Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Il Cinema Ritrovato Tag 4: Pferde schwimmen in Farbe

Am Vor­abend stol­pern wir in eine Restau­rant­er­öff­nung und schnap­pen uns for­mi­da­ble Piz­za­stü­cke umsonst, das Licht in den schma­len Gas­sen ist gemalt, jemand brüllt laut vor dem Kino, als Ita­li­en gegen Spa­ni­en gewinnt. Ab und an winkt sogar Regen, der dann doch nicht wirk­lich kommt. Außer­dem ver­schlägt es uns in die Biblio­thek, in der so vie­le Buch- und DVD-Schät­ze lie­gen, dass man ein­fach zuschla­gen muss. In den Pau­sen sit­zen wir auf den Mil­li­me­tern Schat­ten, die blei­ben, die schrump­fen, die schmel­zen. Jemand holt ein glü­hen­des Eis. Die Kli­ma­an­la­gen füh­len sich an wie Fieber.

Ioa­na und Rai­ner sind begeis­tert von eini­gen Chap­lin-DVDs. Im Hin­ter­grund kauft Patrick ein. (Foto: Loren­zo Burlando)
Patrick beschließt, dass sein nicht vor­han­de­nes por­tu­gie­sisch genug ist, um die­ses Buch über João César Mon­tei­ro zu kau­fen. Rai­ner schaut. (Foto: Loren­zo Burlando)

Zeit und Raum, die für das Kino so ent­schei­dend sind, ver­lie­ren auf einem Fes­ti­val oft an Bedeu­tung. Die Zeit ist das Kino, der Raum ist das Kino. Man wird förm­lich initi­iert und mit­ge­ris­sen von die­ser Bedeu­tung des Kinos, die erschre­ckend und doch erwart­bar größ­ten­teils (jen­seits der Scree­nings am Piaz­za Mag­gio­re) am brei­ten Publi­kum vor­bei­fliegt. Die Kinos sind über­voll, ja, es gibt gro­ße Begeis­te­rung, ja, aber es ist eine cine­phi­le Insel, man gehört gewis­ser­ma­ßen zu den Aus­er­wähl­ten, die ver­ste­hen wie wich­tig das ist, was man da sehen kann. Zum Bei­spiel ein Besuch des deut­schen Kai­sers in Istan­bul 1917, der im Rah­men einer klei­nen Schau für das tür­ki­sche Film­ar­chiv gezeigt wird. Oder aber mein per­sön­li­cher Lieb­ling auf dem bis­he­ri­gen Fes­ti­val, ein Fund­stück von purer Sim­pli­zi­tät und Anmut. Die Kine­ma­co­lor-Restau­ra­ti­on einer Sol­da­ten­übung aus dem Jahr 1912 mit dem Namen Plo­to­ni nua­ta­to­ri del­la III divi­sio­ne caval­le­ria coman­da­ta da S.A.R. il Con­te de Tori­no. Dar­in sieht man Sol­da­ten, die mit Pfer­den einen Fluss über­que­ren. Die Kame­ra schwimmt mit ihnen, die Pfer­de strei­ken oder plan­schen, man ver­liert sich ähn­lich wie im Kino von Jean Vigo in der rei­nen Freu­de die­ser Bewe­gung. Luca Come­rio heißt der Fil­me­ma­cher, der die ers­ten far­bi­gen Doku­men­tar­fil­me Ita­li­ens rea­li­sier­te. Die Welt der Ver­gan­gen­heit bewegt sich in Far­be. Die­ses Wun­der wirkt auf mich hier in Bolo­gna noch viel stär­ker, als wenn man beweg­te Bil­der an sich sieht. Denn die­se Far­ben war schon ver­lo­ren. Es ist nicht ein­fach nur das Abbil­den der Welt, son­dern das Wie­der­her­stel­len einer bereits ver­lo­re­nen Abbil­dung. Ich wür­de die­se eigent­lich logi­sche und bekann­te Arbeit gelas­se­ner hin­neh­men, wür­de ich nicht der­art von ihr begeis­tert sein. Es ist gewis­ser­ma­ßen eine Wie­der­ge­burt die­ser Bil­der der ver­gan­ge­nen Welt. Die Ein­fach­heit des Gan­zen ist gleich­zei­tig die Kom­ple­xi­tät. Man könn­te sagen, dass die Gebrü­der Lumiè­re, denen auf dem Fes­ti­val sehr viel Auf­merk­sam­keit geschenkt wird, hier nach wie vor als Erin­ne­rung die­nen und eigent­lich vor allem als Mani­fes­ta­ti­on für das, was das Kino zu Leis­ten im Stan­de ist. Das gro­ße Dra­ma, die Gefüh­le, sehr ger­ne, aber die­ses Zeug­nis über die Welt (das dann im Fall des tür­ki­schen Film­ar­chivs nur per Zufall mit dem Ver­weis “use­l­ess“ auf der Film­rol­le über­lebt) ist ein Haupt­be­stand­teil einer Kino­ge­schich­te, ohne die wir die Welt­ge­schich­te deut­lich weni­ger ver­ste­hen kön­nen. Wenn man sich die zeit­ge­nös­si­sche Bil­der­flut ansieht, dann kann das Kino gar nicht mehr die­se Rol­le spie­len. Heu­te sind baden­de Pfer­de, die eben auch in Bai­gna­de de chevaux, gedreht von Lumiè­re-Kame­ra­mann Gabri­el Vey­re, vor­kom­men eine Sache der Sozia­len Medi­en. Der Unter­schied liegt lei­der in der flüch­ti­gen Bedeu­tungs­lo­sig­keit die­ser Bil­der heu­te und der schwe­ren Bedeut­sam­keit die­ser Bil­der damals. Was wir brau­chen wür­den, wäre ein son­die­ren­des Archiv für die Bil­der­flut unse­rer Zeit. Damit nicht alles ver­lo­ren geht. Aber die Bedeu­tung liegt auch in der Art und Wei­se, in der die­se Bil­der her­ge­stellt werden.

