Friaulische Kassiber: Alluvionen

Im stei­len Berg­hang unter­halb von Mon­tenars, dort wo sie frü­her Zug­vö­gel gefan­gen haben, blü­hen die Früh­lings­blu­men bereits im Win­ter. Es gibt einen lich­ten Wald und den über meh­re­re Stu­fen ins Tal stür­zen­den Orven­co und ab und an einen Holz­steg, der übers Was­ser führt. Manch­mal gehe ich dort umher und fin­de die selt­sams­ten Din­ge. Neu­lich habe ich dir einen zer­bro­che­nen Por­zel­lan­tel­ler mit­ge­bracht und ein ander­mal das Zif­fer­blatt einer alten Stand­uhr. Du ver­mu­test, dass die­se Din­ge seit dem Erd­be­ben vor fünf­zig Jah­ren dort lie­gen. Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass etwas so lan­ge lie­gen bleibt, auch wenn es stimmt, dass die Men­schen davon reden, als wäre es ges­tern gewe­sen. Viel­leicht las­sen sie die Gegen­stän­de auch lie­gen, damit sie nicht ver­ges­sen. Man ver­gisst so leicht, obwohl man dau­ernd sagt, dass man nie ver­ges­sen kann.

Es gibt dort eine Stel­le, nicht unweit einer Lich­tung, auf der Oli­ven ange­baut wer­den, an der es einen hol­zig-nussi­gen Geruch hat. Ich ste­he oft dort und bil­de mir ein, eine Art Trau­er in der Land­schaft zu spü­ren. Die Bäu­me sind so still, wie die­je­ni­gen unter den Men­schen, die eben erst bemerkt haben, dass auch sie ster­ben wer­den. Die Grä­ser hal­ten ein­an­der fest. Der Nebel braucht nur Sekun­den, bevor er alles bedeckt. Du sagst mir, dass das, was ich als Trau­er emp­fin­de, das Unbe­re­chen­ba­re ist, dass sich ein­schreibt an Orte, die von sol­chen Kata­stro­phen heim­ge­sucht wer­den. Die Men­schen brau­chen nur eini­ge Jah­re, ehe sie glau­ben, dass ihnen nichts pas­sie­ren kön­ne. Die Pflan­zen und Tie­re brau­chen Jahr­hun­der­te. Wenn ich lan­ge dort ste­he, ler­ne ich von der Umge­bung. Ich mer­ke dann, dass alles ins Tal zieht und dass sich irgend­wo wei­ter unten ein rie­si­ges Grab befin­den muss, in dem Stei­ne, Träu­me und alte Geschich­ten über­ein­an­der­ge­sta­pelt liegen.

Fast tau­send Men­schen kamen ums Leben vor fünf­zig Jah­ren. Hun­dert­tau­sen­de ver­lo­ren ihr Heim. Der Orven­co ent­springt aus meh­re­ren Quel­len an den Süd­hän­gen des Mon­te Cuarn­an und ver­läuft sich im Tal in zahl­rei­che Allu­vio­nen. Schlamm klebt am Geröll. So sieht also die Erde aus, die sich auf­ge­löst hat, den­ke ich. Du fragst mich, wann wir wie­der dort­hin gehen, um in den Ril­len der Stei­ne unse­re Zukunft zu lesen. Bald, sage ich, als ich ein Rumo­ren unter mei­nen Bei­nen bemer­ke. Ein Erd­be­ben?, rufe ich erschro­cken. Du lachst. Es waren nur Holz­schei­tel, die aus einem Las­ter aus­ge­leert wur­den, damit der Nach­bar es warm hat in den Win­ter­ta­gen. Er ist ein alter Mann. Manch­mal wacht er in der Nacht auf und merkt, wie alles zit­tert. Er weiß nicht, ob es die Erde ist oder sein Kör­per. In der Mor­gen­däm­me­rung steht er auf und schaut hin­ab ins Tal. Das Tal war immer da, so lan­ge er sich erin­nern kann.