Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Les yeux sans visage Edith Scob

Land of the Dead: Change your Face!

In einem Hor­ror­film ver­lie­ren die Prot­ago­nis­ten oft ihr Gesicht. Ihr Vater ist Fran­ken­stein und ihre Mut­ter ist Chris­tia­ne Génes­sier, also Edith Scob in Les yeux sans visa­ge. Sie waren kein glück­li­ches Paar, ihre Kin­der sind ent­stellt. Inner­halb der Land of the Dead Schau im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um sehen wir sie und auch außer­halb. Nicht wirk­lich, aber etwas von ihnen.

1.Operation

Les yeux sans visage von Georges Franju

Der Traum von vie­len Men­schen. Man ver­än­dert sein Gesicht. Lasst uns nur an Time von Kim Ki-duk den­ken, indem die Prot­ago­nis­tin Angst davor hat, dass ihr Part­ner sie für eine jün­ge­re Frau ver­lässt und sich des­halb ein neu­es, jugend­li­ches Gesicht trans­plan­tie­ren lässt. Was sie nicht bedenkt ist, dass sie zum einen dafür sehr lan­ge ver­schwin­den muss und er sie zum ande­ren nicht mehr erken­nen wird. In Fran­ken­stein Must Be Des­troy­ed von Terence Fisher muss der Kör­per und damit auch das Gesicht gewech­selt wer­den, um das Gehirn am Leben zu hal­ten. Die Moral ist, dass das kei­ne Moral hat. Der Ope­ra­ti­ons­tisch selbst als Anstoß des Ekels. Es wird klar, was für eine sol­che Ope­ra­ti­on not­wen­dig ist: Blut und schmut­zi­ge Hän­de. Es ist nicht der Laser und die Melo­die wie in Mis­si­on: Impos­si­ble, son­dern es ist das Berüh­ren, das Ver­än­dern selbst, was uns Angst macht. Das feh­len­de Ver­trau­en in das Gesicht eines Men­schen kommt erst spä­ter. John Woo, der neben Mis­si­on: Impos­si­ble II auch in Face/​Off über die Ver­wir­run­gen eines ver­tausch­ten Gesichts nach­dach­te, igno­riert den Schmerz der Ope­ra­ti­on zuguns­ten einer ernst­haf­ten Ver­wechs­lungs­ko­mö­die, die natür­lich auch unter fast jedem Hor­ror­film lau­ert. Es gibt hier eini­ge Aspek­te des Hor­rors: Das Ein­grei­fen von einer frem­den Per­son in die eige­ne Ober­flä­che, das Sicht-Nicht-Wie­der­erken­nen, die Ent­stel­lung, der mora­li­sche Hor­ror. Char­lie Chap­lin konn­te gar nicht genug bekom­men von die­sem Hor­ror. So wird er in The Idle Class für einen ande­ren gehal­ten wäh­rend der ande­re in einer Rit­ter­rüs­tung gefan­gen ist, in A King in New York unter­zieht sich der High-Socie­ty Exil-Poli­ti­ker einer Schön­heits­ope­ra­ti­on, die sei­ne Wer­be­kar­rie­re antrei­ben soll, um in einen Schock zu ver­fal­len, ob dsei­ner miss­lun­ge­nen Nase. Chap­lin lässt immer wie­der Men­schen erschre­cken, wenn sie sei­ne Figur sehen. Und dann war da noch das Ende von City Lights, das die­sen Hor­ror benutzt und exakt in sein Gegen­teil ver­kehrt. Die Ope­ra­ti­on fin­det hier nicht am Gesicht statt son­dern an den Augen der Betrach­te­rin. Und der Moment des Erken­nens bleibt einer der trau­rigs­ten und schöns­ten der Film­ge­schich­te. In Fran­ken­stein Must Be Des­troy­ed ver­steckt sich der, in einem ande­ren Kör­per exis­tie­ren­de Ehe­mann vor sei­ner Frau. Er spricht mit ihr, aber sie darf ihn nicht sehen. In die­sem Moment des Nicht-Sehen-Dür­fens liegt ein gro­ßes Span­nungs­mo­ment, weil der Nicht-Blick vol­ler Begeh­ren ist. Wie der Blick durch das Schlüs­sel­loch, selbst wenn man weiß, dass dahin­ter der Hor­ror lau­ert. Sei es in Form eines Spie­gels oder in Form des Ver­stell­ten, Unerkennbaren.

