Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Il Cinema Ritrovato 1. Tag: Barbara Bouchet

Der ers­te Tage­buch­ein­trag von Patrick und Andrey:

Bolo­gna, ein bren­nen­der Sumpf der kaum küh­len­den Arka­den, die ers­te Begeg­nung in der Stadt ist mit einem Schild, auf dem uns ein deutsch­spra­chi­ger Auf­kle­ber ver­mit­telt, dass wir Zitro­nen­was­ser trin­ken sol­len. Wir schwit­zen. Andrey, Ioa­na und ich kom­men ein wenig spä­ter an, als die ande­ren. Im Bus herrscht eine Atmo­sphä­re, die nichts mit dem Kino­glanz zu tun haben wird, der einem hier in einem über­boh­ren­den, ver­füh­ren­den und gran­dio­sen Klas­si­zis­mus ent­ge­gen geschleu­dert wird. Von Kinos, die nach Mar­cel­lo Mastroi­an­ni oder Mar­tin Scor­se­se benannt sind bis zu einem fast christ­lich-epo­cha­len Frei­luf­ki­no mit rie­si­ger Lein­wand (zu groß für die digi­ta­le Pro­jek­ti­on) zwi­schen Kir­chen­ge­mäu­ern. In unse­rer Woh­nung war­ten schon Rai­ner und ein von Bar­ba­ra Bou­ch­et schwär­men­der Andre­as (kein Autor von Jugend ohne Film, aber ein exqui­si­ter Exper­te der ita­lie­ni­schen Kine­ma­to­gra­phie, den wir uns für teu­res Geld ein­ge­kauft haben, damit er uns in Bolo­gna berät), die Pro­gram­me, die Plä­ne und ein neu­es De Sica Buch. Am Abend zieht es uns auf den Piaz­za Mag­gio­re (Rai­ner kennt den Weg), denn dort wird das Fes­ti­val mehr oder wenig eröff­net von einem lei­den­schaft­li­chen („for­mi­da­ble“) Bert­rand Taver­nier samt Cas­que d‘Or von Jac­ques Becker und von Thier­ry Fré­maux, der eine digi­ta­le Pro­jek­ti­on des ers­ten öffent­li­chen Film­pro­gramms der Gebrü­der Lumiè­re mit jenem von 1895 ver­wech­selt. Ich suche Zitro­nen­was­ser und fin­de Piz­za. Ein leich­ter Wind, Blitz­lich­ter und grö­len­de Män­ner stö­ren das Scree­ning. Es ist ein schö­ner Ort, an dem das Kino so gefei­ert wer­den kann. Das Kino hält die­sen Angrif­fen von der Umge­bung stand. Fré­maux ent­schei­det sich dazu, die kur­zen Fil­me der Lumiè­res mit Wor­ten zu beglei­ten. Er spricht vom Inter­es­se an der Kind­heit bei den Gebrü­dern, von der Kind­heit des Kinos. Es ist also auch eine Unschuld, die sich in der heu­ti­gen Welt bei­na­he in eine Unwirk­lich­keit ver­kehrt. Man ist in einer Stadt und plötz­lich ist das Kino. Ob eine Unschuld in die­sen ers­ten Bil­dern des Kinos trans­por­tiert wird oder der bemüh­te his­to­ri­sche Glanz einer ver­nein­ten Ver­gäng­lich­keit sei hier am ers­ten Tag noch nicht hin­ter­fragt. Dazu ist mei­ne eige­ne Unschuld gegen­über des Fes­ti­vals noch zu sehr eine Unwirk­lich­keit. Aller­dings har­mo­niert die­ses Gefühl von einem auf­ge­setz­ten Über­le­bens­wil­len von Bil­dern (die hier nicht in ihrem Ursprungs­for­mat gezeigt wer­den. Ich erwäh­ne das zwei­mal, weil Fré­maux es gar nicht tat, wahr­schein­lich weil er die Unschuld nicht berüh­ren woll­te.) mit der Schluss­ein­stel­lung von Cas­que d‘Or, in dem die Lie­ben­den, eigent­lich durch Tod getrennt, einen Tanz von frü­her wie­der­ho­len. Was in Bolo­gna gegen­über des Über­le­bens­wil­lens ent­schei­dend ist, ist zum einen was über­lebt und wie es überlebt.

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Andrey über Cas­que d‘Or von Jac­ques Becker:

Simo­ne Signo­ret lächelt sich frei. Ihr Lächeln – das uns hier in Bolo­gna dank der Fes­ti­val­badge-Moti­ve stän­dig beglei­tet – ist ihre stärks­te Waf­fe in der sozia­len Kampf­zo­ne, durch die sie sich als Gangs­ter­braut Marie bewegt. Sie kann damit angrei­fen und ver­tei­di­gen, ein­la­den und abwei­sen – es wirkt trot­zig, ver­schmitzt, her­aus­for­dernd, wis­send, über­le­gen und ver­lo­ckend zugleich. Ver­mut­lich ver­liebt sich Ser­ge Reg­gia­ni vor allem in die­ses Lächeln, dass sich auf der Tanz­flä­che immer nach ihm umdreht, wie eines von die­sen Por­träts, deren Bli­cke einen zu ver­fol­gen schei­nen, egal, von wel­chem Punkt im Raum aus man sie betrach­tet. Ihr eifer­süch­ti­ger Tanz­part­ner bemerkt die offen­sicht­li­che Flucht­be­we­gung ihres Begeh­rens zunächst gar nicht, komisch – aber der Moment gehört letzt­lich nur den bei­den Haupt­fi­gu­ren. Spä­ter, als Signo­ret ihre Lie­be unmiss­ver­ständ­lich frei­legt, in einer schö­nen, idyl­li­schen, luf­ti­gen Sze­ne am Ufer eines Flus­ses (die laut Patrick an Renoir erin­nert, mit dem Jac­ques Becker sei­ne Lehr­jah­re ver­brach­te) lächelt sie auch, aber anders, unver­krampft, ehr­lich, und man weiß, dass es ihr Ernst ist mit die­ser Sache. Eine Über­blen­dung spä­ter sehen wir ihr hoch­ge­steck­tes Haar (der schüt­zen­de „Gold­helm“ aus dem Titel) zum ers­ten Mal her­ab­ge­las­sen auf dem Kis­sen ruhen.

