Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

I only see good things: Hahaha von Hong Sangsoo

Der Film Haha­ha von Hong Sangsoo ver­leiht mir ein Gefühl von Leich­tig­keit und Sich-Len­ken-Las­sen-Kön­nen. Nach­ein­an­der ein­ge­blen­de­te Stand­bil­der, groß­for­ma­ti­ge Gesichts­aus­drü­cke und Gesprächs­fet­zen im Off. Stak­ka­to-Bil­der, die sich zur Auf­ga­be machen, Lücken zu bewah­ren, um das Fan­ta­sie­ren zu akti­vie­ren. Moon-kyung und Joong-sik, zwei alte Freun­de tref­fen sich eines Nach­mit­tags auf unzähl­ba­re Run­den Soju, wäh­rend sie sich Anek­do­ten von ihrem Auf­ent­halt in Ton­gye­ong, einer über­schau­ba­ren Hafen­stadt in Süd­ko­rea, erzäh­len. Rück­blen­den ihrer gemein­sa­men Erin­ne­run­gen durch­zie­hen den Film. Die­se bestehen haupt­säch­lich aus ver­gan­ge­nen Lie­bes­af­fä­ren, die sie zu amü­sie­ren schei­nen. Ihre Gegen­wart dage­gen, wird in Schwarz-Weiß-Stand­bil­dern und Voice­over Dia­lo­gen gezeigt. In solch comic­haf­ten Ein­schü­ben wer­den die Betrach­ten­den in ein locke­res Gespräch über die von­ein­an­der unab­hän­gi­gen Rei­sen nach Ton­gye­ong gewor­fen, in dem über Frau­en gere­det und über Situa­tio­nen gelacht wird. Der sti­lis­ti­sche Bruch zwi­schen den bei­den Zeit­ver­läu­fen spal­tet Erzäh­lun­gen von rea­len Hand­lun­gen. Immer wei­ter löst sich das eigent­lich Gesag­te vom wirk­lich Gesche­he­nem. Durch die in Far­be gezeig­ten Rück­blen­den habe ich die Mög­lich­keit, das Gesag­te mit dem Gezeig­ten zu ver­glei­chen. Die Ent­frem­dung von der Wahr­heit legi­ti­miert das pathe­ti­sche Ver­tu­schen rea­ler Gefüh­le. Geht es um Selbst­dar­stel­lung oder das Unver­mö­gen, die Wahr­heit anzu­er­ken­nen? Kann man Wahr­hei­ten bloß sehen oder muss man sie wis­sent­lich ken­nen? Im Nach­hin­ein könn­te man mei­nen, Sze­nen voll Kum­mer sind nur Nich­tig­kei­ten, über die man spä­ter lachen kann. 

Im Lau­fe des Films durch­kreu­zen sich Liai­sons, indes die zwei Män­ner immer betrun­ke­ner wer­den. Die Art, wie sich die Män­ner in ihren Erzäh­lun­gen dar­stel­len und die Wei­se, wie sie in den jewei­li­gen Situa­tio­nen gefühlt haben, ent­spre­chen sich nicht. 

Der Witz besteht dar­in, zu mer­ken, dass Moon-kyung und Joong-sik sich gegen­sei­tig der­art blen­den, ohne zu sehen, dass es sich in ihren Geschich­ten um die sel­ben Per­so­nen handelt. 

