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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Hou Hsiao-Hsien Retro: Three Times

Wenn irgend­wer in der Kino­zeit zwi­schen Ing­mar Berg­man und Leos Car­ax ver­ges­sen hat wie man eine Frau fil­men muss, damit sie gleich­zei­tig als eine indi­vi­du­el­le Kraft erscheint, die unkon­trol­lier­bar, dämo­nisch und eigen­wil­lig agiert und als ten­der-touch Begier­de, durch die Augen eines sehn­suchts­vol­len, mit Kame­ra­bli­cken ver­schlin­gen­den Regis­seurs, dann bringt einem „Three Times“ von Hou Hsiao-Hsi­en mit sei­nem zärt­li­chen Rhyth­mus der Melan­cho­lie in einen Zustand des trau­ri­gen Ver­lie­bens, der genau wie Berg­man und Car­ax die Poe­sie in den klei­nen Regun­gen der Zunei­gung sucht und sie genau­so hart ent­blößt und zu Boden gehen lässt. Die Frau ist in die­sem Fall Qi Shu, ein tai­wa­ne­si­scher Super­star mit Wur­zeln im ero­ti­schen Film/​Fotografie. Hou Hsiao-Hsi­en hat­te die über sei­ne beleuch­te­ten Böden schwe­ben­de Frau schon in sei­nem „Mil­le­ni­um Mam­bo“ besetzt und in „Three Times“ spielt sie gleich drei ver­schie­de­ne Rol­len, immer als Objekt der Begier­de oder Sehn­sucht, immer mit Chen Chang als ihr Pen­dant. Doch ihr wah­rer Part­ner scheint die Kame­ra zu sein. Eine Frau, die in ihrer Fil­mo­gra­phie unter ande­ren als May, June, Man­go, Shadow, Bit­ter, Cat, Mes­sen­ger of Hell, Grace und Angel geführt wird, wird in „Three Times“ auch genau­so behan­delt. Die Berüh­run­gen der Kame­ra glei­chen immer wie­der einem ers­ten Kuss oder gar nur jenem Moment, wenn man den Atem einer Lie­be zum ers­ten Mal auf sei­ner Haut spürt. Sie bewegt sich am Rand des Bil­des, immer wie­der ist es ein Schwenk, der ihre roten Lip­pen, ihre Haa­re oder ihre Schul­tern streift.

