Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

August Winds

Filmfest Hamburg: I Can Dance, I Can Drink, In The Dark It’s All A Trick

Nun bin ich also wie­der auf dem Film­fest in Ham­burg. Ich bemer­ke die Lächer­lich­keit der Film­kri­tik: Schrei­be etwas zu Fil­men, die du über­mü­det und hin­ter­ein­an­der anschaust. Neh­me dich wich­tig. Neh­me dich nicht zu wich­tig. Dei­ne Mei­nung zählt. Dei­ne Mei­nung ist den Fil­men egal. Und: Wel­che Fil­me siehst du dir heu­te noch an? Ah ja, den, ja den fand ich ganz toll. Ich schau mir das an. Man sieht sich sicher noch…

Rot/​Gelb sind die­ses Jahr die Far­ben in Ham­burg. Also auf den Fah­nen und dem Kata­log und so. Man kommt an und inner­halb von weni­gen Sekun­den hat man alles was man so braucht. Eine Akkre­di­tie­rung. Sie bau­melt um den Hals, wenn ich mit mei­nem Klapp­rad durch die Stadt rase. Schö­nes Gefühl. Es gab einen Kri­ti­ker­pa­nel mit aller­hand Kri­sen: Eine media­le Kri­se, eine Kri­se der Film­kri­tik, eine Kri­se des Film­schaf­fens, eine Kri­se des Publi­kums, eine Kri­se der Film­welt all­ge­mein, his­to­ri­sche Kri­sen, kei­ne Kri­sen. Das will man hören, wenn man auf ein Fes­ti­val kommt, um Fil­me zu sehen. Aber Film­kri­tik ist natür­lich wich­tig. Ist sie das? Ich habe eine Kri­se. Bin ich eigent­lich ein Ama­teur­kri­ti­ker? Wer unter­schei­det eigent­lich zwi­schen Ama­teur­kri­ti­kern und Pro­fis? Wie ist das eigent­lich bei Fil­me­ma­chern? Ist Kri­tik eine Kunst? Ist Kunst eine Kri­tik? Dann war da noch ein Publi­kum. Das Publi­kum, so Rüdi­ger Suchs­land, liegt auch mal falsch. Der Kri­ti­ker auch? Der Fil­me­ma­cher sowie­so? Der Mensch an sich? Mein Hotel­zim­mer ist grö­ßer als mei­ne Woh­nung in Wien. Ich blei­be noch.