Ich fin­de es bemer­kens­wert, wie Hong Sangsoo die Geschich­ten über Lie­bes­be­zie­hun­gen und Affä­ren der bei­den Freun­de in ein zusam­men­hän­gen­des Geflecht von zufäl­li­gen Begeg­nun­gen mün­den lässt. Es sind Zufäl­le, die nur wir (die­je­ni­gen, die Zuse­hen) ahnen kön­nen. Zufäl­le, die den Akteu­ren Moon-kyung und Joong-sik vor­ent­hal­ten blei­ben. Ich ste­he in der all­wis­sen­den Rol­le gegen­über ihrer fra­gi­len Männ­lich­keits­idee. Im Sin­ne von „the less you know – the more you see“ wir­ken wir nichts­ah­nend als Rich­te­rIn­nen der Wahr­heit inmit­ten männ­li­chen Impo­nie­rens und Beschö­ni­gens. Die bei­den lachen mit­ein­an­der, blind der Tat­sa­che, dass sie eigent­lich über­ein­an­der lachen. Die Aus­tausch­bar­keit des „ande­ren“ Kerls wird unwei­ger­lich deut­lich. Wer von ihnen ahnt schon, der „Ande­re“ sei man selbst? 

Eines Tages schenkt Moon-kyung sei­ner Mut­ter die rote Kap­pe, die er sonst immer auf dem Kopf trägt. Sie gibt die Kap­pe wei­ter an den jun­gen Dich­ter Jeong-ho. Die­ser führt eine Lieb­schaft mit So-ri, von der Moon-kyung eigent­lich sehr ange­tan ist. Moon-kyungs Mut­ter nimmt eine all­ge­mein­gül­ti­ge Mut­ter­rol­le für alle Betei­lig­ten ein, die ver­deut­licht wird, wenn sie Jeong-ho auf­for­dert, er sol­le sie doch Mut­ter nen­nen. Es ist die Umkeh­rung der Aus­tausch­bar­keit, die wir eigent­lich von den Män­nern des Fil­mes ken­nen. Eine Mut­ter, die ihr ein­deu­tig zuge­ord­ne­tes Kind hat, fängt an, die­ses, zumin­dest zeit­wei­lig aus­zu­tau­schen. Indem sie das Geschenk ihres Soh­nes wei­ter ver­schenkt, ist die Kap­pe für die Mut­ter so aus­tausch­bar wie Frau­en in den Erzäh­lun­gen des Sohnes.

Nicht aus­tausch­bar ist der gewähl­te Film­dreh­ort: Ton­gye­ong gibt den Hand­lun­gen den gewis­sen Wind­stoß, umschließt atmo­sphä­risch die Begeg­nun­gen. Wohl bei­läu­fig spielt der Film an ein paar weni­gen Orten inner­halb Ton­gye­ongs, die abwech­selnd von ver­schie­de­nen Prot­ago­nis­tIn­nen deko­riert wer­den. Men­schen sind selbst für Orte austauschbar. 

Wäh­rend Moon-kyung immer mehr an sei­nem Lie­bes­kum­mer zu ver­zwei­feln scheint, besucht ihn die his­to­ri­sche Figur des Admi­rals, dem als regio­nal gefei­er­ter Held viel Ach­tung geschenkt wird. Im Traum nimmt der Admi­ral eine bera­ten­de Rol­le, fast schon die des Vaters ein. Sei­ne Weis­heit ver­an­lasst Moon-kyung, vor ihm in die Knie zu fal­len. Dar­auf­hin der Admi­ral: „Belie­ve with your own eyes“.

Es eröff­net sich die gro­ße Fra­ge vom Wech­sel­spiel des Sehens und Wis­sens. Wie kön­nen wir dem trau­en, was wir sehen? Der Film spielt auf komö­di­an­ti­sche Wei­se mit dem Sehen als ein unvor­ein­ge­nom­me­nes Wis­sen. Im wei­te­ren Sin­ne mit Wahr­heit und Lüge. Auch die Wahr­heit ist schließ­lich aus­tausch­bar. Die Män­ner wer­den öfters von ihren Frau­en als Lüg­ner beschul­digt. Aber ist ein Lüg­ner nicht viel­leicht ein Füh­len­der, der nicht sehen kann? Oder ein Ver­drän­ger allen Übels? – ein Nichtsahnender? 

„You only see as much as you know“ oder „The less you know the more you see“?