Three Times

Three Times

Der Film erzählt drei Lie­bes­ge­schich­ten mit den­sel­ben Schau­spie­lern auf drei Zeit­ebe­nen: 1966, 1911 und 2005. Am Anfang steht wie schon in „A City of Sad­ness“ das Licht, eine Auf­blen­de, es hängt an der Decke. 1911 wird die­ses Licht in Form einer Ker­ze wie­der­keh­ren, 2005 eine Neon­röh­re, blaue Töne in der Dun­kel­heit. 1966 (der Teil trägt den Titel: „A Time for Love“) wird viel Bil­lard gespielt, die Pool-Boys und Pool-Girls, eine unfass­ba­re Sze­ne gleich zu Beginn: Nach den schwel­ge­ri­schen Schwenks über die far­bi­gen Kugeln und die Lip­pen der Frau sieht man einen jun­gen Mann auf dem Fahr­rad, immer wie­der gibt es im Film die Ein­stel­lung des Bil­lard­ti­sches mit der Frau vor einer leicht geöff­ne­ten Tür. Dort fährt nun das Fahr­rad unbe­merkt vor­bei. Nach kur­zer Zeit kommt es zurück. Der jun­ge Mann gibt der Frau einen Brief. Die Kame­ra schwenkt lang­sam von ihren zitt­ri­gen Hän­den hin­auf zu ihrem Gesicht, in der Hoff­nung einen Aus­druck zu fin­den (der Mann ist bereits weg). Als man den Aus­druck fast sieht, packt sie den Brief has­tig zur Sei­te. Immer wie­der wird die tota­le Ein­stel­lung mit der Tür im Hin­ter­grund ein­ge­setzt wer­den, sie wird zu einem Sehn­suchts­bild wie fast alles in „Three Times“. „Rain and Tears“ gibt den Rhyth­mus vor, es ist das Lied 1966, schon ein wenig viel Kon­zept, denn jede Zeit hat ihr Licht, ihr Lied, ihre Far­ben und doch bleibt alles gleich. Auch die Ein­stel­lun­gen keh­ren wie­der, weil die Gesich­ter und Momen­te sich wie­der­ho­len. „Three Times“ ist „Cloud Atlas“ für Men­schen mit Geschmack? Zwi­schen­durch gibt es Boots­fahr­ten. Der Mann ist beim Mili­tär und schreibt Brie­fe. Als er zurück­kommt, um sie zu sehen, ist sie weg. Er beginnt, sie zu suchen. Wie­der wird über die Bil­lard­ti­sche geschwenkt, eine Ele­gie oder die Kunst mit der Kame­ra zu lie­ben. Der Opi­um­rausch aus „Flowers of Shang­hai“ mit sei­nen wip­pen­den Schwenks hallt hier nach. Nur fin­det der Blick in „Three Times“ Halt bei Qi Shu, wäh­rend er in „Flowers of Shang­hai“ mehr und mehr betont, dass er in den Mau­ern der Bor­del­le gefan­gen ist. Als sie sich fin­den, zeigt Hou Hsiao-Hsi­en, war­um bana­le Sen­ti­men­ta­li­tät und sen­ti­men­ta­le Bana­li­tät zusam­men­ge­hö­ren. Der Mann kommt von hin­ten in das Neben­zim­mer (die Frau arbei­tet wie­der am Pool­tisch). Sie bemerkt ihn zunächst nicht, ist in einem Spiel, flir­tet sogar. Dann sieht sie ihn. Sie lacht. Sie kann nichts sagen. Ein ande­rer Mann über­nimmt das Spiel. Das Spiel geht im Vor­der­grund wei­ter, die Män­ner ver­de­cken zum Teil den Blick auf die wie­der­ver­ein­ten, berüh­rungs­lo­sen Lie­ben­den. Sie lachen. Irgend­wann trin­ken sie, er sitzt, sie lacht, sie schau­en. Wir schau­en. Ein Fest des Blicks. Dann rau­chen sie. Spä­ter wer­den sie zusam­men essen und wie­der hängt eine Lam­pe im Bild.

Three Times

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War­um Hou Hsiao-Hsi­en dann auf einen Stumm­film-Pseu­do-Mini­ma­lis­mus Effekt in sei­ner zwei­ten Epi­so­de „A Time for Free­dom“ wech­selt, ist mir ein gro­ßes Rät­sel. Natür­lich spie­len Wor­te und die Art und Wei­se wie die­se aus­ge­tauscht wer­den in den drei Fil­men eine gro­ße Bedeu­tung (Brie­fe 1966, Zwi­schen­ti­tel 1911 und SMS 2005), aber wenn inmit­ten der exakt beob­ach­ten­den Lie­bes­ly­rik, den klei­nen Ges­ten und Bli­cken, die Hou Hsiao-Hsi­en gewohnt prä­zi­se beob­ach­tet, Zwi­schen­ti­tel plat­zen, dann wirkt das wie ein gewoll­ter Ver­frem­dungs­ef­fekt, der Bewe­gun­gen und Blick­struk­tur des Films scha­det. Die zwei­te Epi­so­de spielt in einem Flower House. Es geht um die „Er liebt mich-Er liebt mich nicht.“-Beziehung einer Kur­ti­sa­ne zu einem Geschäfts­mann, der all­zu sehr ein Mann/​Opfer sei­ner Zeit ist und dabei womög­lich sei­ne Gefüh­le über­sieht. Durch die auf­ge­setz­te Stumm­film­struk­tur wird man schnell von der klim­pern­den Beglei­tungs­mu­sik ein­ge­lullt. Zudem springt der Regis­seur in die­ser Epi­so­de so sehr durch die Zeit, dass man sich am Ende fragt, ob es wirk­lich noch 1911 ist. Sei­ne Blen­den kom­men hier nicht wie in „Flowers of Shang­hai“ (an den der Film ja schon allei­ne wegen sei­nes Set­tings erin­nert) aus dem Druck einer Not­wen­dig­keit, son­dern wir­ken eher wie ein hek­tisch zuge­zo­ge­ner Vor­hang im Thea­ter, der ver­schlei­ern soll, dass etwas schief­geht. Sie macht Musik, dann „The Wuchang Upri­sing“, har­ter Schnitt. Hou Hsiao-Hsi­en the­ma­ti­siert wie immer die Geschich­te sei­nes Lan­des. Sie liegt in den Moti­va­tio­nen der männ­li­chen Figur, in der Kom­mu­ni­ka­ti­on, in Ereig­nis­sen am Ran­de des Gesche­hens, an den Trans­port­mit­teln, in der Musik. Damit ein­her geht ein gro­ßer Ges­tus, den der Regis­seur mit einer gewis­sen Gleich­gül­tig­keit auf­wiegt. Am Ende steht ein Ver­las­sen, kei­ne Vereinigung.