Filmfest Hamburg 2014

Dann gibt es immer so Momen­te auf Fes­ti­vals, da wünscht man sich eigent­lich woan­ders zu sein. Manch­mal, weil man sich nicht wohl fühlt oder weil man sich beson­ders wohl fühlt und sich bestimm­te Men­schen an sei­ner Sei­te wün­schen wür­de, die in die­sen Augen­bli­cken mit den­sel­ben Augen einen Film sehen, die im glei­chen Rhyth­mus schau­en. So erging es mir letz­tes Jahr in Raya Mar­tins How to dis­ap­pear com­ple­te­ly (den ich nicht oft genug erwäh­nen kann, weil ich-und jetzt kommt ein Wort­spiel-nicht weiß, wohin der ver­schwun­den ist…) und die­ses Jahr bereits am ers­ten Tag in Vent­os de Agos­to von Gabri­el Mas­ca­ro. Ein Film, der so sehr mit einer Sinn­lich­keit und eth­no­gra­phi­schen Geduld arbei­tet, dass man­cher über­se­hen mag, wel­cher Kon­flikt zwi­schen Leben und Ster­ben, zwi­schen der Sehn­sucht nach Ver­än­de­rung und der Sehn­sucht nach dem eige­nen Ver­ge­hen sich da in Pan­aro­ma-Plea­su­re ent­fal­tet. Es ist dies eine Reflek­ti­on über ein Lie­bes­spiel zwi­schen dem Tod und der Lebens­lust. Dabei geht es um Erin­ne­rung, Fleisch und Jugend genau­so wie um das all­täg­li­che Leben an einem unbe­kann­ten Ort. Die Geschich­te ent­fal­tet sich sub­til zwi­schen den Bil­dern. Man kann sie suchen, aber man kann sich auch ein­fach auf eine Bil­der­rei­se bege­ben. Hier wird von zwei Polen in einer Bezie­hung erzählt, die bei­de aus ihren jewei­li­gen Umstän­den her­vor­ge­hen. Die weib­li­che Prot­ago­nis­tin sieht das Leben in allem. Ein Bei­spiel dafür ist der Umgang mit ihrer Groß­mutter. Sie lebt im Moment, in der Lust des Moments, im Drang etwas zu spü­ren. So cremt sie sich mit Cola ein und flir­tet ohne Unter­lass mit dem Gedan­ken an Tatoos. Der männ­li­che Prot­ago­nist dage­gen ist fas­zi­niert vom Tod, er will das Leben gar nicht ver­än­dern oder ret­ten, er sucht nach den Mys­te­ri­en, wie den atmen­den Lun­gen von Fel­sen oder dem Gold­zahn einer Lei­che. Eine Ver­wandt­schaft zu Lisan­dro Alon­sos Medi­ta­tio­nen auf die See­le ein­sa­mer Süd­ame­ri­ka­ner ist nicht von der Hand zu wei­sen. Spra­che wird nur sehr gering­fü­gig ein­ge­setzt, oft ver­schwin­den die Figu­ren fast im Dickicht des Urwalds und der Bil­der. Dabei ver­gisst Mas­ca­ro hier und da, auch im Bana­len etwas Schö­nes zu suchen. So ist jede Ein­stel­lung ein Beau­ty-Shot und das kann einem irgend­wann zu viel wer­den. Auf der ande­ren Sei­te aber ent­wi­ckelt sich dadurch eine ganz eige­ne Ver­frem­dung, die vom eigen­wil­li­gen Humor und der Fähig­keit des Films „zu hören“ unter­stützt wird. Denn wie in einer ande­ren por­tu­gie­sisch-spra­chi­gen Groß­tat mit dem Monat August im Titel, näm­lich Miguel Gomes‘ Aque­le Quer­ido Mês de Agos­to wird auch bei Mas­ca­ro der Pro­zess der Ton­auf­nah­me in Bil­der gesetzt und damit hör­bar. Das Meer wird dadurch auch zu einem eige­nen Cha­rak­ter. Ein Arbeit­ge­ber, ein Mör­der, ein Geheim­nis. Vol­ler Geheim­nis­se steckt auch der Film selbst, denn er funk­tio­niert tat­säch­lich ein wenig wie ein Wind im Som­mer. Man glaubt ihn zu ken­nen, aber er fühlt sich dann doch immer etwas anders ein, ein Schnitt und plötz­lich könn­te ein Gewit­ter kom­men, das himm­li­sche Kind. Das Ende erin­ner­te mich sehr stark an jenes von Pri­me­ro estaba el mar von Tomás Gon­zá­lez. Als wür­de die Ver­gan­gen­heit von der Gegen­wart geküsst wer­den und Zeit zeugen.

August Winds

Schön frü­her am Tag habe ich Par­ty Girl von Marie Amachou­ke­li, Clai­re Bur­ger und Samu­el Theis gese­hen. Ich höre Dia­lo­ge im Kino: „Komm, lass uns am Rand sit­zen, dann kön­nen wir im Not­fall gehen.“ Ande­rer Dia­log im Kino: „Heu­te Abend bin ich in Dolan.-Ja?-Ja, ich habe extra bis heu­te gewar­tet, weil ich woll­te ihn mit Dolan sehen.-Ok-Ja, er hat ja Flug­angst und da ist es was ganz beson­de­res, dass er heu­te hier ist.-Ja, ich moch­te sei­ne Fil­me ja nicht so. Also die drei (*mmh*) vor dem jet­zi­gen-Ja, nicht?- Ja also den I kil­led my mother, sein ers­ter Film, der war so schreck­lich. Da habe ich ganz gegen die Inten­ti­on des Regis­seurs mit der Mut­ter gefie­bert. Der ist ja immer so selbstverliebt.-Ja.» (Film beginnt)

Schö­ne Musik am Ende von Par­ty Girl:

In Kokos­nüs­sen schla­fen, davon träu­men mit­ein­an­der zu schla­fen, den Wind hören, mit den Fel­sen atmen, zuse­hen, Arbeit, Musik, die Toten leben, ein Traum, eine Beer­di­gung, ein Grab im Meer, das Meer nimmt sich, was es sucht, es ist ein Geist, der Wind auch, ein Kuss, eine Ableh­nung, Begeh­ren, Sehn­sucht, Ster­ben und dann leben. Wie in der Kri­se des Kinos.