreibt, keine, die auf Kosten anderer geht.