João César Mon­tei­ro filmt.

Rai­ner dazu mit pas­sen­den Gedan­ken zur Lumière-Ausstellung:

Bevor der Lager­kol­ler in unse­rem viel zu klei­nen Appar­te­ment zuschlägt, und wir uns alle gegen­sei­tig nachts mit Klapp­spa­ten erschla­gen, müs­sen wir noch eini­ge Wor­te über die Lumiè­re-Aus­stel­lung ver­lie­ren, die par­al­lel zum Fes­ti­val in einer ange­nehm küh­len Kel­ler­pas­sa­ge in der Nähe des Piaz­za Mag­gio­re zu sehen ist. Zum einen ist bemer­kens­wert, wie hier auf begrenz­tem Raum für eine tem­po­rä­re Aus­stel­lung sehr viel bes­ser mit Aus­stel­lungs­stü­cken des Pre-Cine­ma umge­gan­gen wird, zum ande­ren wel­che Poe­sie an Stel­len ent­wi­ckelt wird, wo man sie nicht erwar­ten wür­de. So wer­den auf Fil­me der Lumiè­res aus unter­schied­lichs­ten Orten der Welt Sei­te an Sei­te mit aktu­el­len Web­cam­bil­dern der glei­chen Orte. In die­sem Kon­trast wird deut­lich wie wert­voll die­se Auf­nah­men der Brü­der und ihrer Kame­ra­män­ner als Doku­men­te aus einer Zeit sind, als die Welt noch nicht mit Bil­dern gesät­tigt war. Auf­fäl­lig auch das heu­ti­ge Städ­te­bil­der meist aus erhöh­ter Per­spek­ti­ve auf­ge­nom­men wer­den. Die Kame­ra­po­si­ti­on hat sich der grö­ße­ren Geschwin­dig­keit des All­tags­le­bens ange­passt, nur mit die­sem Abstand wird noch das weni­ge Leben fass­bar, dass bei den Fil­men der Lumiè­res immer zum Grei­fen nahe erscheint und fri­vol auf der Lein­wand tanzt (Auto­ab­ga­se und Stahl tan­zen nicht).

Ein auf die Wand gedruck­tes Zitat von Mau­rice Pia­lat fasst die Qua­li­tä­ten der Lumiè­res sehr tref­fend zusam­men: die­se Fil­me haben bereits alles, was wir vom Kino erwar­ten und prä­sen­tie­ren es mit einer Ein­fach­heit, die heu­te oft ver­lo­ren gegan­gen ist. Frei­lich kann man die­se Ein­fach­heit leicht mit Pri­mi­ti­vi­tät ver­wech­seln, aber es wäre ein Feh­ler die Brü­chig­keit die­ser Fil­me, ihre feh­len­de Geschlos­sen­heit als Män­gel zu bekrit­teln. Es sind gera­de Fil­me wie Repas d’Indiens, die schein­bar schei­tern, in denen das Kino der Lumiè­res ihre größ­te Macht aus­strahlt. Da sitzt eine Grup­pe von Indi­os im Halb­kreis vor der Kame­ra, die Som­bre­ros tief ins Gesicht gezo­gen und dahin­ter beginnt ein wei­ßer Mann in schwar­zem Anzug zunächst ver­hal­ten, schließ­lich wild, zu ges­ti­ku­lie­ren. Er möch­te die Män­ner dazu brin­gen auf­zu­bli­cken – in die Kame­ra –, ihnen die Hut­krem­pen aus dem Gesicht schie­ben. Ich stel­le mir die Fra­ge, war­um die­se Sze­ne nicht ein­fach wie­der­holt wur­de, oder war­um sie über­haupt ent­wi­ckelt und gezeigt wur­de. Die Ant­wort damals wird nicht so anders gewe­sen sein als heu­te: erst das Ein­grei­fen des Manns macht die­sen Film inter­es­sant, erzählt in sei­nem Schei­tern eine Geschich­te, die von weit grö­ße­rem Inter­es­se ist, als die sozi­al­an­thro­po­lo­gi­sche Doku­men­ta­ti­on eines Abend­essen einer Indio-Familie.