Der von Calude Dau­phin gespiel­te Mafia­boss Félix ist wie der Patri­arch einer Fami­lie, aber fast schon mehr als nur im über­tra­ge­nen Sin­ne. Er watscht sei­ne bösen Schnauz­bart-Buben ab, wenn sie etwas falsch gemacht haben, und schickt sie dann zum Ziga­ret­ten­ho­len. Er wirft ihnen Mün­zen zu wie Taschen­geld-Lecker­lis. Wäh­rend er mit Marie flir­tet (ein schö­ner Moment, in dem Signo­ret keck Käse­schei­ben von sei­nem Klapp­mes­ser nascht – ohne Brot), lau­schen sei­ne Hand­lan­ger heim­lich an der Tür, und als er einen von ihnen erwischt, schickt er ihn auf sein Zim­mer. Im Streit­fall gibt er den salo­mon­si­chen Schlich­ter, eigent­lich will er alles nur für sich. Schluss­end­lich, nach­dem er sei­ne Auto­ri­tät über­stra­pa­ziert hat, läuft er sel­ber wie ein klei­ner Jun­ge zur Poli­zei, die ihm dann aber auch nicht mehr hel­fen kann. Und sei­ne erwach­se­nen Kin­der wuss­ten ins­ge­heim schon lan­ge, dass er ein fal­scher Hund ist, des­sen Gesetz kei­ne Gerech­tig­keit kennt, sie trau­ten sich bloß nicht, aufzumucken.

Cas­que d’Or fühlt sich sanft und sam­tig an (so wie Simo­ne Signo­rets Haut, ver­mu­tet man), ele­gant und „klas­sisch“, mit sei­ner gleich­mä­ßi­gen Aus­leuch­tung, der detail­rei­chen Aus­stat­tung, dem hüb­schen Kos­tüm, den geschmei­di­gen Kame­ra­be­we­gun­gen und den pass­ge­nau­en Anschlüs­sen. Qua­li­täts­ki­no durch und durch, aber er ent­wi­ckelt eine erstaun­li­che Här­te, wenn es dar­auf ankommt. Im Kampf zwi­schen Reg­gia­nis Tisch­ler Man­da und dem eifer­süch­ti­gen Lieb­ha­ber Maries, rech­net man anfangs gar nicht damit, dass jemand ums Leben kom­men wird. Aber dann sieht man in der Groß­auf­nah­me, wie sich die Hand des Gangs­ters mit bru­ta­ler Vehe­menz in Man­das Gesicht krallt, und ist sich nicht mehr so sicher. Spä­ter, als Man­da den letz­ten und gefähr­lichs­ten Neben­buh­ler Félix erschießt, nach­dem die­ser Marie ver­ge­wal­tigt und den Tod sei­nes Freun­des ver­schul­det hat, sehen wir auch nur sei­ne von Trau­rig­keit in die Ver­bit­te­rung gerutsch­te Visa­ge, hören die Schüs­se im Off, und bei jedem Knall zucken die Züge des jetzt schon tod­ge­weih­ten Man­nes zusam­men, als wäre er selbst am ande­ren Ende des Laufs. Als dann die Guil­lo­ti­ne allem ein Ende setzt, hört man über­haupt nichts mehr. Mar­kant auch der Moment, in dem Man­das Freund Ray­mond blu­tend in der Poli­zei­kut­sche liegt. Alle star­ren ihn an. Jemand sagt: „Holt einen Arzt“. Ein ande­rer ant­wor­tet: „Ja.“ Nie­mand rührt sich. Dann heißt es nur noch: „Auf Wie­der­se­hen, Ray­mond.“ Trotz­dem ist die Tra­gik des Films nicht exis­ten­tia­lis­tisch, wie bei Car­nés Le jour se lève, son­dern roman­tisch, die Lie­be schei­tert an äuße­ren Umstän­den und unbän­di­gen Lei­den­schaf­ten, und nicht an uner­bitt­li­cher Fata­li­tät. Sie hät­te sein kön­nen, sol­len, müs­sen – so ritzt es uns die letz­te Ein­stel­lung mit einem ein­sa­men Wal­zer ins Herz.

Casque-dOr-Alliance-Francaise

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Andre­as läuft auf­ge­regt durch die Woh­nung und zeigt uns stolz sein Foto mit der Jane Fon­da Ita­li­ens: Bar­ba­ra Bou­ch­et. Er fragt uns: Wer ist das? Sie war in Gangs of New York? Wir wis­sen es nicht, ich fra­ge mich kurz, ob Came­ron Diaz wirk­lich schon so alt ist. Vor kur­zem durf­te er mit Bou­ch­et zu Abend essen. 1983 been­de­te Bar­ba­ra Bou­ch­et übri­gens ihre Schau­spiel­kar­rie­re und ent­schied sich dazu, den Ita­lie­nern Aero­bic zu brin­gen. Sie eröff­ne­te eines der ers­ten Fit­ness­stu­di­os in Rom. Das und mehr lernt man also durch das Kino.