Gnade der Länge – La Grazia von Paolo Sorrentino

Text: Gerd Sulzenbacher

Zurück in der Ewi­gen Stadt wid­met sich Pao­lo Sor­ren­ti­no dem Alter und der Sor­ge. Wäh­rend La Gra­zia gewich­ti­ge The­men mit gro­ßer Leich­tig­keit vor­stellt, macht sei­ne wür­de­vol­le Lang­at­mig­keit ihn träge.

Staats­prä­si­dent Maria­no De San­tis (Toni Ser­vil­lo), Spitz­na­me »Stahl­be­ton«, ist ein frei­mü­ti­ger Zweif­ler. In den letz­ten sechs Mona­ten sei­ner Amts­zeit hat er über den Ent­wurf eines Eutha­na­sie­ge­set­zes sowie über zwei Gna­den­ge­su­che zu ent­schei­den. Zau­dernd wie Ham­let treibt sich De San­tis in Gefolg­schaft sei­nes Leib­wäch­ters (Orlan­do Cin­que) auf der Mau­er des Qui­ri­na­le her­um, um die täg­li­che Ziga­ret­te zu rau­chen und sei­ner ver­stor­be­nen Ehe­frau Auro­ra zu gedenken.

Der Staats­prä­si­dent lebt und arbei­tet zusam­men mit sei­ner Toch­ter Doro­tea (Anna Fer­zet­ti), die den Gesetz­ent­wurf auf die Kor­rek­tu­ren des Vaters hin wie­der und wie­der umschreibt. Als er vor dem Unter­schrei­ben ein wei­te­res Mal zurück­weicht, schmeißt sie ihm den Ent­wurf hin und fragt: »Di chi sono i nos­tri gior­ni?« (Wem gehö­ren unse­re Tage?) – Indem De San­tis die Ent­schei­dun­gen bis zuletzt hin­aus­zö­gert, drif­tet die Hand­lung kon­se­quent in ver­schie­de­ne Neben­schau­plät­ze ab: Gefäng­nis­se, eine Welt­raum­kap­sel, der Todes­kampf eines Pfer­des und so wei­ter. Inseln des Lebens, Orte der äußers­ten Exklu­si­on und Isolation.

La Gra­zia ist eine Phan­ta­sie oder ein Capric­cio über das ver­bor­ge­ne Leben des höchs­ten Beam­ten des Staa­tes. Erfri­schend anders für Sor­ren­ti­no ist der Prot­ago­nist dies­mal kein Bild­schö­ner, Begehr­ter, Mal­e­fi­zi­scher. Wir sehen einen besorg­ten, Sor­ge tra­gen­den Büro­kra­ten. Mit den Abläu­fen bes­tens ver­traut, weiß De San­tis auch schon im Vor­aus, was die ande­ren ihn fra­gen wol­len: »Chie­di­me­lo!« (Frag es mich!) Dadurch wir­ken die Dia­lo­ge manch­mal papie­ren, was die Figu­ren in einer unfrei­wil­li­gen Durch­sich­tig­keit daste­hen lässt, die das Schau­spiel nicht immer zurei­chend bedeckt.

En Gros ver­fährt Sor­ren­ti­no aber in bekann­ter Manier: Intro­spek­ti­ver Blick auf die Per­son der Herr­schaft (Fall­hö­he), Cho­reo­gra­fie und Tanz des sie umge­ben­den Hof­staa­tes (Reprä­sen­ta­ti­ons­ap­pa­rat), Fokus auf mensch­lich-all­zu­mensch­li­che Pro­ble­me des Prot­ago­nis­ten (Iden­ti­fi­ka­ti­ons­an­ge­bot). Für die Abs­trak­ti­on des rei­nen Gefühls die­nen opern­haf­te Ges­ten eben­so wie der hono­rier­te Volks­mund, ver­tre­ten durch De San­tis bes­tie, die saf­tig-flu­chen­de Kunst­kri­ti­ke­rin Coco Valo­ri (Mil­via Mari­glia­no), durch zeit­ge­nös­si­schen Rap (Guè, als er selbst) und durch einen Alpi­ni-Män­ner­chor (Coro dell› Asso­cia­zio­ne Nazio­na­le Alpi­ni di Torino).