2. Defor­ma­ti­on

Les yeux sans visage Edith Scob

Häu­fig eine Fol­ge von Ope­ra­tio­nen, aber auch von Unfäl­len, Gewalt­ta­ten, Krank­hei­ten oder sons­ti­gen uner­klär­li­chen Grün­den sind die Defor­ma­tio­nen in den Gesich­tern des Hor­rors. Man den­ke nur an die Haut­fle­cken, Zäh­ne und schie­fen Bli­cke der net­ten Fami­lie in The Texas Chain­saw Mas­sacre. Oder an die sich nach und nach voll­zie­hen­de Ver­wand­lung des Wis­sen­schaft­lers in David Cro­nen­bergs The Fly. Hier schei­nen die Kör­per stär­ker zu sein als die See­len, wenn es die­se gibt. Eine sol­che Defor­ma­ti­on löst zugleich Neu­gier und Ekel in uns aus. Wir wol­len nicht hin­se­hen, aber wir tun es doch. Nicht umsonst heißt Ale­jan­dro Amená­bars Gesichts­ent­stel­lungs-Ver­wand­lungs-Traum-Fan­tas­tik Abre los ojos; das uner­träg­li­che Sein des Selbst, wie kommt man mit sei­nem Gesicht zurecht, wenn man plötz­lich aus­sieht wie eine Flie­ge? Wenn man die Augen nicht öff­net wie in Nico­las Roegs Don’t Look Now könn­te einem die Defor­ma­ti­on eines fal­schen Traums durch alle Glie­der fah­ren. Das rote Mäd­chen, das viel­leicht der Geist der Toch­ter ist, hat ein ande­res Gesicht in den Gas­sen von Vene­dig. Eines der Pro­ble­me, die ich mit dem Gen­re habe, ist dass es ganz sel­ten sub­til zugeht bei Defor­ma­tio­nen. Es scheint die­ses unge­schrie­be­ne Gesetz zu geben, dass man mit mög­lichst abar­ti­gen Ent­stel­lun­gen auf­war­ten muss und die­se mit Kame­ra und Schnitt auch mög­lichst deut­lich ins Gesicht der Zuschau­er (soll­ten die­se ihres noch besit­zen) schleu­dert. Span­nen­der hat sich da Geor­ge A. Rome­ro der The­ma­tik in sei­nem Night of the Living Dead genä­hert. Denn hier liegt in der Defor­ma­ti­on nicht nur ein Ekel, son­dern auch zugleich eine Ver­un­si­che­rung und eine Schön­heit. Die Ver­un­si­che­rung kommt daher, weil sich die Unto­ten nicht so sehr von den Men­schen unter­schei­den, auch wenn man sie mit einem Blick zu erken­nen glaubt. Neben dem Ende bie­tet auch die Eröff­nungs­se­quenz am Fried­hof ein Bei­spiel dafür. Die Schön­heit der Ent­stel­lung liegt in ihrer Ein­sam­keit. Das ist zwar eine alte Oscar­ge­wi­ner-For­mel, aber bei Rome­ro ist sie von Ver­trau­en in die Wahr­neh­mung des Zuse­hers beseelt. Kei­ner sagt uns, dass die Unto­ten schön sind, wir kön­nen es ganz ein­fach hören. Die­se Defor­ma­tio­nen hän­gen natür­lich oft am Prin­zip des Body-Hor­rors, aber dass ein sol­cher Gesichts­ver­lust auch einer exis­ten­tia­lis­ti­schen Kri­se gleich aus einer inne­ren Ver­än­de­rung in der Hal­tung gegen­über Leben und Ster­ben ent­ste­hen kann, zeigt das Vam­pir­gen­re, das mit Near Dark von Kath­ryn Bige­low oder Only Lovers Left Ali­ve von Jim Jar­musch roman­tisch-melan­cho­li­sches Bedau­ern über die eige­ne Defor­ma­ti­on mit sich trägt, auch wenn in letz­te­rem eine abge­klär­te Distanz zum Gan­zen mit­schwingt. Die Ver­bren­nun­gen, die die Vam­pi­re bei Bige­low im Tages­licht erlei­den, kom­men nicht von der Son­ne son­dern von einer Ver­än­de­rung in der See­le der Figu­ren. Es ist äußerst scha­de, dass die Regis­seu­rin die­se Tat­sa­che in ihrem tes­to­ste­ron­ge­steu­er­ten Action­spek­ta­kel im letz­ten Drit­tel igno­riert. Jar­musch ist da coo­ler mit sei­nen Son­nen­bril­len in der Nacht, aber er redet auch sehr ger­ne über Pop­kul­tur. Was bleibt sind die sich ver­wan­deln­den Augen von Amy Adams in The Mas­ter von Paul Tho­mas Ander­son. Vor allem des­halb, weil der Hor­ror hier ein unkom­men­tier­ter Alb­traum der Rea­li­tät bleibt.