Three Times

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Schließ­lich sprin­gen wir auf ein Phan­tom Ride Scoo­ter-Bild nach Tai­peh 2005, „A Time for Youth“. Mit dem Sprung in die Gegen­wart fin­det Hou Hsiao-Hsi­en auch wie­der einen Rhyth­mus, der den Blick und den Moment zur Haupt­sa­che des Kinos macht. Mann und Frau ste­hen an einer Unter­füh­rung am Stra­ßen­rand, sie weint. Spä­ter sind sie in sei­ner Woh­nung, blau­es Licht durch­dringt hier alles, er fragt sie, ob alles in Ord­nung sei. Im abschlie­ßen­den Teil sei­nes Films bewun­dert Hou Hsiao-Hsi­en Kör­per­lich­keit. Ein in sei­nem Kino sel­te­ner, lan­ger Kuss, eine ero­ti­sche Span­nung, die durch den Film weht. Plötz­lich spie­len Augen eine Rol­le, Füße und die Sehn­sucht wird von den Bil­dern an der Wand auf den Nacken der Frau pro­ji­ziert. Beson­ders beein­dru­ckend kommt die­ses kör­per­li­che Ver­lan­gen bei einem Kon­zert zum Vor­schein, bei dem der Mann Fotos von der sin­gen­den Frau macht. Ansons­ten han­delt es sich um eine klas­si­sche Drei­ecks­ge­schich­te. Die Frau hat eine Bezie­hung mit einer ande­ren Frau und betrügt sie mit dem Mann. Als man sich dem Paar hin­ge­ge­ben hat, ist man plötz­lich allei­ne mit der betro­ge­nen Frau, sie wacht in der Nacht auf, ihre Freun­din ist nicht da. Ein Zusam­men­le­ben ist nicht mehr rele­vant, die Bezie­hung ist zu einem Drif­ten über die Stra­ßen, durch die Clubs gewor­den. Manch­mal wir­ken die all­ge­mein gül­ti­gen Bot­schaf­ten, die man in die ein­zel­nen Epi­so­den in Bezug zu ihrer Zeit machen kann, etwas arg bemüht, aber man kann auch nur der Kame­ra fol­gen, sich mit ihr ver­lie­ren, mit der Frau ver­lie­ren. Am Ende steht dies­mal bei­des. Ein Ver­las­sen und ein Fin­den. So wie die Kame­ra stän­dig ver­lässt und fin­det. Am Ende bleibt sie und damit unser Blick zurück, ein Phan­tom Ride, der in zäh­flie­ßen­den Ver­kehr gerät, wäh­rend die Prot­ago­nis­ten auf der rech­ten Spur in der urba­nen Wüs­te verschwinden.