Friaulische Kassiber: Das Rauschen am Sbarramento sul Lavia

Nicht unweit des Sbar­ra­men­to sul Lavia, einer his­to­ri­schen Damm­kon­struk­ti­on an einem dort ent­ste­hen­den Wald­flüss­chen, leben zwei Esel im Morast. Spin­nen­krän­ze plus­tern sich im Luft­zug zwi­schen den Bal­ken des Holz­zau­nes auf, der ihr Gehe­ge umgrenzt. Das Janu­ar­licht wird von den Wald­kro­nen in tau­sen­de Tei­le zer­split­tert. Der Bach rauscht nur drei Meter von ihnen vor­bei, aber sie kön­nen nicht aus ihm trin­ken. Du streckst dei­ne Hand aus, obwohl wir nichts bei uns haben, um den Eseln Gutes zu tun. Über den klei­nen, schlam­mi­gen Abhang kom­men sie zu uns. Wie du stre­cke auch ich mei­ne Hand aus. Ich kann den war­men Atem aus ihren Nüs­tern auf mei­nem Hand­tel­ler spü­ren und so ste­hen wir für eini­ge Momen­te und schau­en uns in die Augen, die Esel und wir.

Ich sage, dass ich die­se Esel bes­ser ver­ste­he, als die meis­ten Men­schen, denen ich im Wald oder sonst­wo begeg­ne. Sie las­sen kei­nen Zwei­fel an ihrer Fried­fer­tig­keit. Sie wer­fen kei­ne Fra­gen auf. Erfin­den kei­ne Idea­le, für die sie ver­bren­nen. Sie behaup­ten nichts und gehen nir­gend­wo­hin, um sich selbst etwas zu bewei­sen. Sie haben kei­ne Plä­ne, nur manch­mal kei­ne Lust. Sie kom­men zu mei­ner aus­ge­streck­ten Hand und mer­ken, dass ich weder Äpfel noch Karot­ten in ihr habe. Dann ste­hen wir uns gegen­über und schwei­gen. Es gibt nichts zu sagen, nichts zu tun. Wir haben nichts von­ein­an­der zu erwar­ten. Wir kön­nen uns berüh­ren, aber uns tren­nen Welten.

Das ist einer die­ser Orte, sagst du plötz­lich, an denen die Stun­den nicht mehr gezählt wer­den. Erst den­ke ich, du beziehst dich auf die Esel, die nun in einer Stil­le ver­har­ren, als wür­den sie dem Gesum­me der Win­ter­bie­nen in den Hasel­sträu­chern lau­schen, die über den Zaun in ihr Gehe­ge ragen. Aber das ist nicht, was du meinst. Du deu­test auf den Bach und ich höre ihn. Ich höre, wie er rauscht. Ein gleich­blei­ben­der Ton, wenn man aber die Augen schließt, kann man unzäh­li­ge Stim­men aus die­sem Rau­schen ver­neh­men. Sie erzäh­len von Dür­ren und von einer Flut in den 1920er Jah­ren. Sie erzäh­len von den Frau­en, die hier vor Jahr­zehn­ten ihre Klei­der wuschen. Sie erzäh­len von den Schnee­glöck­chen, die jeden Augen­blick zu sprie­ßen begin­nen. Sie erzäh­len vom Schmet­tern der Buch­fin­ken, die den Regen ankün­di­gen, der bald fal­len wird. Es gibt kei­ne Zeit in die­sem Bach­rau­schen, kei­ne Zeit, wie wir sie ken­nen mit Uhren und Ter­mi­nen. Viel­mehr eine im ste­ten Dahin­flie­ßen erzeug­te Echo­kam­mer, die immer dann, wenn es Was­ser gibt, alles zugleich wie­der­gibt, was aus den Morä­nen in die Wahr­neh­mung drin­gen kann. Wer behaup­tet, man kön­ne nicht zwei­mal in den sel­ben Fluß sprin­gen, über­sieht, dass man nicht ein­mal in den­sel­ben Fluß sprin­gen kann, man springt immer in tau­sen­de Ströme.

Die Esel lau­schen die­sen Stim­men aus dem Rau­schen jeden Tag. Ich fra­ge mich, wie es ihnen ergeht, wenn die­ses Rau­schen ein­mal aus­setzt oder gar nie wie­der kommt. Dann ste­hen sie vor der Zeit wie vor unse­ren aus­ge­streck­ten Hän­den, erwar­tungs­los und vor einer Welt, die ihnen nichts mehr sagt.