Wie du weißt, habe ich mich in den letz­ten Wochen, wie Jac­cot­tet ein­mal geschrie­ben hat, «mit dem Schö­nen umge­ben», sodass ich wie gelähmt war und kei­ne Wor­te fin­den konn­te für die Stät­ten, die ich besucht habe. Mir schien es fehl­ge­lei­tet, die selbst­ge­nüg­sa­me Erha­ben­heit man­cher Orte mit mehr oder weni­ger ange­strengt lyri­schen Sät­zen zu ver­de­cken, ich woll­te ein­fach nur da sein, ganz unbe­dacht und ohne mei­ne Füh­ler nach mög­li­chen Beschrei­bun­gen und Meta­phern aus­zu­fah­ren, bemerk­te aber mit zuneh­men­der Dau­er, dass ich nie wirk­lich oder als gan­zer Mensch da bin, wenn ich nichts zu schrei­ben weiß. So sind sie eben, die klei­nen, irrele­van­ten Unglü­cke und Wider­sprüch­lich­kei­ten des Alltags.

Dazu kommt, dass ein Gewis­sen an mir nagt, von dem ich nicht weiß, ob es wirk­lich aus mir kommt. Es hängt damit zusam­men, dass ich in die­sen Zei­len, die ich als Gefan­ge­ner der Gegen­wart ver­fas­se, für gewöhn­lich von jenen Din­gen berich­te, die sich in mei­ner Wahr­neh­mung noch unter Schön­heit ver­sam­meln. Wie kann ich nur?, hadert da das Gewis­sen und ich gebe zu, dass ich manch­mal wan­ke, zwi­schen mei­ner Über­zeu­gung, dass es eine radi­ka­le Hin­wen­dung an eben das braucht, was es noch Fei­erns­wer­tes, Erstre­bens­wer­tes gibt und dem leich­ten Schau­der sich selbst gewahr wer­den­der Pri­vi­le­gi­en, dem Luxus, wie Jean-Marie Straub gesagt hät­te, die­ser Ein­fach­heit der genom­me­nen Zeit und des unbe­ding­ten Seins.

Aber sei’s drum, ich kann mir nicht hel­fen, es gibt sicher­lich schlim­me­re Sün­den, als Brie­fe zu schrei­ben, die ein biss­chen Licht zulas­sen. Ich fürch­te ohne­hin, dass es nur ein Fla­ckern ist, so wie jenes, das die Mücke anlockt und in dem sie verbrennt.

Was ich dir schrei­ben möch­te: Bei all dem, was ich so wort­los stau­nend gese­hen habe auf mei­nen Rei­sen woll­te mir die­se Begeg­nung am Gri­vò, einem an der ita­lie­nisch-slo­we­ni­schen Gren­ze tal­wärts stre­ben­den Was­ser­lauf, nicht aus dem Kopf gehen, ich wür­de sogar sagen, dass sie mich in den ver­gan­ge­nen Tagen gera­de­zu ver­folgt hat. An einer Stel­le näm­lich, an der sich der Fluß teilt und sich über aus der Erde ragen­den Gesteins­flä­chen in ste­hen­de Tüm­pel ver­teilt, sah ich zufäl­lig zwei leuch­ten­de Feu­er­krea­tu­ren im eis­kal­ten Was­ser tau­chen. Zunächst dach­te ich, es hand­le sich um urzeit­li­che Wesen, die hier seit Mil­lio­nen Jah­ren wie aus dem Schwarz gefal­le­ne Ster­ne unter dem Was­ser die Luft anhal­ten, auf dass sie nicht ent­deckt wer­den. Du aber wuss­test sofort, dass es sich um Sala­man­der­lar­ven han­del­te, sie wür­den durch Kie­men atmen, sag­test du, bevor sie alt genug wären, um das Was­ser zu ver­las­sen. Wir hiel­ten die Luft an und betrach­te­ten sie.

Sala­man­der, von denen Octa­vio Paz ein­mal behaup­te­te, sie wür­den spre­chen wie Quel­len, vom Ursprung der Din­ge aus also, die­se Töch­ter des Feu­ers, Geis­ter des Feu­ers, das Gewicht des Lichts. Sie, die das Feu­er nicht berüh­ren kann. Ich kann bis heu­te nicht begrei­fen, dass die­se Tie­re aus Lava am Grund eines Gebirgs­bachs, am kühls­ten Ort der Welt auf ihre Zukunft war­ten. Spä­ter sag­test du mir, dass sie drei Mona­te so leben wür­den, ehe sie sich ver­wan­deln und das Was­ser ver­las­sen müs­sen. Ich wag­te kaum, mich zu bewe­gen, obwohl ich genau erken­nen konn­te, dass ich nichts für sie war, viel­leicht ein Schat­ten vor ihrer Schwes­ter, der Son­ne, im Halb­licht des Hains. Eigent­lich kann ich nicht glau­ben, dass es sie gibt.

Seit die­ser Begeg­nung fra­ge ich mich, wie es sein kann, dass die­se Sala­man­der­lar­ven in der sel­ben Welt leben wie ich. Ich glau­be, dass ich das mei­ne, wenn ich so leicht­sin­nig von Schön­heit schrei­be. Etwas das so durch­läs­sig schim­mert wie die Haut eines Sala­man­ders, so sehr da und doch unwirk­lich. Ich habe sie über­all gese­hen, wo ich seit­her war. Ihre Augen­schlit­ze, ihre zucken­den Schat­ten­blit­ze und dazwi­schen ihr Lodern, als müss­te ich mich nur von ihnen abwen­den, um mei­ne Welt erkal­ten zu lassen.