Hou Hsiao-Hsien Retro: A City of Sadness

Ein episch-maskuliner Duft von Ehre und Geschichtsträchtigkeit wandert durch die turbulenten Ereignisse von „A City of Sadness“, der mit dem Ende der japanischen Besetzung Taiwans im August 1945 einsetzt und anhand der Familie Lin das (rechtliche) Chaos eines ganzen Landes portraitiert (oder eben gerade nicht portraitiert). Dabei mischt Hou Hsiao-Hsien melodramatische Züge, mit Gangsterfilmanleihen, einer Liebesgeschichte, komödiantischen Szenen, Landschaftsbildern und einem Politthriller; im Kern geht es aber um intime Momente. In den Gesichtern der vier Brüder, um die die Handlungen des Films kreisen, findet Hou Hsiao-Hsien diese Momente. Inmitten der verschiedenen Dialekte, die im Film gesprochen werden und auch als politisches Statement aufgefasst werden können, findet sich der taubstumme Wen-ching (Tony Leung Chiu-wai). Der Verlust der Kommunikation als Bedrohung und Rettung in der schlimmen und lange unter den Teppich gekehrten Zeit nationaler Geschichte: Die Brutalität der Kuomintang im Umgang mit Wen-ching ist eine exemplarische Grausamkeit; der Film vollzieht sich in Bewegungen, die sich nicht auflösen in einem tröstenden Gedanken oder der Unabhängigkeit, sondern sich in spiralförmige Einsamkeit steigern. Ein Verlust der Kommunikation in diesem Sprachenwirrwarr einer ankerlosen Welt.

A City of Sadness

Da ist der warme Anfang einer Hoffnung, wenn am Tag, an dem die Besetzung Japans aus dem Radio vernommen wird ein Kind mit dem Namen „Light“ geboren und getauft wird. Später findet sich dieses Licht nur mehr spärlich in den Bildern, die sich fast zu einem Fotobuch zusammenschließen (Wen-ching ist Fotograf und damit ein Chronist ganz ähnlich den Tagebucheinträgen aus diesem und anderen Filmen des Regisseurs, aber ist deshalb der Regisseur selbst ein Chronist?). Immer wieder positionieren sich die Figuren in Tableaus, immer wieder friert die Geschichte für Momente ein, aber die Bewegung läuft unaufhaltsam weiter am Rande der Bilder, im Hintergrund, im Off; das geborene Licht ist eine brutale Bewegung.

Ein Stillstand des Atems in der Cut-Away Poesie von Hou Hsiao-Hsien, der in den Momenten des Grauens wie zum Schutz in die Einstellung einer Hügellandschaft flüchtet, ein Landschaftsbild, über das nach einer Schlägerei und Schießerei ein Vogel kreist, ein schwarzer Vogel und für einige Sekunden schwebt ,als wisse er genau was passiert. Die Einstellungen des familiären Raumes sind in sich Gefängnisse, darin gibt es keinen Fluchtpunkt, selbst die Rahmungen anderer Filme von Hou Hsiao-Hsien treten hier deutlich reduzierter auf, auch wenn sie nie ganz verschwinden. Aggression und Angst findet sich überall, aber nie mit Pathos vorgetragen, sondern fast beiläufig. Vielleicht kann und will „A City of Sadness“ und Filme allgemein nicht wirklich über Geschichte sprechen, vielleicht zeigt dieser Film im besonderen Maße wie man sich nicht verständlich ausdrücken kann im Bezug auf die Geschichte, sondern nur in poetischen Bewegungen und Verfremdungen. Der Regisseur wird gerne als Chronist seines Landes gesehen, aber ich vermag in seinen Filmen nur das intime Moment einer Flucht vor der Geschichte, eine Rückbesinnung auf den Blick selbst sehen, der eben so viel mehr offenbart als eine Geschichte, sondern vielmehr die Geschichten am Rande der Geschichte. Es scheint mir der Überforderung vieler Filmtheoretiker geschuldet zu sein, dass sie sich in Erklärungen des Unverständlichen verlieren, statt sich einfach einzugestehen, dass die Überforderung hier Teil der Erfahrung ist. Wer „A City of Sadness“ als Film über die Geschichte liest, hat nur den Rahmen eines Gemäldes betrachtet, nicht aber das Bild selbst, die Farben, die Bewegungen, die Emotionen. Wer beides zugleich betrachtet, ignoriert die Hierarchie in der räumlichen Anordnung und Tiefe der Bilder. Der Hintergrund ist die Geschichte, der Vordergrund ist das Menschsein, irgendwo dazwischen findet sich manchmal die Narration.

City of Sadness

Natürlich lässt Hou Hsiao-Hsien die Welt in ihrer Geschichtlichkeit in seine Filme schauen, natürlich spielen politische Hintergründe und Ereignis wichtige Rollen für seine Figuren und deren Konflikte. Das lässt sich vor allem über „A City of Sadness“ mit großer Bestimmtheit sagen. Aber im Gegensatz zu einem Chronisten, ist es bei ihm das elliptische Treiben menschlicher Regungen, das Ungesehene, fast Unbemerkte, das Menschliche, das Filmische, dass-um die Worte des Cannes-Gewinners Nuri Bilge Ceylans zu gebrauchen-die Seele anspricht (nicht einer Information gleicht).