Der Film hat Län­gen, zuneh­mend meh­re­re, wodurch ihm Hand­lung und Span­nung immer wie­der abhan­den­kom­men, unter­tau­chend in stum­men Stand­bil­dern des rau­chen­den Prot­ago­nis­ten in Anbe­tracht eines Stücks Land­schaft. Eine Stumm­heit, die anfangs beredt ist, spä­ter an Geschwät­zig­keit grenzt. Hier holt La Gra­zia Luft. Es sind zugleich die dich­tes­ten Stel­len und selt­sa­mer­wei­se jene, wo der Film der Schwe­re des Stof­fes bei­na­he ent­schwebt. Der Ziel­lo­sig­keit, mit der sich zwei Drit­tel der Lauf­zeit ohne Erwar­tungs­freu­de hin­wäl­zen, haf­tet den­noch Will­kür an.

Der Fluss der Bil­der ver­läuft in ein­ge­fah­re­nen Bah­nen und zwi­schen begra­dig­ten Ufern. Kaum Neu­es wird vom Grund her­auf­ge­spült. Die Bewe­gung sucht ihren Weg weni­ger in der Tie­fe als in der Brei­te, sich in Ver­lang­sa­mung aus­brei­tend. Eine Fließ­ge­schwin­dig­keit, bei der man emp­find­sam und genau das Vor­bei­zie­hen von Schwemm­holz betrach­ten kann, das auf der Was­ser­ober­flä­che treibt, und vor­bei­treibt, und vor­bei­ge­trie­ben ist, durch­bro­chen nur durch das blitz­ar­tig auf­zu­cken­de Leben selbst, in Gestalt eines unver­hoff­ten Lächelns oder eines her­ein­bre­chen­den Tech­no-Beats: ein Fest anteasernd, zu dem es nicht kommt.

Neben win­ter­li­chen Land­schaf­ten sehen wir Innen­räu­me und man­che Stadt­an­sicht, die als Vedu­ten dar­an erin­nern, dass die stei­ner­ne Insel des Qui­ri­nals­pa­las­tes mit­ten in Rom liegt. Gemes­sen an der Ewi­gen Stadt mag ein mensch­li­ches Schick­sal leicht kurz­wei­lig erschei­nen. Und viel­leicht auch zum Trotz sucht Sor­ren­ti­no dies­mal kei­ne Gro­ße Schön­heit, son­dern Gna­de und Anmut in der Län­ge und bei den Din­gen, die fast ein Leben lang andau­ern: Arbeit, Sor­ge, Verlust.

In den Bil­dern lee­rer Säle und ein­sa­mer Büros fin­den die Gedan­ken zu den gro­ßen The­men aller­dings kei­nen Halt, sie rut­schen ab und kön­nen sich nur mehr in den Fal­ten­wür­fen der alten Vor­hän­ge ver­ste­cken: Die Kon­tem­pla­ti­on, zu der die Lee­re der Räu­me ver­führt, ist nur schein­bar. Etwas Teuf­li­sches steckt den­noch in der Ord­nung der vor Wür­de star­ren Bil­der­welt, ein wenn auch nur ver­mu­te­ter Hin­ter­sinn, der wach hält und am Ein­schlaf hin­dert. Als könn­te man nicht anders, als an der Ober­flä­che der Din­ge anzu­sto­ßen, die einen vereinzeln.

»Di chi sono i nos­tri gior­ni?«, heißt es gegen Ende noch ein­mal. Die Fra­ge hat eine poli­ti­sche Trag­wei­te. Wie Suzan Vahabzadeh in der Süd­deut­schen Zei­tung schreibt, steht sie in Anleh­nung an eine Stel­le im Pau­lus­brief: »Einer tra­ge des andern Last, so wer­det ihr das Gesetz Chris­ti erfül­len«, und berüh­re damit die Fra­ge, ob Men­schen ein­an­der eine Bür­de sein dürfen.

Die Kraft der Sen­ti­men­ta­li­tät, die Sor­ren­ti­no rou­ti­niert hand­habt, ist weder plump noch Geha­be, in La Gra­zia wirkt sie stel­len­wei­se aber erwart­bar ein­ge­setzt. Unter der epi­schen Schwe­re des Stoffs knickt sie zuwei­len ein. Durch den offen­si­ven Läu­te­rungs­cha­rak­ter des Epi­logs zer­fließt Rüh­rung schließ­lich in Rühr­se­lig­keit. Im Gegen­teil dazu führt eine Neben­hand­lung über das Nicht­wis­sen der Eifer­sucht zu einer über­ra­schen­den Kathar­sis, die wie ein ver­früh­ter Höhe­punkt die Dra­ma­tur­gie noch­mal glück­lich auflockert.

Eine leich­te Straf­fung hät­te den in die Län­ge gezo­ge­nen Abgang etwas gnä­di­ger gestaltet.