Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Zürcher Kassiber: Möglichkeiten

Im Zür­cher Dörf­li ret­tet ein klei­nes Buch­ge­schäft die Wür­de der geschmack­los von Glit­zer über­zo­ge­nen Fla­nier­mei­le. Es ist schon Abend, ich möch­te eigent­lich ins Hotel, der Tag war lang. Du aber gehst auf das Geschäft zu, siehst im Schau­fens­ter Ein­bän­de, die dir gefal­len. Wir lesen ein klei­nes Schild, der Laden hat noch zehn Minu­ten geöffnet.

Du gehst rein, ich hin­ter dir. Die Tür fällt zu, ich glau­be es klin­gelt, aber viel­leicht bil­de ich mir das nur ein. Ich den­ke noch an die erqui­cken­de Stil­le, die einen an sol­chen gegen die Zeit gerich­te­ten Orten ent­ge­gen­tritt, da pin­kelt ein zot­te­li­ger Hund vor uns auf den Tep­pich. Erschro­cken springt der so kurz vor sei­nem Fei­er­abend müde drein­schau­en­de Buch­ver­käu­fer hin­ter sei­nem Tisch her­vor, er ent­schul­digt sich, der Hund sei alt, wis­se nicht mehr so recht, ob er drau­ßen oder drin­nen wäre. Er rollt den Tep­pich ein und trägt ihn mit­samt des Hun­des nach drau­ßen. Mir fällt auf, dass es trotz­dem nicht nach Hun­de­pis­se stinkt, es riecht nach Büchern.

Du schaust dich mit gro­ßen Augen um. Weißt du, wor­an man eine gute Buch­hand­lung erkennt? Es gibt mehr Bücher als Rega­le. Wir ver­lie­ren uns zwi­schen den Wör­tern, die wir noch nicht ken­nen. Du weißt nicht, ob wir uns ein Buch leis­ten kön­nen, aber du fühlst dich wohl, wenn nur die Mög­lich­keit besteht.

Spä­ter gehen wir noch ein biss­chen im Abend­licht umher. Die zehn Minu­ten im Buch­ge­schäft haben den Tag ver­jüngt. Wir haben min­des­tens so vie­le Mög­lich­kei­ten, wie es unge­le­se­ne Bücher gibt. Du siehst das Geburts­haus von Gott­fried Kel­ler, dane­ben ein Spi­ri­tuo­sen­ge­schäft. Die Lite­ra­tur, sagst du, beginnt immer dort, wo sie unmög­lich gewor­den ist. Ich wider­spre­che dir. Sie beginnt ein­fach dort, wo jemand liest. Du wider­sprichst mir. Nein, sagst du, sie beginnt dort, wo jemand lesen möchte.

Ich habe dir ein Buch gekauft im Buch­ge­schäft. Aber das hat nichts damit zu tun.

Dein Patrick