3. Mas­ken und Verkleidungen

Les yeux sans visage Georges Franju

Eine Mög­lich­keit des Hor­rors ist die Ver­wei­ge­rung. Zum einen, weil die Ver­wei­ge­rung selbst schon vol­ler Hor­ror sein kann, zum ande­ren, weil ein ver­steck­ter Hor­ror unse­rer Ima­gi­na­ti­on frei­en Lauf lässt und alles, was dar­stell­bar ist, über­trifft. Bezüg­lich der ver­lo­re­nen Gesich­ter des Hor­rors die­nen Mas­ken und Ver­klei­dun­gen immer wie­der als Stra­te­gien der Ver­wei­ge­rung. The Devil in Dis­gu­i­se… Sie kön­nen beson­ders angst­ein­flö­ßend gewählt sein wie jene Mas­ken von Lea­ther­face in The Texas Chain­saw Mas­sacre oder jene von Micha­el Myers in Hal­lo­ween. Manch­mal ist es auch nur die Über­ra­schung einer Mas­ke, die den Hor­ror aus­löst so wie in Cua­d­e­cuc, vam­pir von Pere Por­ta­bel­la. So ist der Anblick der ent­blöß­ten Illu­si­on in den fal­schen Augen von Chris­to­pher Lee schon selbst wie­der eine Illu­si­on, ein Grau­en. Es geht dabei um die Ver­klei­dung des Hor­rors in ein Kleid des Hor­rors. Natür­lich macht es uns auch Angst, wenn sich der Hor­ror unter einer süßen Haut ver­bor­gen hält, hin­ter einer Unschuld wie das vor allem in ¿Quién pue­de mat­ar a un niño? durch­ex­er­ziert wird. Der Anblick lächeln­der Kin­der kann uns hier kein Ver­trau­en mehr geben. Unse­re Wahr­neh­mung wird gestört. Die Mas­ke des Hor­rors ist fle­xi­bel. Die Ver­wei­ge­rung und Mas­kie­rung des Hor­rors betrifft natür­lich auch die Fil­me selbst. So wer­den ers­te Schocks oft sehr lan­ge hin­aus­ge­zö­gert und die tat­säch­li­che Begeg­nung mit dem Hor­ror immer wie­der nur ange­deu­tet. Der Off-Screen ist eine Mas­ke für das Gesicht des Gen­res. Dabei ist es wich­tig, dass immer wie­der Andeu­tun­gen gemacht wer­den, dass man bei­spiels­wei­se die Augen unter der Mas­ke und Ver­klei­dung erkennt.

Damit ist das Hor­ror­gen­re ein Gen­re der Iden­ti­fi­ka­ti­ons­kri­se. Wir kön­nen den Gesich­tern nicht trau­en und damit kön­nen wir auch dem Kino nicht trau­en. Unse­re Bli­cke wer­den getäuscht, die Logik der Gesich­ter wird sich auf­lö­sen. Emo­tio­nen ver­schwin­den oder wer­den über­deut­lich, das Inne­re kehrt sich nach Außen. Ein Außen­sei­ter­gen­re, weil es von jenen Men­schen spricht, die kein Gesicht haben oder es ver­lo­ren haben. Ein Gen­re des ver­lo­re­nen Vertrauens.